droege

Franz Dröge

1. November 1937 bis 14. September 2002

Lexikoneintrag von Andreas M. Scheu am 10. Juni 2015

Franz Dröge ist ein Schüler von Henk Prakke. Er galt als Vorreiter bei der Adaption der US-Forschung, argumentierte dann aber ab Anfang der 1970er-Jahre aus einer kritisch-materialistischen Position. Als Professor in Bremen entwickelte er einen medien-, wissenschafts- und gesellschaftskritischen Ansatz und zog sich aus dem Fach zurück.

Stationen

Geboren im Sauerland. Vater Lokomotivführer, katholisch. Schulabbruch, Lehre und Arbeit als technischer Zeichner. 1960 Studium der Publizistikwissenschaft an der Universität Münster. Studentische Hilfskraft am Institut für Publizistik in Münster (1961-1965). Promotion 1965 bei Henk Prakke. Leitung der Abteilung für empirische Kommunikationsforschung am Institut, ab 1968 Stipendiat des Landes Nordrhein-Westfalen zur Förderung des Hochschullehrernachwuchses. 1968 Hochzeit mit Ilse Modelmog. 1969 Habilitationsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Habilitation. 1970 Ernennung zum außerplanmäßigen Professor in Münster. 1971 Lehrstuhl für Kommunikationsforschung (unter besonderer Berücksichtigung der publizistischen Medien) im Bereich Kommunikation/Ästhetik der Universität Bremen.

Publikationen

  • Publizistik und Vorurteil. Münster: Regensberg 1967 (Dissertation).
  • Wirkungen der Massenkommunikation. Münster: Regensberg 1969 (gemeinsam mit Rainer Weissenborn und Henning Haft). 2. Auflage Frankfurt/Main: Athenäum Fischer 1973.
  • Der zerredete Widerstand. Zur Soziologie und Publizistik des Gerüchts im 2. Weltkrieg. Düsseldorf: Bertelsmann Universitätsverlag 1970 (Habilitation).
  • Wissen ohne Bewußtsein. Materialien zur Medienanalyse der Bundesrepublik Deutschland. Unter Mitarbeit von Ilse Modelmog. Frankfurt/Main: Athenäum Fischer 1972.
  • Die Kneipe. Zur Soziologie einer Kulturform oder „Zwei Halbe auf mich!“. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1987 (mit Thomas Krämer-Badoni).
  • Der Medien-Prozeß. Zur Struktur innerer Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag 1991 (mit Gerd G. Kopper).

In verschiedenen Interviews mit Familienmitgliedern, Freunden und Kollegen klingt immer wieder an, dass Franz Dröge ein Mann der Extreme und der Gegensätze war (vgl. Scheu 2012: 175-186) – bezogen einerseits auf seine Herkunft (Arbeiterfamilie, Schulabbrecher, jugendlicher Ausreißer) und andererseits auf sein bildungsbürgerliches Selbstverständnis. Dröge „liebte das pralle Leben“ (Gerd Kopper, Scheu 2012: 177), Feinschmeckerlokale und gute Weine, fühlte sich aber auch in Arbeiterkneipen wohl, war Fußballfan (seinen Kater nannte er Schalke), semi-professioneller Radrennfahrer und starker Raucher. „Seine Lebensart wirkte wie ein unaufhörliches Verbrennen“ (ebd.).

Dieser Habitus mit seinen Ambivalenzen ist auch in der wissenschaftlichen Biografie und den Arbeiten spürbar. Franz Dröge wurde im Zentrum des Fachs sozialisiert. Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre war er einer der ersten Akteure im Fach, der die empirisch-sozialwissenschaftliche Perspektive aus der US-amerikanischen Kommunikationswissenschaft rezipierte und adaptierte, mit Wirkungen der Massenkommunikation (Dröge/Weissenborn/Haft 1969) legte er „die erste Zusammenfassung der amerikanischen Wirkungsforschung in deutscher Sprache“ vor (Tausch 1992: 116). Zu dieser Zeit kritisierte Dröge die humanistische und normative Fachtradition und brachte mit seinen Texten den in den 1960er-Jahren beginnenden Wandel der deutschen Kommunikationswissenschaft zu einer empirisch-sozialwissenschaftlichen Disziplin (Löblich 2010) maßgeblich mit auf den Weg (vgl. Dröge 1966, 1970; Dröge/Lerg 1965). In Münster galt er dementsprechend als aussichtsreicher Nachwuchswissenschaftler. Franz Dröge zählte mit Winfried B. Lerg und Michael Schmolke zum „Dreigestirn“ (Klein 2006: 305) um Henk Prakke und wurde sogar als „konsequentester Vertreter der Münsteraner Funktionalismus-Schule“ (Gebhardt 1998: 78) betrachtet. Kurz nach der Habilitation wurde Dröge 1970 zum außerplanmäßigen Professor ernannt.

