Manfred Knoche (Foto: Monique Wernbacher)

Kritik der Politischen Ökonomie der Medien

Veröffentlicht am 6. Mai 2017

68er-Student in Mainz, Rebell gegen Noelle-Neumann, „Mittelbau“ an der FU Berlin, Professor in Brüssel und Salzburg. Michael Meyen hat mit Manfred Knoche am 9. März 2017 in Salzburg auch über die Mainzer Schule gesprochen, über Empirie und Theorie, über Medienökonomie und über Karl Marx.

Stationen

Geboren am 24. September 1941 in Stralsund. 1967 Studium in Mainz (Publizistik, Geschichte, Soziologie, Politikwissenschaft). 1968 bis 1970 studentische Hilfskraft am Institut für Publizistik. Zum Sommersemester 1972 Wechsel an die FU Berlin. 1973 Magister. 1974 wissenschaftlicher Assistent. 1978 Promotion und Assistenzprofessur. 1981 Habilitation. Mitglied einer Vorbereitungsgruppe für den Modellversuch Journalisten-Weiterbildung an der FU. 1982 Vertretung einer Journalistik-Professur in Hamburg. 1982/83 Gastdozent in Salzburg. 1983 Professur für Kommunikationswissenschaft, Vrije Universiteit. Gastprofessuren in Berlin (1984 bis 1986) und Leipzig (1991). 1994 Professor in Salzburg (bis 2009, Emeritierung). Verheiratet, ein Sohn.

Könnten Sie zu Beginn etwas über Ihr Elternhaus erzählen, über Ihre Kindheit, Ihre Jugend?

Ich bin in Bad Kreuznach aufgewachsen. Eine Kleinstadt, aber immerhin Kurstadt. Ein ganz klar konservatives Milieu. CDU-Mehrheit im Stadtrat.

Und Ihr Elternhaus?

CDU-orientiert. Nicht aktiv. Meine Jugend war völlig unpolitisch. Ich war auf einem humanistischen Gymnasium.

Wie erklärt sich der Geburtsort Stralsund?

Mein Vater war dort als Soldat. Bad Kreuznach ist die Heimatstadt meiner Mutter.

Wie lange waren Sie im Norden?

Mindestens ein Dreivierteljahr. Wir hatten dort auch eine Wohnung. Mein Vater war bei der Marine. Ausbilder, immer hinter der Front.

Was hat er nach dem Krieg gemacht?

Er wurde Geschäftsmann. Das kam aus der Familie meiner Mutter. Er war gelernter Schuster.

Was für ein Geschäft?

Ein Textilgeschäft. Ein gemieteter Laden. Im Einzelhandel ist es schwer zu überleben. In unserer Familie hat sich eigentlich alles um das Geschäft gedreht. Das Geschäft kurz vor dem Ruin. Das war das Thema.

Wissen Sie noch, warum Sie Publizistik in Mainz studieren wollten?

Ja. Das war die nächstliegende Universität. Ich wollte Soziologie studieren und Publizistik im Nebenfach. Als Hauptfach gab es das damals noch nicht. In Mainz war die Soziologie konservativ. Man hatte von Frankfurt gehört und von Berlin. In Mainz war Helmut Schoeck. Ein Reaktionär, der in der Welt gegen Studenten gehetzt hat. Ich bin dann in das Hauptfach Publizistik gewechselt.

An der Universität waren Sie ein Spätstarter.

Ursprünglich wollte ich Journalist werden und nicht studieren. Ich habe in Lokalredaktionen der Mainzer Allgemeinen und bei der Rheinpfalz in Ludwigshafen gearbeitet. Am Ende war ich im Grunde fester freier Mitarbeiter.

Und die Kollegen haben gesagt, Sie müssen noch studieren.

Ja so ungefähr (lacht). Das habe ich aber auch selbst gesagt. Der Lokalchef hatte zum Beispiel einen Doktortitel. Außerdem hatte ich diese Lokalteile dann irgendwie ausgereizt.

Wie kommt der Sohn eines kleinen Geschäftsmanns auf die Idee, Journalist zu werden?

Durch Freunde. Einer war schon in der Oberprima freier Mitarbeiter. Das fand ich gut.

Wollten die Eltern nicht, dass Sie den Laden übernehmen?

Bei mir nicht. Sie haben mich bewusst aufs Gymnasium geschickt. Vorgesehen war ein jüngerer Bruder.

Und?

Er hat das auch nicht gemacht.

Zum 40. Geburtstag des Mainzer Instituts haben Sie gesagt, dass Ihre erste empirische Studie, die Sie schon als Student veröffentlicht haben (vgl. Knoche 1968), von der „Instituts-Corporate-Identity“ getragen worden sei (Knoche 2005: 99). Was verbirgt sich dahinter?

Die Medienpolitik. Noelle-Neumann wollte in diese Diskussion einsteigen und hat ja auch einen Forschungsauftrag von der Michel-Kommission bekommen. Als einzige Publizistikwissenschaftlerin (vgl. Löblich 2008). Sie wollte dort sowohl das Allensbach-Institut einbringen als auch die Inhaltsanalyse. Die Spezialität, die in Mainz hauptsächlich von Winfried Schulz entwickelt wurde.

Deshalb Ihre Untersuchung.

Walter J. Schütz (Foto: privat)

Walter J. Schütz (Foto: privat)

Die war damals sehr passend. Eine repräsentative Inhaltsanalyse zu Kommentar und Kritik in Lokalteilen von Tageszeitungen. Eine Pionierarbeit auf Basis der Stichtagsammlung deutscher Tageszeitungen von Walter J. Schütz und der publizistischen Stichprobe von Winfried Schulz (vgl. Schulz 1970). Diese Art der Forschung war auch gegen die normative Publizistikwissenschaft von Dovifat gerichtet. Es kam also einiges zusammen.

Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich war unter anderem angestellt, um die Stichtagsammlung zu betreuen. Als studentische Hilfskraft. Ich habe quasi den ganzen Winter im Keller zugebracht. Dort standen auch die berühmte Fachzählsortiermaschine aus Allensbach und der Lochkartendrucker (vgl. Schulz 2007: 232). Ich habe das alles durchgespielt und als Seminararbeit abgegeben bei Walter J. Schütz. Das wurde dann auserkoren zur Publikation in einem voluminösen Dreifachheft der Publizistik (vgl. Knoche 1968). Ein erster geballter Beitrag der Publizistikwissenschaft zur medienpolitischen Diskussion. Ich war dabei übrigens in illustrer Gesellschaft. Noelle-Neumann, Schulz, Glotz und Langenbucher, Kieslich, Dröge.

Schütz war Redakteur der Publizistik (vgl. Schütz 2006, 2007: 44-48).

