Hans-Jürgen Weiß (Foto: Michael Meyen)
Hans-Jürgen Weiß (Foto: Michael Meyen)

Hans-Jürgen Weiß

2. Mai 1944

Lexikoneintrag von Michael Meyen am 26. Juni 2014

Hans-Jürgen Weiß war in den 1980er-Jahren als Mittelbauer im DGPuK-Vorstand und gewählter DFG-Fachgutachter für die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Dass er erst mit gut 50 Jahren auf einen Lehrstuhl berufen wurde (in Berlin), hatte auch politische Gründe. Inhaltlich steht sein Name vor allem für die kontinuierliche Fernsehprogrammforschung

Stationen

Geboren in Parchim. Vater Kaumann, Mutter Hausfrau. Aufgewachsen in einem Vorort von Stuttgart. Nach dem Abitur zwei Jahre Zeitsoldat. 1966 Studium in München (Soziologie, Politikwissenschaft, Zeitungswissenschaft). 1972 Magister und wissenschaftlicher Assistent am Institut für Kommunikationswissenschaft (Zeitungswissenschaft) der Universität München. 1974 Promotion. 1978 Akademischer Rat und dann Oberrat am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Göttingen. 1981 dort Habilitation (kumulativ). 1986 Ernennung zum außerplanmäßigen Professor. 1982 bis 1986 Vorstandsmitglied der DGPuK, 1984 bis 1992 DFG-Fachgutachter für die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Gast- und Vertretungsprofessuren in München, Hamburg, Hohenheim und Leipzig. 1994 Lehrstuhl für Publizistik und Methoden der empirischen Kommunikationsforschung an der Freien Universität Berlin (bis 2009). 1994 bis 2001 ZUMA-Beirat. 1988 Gründer und wissenschaftlicher Leiter der Göfak Medienforschung GmbH. Verheiratet, ein Sohn, eine Tochter.

Publikationen

  • Wahlkampf im Fernsehen. Untersuchungen zur Rolle der großen Fernsehdebatten im Bundestagswahlkampf 1972. Berlin: Volker Spiess 1976 (Dissertation).
  • Gewalt von Rechts – (k)ein Fernsehthema? Opladen: Westdeutscher Verlag 1995 (mit Martina Feike, Walter Freese, Peter Funk und Joachim Trebbe).
  • Fernsehen in Deutschland 1998–1999. Programmstrukturen, Programminhalte, Programmentwicklungen. Berlin: Vistas 2000 (herausgegeben mit Joachim Trebbe).
  • Fallstudien zur Fernsehberichterstattung über den Rechtsextremismus in Deutschland 1998–2001. Düsseldorf: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen 2002 (mit Cornelia Spallek).

Wie viele der etwas älteren Fachvertreter aus der Generation der ‚Jungtürken’ in der Kommunikationswissenschaft ist Hans-Jürgen Weiß an die Universität gegangen, um Journalist zu werden (vgl. Meyen/Löblich 2007). Er war schon als Student Hilfskraft bei Hans Wagner am Institut für Zeitungswissenschaft und fühlte sich durch Peter Glotz und Wolfgang Langenbucher stimuliert, wurde wissenschaftlich aber vor allem am Institut für Soziologie geprägt. Dort arbeitete er unter anderem mit Johannes Winckelmann und Nikolaus Viernstein, gehörte in der Zeit der Studentenbewegung zum Institutsrat und schrieb seine Magisterarbeit über angewandte Fernsehforschung bei Horst Holzer, dem später wegen seiner Mitgliedschaft in der DKP eine dauerhafte Position an der Universität verwehrt wurde (vgl. Scheu/Wiedemann 2008). Nach der Magisterprüfung bot ihm Otto B. Roegele an, als Mitarbeiter an das Institut für Zeitungswissenschaft zu kommen. Genau wie bei Erhard Schreiber (vgl. Wendelin 2008) war der Lehrstuhlinhaber auf der Suche nach Mitarbeitern, die mit den marxistisch geschulten Studenten diskutieren konnten (vgl. Behmer 2004). Weiß promovierte dann trotzdem bei Horst Holzer (vgl. Weiß 1976) und taucht deshalb in der Bibliografie der Dissertationen am Münchner Fachinstitut nicht auf (vgl. Klausing 2008). Sein Name ist allerdings mit zahlreichen empirischen Studien verbunden, die in den 1970er-Jahren von der Arbeitsgemeinschaft für Kommunikationsforschung (AfK) abgewickelt wurden (vgl. Allwang 2008).

Das Engagement in der Studentenbewegung und die Nähe zu seinem Doktorvater Horst Holzer haben die weitere Karriere von Hans-Jürgen Weiß erheblich gebremst. Insofern ist sein Fall exemplarisch für die konservative Wende in der Kommunikationswissenschaft nach dem Bonner Regierungswechsel vom Herbst 1982. Weiß wechselte 1978 auf eine Ratsstelle nach Göttingen und hat sich dort auch schnell habilitiert (1981), die Berufung auf eine Professur ließ aber erheblich auf sich warten (bis 1994) – obwohl er in der Fachgemeinschaft anerkannt war. Für diese Wertschätzung stehen die Wahlen in den DGPuK-Vorstand und (noch stärker) als DFG-Fachgutachter. In Hohenheim kam Weiß Mitte der 1980er-Jahre nicht als Nachfolger von Manfred Rühl zum Zuge, obwohl er auf dem ersten Listenplatz stand und als Vertreter bereits die Lehrstuhlgeschäfte führte. Stattdessen wurde er in Göttingen außerplanmäßiger Professor und gründete 1988 ein Institut, über das seitdem kontinuierlich die Entwicklung des Fernsehprogramms erforscht wird. Lutz Erbring (2004: 344), später in Berlin Kollege von Hans-Jürgen Weiß, hat zum 60. Geburtstag des Göfak-Gründers von einem Leuchtturm „der angewandten Medienforschung“ gesprochen.

Glaubt man der Abschiedsvorlesung von Hans-Jürgen Weiß (2009), dann ist Erbring auch für seine Berufung nach Berlin verantwortlich. Parallel gab es allerdings auch einen Ruf auf den Lehrstuhl für empirische Kommunikations- und Medienforschung an der Universität Leipzig. In der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts war Weiß dann an der Freien Universität maßgeblich daran beteiligt, dass das Berliner Fachinstitut vor der Schließung bewahrt werden konnte. Sein wichtigster Schüler ist Joachim Trebbe.

Literaturangaben

Weiterführende Literatur

  • Jörg Aufermann: Habilitation von Hans-Jürgen Weiß. In: Publizistik 26. Jg. (1981), S. 614-615.
  • Lutz Erbring: Hans-Jürgen Weiß 60 Jahre. In: Publizistik 49. Jg. (2004), S. 343-344.

Weblinks

Empfohlene Zitierweise

          Michael Meyen: Hans-Jürgen Weiß. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2014. http://blexkom.halemverlag.de/hans-juergen-weiss/ (Datum des Zugriffs).