Umso überraschender war dann, dass Franz Dröge nun die funktionalistische Perspektive durch Kritische Theorie und Marxismus ersetzte (Dröge 1972). Dieser Perspektivwechsel und das damit verbundene Bekenntnis zum Sozialismus (Dröge 1972: 13) sowie seine massive Kritik an der empirischen Kommunikationswissenschaft (Dröge/Weissenborn/Haft 1973: IX-XXVI) dürften seine Kolleginnen und Kollegen mindestens irritiert haben. Im Fach hat ihm die theoretische Neuausrichtung geschadet. 1970 hatte Dröge den „unter den politischen Fahnen der Studentenrevolution“ geführten „Kampf um die Nachfolge“ Henk Prakkes gegen Winfried B. Lerg verloren (Gerd Kopper, Scheu 2012: 177). Dies löste ein Wechselspiel von Distanzierung und Marginalisierung aus. Zum einen wurde Dröge als „neo-marxistischer Dogmatiker“ (Kopper 2002: 468) gebrandmarkt, zum anderen distanzierte er sich selbst (mitunter auf sehr streitlustige und provokante Art und Weise) vom Fach und seinen Vertretern (Scheu 2012: 193-195).

Dröge wurde 1971 auf den Lehrstuhl für Kommunikationsforschung im Bereich Kommunikation/Ästhetik nach Bremen berufen. Die Universität Bremen war als Reformuniversität soeben gegründet worden und stand in einem ausgesprochen marxistischen, politisch linken Ruf. In Bremen arbeitete Dröge am Rand des kommunikationswissenschaftlichen Feldes und auch inhaltlich distanzierte er sich über die Zeit vom Kern des Fachs (Scheu 2012: 196). Im Zentrum seines Interesses blieben allerdings die Themen Gesellschaftskritik, Macht und Einfluss sowie auch die Rolle von Kommunikation und Massenkommunikation in diesem Zusammenhang. Dröge wollte dabei mithelfen, die Lebensumstände der Menschen zu verbessern. Verbunden mit diesem Ziel waren auch Forderungen an die wissenschaftliche Praxis allgemein und an die Kommunikationswissenschaft im Besonderen, die sich auf die theoretische, die methodische und die Ebene der Forschungsgegenstände bezogen (Scheu 2012: 182).

Literaturangaben

  • Franz W. Dröge: Regel und Regelung. Ansätze der Publizistikwissenschaft. In: Publizistik 11. Jg. (1966), S. 145-152.
  • Franz W. Dröge: Der Funktionalismus in der Kommunikationswissenschaft. Henk Prakke zum 70. Geburtstag am 26. April 1970. In: Publizistik 15. Jg. (1970), S. 93-97.
  • Franz W. Dröge: Wissen ohne Bewußtsein. Materialien zur Medienanalyse der Bundesrepublik Deutschland. Unter Mitarbeit von Ilse Modelmog. Frankfurt/Main: Athenäum Fischer 1972.
  • Franz W. Dröge/Winfried B. Lerg: Kritik der Kommunikationswissenschaft. In: Publizistik 10. Jg. (1965), S. 251-284.
  • Franz W. Dröge/Rainer Weissenborn/Henning Haft: Wirkungen der Massenkommunikation. Münster: Regensberg 1969.
  • Franz W. Dröge/Rainer Weissenborn/Henning Haft: Wirkungen der Massenkommunikation. Frankfurt/Main: Athenäum Fischer 1973.
  • Hartwig Gebhardt: Von der Publizistikwissenschaft zur Kultursoziologie. Franz Dröge zum 60. Geburtstag. In: Publizistik 43. Jg. (1998), S. 78-79.
  • Petra Klein: Henk Prakke und die funktionale Publizistik. Über die Entgrenzung der Publizistik- zur Kommunikationswissenschaft. Berlin: Lit 2006.
  • Gerd G. Kopper: Franz Dröge gestorben. In: Publizistik 47. Jg. (2002), S. 468-469.
  • Maria Löblich: Die empirisch-sozialwissenschaftliche Wende. Ein Beitrag zur historischen und kognitiven Identität der Kommunikationswissenschaft. In: Medien & Kommunikationswissenschaft 58. Jg. (2010), S. 544-562.
  • Andreas M. Scheu: Adornos Erben in der Kommunikationswissenschaft. Eine Verdrängungsgeschichte? Köln: Herbert von Halem 2012.
  • Walter Tausch: Rezension zu Dröge et al. 1969. In: Publizistik 17. Jg. (1972), S. 115-116.

Weiterführende Literatur

  • Hartwig Gebhardt: Von der Publizistikwissenschaft zur Kultursoziologie. Franz Dröge zum 60. Geburtstag. In: Publizistik 43. Jg. (1998), S. 78-79.
  • Habilitation von Dr. Franz Dröge. In: Publizistik 14. Jg. (1969), S. 327.
  • Berufung von Prof. Dr. Dröge auf den Lehrstuhl für Kommunikationsforschung an der Universität Bremen. In: Publizistik 16. Jg. (1971), S. 424.
  • Dr. Franz Dröge zum Professor ernannt. In: Publizistik 16. Jg. (1971), S. 202.
  • Gerd G. Kopper: Franz Dröge gestorben. In: Publizistik 47. Jg. (2002), S. 468-469.
  • Andreas M. Scheu: Adornos Erben in der Kommunikationswissenschaft. Eine Verdrängungsgeschichte? Köln: Herbert von Halem 2012, S. 174-196.

Empfohlene Zitierweise

    Andreas Scheu: Franz Dröge. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2015. http://blexkom.halemverlag.de/franz-droege/ ‎(Datum des Zugriffs).