Er hat das sicher entschieden, ja. Noelle-Neumann hatte ihn als Lehrbeauftragten nach Mainz geholt, unter anderem auch, weil er beim Bundespresseamt arbeitete und verantwortlicher Redakteur der Publizistik war. Er hat die Erwartungen erst erfüllt, sich dann aber später mehr an die Arbeitsgemeinschaft für Kommunikationsforschung (AfK) in München gehalten (vgl. Allwang 2008). An das Forschungsprogramm der Bundesregierung ist Noelle-Neumann später nicht richtig rangekommen. Es gab ja auf Bundesebene einen Politikwechsel.

Die sozialliberale Koalition.

Die politische Konstellation war immer wichtig. Schütz war zwar eher auf CDU-Linie, aber als Beamter natürlich auch von der jeweiligen Regierung abhängig.

Noch mal zurück in den Mainzer Keller: Wolfgang Donsbach (2014) hat mir erzählt, er sei fasziniert davon gewesen, jede Hypothese sofort empirisch prüfen zu können.

Knoche (links) und Donsbach (rechts) im Assistentenbüro des Instituts für Publizistik Mainz während der Institutsbesetzung Januar 1971 (Foto: privat).

Ich muss zugeben, dass mich das auch fasziniert hat. Ich habe die Karten selbst gelocht und die Fachzählsortiermaschine rattern lassen. Man hing von niemandem ab. Die Empirie hat mich, wenn auch in erweiterter Form, nie wieder losgelassen.

Jürgen Wilke (2005a: 36) hat in seine „Landkarte der Mainzer Schule“ in Salzburg einen Stern mit Manfred Knoche eingezeichnet. Sehen Sie sich selbst als Teil dieser Schule?

Ja. Aber mit gemischten Gefühlen. Ich war fünf Jahre dort und habe später auf dieser Basis selbst empirisch gearbeitet. In Projekten, in der Methodenlehre. So habe ich ja auch die Stelle in Berlin bekommen. Dort hatten sie Anfang der 1970er-Jahre keine ausgesprochenen Empiriker, mussten das aber auf Basis einer Studienplan-Reform anbieten.

Die Mainzer Schule.

Dass sie mich mitgezählt haben, fand ich witzig. Ich habe dort ja keinen Abschluss gemacht. Bei dem Symposium zum 40. Geburtstag habe ich sie dann offensichtlich enttäuscht (vgl. Knoche 2005).

Das war zu merken, ja.

Sie waren da?

Ja. Die Enttäuschung war mit Händen zu greifen.

Im Vorwort hat Jürgen Wilke (2005b: 7f.) das ja auch geschrieben, mir Intransigenz vorgeworfen. Was Sie nicht wissen können: Mein Manuskript für das Buch kam mit lauter Anmerkungen zurück: „Stimmt nicht, stimmt nicht“.

Haben Sie etwas geändert?

Kepplinger und Noelle-Neumann (Foto: privat).

Nein. Ich konnte ja nicht plötzlich zum Lobhudler von Noelle-Neumann werden. Ich habe aber dann betont, dass es mir nur um meine Anfangszeit geht und um Noelle-Neumann. Das hat ja wenig mit Wilke oder Kepplinger zu tun (vgl. Knoche 2005: 103).

Wie viel Elisabeth Noelle-Neumann steckt heute noch in Manfred Knoche, wie viel vom Mainzer Institut für Publizistik?

Von Noelle-Neumann gar nichts. Diese oberflächliche Empirie, die auch politisch einseitig konservativ ist: Das habe ich bekämpft. Auch die Vereinfachungen. Wenn man zwei Prozent als großen Unterschied interpretiert. In mir steckt aber wahrscheinlich etwas von Winfried Schulz, was die empirisch-methodische Orientierung betrifft. Auch mit Kepplinger habe ich immer den fachlichen Kontakt gepflegt. Ich kenne ihn ja noch als relativ linken Studenten.

War der Konflikt mit Noelle-Neumann also eher ein Methodenstreit?

Nein. Es ging immer um den Zusammenhang von Methode und Politik. Ich bin dann ja in Richtung kritische Empirie gegangen. Theorie und Empirie kritisch im politischen Kontext einsetzen, das bleibt mein Ziel.

Gibt es einen Unterschied zwischen Ihnen und den Jungtürken im Fach, die ja oft nur ein Jahr älter sind (vgl. Meyen/Löblich 2007)?

Die Trennung nach Geburtsjahren finde ich künstlich. Mit den Jungtürken haben Sie Glück gehabt. Die sind abgrenzbar, vor allem auch hinsichtlich ihrer weitgehend homogenen politischen Orientierungen. CDU oder SPD.

Was würden Sie stattdessen vorschlagen?

Karrieregenerationen. Wer zur gleichen Zeit einen bestimmten Abschluss erreicht, gehört zusammen. Promotion, Habilitation. Ich bin das beste Beispiel. Ich bin fast so alt wie die Jungtürken, gehöre aber nicht zu ihnen, weil ich später an die Universität kam. Mein zweites Abgrenzungkriterium ist das historische Umfeld. Mich hat sehr geprägt, dass ich per Zufall in die politisch linke 68er-Generation gekommen bin. Und diese Generation haben die Jungtürken ja fast ausnahmslos bekämpft oder ‚links liegengelassen‘.

Warum mögen Sie das Label Studentenunruhen nicht?

Es gibt zutreffendere Begriffe. Studentenbewegung zum Beispiel. Wilke (2005: 23f.) spricht ja unzutreffend sogar von einem „Institut im Strudel der Studentenunruhen“. Das geht in Richtung Gewalt-Vorwurf. Die Institutsbesetzung passt da natürlich wunderbar hinein. Das sind Diffamierungen, historische Lügen.

Was ist Ihre Wahrheit?

Das war ein Kampf um studentische Mitbestimmung. Ein Institutsrat zum Beispiel war das Ziel. Das gab es dann später ja sogar in Mainz. Es war wirklich gewaltlos, und es ging um berechtigte studentische Interessen. Ganz banal: die Studienbedingungen und die Studieninhalte verbessern.

Was war schlecht?

Manfred Knoche (mit Lederjacke, Dritter von links) bei der Institutsbesetzung in Mainz (Foto: privat).

Es gab zum Beispiel viel zu wenig Personal, schon gar kein kritisches. Die Studenten haben auch für die Professoren gekämpft. Die Institutsbesetzung war nur der Kulminationspunkt. Wir haben vorher ja dicke Papiere gemacht (zeigt eine Broschüre).

Zur Planung von Studium und Forschung am Institut für Publizistik, Teil 1.

Studentenzeitschrift (Privatarchiv Manfred Knoche).

Wir haben auch Zeitungen produziert (zeigt eine Ausgabe des guten morgen vom 10. Juli 1969).

Manfred Knoche, verantwortlicher Redakteur.

