Peter Glotz (Foto: privat)

Peter Glotz

6. März 1939 bis 25. August 2005

Lexikoneintrag von Michael Mang am 21. Juni 2013

Peter Glotz gilt als einer der prominentesten Vertreter seines Fachs in Deutschland. Ein Grund dafür ist, dass er neben der Wissenschaft auch in der Politik Karriere machte. Glotz stieg als Politiker bis zum Bundesgeschäftsführer der SPD auf und wurde als erster deutscher Kommunikationswissenschaftler 1996 in Erfurt Rektor einer Universität.

Stationen

Geboren in Eger (Böhmen). Vater deutscher Versicherungsangestellter, Mutter Tschechin. 1959 bis 1964 Studium in München (Zeitungswissenschaft, Philosophie, Germanistik und Soziologie). 1961 SPD-Mitglied. 1964 Magister (Zum Informationsgehalt der westdeutschen Presse). 1964 bis 1970 wissenschaftlicher Assistent am Institut für Zeitungswissenschaft. 1968 Promotion (Doktorvater: Otto B. Roegele). 1970 Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft für Kommunikationsforschung (AfK, bis 1972 Geschäftsführer, vgl. Allwang 2008). 1969/70 Konrektor der Universität München, 1970 bis 1972 Mitglied des Bayerischen Landtages, 1972 bis 1977 und 1983 bis 1996 des Bundestages. 1977 bis 1981 Senator für Wissenschaft und Forschung in Berlin. 1981 bis 1987 Bundesgeschäftsführer der SPD. 1993 Honorarprofessor für Medienökologie und Kommunikationskultur in München. 1996 Gründungsrektor der Universität Erfurt, Professur für Kommunikationswissenschaft. Anfang 2000 bis 2004 Professor für Medien und Gesellschaft am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen. Dreimal verheiratet, ein Sohn.

Publikationen

  • Buchkritik in deutschen Zeitungen. Hamburg: Verlag für Buchmarktforschung 1968 (Dissertation).
  • Der mißachtete Leser. Zur Kritik der deutschen Presse. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1969 (mit Wolfgang R. Langenbucher).
  • Die Benachrichtigung der Deutschen: aktuelle Fernsehberichterstattung zwischen Quoten- und Zeitzwang. Frankfurt/Main: IMK 1998.
  • Die beschleunigte Gesellschaft: Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus. München: Kindler 1999.
  • Die Zukunft des Internet: Internationale Delphi-Befragung zur Entwicklung der Online-Kommunikation. Konstanz: UVK-Medien 2000 (herausgegeben mit Klaus Beck und Gregor Vogelsang).
  • Von Heimat zu Heimat. Erinnerungen eines Grenzgängers. Berlin: Econ 2005.

Peter Glotz gilt als einer der prominentesten Vertreter seines Fachs in Deutschland. Ein Grund dafür ist, dass er neben der Wissenschaft auch in der Politik Karriere machte. Glotz stieg als Politiker bis zum Bundesgeschäftsführer der SPD auf und wurde als erster deutscher Kommunikationswissenschaftler 1996 in Erfurt Rektor einer Universität. Diese Position erreichte Glotz, obwohl er den größten Teil seiner beruflichen Karriere nicht in der Wissenschaft tätig war. Seine akademische Laufbahn begann in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre als Assistent am Institut für Zeitungswissenschaft der Universität München, wo er als erster Student eine Magisterarbeit verfasste. In München wurde Glotz das erste nicht habilitierte Mitglied eines Rektoratskollegiums an einer deutschen Universität. Dennoch kehrte er der Wissenschaft den Rücken und schlug eine politische Laufbahn ein. Obwohl er viele Jahre Politiker war, blieb Glotz für seinen Weggefährten Wolfgang Langenbucher stets ein „Kommunikationswissenschaftler in der Politik“ (Langenbucher 1999: 218), der seine politische Tätigkeit als Publizist intensiv begleitete.