Diese Zeitung hatte ich zusammen mit anderen als gewählter Fachschaftssprecher geschaffen.

Wie haben Sie das finanziert?

Als Fachschaft bekam man bestimmte Gelder. Zum Teil haben wir das auch selbst bezahlt. Sie sehen ja, wie viele dort mitgearbeitet haben. Es waren nicht Einzelne oder Rädelsführer, sondern eine Art Massenbewegung. Von den vielleicht 100 Studenten, die es damals in Mainz gab, kamen 80 zur Vollversammlung. Nebenan sollte parallel die Vorlesung von Noelle-Neumann laufen. Dienstag, 11 Uhr. Dort war dann aber keiner. Ein Vorlesungsboykott, von dem Noelle-Neumann sichtlich sehr betroffen war.

Wie viele Nummern gab es von der Zeitung?

Seminarankündigung (Privatarchiv Manfred Knoche).

Leider nur drei. Ich bin dann ja nach Berlin gegangen. Hier habe ich noch ein paar Flugblätter. Sie sehen: Das waren demokratische Mittel und keine Gewalt. Die nächste Lüge ist der Marxismus. Von Marx hatten wir doch noch gar keine Ahnung.

Günther Rager (2015) hat mir von Lektüre-Kursen erzählt, die die Studenten in Tübingen organisiert haben.

Wir haben uns mühsam Kopien von Texten aus der Frankfurter Schule der kritischen Theorie besorgt und die Marx-Engels-Werke, die Blauen Bände, aus der DKP-Buchhandlung. Wir waren im Grunde antiautoritäre Idealisten, aber nicht marxistisch. Ich war als unabhängiger Linker im Studentenparlament der Uni und im Allgemeinen Studentenausschuss (Asta).

Ist das eine Distanzierung vom Marxismus als politischer Bewegung?

Keineswegs. Aber gegen den Missbrauch dieses Begriffs als Schimpfwort und als Mittel der Diffamierung und Ausgrenzung, dagegen wende ich mich bis heute. Marx ist für mich vor allem der kapitalismuskritische Wissenschaftler. Daran orientiere ich mich, um eine Kritik der Politischen Ökonomie der Medien als kritische Theorie und Empirie zu entwickeln. Damit verbunden ist auch meine Kritik der „Marx-losen“ Publizistik- und Kommunikationswissenschaft als Sozialwissenschaft.

Mit welchem Ziel?

Kommunikationswissenschaft im Rahmen einer kapitalismuskritischen Gesellschaftswissenschaft entwickeln.

Aber Sie haben auch sehr konkret Noelle-Neumann kritisiert.

Ja, zum Beispiel die Verquickung eines privatwirtschaftlichen Instituts mit der Universität. Auch ihre Verquickung mit der CDU. Die Einseitigkeit des Lehrangebots. In der Bibliothek wurde ja keine kritische Literatur angeschafft, obwohl wir dafür gekämpft haben. Wir wollten auch die Auswahl der Lehrbeauftragten beeinflussen.

Wen wollten Sie haben?

Eckart Spoo von der Frankfurter Rundschau zum Beispiel oder Günter Wallraff. Das waren ja keine Marxisten. Wir wollten nur ein Gegengewicht.

Kamen die beiden dann?

Spoo für ein ganzes Semester und Wallraff für eine Veranstaltung in einem vollbesetzten großen Hörsaal. Das haben wir finanziert. Noelle-Neumann hat das abgelehnt. Wir haben auch eigene Veranstaltungen organisiert. Ein Semester zu „Aufgaben einer kritischen Publizistikwissenschaft“, als studentisches Seminar ohne jeden Schein.

Gibt es ein Schlüsselerlebnis, das aus Manfred Knoche einen Noelle-Neumann-Kritiker gemacht hat?

Nein. Eigenständige Analyse und Lektüre. Damals hat man auch gar nicht so sehr darauf geachtet, Karriere zu machen. Wir wollten studieren. Wir wollten Erkenntnisse haben und auch Politik machen.

Wolfgang Donsbach, ein anderer Anführer der Studentenbewegung in Mainz, konnte später am Institut Karriere machen.

Studentische Mitbestimmung (Privatarchiv Manfred Knoche).

Wir waren befreundet und haben damals zusammen gekämpft. Als ich schon nach Berlin bin, war er studentischer Vertreter in dem Institutsrat, den wir durchgesetzt hatten. Er hat dort noch einige Zeit gegen Noelle-Neumann agiert und wurde erst später umgekrempelt (vgl. Donsbach 2014).

Hat man das bei Ihnen auch versucht?

Nein. Wolfgang war schon immer ein pragmatischer Typ. Das meine ich gar nicht negativ. Er war einfach anders als ich.

Gibt es jemanden, den Sie als Ihren akademischen Lehrer bezeichnen würden?

Nein. Wir waren Autodidakten, auch in Berlin.

Was wussten Sie über die FU, als Sie zum Sommersemester 1972 dorthin gewechselt sind?

Berlin war für mich das gelobte Land und eine Art Exil. Ich habe ja die Flucht ergriffen. Ich wusste, dass es dort im Mittelbau Kämpfe zwischen verschiedenen linken Fraktionen gab. Ich kannte das Otto-Suhr-Institut und die linken Soziologen von der Literatur her. Sebastian Herkommer zum Beispiel, Urs Jaeggi, Elmar Altvater, Johannes Agnoli.

Und die Publizistik?

Dort bin ich als studentischer Tutor eingestiegen. Das war meine finanzielle Basis. Hendrik Schmidt, Ulrich Pätzold und Hans Bohrmann hatten mich angeregt, dort die Empirie hineinzubringen. Kritische Empirie. Ich konnte also das nutzen, was ich in Mainz gelernt hatte.

Wenn Sie die beiden Standorte von damals vergleichen müssten: Wie würden Sie das machen?

Berlin war das völlige Kontrastprogramm. Zum Teil hauptsächlich theorieorientiert, an Marx und Engels (vgl. Wersig/Neveling 2013). Das wollte ich dort ja auch lernen.

Welches Verhältnis hatten Sie zu den Professoren am Institut?

Hans Bohrmann (Mitte) auf der DGPuK-Jahrestagung 1975 in Göttingen (Foto: Raimund Kommer)

Hans Bohrmann (Mitte) auf der DGPuK-Jahrestagung 1975 in Göttingen (Foto: Raimund Kommer)

Meine Ansprechpartner waren neben Hans Bohrmann vor allem Elisabeth Löckenhoff, die dann auch meine Dissertation betreut hat, und Jörg Aufermann, der ja gar keine Stelle am Institut hatte, sondern Assistenzprofessor am Institut für Konzentrationsforschung bei Klaus Peter Kisker in den Wirtschaftswissenschaften war. Auch Axel Zerdick und Bernd-Peter Lange waren zu dieser Zeit dort Assistenzprofessoren. Die realen linken Sozialdemokraten. Harry Pross hat mich abgelehnt. Aber ich ihn auch, als Feuilletonisten. Er sah in mir den Gewerkschafter. Für Wissenschaftler fast ein Todesurteil.

Wie kam Pross darauf?

Ich war Stellvertretender Vorsitzender in der Deutschen Journalisten-Union in Berlin und habe in der Feder veröffentlicht und im Journalist, zu damals relevanten gewerkschaftlichen Themen. Innere Pressefreiheit, Mediengewerkschaft, Medienpolitik.

Gabriele Siegert (2006) hat zu Ihrem 65. Geburtstag geschrieben, dass sich die Zusammenarbeit mit Axel Zerdick „wie ein roter Faden“ durch Ihr „Forscherleben“ ziehe. Erinnern Sie sich noch, wo und wie dieser Faden anfing?

Ja. Schon in meinem ersten Semester 1972 als Student in Berlin. Ich wurde an der Produktion des rororo-Bandes Wie links können Journalisten sein? Pressefreiheit und Profit beteiligt (vgl. Berliner Autorenkollektiv Presse 1972). 20.000 Auflage. So fing das mit Axel Zerdick an. Meine beiden Beiträge darin finde ich noch immer lesenswert (vgl. Knoche 1972a, 1972b). Darin übrigens auch eine Auseinandersetzung mit dem mißachteten Leser (vgl. Glotz/Langenbucher 1969).

Mit Zerdick und Klaus Peter Kisker ging es dann um Verlegergewinne und die kapitalistische Presse (vgl. Kisker et al. 1979).

art5 in Bad Kreuznach (in Anspielung auf den Grundgesetz-Artikel, Privatarchiv Manfred Knoche).

Wir haben das aber nicht mit Marx-Zitaten gemacht. Wir haben die Marx’sche Analysemethode angewandt, ohne Marx zu nennen. Sonst hätten wir zum Beispiel in den 1970er-Jahren nicht im Journalist, in der feder, in der druck und papier und in den Media Perspektiven veröffentlichen können, weil dort in Zeiten des Radikalenerlasses und des Kalten Krieges ein starker Anti-Marxismus dominierend war. Uns kam es auf die Vermittlung der kapitalismuskritischen kommunikationspolitischen Aussagen an.

Tarnung also.

Nicht wirklich. Jedenfalls ohne schlechtes Gewissen. Wer damals Marx zitiert hat, galt als Ideologe und wurde nicht ernst genommen oder eliminiert. Denken Sie nur an die Berufsverbote, wovon in unserem Fach ja besonders Horst Holzer betroffen war.

Was war die Basis für Ihre Zusammenarbeit mit Axel Zerdick?

Wir waren im gleichen Alter, hatten gemeinsame wissenschaftliche und politische Interessen. Er schätzte mein Fachwissen, ich das seine. Wir haben uns optimal ergänzt. Er war ja Ökonom, wurde aber mehr und mehr Publizistikwissenschaftler, konsequenterweise dann 1980 Professor für Ökonomie und Massenkommunikation am Berliner Publizistik-Institut.

In den biografischen Notizen, die die Publizistik zu Manfred Knoche veröffentlicht hat, stehen eine ganze Reihe von Berliner Projekten. Könnten Sie das bitte etwas gewichten?

Ja. Schwerpunkt war die Medienkonzentrationsforschung. Dazu habe ich ja auch meine Dissertation geschrieben (vgl. Knoche 1978).

Die Hauptschiene.

Dann aber erweitert in Richtung Medienökonomie und Medienkonzentration mit Zerdick und anderen (vgl. Klaue et al. 1980). Langfristige Statistiken zur Presseökonomie, auch betriebswirtschaftlich fundiert (vgl. www.medienoekonomie.at). Zerdick war ja auch Empiriker. Dazu kommt das gemeinsame gewerkschaftliche und medienpolitische Engagement.

Die Deutsche Journalisten-Union in der IG Druck und Papier.

Zum Beispiel. Sehen Sie hier: Pressefreiheit und Mitbestimmung (vgl. Knoche/Zerdick 1977). Linke Gewerkschaftsarbeit. Kommunikationspolitik. Meine Assistenzprofessur war ja für Kommunikationspolitik. Und dann das Berliner Modell für Journalistenausbildung (vgl. Hoffmann 1997, Wersig/Neveling 2013). Später der Modellversuch Journalisten-Weiterbildung. Sie sehen, wie das alles miteinander verbunden war und gesellschaftliche Relevanz hatte. Mir ging es immer auch um praktische Politik und praktischen Journalismus (vgl. Knoche 1975).

Sie haben sich 1981 habilitiert. Hatten Sie die Hoffnung, bei der geplanten Umgestaltung des Berliner Instituts zum Zuge zu kommen?

Große Hoffnung. Darauf hatte ich eigentlich alles gesetzt. Damals schien das auch noch möglich. Peter Glotz war Wissenschaftssenator und wollte die Publizistik sanieren und ausbauen. Acht bis zehn Professuren (vgl. Wersig/Neveling 2013: 245). Eine Professur für Presseforschung war schon ausgeschrieben worden.

Ihre Stelle, sozusagen.

Ich war auf dem ersten Listenplatz. Diese Liste blieb dann liegen. Das war auch nur eine C2-Stelle. Glotz wollte ja richtig klotzen, mit C3 und C4.

Erinnern Sie sich noch an Namen?

Hans-Jürgen Weiß, Hans Bohrmann, ich. Petra Dorsch. Dann kam plötzlich die CDU an die Macht.

Ein Schicksalsschlag.

Es gab eine rein externe Berufungskommission. Zum ersten Mal in der Geschichte des Fachs. Noelle-Neumann, Kepplinger, Saxer, jemand von der FAZ und vom ZDF. Zerdick war gar nicht mehr dabei. Nur Konservative. Noelle-Neumann ist dann ja für die Empirie-Professur auf Lutz Erbring gekommen. Wissenschaft ist ungeheuer stark mit der Politik verbunden. Das konnte man an diesem Beispiel sehen. In Berlin wurden Bernd Sösemann und Stephan Ruß-Mohl berufen.

Lutz Erbring steht in der Fachgeschichtsschreibung für den Beginn der empirischen Forschung am Berliner Institut (vgl. Erbring 2007, Löblich 2010).

Diese Darstellung ist bedauerlich. Das liegt auch am Forschungsansatz der Kollegin Löblich. Sie hat sich auf Professoren konzentriert. Das wirkt sich besonders negativ für die Darstellung des Berliner Instituts aus, an dem die Empirie in den 1970er- und 1980er-Jahren kaum von Professoren betrieben wurde. Die Geschichte des Berliner Publizistik-Instituts muss noch geschrieben werden.

Sie waren nur Assistent und Assistenzprofessor.