Der mißachtete Leser von Peter Glotz und Wolfgang R. Langenbucher (Quelle: Glotz/Langenbucher 1969)

Der mißachtete Leser von Peter Glotz und Wolfgang R. Langenbucher (Quelle: Glotz/Langenbucher 1969)

Aber auch in seinem Fach hat Glotz Spuren hinterlassen. Das Buch Der mißachtete Leser, ein Gemeinschaftswerk mit seinem Freund Langenbucher, der ebenfalls Assistent in München war, zählt zu den Schlüsselwerken der Kommunikationswissenschaft (vgl. Holtz-Bacha/Kutsch 2002: 155-157). Die Autoren kritisieren darin Journalisten, die ihre eigenen Ansichten und Interessen über die des Publikums stellen. Ihre These: „Journalismus heißt vermitteln; die öffentliche Aufgabe des Journalismus besteht nicht in der öffentlichen Kundgabe einer privaten Gesinnung, sondern sie liegt in der Betreuung, Förderung und Beförderung gesellschaftlicher Kommunikation“ (Glotz/Langenbucher 1993: 11). Für Glotz bestand die Aufgabe des Fachs darin, das Verhältnis von Medien und Gesellschaft zu untersuchen. Den Gegenstand der Kommunikationswissenschaft definierte Glotz, der Münchner Schule folgend (vgl. Eichhorn 2004), als „soziale Zeitkommunikation“. Dieses Begriffssystem ziele auf den kommunikativen Prozess in all seinen „Verästelungen“ in die Gesellschaft hinein. Das war für Peter Glotz bedeutsam, weil man seiner Ansicht nach Kommunikation als Ganzes nur erfassen kann, „wenn man neben den makrokommunikativen auch mikrokommunikative Prozesse analysiert“ (Glotz 1990: 254). Für Glotz besteht die „Urfrage“ des Kommunikationswissenschaftlers in der „Frage nach Wahrheit, Abbildung, Verzerrung, nach gelingender und misslingender Kommunikation“ (Glotz 1998: 11). Er sah die Kommunikation als Problem und die Medien als Lösung einer drohenden Versäulung der Gesellschaft. Die Medien spielten für Glotz in Demokratien die Rolle des Gesprächsmaklers und des Boten (Glotz 2001: 159). So interessierte er sich auch nach seiner Rückkehr in die Wissenschaft vor allem für Innovationen in Tele- und Online-Kommunikation, wie seine Publikationen aus dieser Zeit zeigen. Er sah Medienkompetenz als die Schlüsselqualifikation der Zukunft: „Der Mensch erfährt die Welt über seine Sinne. Diese Sinne richten sich aber nicht nur direkt auf die Welt, sondern auch auf den Spiegel der Medien“ (Glotz 2001: 141).

Die Rolle Peter Glotz’ für das Fach definieren seine Weggefährten als Anreger und Ideengeber (vgl. Mang 2007: 90). Zudem war er ein wichtiger Institutionenbauer, weil er sich sein politisches Geschick zunutze machte, um beispielsweise das Institut in Erfurt aufzubauen und Forschungsgelder zu akquirieren. Er veröffentlichte kaum in Fachzeitschriften, sondern richtete sich bevorzugt an ein breites Publikum: So schrieb Glotz beispielsweise Zeitungskolumnen und moderierte eine politische Talkshow im Fernsehen. Seinen Fachkollegen empfahl er, sich nicht zu stark mit speziellen Fragestellungen aufzuhalten und besser den Blick auf die großen gesellschaftlichen Zusammenhänge zu richten.