Deshalb bin ich und sind auch andere da offensichtlich bei Löblich und bei Erbring rausgefallen. Aber auch Jürgen Prott, von 1978 bis 1982 empirisch orientierter Professor für Mediensoziologie am Berliner Instituts, wurde nicht beachtet.

Lutz Erbring (2007: 255) hat uns gesagt, dass vorher in Berlin nichts gelaufen sei.

Das ist wahrheitswidrig, nicht nur bezogen auf meine Person. Ich habe damals viel mit Thomas Krüger zusammengearbeitet, der später Simeon hieß und Assistent bei Prott und Erbring war. Er war auch schon bei der Besetzung in Mainz dabei und ist ein Jahr früher nach Berlin gegangen. Kennen Sie das?

Presse im Druckerstreik (vgl. Knoche/Krüger 1978).

Eine klassische kritische Inhaltsanalyse im politischen Kontext. Wir beide haben auch Methodenkurse angeboten. Dann das große vierteilige empirische Forschungsprojekt zur Jugendpresse (vgl. Knoche et al. 1979). Bestandsaufnahme, Inhaltsanalyse, Kommunikatorbefragung, Leserbefragung. Und ab 1983 hatten wir ja das langfristige empirische Forschungsprojekt zum Einfluss der Presse auf Vorstellungen und Einstellungen zur Politik der Grünen im DFG-Schwerpunktprogramm mit einem Methodenmix von Inhaltsanalyse und Bevölkerungsbefragung (vgl. Knoche/Lindgens 1993). Erbring sagt, das Institut sei mehr oder weniger am Ende gewesen. Das verkennt die Realität.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Am damals von außen produzierten Image des Berliner Instituts zur Rechtfertigung der Personalentscheidungen der vom CDU-Senat eingesetzten externen Berufungskommission in den 1980er-Jahren. Es hieß fälschlicherweise, an der FU gebe es keine Empirie. Dabei hat zum Beispiel schon Gernot Wersig früh ein Lehrbuch zur Inhaltsanalyse geschrieben (vgl. Wersig 1968). Auch Bohrmann, Löckenhoff, Aufermann: alle wenigstens im Ansatz empirisch orientiert.

Woher kommt das Image, das das Gegenteil sagt?

Wahrscheinlich aus der Studentenbewegung, 1967 bis 1972. Pauschal-Image Rote FU. Am OSI, in der Soziologie und auch in der Publizistik wurde damals Marx ein Thema. Es gab marxistisch, politisch links orientierte Studierende und AssistentInnen. Empirie wurde von diesen weitgehend als bürgerliche Wissenschaft abgelehnt. Dabei war Berlin im Grunde ein ganz normales, etabliertes Institut. Sie müssen sich ja nur die Leute anschauen. Pross, Löckenhoff, Bohrmann, Bystrina, Pätzold, Schmidt, Eberhard, Wersig, von Hoffmann. Alles keine Marxisten.

Können Sie das Interesse benennen, das dieses Image bedient?

Politisch-berufliche Selektion. Es geht um Positionen. Bei Holzer und bei Dröge hat man es ja geschafft (vgl. Scheu 2012). Darf ich noch einmal zurück zu Lutz Erbring?

Bitte.

Er war nicht vom Fach, kam aus den USA. Sein Problem war unter anderem, dass ich damals noch in Berlin etabliert war, als Inhaltsanalytiker und Medienwirkungsforscher, insbesondere im DFG-Schwerpunktprogramm (vgl. Knoche et al. 1992). Projektleiter waren dort auch Donsbach, Früh, Weischenberg und Scholl, Schönbach, Weiß, Kepplinger und Brosius, Pfetsch. Alle schon damals bzw. später auf Professuren in Deutschland.

Aber Mitte der 1980er waren Sie nicht mehr am Berliner Institut.

Doch. Ich war ja Privatdozent in Berlin, hatte immer Lehraufträge und jede Menge Räume mit ProjektmitarbeiterInnen. Das DFG-Projekt lief von 1983 bis 1990. Bis zur Berufung nach Salzburg 1994 bin ich zwischen Brüssel und Berlin gependelt.

Warum geht ein deutscher Kommunikationswissenschaftler nach Brüssel?

Weil er sonst arbeitslos geworden wäre.

Und das DFG-Projekt?

Da gab es ja keine Position für mich. Ich war zusammen mit Axel Zerdick Projektleiter. Meine Assistenzprofessur wäre bald ausgelaufen. Brüssel war ein Glücksfall für mich. Ich habe mich dort ja nicht von mir aus beworben.

Wie sind Sie dann zu der Stelle gekommen?

Sie wurde an mich herangetragen. Das war eine politisch eher links orientierte Universität. Ernest Mandel war dort Professor. Er wurde 1972 von der Bundesregierung mit einem Einreiseverbot belegt, nachdem er einen Ruf auf eine Professur für Politische Ökonomie an der FU Berlin erhalten hatte. Mich kannte man in der communicatiewetenschap der Vrije Universiteit Brussel als Empiriker und wissenschaftlichen Kommunikationspolitiker. Bei den Studenten war ich dann der langhaarige Methodiker aus Deutschland.

Gab es im eigenen Land keine Möglichkeiten?

Dort sollte ich rausgekickt werden. Ich fühle mich nicht verfolgt, aber es war trotzdem klar.

Woran machen Sie das fest?

1983 konnte ich das so noch nicht wissen. Die nächsten Bewerbungen kamen ja erst noch: Hannover, München, Hamburg, Leipzig, Berlin. Viele aus meiner Generation sind an diesen Orten Professoren geworden.

Waren Sie in einer Partei?

Nein.

Wie haben Sie das Berufungsverfahren in Salzburg erlebt?

Da galt ich wahrscheinlich nicht mehr als Linker. Ich war ja elf Jahre in Brüssel gewesen und habe dort nichts Böses gemacht (lacht). Außerdem war das eine Professur für Medienökonomie. Ich war einer der wenigen, die Anfang der 1990er-Jahre dafür qualifiziert waren.

Wie in Brüssel gab es auch in Salzburg viele Studenten. Wären Sie lieber an andere Universitäten berufen worden?

Nein. Ich habe immer gern Vorlesungen gehalten und Studenten betreut. Das Problem in Brüssel war, dass ich vier Vorlesungen pro Semester halten musste. Auf Niederländisch. Das musste ich erst lernen.

Andreas Scheu (2012) hat Sie als einen von „Adornos Erben in der Kommunikationswissenschaft“ identifiziert. Lassen Sie dieses Etikett gelten?

Nein. Ich war erschrocken, als ich den Buchtitel sah.

Warum das?

Marx in Chemnitz (Foto: Michael Meyen).

Ich fühle mich nicht als Adornos Erbe. Erstens würde ich mich damit überschätzen und zweitens greife ich ja kaum Adorno auf, sondern hauptsächlich Marx, Engels und viele, die dann auf dieser Basis weitergearbeitet haben. Aber um einer möglichen weiteren falschen Etikettierung vorzubeugen: Auch als Marx-Erbe sehe ich mich nicht. Das wäre maßlos übertrieben. Im Buch selbst hat mich Scheu übrigens realitätsgerecht dargestellt (vgl. Scheu 1992: 197-219, 269-296). Dem kann ich kaum etwas hinzufügen.

Das Knoche-Kapitel hat dort die Überschrift „Empirie als Überlebensstrategie“. Trifft es denn diese Formel?

Das trifft es in gewisser Weise, ja. Ich habe aber nicht Empirie gemacht, um zu überleben. Nicht als Mittel zum Zweck, nicht als bewusste Überlebensstrategie. Sondern weil ich Empirie betrieben habe, konnte ich offensichtlich überleben. Das verdeckt die Kurzfassung der Kapitel-Überschrift etwas. Ich habe ja selbst in Brüssel Empirie gemacht (zeigt ein Buch, vgl. de Bens/Knoche 1987). Auch ein großes Projekt. Experteninterviews und eine Delphi-Befragung. Von der EU gefördert.

Warum gibt es nicht mehr Marxisten im Fach?

Erst war Kalter Krieg. Da war nicht mal im Ansatz an marxistische Wissenschaft zu denken. In Deutschland gab es anfangs nur Wolfgang Abendroth in Marburg. Man darf das antikommunistische Umfeld nicht unterschätzen. Es gab schon 1956 ein KPD-Verbot.

Aber dann kam Willy Brandt. Mehr Demokratie wagen.

Die Machtbedingungen waren dadurch aber nicht verändert. Denken Sie nur an den Radikalenerlass. Es ging dabei ja nicht nur um die, die nicht zugelassen wurden. Man hatte Angst, den Mund aufzumachen. Eine echte Schweigespirale. Wer Marx sagte, war DDR, Sowjetunion, Mao, und damit verdächtig. In der Wissenschaft ist es ja leicht, so etwas durchzusetzen.

Wie meinen Sie das?

Der Mittelbau hat Kurzzeitverträge. Die muss man nicht verlängern. Professoren muss man nicht berufen. Das war im Westen nicht weniger politisch als im Osten. In der Wissenschaft hätte es gar keinen Radikalenerlass gebraucht. Man nimmt einfach den angeblich „Besseren“.

Welchen Stellenwert hat die Medienökonomie in der Kommunikationswissenschaft?

Sie war lange unterpräsentiert, obwohl man sich ja immer auf Karl Bücher berufen hat.

Woran lag das Ihrer Meinung nach?

Auch an der Angst vor Marx und an der Angst vor kritischer Theorie. Medienökonomie und Kapitalismus: Das hängt zusammen. Ich habe es ja versucht. Kritik der politischen Ökonomie der Medien auf Basis von Marx’ Kapital, dann später auch in der von mir 1995 initiierten Fachgruppe Medienökonomie in der DGPuK. Heute ist diese Fachgruppe ganz folgerichtig weitgehend beim Medienmanagement gelandet.

Wie würde die Medienökonomie aussehen, wenn Sie das bestimmen könnten?

In etwa so, wie es Christian Fuchs macht. Und so, wie ich es versucht habe. Kapitalismuskritische theoriegeleitete Empirie. Medien und Kommunikation im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang. Kritik der Macht- und Herrschaftsverhältnisse, historisch-materialistisch-dialektische Kritik der kapitalistischen Produktionsweise. Kritik der politischen Ökonomie der Medien und Ideologiekritik, das ist mein theoretisch-empirischer Ansatz. Wesentlich dabei: eine Verbindung von kritischer Theorie und kritischer Empirie. Ich halte nichts davon, nur Marx nachzubeten. Es muss einen Bezug zur Praxis haben, zur Medienpolitik oder wenigstens zu dem, was wir in der Universität tun. Ich schöpfe dabei hauptsächlich aus kritischer Politikwissenschaft, Soziologie und Ökonomie.

Ist Christian Fuchs ein legitimer Erbe?

Ja, schon irgendwie, abgesehen davon, dass ich den Begriff Erbe nicht passend finde. Er will sicher nicht irgendwann einmal als Knoches Erbe betitelt werden. Er war ja nie so etwas wie mein Schüler. Er ist mir ja sogar voraus, was die Entwicklung einer Kritik der politischen Ökonomie der Medien und Kommunikation betrifft, dies vor allem im englischsprachigen Raum. Ich war an seinem Habilitationsverfahren in Salzburg beteiligt.

Gibt es Wissenschaftler oder Journalisten, die Sie als Ihre Vorbilder bezeichnen würden?

Der Begriff Vorbild ist für mich schwierig.

Dann sagen wir einfach prägend.

Am Anfang Winfried Schulz für die Empirie. In meiner Mainzer Studienzeit kam es ja sogar zu einer gemeinsamen Veröffentlichung (vgl. Knoche/Schulz 1969). In Berlin dann Axel Zerdick für die Medienökonomie, auch als Persönlichkeit. Inhaltlich Klaus Peter Kisker. Ein Berliner Wirtschaftswissenschaftler, der sich treu geblieben ist bis heute. Jemand, der Marx konsequent auch nach außen vertritt. Auch Jörg Huffschmid, Urs Jaeggi, Sebastian Herkommer, Horst Holzer, Wulf D. Hund und Franz Dröge waren für mich prägend.

Wenn Sie auf ein halbes Jahrhundert in der Kommunikationswissenschaft zurückblicken: Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz sind?

Auch den Begriff „stolz“ muss ich zurückweisen. Das kommt aus der Ritterwelt.

Was würden Sie stattdessen sagen?

Vielleicht Zufriedenheit.

Was erfüllt Sie mit Zufriedenheit?

Manfred Knoche daheim (Foto: Monique Wernbacher).

Meine Aktivitäten in der Studentenbewegung. Das Buch Wie links können Journalisten sein? Meine kritisch-empirische Medienkonzentrationstheorie als Kritik der apologetisch-normativen Wettbewerbstheorie (vgl. Knoche 2013a). In starkem Maße meine Dissertation, auch weil ich darin die Entwicklung der Publizistikwissenschaft von einer historisch-normativen zu einer empirisch-analytischen Disziplin und die Kommunikationspolitik der Zeitungsverleger kritisch thematisiert habe (vgl. Knoche 1978). Und schließlich habe ich es in Salzburg geschafft, mich auf Medienökonomie als Kritik der politischen Ökonomie der Medien im Rahmen allgemeiner Kapitalismustheorie und -kritik zu konzentrieren (vgl. Knoche 2001, 2002, 2013b).

Eine gar nicht so kurze Liste.