Literaturangaben

  • Diana Allwang: Die Arbeitsgemeinschaft für Kommunikationsforschung. Drittmittelaufträge aus Politik und Medienwirtschaft. In: Michael Meyen/Manuel Wendelin (Hrsg.): Journalistenausbildung, Empirie und Auftragsforschung. Köln: Herbert von Halem 2008, S. 85-115.
  • Wolfgang Eichhorn: Vermittlung sozialer Kommunikation. Anmerkungen zur Theorie der Zeitungswissenschaft. In: Michael Meyen/Maria Löblich (Hrsg.): 80 Jahre Zeitungs- und Kommunikationswissenschaft in München. Bausteine zu einer Institutsgeschichte. Köln: Herbert von Halem 2004, S. 141-154.
  • Peter Glotz: Von der Zeitungs- über die Publizistik- zur Kommunikationswissenschaft. In: Publizistik 35. Jg. (1990), S. 249-256.
  • Peter Glotz: Die Benachrichtigung der Deutschen. Aktuelle Fernsehberichterstattung zwischen Quoten- und Zeitzwang. Frankfurt/Main: IMK 1998.
  • Peter Glotz: Von Analog nach Digital: Unsere Gesellschaft auf dem Weg zur digitalen Kultur. Frauenfeld, Stuttgart, Wien: Huber 2001.
  • Peter Glotz/Wolfgang R. Langenbucher: Der mißachtete Leser. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1969 (Neuauflage München: Fischer 1993).
  • Christina Holtz-Bacha/Arnulf Kutsch: Schlüsselwerke für die Kommunikationswissenschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag 2002.
  • Wolfgang R. Langenbucher: Peter Glotz 60 Jahre. In: Publizistik 44. Jg. (1999), S. 218-222.
  • Michael Mang: Das Fachverständnis von Peter Glotz. Ein Grenzgänger zwischen den Feldern Politik und Wissenschaft. Magisterarbeit. München: Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung 2007.

Weiterführende Literatur

  • Wolfgang Bergsdorf (Hrsg.): Erfurter Universitätsreden. Sonderband im Gedenken an Peter Glotz. München: Iudicium-Verlag 2006.
  • Peter Glotz: Von Heimat zu Heimat. Erinnerungen eines Grenzgängers. Berlin: Econ 2005.
  • Peter Glotz: Gelebte Demokratie. Essay und Porträts aus drei Jahrzehnten. Herausgegeben von Annalisa Viviani und Wolfgang R. Langenbucher unter Mitwirkung von Felicitas Walch. Bonn: Dietz 2006.
  • Peter Glotz: Das Gespräch ist die Seele der Demokratie. Beiträge zur Kommunikations-, Medien- und Kulturpolitik. Mit einer Einführung von Michael Meyen. Herausgegeben von Wolfgang R. Langenbucher und Hans Wagner. Baden-Baden: Nomos 2014.
  • Peter Glotz/Stefan Bertschi/Chris Locke (Hrsg.): Daumenkultur. Das Mobiltelefon in der Gesellschaft. Bielefeld: transcript 2006.
  • Peter Glotz/Robin Meyer-Lucht: Online gegen Print. Zeitung und Zeitschrift im Wandel. Konstanz: UVK 2004.
  • Michael Meyen/Maria Löblich (Hrsg.): 80 Jahre Zeitungs- und Kommunikationswissenschaft in München. Bausteine zu einer Institutsgeschichte. Köln: Herbert von Halem 2004.
  • Michael Meyen/Manuel Wendelin (Hrsg.): Journalistenausbildung, Empirie und Auftragsforschung. Neue Bausteine zu einer Geschichte des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung. Mit einer Bibliografie der Dissertationen. Köln: Herbert von Halem 2008.
  • Heinz Pürer: Ernennung von Dr. Peter Glotz zum Honorarprofessor. In: Publizistik 39. Jg. (1994), S. 211.
  • Beat Schmid: Peter Glotz 65 Jahre. In: Publizistik 49. Jg. (2004), S. 344-345.

Weblinks

Empfohlene Zitierweise

    Michael Mang: Peter Glotz. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2013. http://blexkom.halemverlag.de/lexikoneintrag_peter-glotz/ (Datum des Zugriffs).