Wenn Sie wollen, können Sie auch noch das bereits erwähnte Projekt im DFG-Schwerpunktprogramm Publizistische Medienwirkungen ergänzen. Wir haben dort am Beispiel der Grünen empirisch nachgewiesen, dass Machterhalt eine wesentliche Medienwirkung ist. Es geht weniger um Veränderung als um Stabilisierung der bestehenden Verhältnisse (vgl. Knoche/Lindgens 1993).

Gibt es etwas, was Sie gern anders gemacht hätten?

Ich hätte gerne mehr Theorie entwickelt. Nicht so viel zeitraubende Empirie. In Salzburg habe ich ja weiter größere empirische Projekte gemacht, zum Beispiel zur Entwicklung von Freien Radios (vgl. Knoche 2003).

Was bleibt eines Tages von Manfred Knoche in der Kommunikationswissenschaft? Was sollte bleiben, wenn Sie beeinflussen könnten, was bleibt?

Dass er irgendwas mit Marx und Medienökonomie gemacht hat (lacht). Ernsthaft: eine Hoffnung.

Welche?

Manfred Knoche, Thomas Allmer, Marisol Sandoval, Sebastian Sevignani, Christian Fuchs (Foto: privat).

Dass mein Bemühen um eine Medienkonzentrationstheorie und eine Kritik der Politischen Ökonomie der Medien in Erinnerung bleiben und meine Ansätze wesentlich erweitert in einer Marx’schen „Viererbande“ weiterleben: Christian Fuchs, Thomas Allmer, Marisol Sandoval und Sebastian Sevignani. Alle vier in Salzburg promoviert bzw. habilitiert, die das weltweit weitertragen können.

Literaturangaben

  • Diana Allwang: Die Arbeitsgemeinschaft für Kommunikationsforschung. Drittmittelaufträge aus Politik und Medienwirtschaft. In: Michael Meyen/Manuel Wendelin (Hrsg.): Journalistenausbildung, Empirie und Auftragsforschung. Neue Bausteine zu einer Geschichte des Münchener Instituts für Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2008, S. 85-115.
  • Els de Bens/Manfred Knoche (Hrsg.): Electronic Mass Media in Europe. Prospects and Developments. A Report from the FAST Programme. Brüssel: Commission of the European Communities 1987.
  • Berliner Autorenkollektiv Presse (Hrsg.): Wie links können Journalisten sein? Pressefreiheit und Profit. Mit einem Vorwort von Heinrich Böll. Berlin: Rowohlt 1972.
  • Wolfgang Donsbach: I’m Going for Relevant Things. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2014.
  • Lutz Erbring: Ausbildung ist eine Pflicht und keine Kür. In: Michael Meyen/Maria Löblich: „Ich habe dieses Fach erfunden“. Wie die Kommunikationswissenschaft an die deutschsprachigen Universitäten kam. 19 biografische Interviews. Köln: Herbert von Halem 2007, S. 246-261.
  • Peter Glotz/Wolfgang R. Langenbucher: Der mißachtete Leser. Zur Kritik der deutschen Presse. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1969.
  • Alexander von Hoffmann: Ausbildung zur wissenschaftlichen Journalistenausbildung. Alexander von Hoffmann über seine Tätigkeit an der Freien Universität Berlin im Gespräch mit Horst Pöttker. In: Arnulf Kutsch/Horst Pöttker (Hrsg.): Kommunikationswissenschaft – autobiographisch. Zur Entwicklung einer Wissenschaft in Deutschland. Opladen: Westdeutscher Verlag 1997, S. 161-183.
  • Klaus Peter Kisker/Manfred Knoche/Axel Zerdick: Wirtschaftskonjunktur und Pressekonzentration in der Bundesrepublik Deutschland. München: Saur 1979.
  • Siegfried Klaue/Manfred Knoche/Axel Zerdick (Hrsg.): Probleme der Pressekonzentrationsforschung. Ein Experten-Colloquium an der Freien Universität Berlin. Baden-Baden: Nomos 1980.
  • Manfred Knoche: Kommentar und Kritik im Lokalteil der Tagespresse in der Bundesrepublik Deutschland. Eine pressestatistische und inhaltsanalytische Untersuchung. In: Publizistik 13. Jg. (1968), S. 348-359.
  • Manfred Knoche: Das Märchen von der Vielfalt. In: Berliner Autorenkollektiv Presse (Hrsg.): Wie links können Journalisten sein? Pressefreiheit und Profit. Mit einem Vorwort von Heinrich Böll. Berlin: Rowohlt 1972a. S. 147-167.
  • Manfred Knoche: Der Leser als Marketingproblem. In: Berliner Autorenkollektiv Presse (Hrsg.): Wie links können Journalisten sein? Pressefreiheit und Profit. Mit einem Vorwort von Heinrich Böll. Berlin: Rowohlt 1972b. S. 168-179.
  • Manfred Knoche: Ausbildungskonzepte des Deutschen Presserates und der Berufsorganisationen: Deutscher Journalisten-Verband und Deutsche Journalisten-Union. In: Jörg Aufermann/Ernst Elitz (Hrsg.): Ausbildungswege zum Journalismus. Bestandsaufnahmen, Kritik und Alternativen der Journalistenausbildung. Opladen: Westdeutscher Verlag 1975, S. 144-159.
  • Manfred Knoche: Einführung in die Pressekonzentrationsforschung. Theoretische und empirische Grundlagen – Kommunikationspolitische Voraussetzungen. Berlin: Volker Spiess 1978.
  • Manfred Knoche: Kapitalisierung der Medienindustrie aus politökonomischer Perspektive. In: Medien & Kommunikationswissenschaft 49. Jg. (2001), S. 177-194.
  • Manfred Knoche: Kommunikationswissenschaftliche Medienökonomie als Kritik der Politischen Ökonomie der Medien. In: Gabriele Siegert (Hrsg.): Medienökonomie in der Kommunikationswissenschaft. Münster: Lit 2002, S. 101-109.
  • Manfred Knoche: Freie Radios – frei von Staat, Markt und Kapital(ismus)? Zur Widersprüchlichkeit Alternativer Medien und Ökonomie. In: Medien Journal 27. Jg. (4/2003), S. 4-19.
  • Manfred Knoche: Medienkonzentration und Meinungsvielfalt. Von empirischen Studien zur kapitalismuskritischen Medienkonzentrationstheorie. In: Jürgen Wilke (Hrsg.): Die Aktualität der Anfänge. 40 Jahre Publizistikwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Köln: Herbert von Halem 2005, S. 98-114.
  • Manfred Knoche: Medienkonzentration. In Barbara Thomaß (Hrsg.): Mediensysteme im internationalen Vergleich. Konstanz: UVK 2013, S. 135-160.
  • Manfred Knoche: Krisenhafte kapitalistische Produktionsweise als Triebkraft für Restrukturierungen und Transformationen (in) der Medienindustrie. In: Wolfgang Seufert/Felix Sattelberger (Hrsg.): Langfristiger Wandel von Medienstrukturen. Baden-Baden: Nomos 2013, S. 87-111.
  • Manfred Knoche/Thomas Krüger: Presse im Druckerstreik. Eine Analyse der Berichterstattung zum Tarifkonflikt 1976. Berlin: Volker Spiess 1978.
  • Manfred Knoche/Thomas Krüger/Monika Lindgens: Redakteure der Jugendpresse. Berlin: Volker Spiess 1979.
  • Manfred Knoche/Monika Lindgens/Eva Schabedoth/Axel Zerdick: Nicht-Veränderung als langfristige Medienwirkung. Einfluß der Presse auf Vorstellungen und Einstellungen zur Politik der GRÜNEN. In: Winfried Schulz (Hrsg.): Medienwirkungen. Weinheim: VCH 1992, S. 121-141.
  • Manfred Knoche/Monika Lindgens: Grüne, Massenmedien und Öffentlichkeit. In: Joachim Raschke (Hrsg.): Die Grünen. Wie sie wurden, was sie sind. Köln: Bund-Verlag 1993, S. 742-768.
  • Manfred Knoche/Winfried Schulz: Folgen des Lokalmonopols von Tageszeitungen. Eine vergleichende Inhaltanalyse des Lokalteils von Monopol- und Wettbewerbszeitungen. In: Publizistik 14. Jg. (1969), S. 298-310.
  • Manfred Knoche/Axel Zerdick: Ökonomische Ausgangspunkte der Mitbestimmung in der Presse. In: Klaus-Detlef Funke/Ernst Theilen (Hrsg.): Pressefreiheit und Mitbestimmung. Bonn: Verlag Neue Gesellschaft 1977, S. 15-28.
  • Maria Löblich: Die empirisch-sozialwissenschaftliche Wende in der Publizistik- und Zeitungswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2010.
  • Maria Löblich: „Michel-Kommission“ und „Günther-Kommission“: Medienpolitische Entscheidungen über die Zusammensetzung von Kommissionen in den 1960er Jahren. In: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte 10. Bd. (2008), S. 107-133.
  • Michael Meyen: Von der Sozialistischen Journalistik zum Viel-Felder-Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft. In: Erik Koenen (Hrsg.): Die Entdeckung der Kommunikationswissenschaft. 100 Jahre kommunikationswissenschaftliche Fachtradition in Leipzig: Von der Zeitungskunde zur Kommunikations- und Medienwissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2016, S. 246-274.
  • Günter Rager: Journalisten brauchen Forschung und Statistik. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2015.
  • Andreas M. Scheu: Adornos Erben in der Kommunikationswissenschaft. Eine Verdrängungsgeschichte? Köln: Herbert von Halem 2012.
  • Winfried Schulz (Hrsg.): Der Inhalt der Zeitungen. Eine Inhaltsanalyse der Tagespresse in der Bundesrepublik Deutschland (1967) mit Quellentexten früher Inhaltsanalysen in Amerika, Frankreich und Deutschland. Düsseldorf: Rheinisch-Bergische Verlagsanstalt 1970.
  • Winfried Schulz: Man spekuliert nicht, sondern orientiert sich an Fakten. In: Michael Meyen/Maria Löblich: „Ich habe dieses Fach erfunden“. Wie die Kommunikationswissenschaft an die deutschsprachigen Universitäten kam. 19 biografische Interviews. Köln: Herbert von Halem 2007, S. 227-245.
  • Walter J. Schütz: 38 = 50 minus 12. Geschichte(n) im Rückblick der Publizistik-Redaktion 1956-1993. In: Christina Holtz-Bacha/Arnulf Kutsch/Wolfgang R. Langenbucher/Klaus Schönbach (Hrsg.): Fünfzig Jahre Publizistik. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006, S. 15-32.
  • Walter J. Schütz: Ich habe immer von Selbstausbeutung gelebt. In: Michael Meyen/Maria Löblich: „Ich habe dieses Fach erfunden“. Wie die Kommunikationswissenschaft an die deutschsprachigen Universitäten kam. 19 biografische Interviews. Köln: Herbert von Halem 2007, S. 33-58.
  • Gabriele Siegert: Manfred Knoche 65 Jahre. In: Publizistik 51. Jg. (2006), S. 370f.
  • Gernot Wersig: Inhaltsanalyse. Einführung in ihre Systematik und Literatur. Berlin: Volker Spiess 1968.
  • Gernot Wersig/Ulrich Neveling: Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. In: Karol Kubicki/Siegward Lönnendonker (Hrsg.): Gesellschaftswissenschaften an der Freien Universität Berlin. Göttingen: V&R unipress 2013, S. 239-263.
  • Jürgen Wilke: Gründung und Entwicklung des Instituts für Publizistik. In: Jürgen Wilke (Hrsg.): Die Aktualität der Anfänge. 40 Jahre Publizistikwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Köln: Herbert von Halem 2005a, S. 13-40.
  • Jürgen Wilke: Vorwort. In: Jürgen Wilke (Hrsg.): Die Aktualität der Anfänge. 40 Jahre Publizistikwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Köln: Herbert von Halem 2005b, S. 7-9.

Weiterführende Literatur

  • Otfried Jarren: Habilitation von Manfred Knoche. In: Publizistik 27. Jg. (1982), S. 181-183.
  • Els de Bens: Manfred Knoche Professur für Kommunikationswissenschaft an der Vrije Universiteit Brussel. In: Publizistik 28. Jg. (1983), S. 587f.
  • Michael Schmolke: Manfred Knoche Professor am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg. In: Publizistik 40. Jg. (1995), S. 70.
  • Gabriele Siegert: 60. Geburtstag von Manfred Knoche. In: Publizistik 46. Jg. (2001), S. 439-441.
  • Gabriele Siegert: Medienökonomie in der Kommunikationswissenschaft. Bedeutung, Grundfragen und Entwicklungsperspektiven. Manfred Knoche zum 60. Geburtstag. Münster: Lit 2002.
  • Gabriele Siegert: Manfred Knoche 65 Jahre. In: Publizistik 51. Jg. (2006), S. 370f.
  • Andreas M. Scheu: Manfred Knoche – Empirie als Überlebensstrategie. In: Andreas M. Scheu: Adornos Erben in der Kommunikationswissenschaft. Eine Verdrängungsgeschichte? Köln: Herbert von Halem 2012, S. 197-219.

Weblinks

Empfohlene Zitierweise

    Manfred Knoche: Kritik der Politischen Ökonomie der Medien. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2017. http://blexkom.halemverlag.de/knoche-interview/ ‎(Datum des Zugriffs).