Heinz Pürer (Foto: Christian Pfaffinger)

Ich sehe mich eher als Lehrer

Veröffentlicht am 31. Juli 2017

Heinz Pürer hat mehrere Studentengenerationen mit seinen Lehrbüchern geprägt. Aus Anlass seines 70. Geburtstages am 13. August 2017 veröffentlicht BLexKom ein Interview, das Michael Meyen und Maria Löblich 2003 in München geführt haben (vgl. Meyen/Löblich 2004: 271-280).

Stationen

Geboren am 13. August 1947 in Krumbach (Niederösterreich). 1967 Jurastudium, 1968 Wechsel zur Publizistikwissenschaft. 1969 Hilfskraft bei Günter Kieslich in Salzburg, 1973 Promotion. 1973 bis 1979 Universitätsassistent. 1979 bis 1986 Geschäftsführer des Kuratoriums für Journalistenausbildung in Österreich. 1984 Habilitation in Salzburg (venia legendi: Publizistikwissenschaft mit besonderer Berücksichtigung des Journalismus und der Journalistenausbildung). 1986 C4-Professur in München (bis 2012).

Wie groß war der Sprung von Österreich nach München?

Nicht so groß. Ich war ja in Österreich an der Universität tätig und habe dann das Kuratorium für Journalistenausbildung mitbegründet und aufgebaut, eine Einrichtung für die berufsbegleitende Journalistenausbildung, getragen vom Verlegerverband, von der Journalistengewerkschaft, vom Zeitschriftenverband sowie vom ORF. Gleichwohl habe ich auch während dieser Zeit immer Lehraufträge am Salzburger Publizistik-Institut wahrgenommen. Übrigens auch in zwei Ferienkursen an der Katholischen Universität Eichstätt.

Und München?

Ich habe mich hier dreimal beworben. 1983 auf eine C4-Stelle, eine neue Stelle. Dann auf die C3-Stelle in der Nachfolge Langenbucher und noch einmal auf die gleiche C4. Die C4-Stelle war neu ausgeschrieben worden, nachdem Kurt Koszyk und Jürgen Wilke abgesagt hatten. Ich wollte wieder zurück an die Universität. Die Arbeit in der berufsbegleitenden Journalistenausbildung war zwar sehr spannend und ich habe tiefe Einblicke in die Praxis erhalten, Einblicke, die mir später im Fach geholfen haben, Fragen zu stellen, die andere nicht stellen konnten. Aber vieles ist dort zur Routine geworden. Ich dachte, das kann es noch nicht gewesen sein. Ich bin an die Universität München gekommen in der Annahme, hier würde ich wieder zum Denken kommen und mehr in das Fach hineinwachsen können.

Eine falsche Annahme?

In das Fach bin ich wohl hineingewachsen, aber zu einem sehr hohen Preis. Zeit zum Nachdenken blieb nicht. Ich bin an ein Institut gekommen, an dem zahlreiche Studenten auf Professoren gewartet haben, die ihre Abschlussarbeiten betreuen. Es liegt mir fern zu klagen, aber die Prüfungslast war von Anfang an gewaltig groß. Ich muss sagen, dass ich darunter in der Anfangszeit sehr gelitten habe. Ich kam mir wie eine Lehr- und Prüfungsmaschine vor.

Gab es irgendwann den Gedanken, auszusteigen?

Es gab zweimal die Möglichkeit, nach Österreich zurückzugehen, auf nicht universitäre Stellen. Einmal ins Kulturmanagement, im anderen Fall in das Privatradiowesen. Mir schien aber, dass ich zumindest in der wissenschaftlichen Lehre nicht schlecht am Platze bin. An die großen Prüfungslasten habe ich mich gewöhnt und mich auch damit abgefunden, dass die wissenschaftliche Arbeit, das Publizieren von Büchern oder Aufsätzen, dass das in der vorlesungsfreien Zeit erfolgen muss, vor allem aber an den Wochenenden und an den Abenden. Trotzdem muss ich sagen, dass mit meiner Berufung nach München kleinere Publikationen seltener geworden sind. Man ist hier mit Lehr- und Prüfungsaufgaben sehr ausgelastet. Ich war damals noch jung, 39 Jahre, und musste mir vieles selbst erst erschließen. Das war schon eine große Herausforderung.

Noch einmal zurück zur ersten Frage, zum Sprung von Österreich nach München. Wie lebt und arbeitet es sich beim großen Nachbarn?

Der kleine Österreicher beim großen Nachbarn? Das habe ich interessanter Weise so nie gesehen. Ich habe immer eher den Eindruck gehabt, mich in Bayern zu befinden und vielleicht nicht so sehr in Deutschland. Die bayerische Mentalität ist der salzburgischen nicht so unähnlich. Vielleicht darf ich auch sagen, dass ich in Salzburg immer sehr westorientiert war. Man konnte dort terrestrisch ARD, ZDF und das bayerische Fernsehen empfangen, auch die bayerischen Hörfunkprogramme. Mein Medienkonsum war stark auf Deutschland ausgerichtet. Vielleicht weil meine Ur-, Ur-, Ur-Ahnen aus dem Nordfränkischen stammen. Die Westorientierung war schon immer da, obwohl ich ja in Wien in die Mittelschule gegangen bin und dort eine starke Ostorientierung hatte. Man darf nicht vergessen, dass auch Österreich vier Besatzungsmächte hatte. Ich bin in der sowjetisch besetzten Zone in Niederösterreich aufgewachsen. Als Kind war das West-Ost-Gefälle für mich in besonderer Weise spürbar. Als ich 1967 zum Studium nach Salzburg kam, hatte ich immer noch das Gefühl, der Westen ist dem Osten Österreichs ökonomisch, kulturell usw. voraus.

Für München war also eher die räumliche Nähe ausschlaggebend als etwa die Tradition des Instituts oder die Personen hier vor Ort.

Ja. Ich glaube, dass ich von der Mentalität her im Norden Deutschlands möglicherweise weniger gut am Platz wäre. Es war die geografische und kulturelle Nähe, die mich angezogen hat.

Gerade in Sachen Journalistenausbildung lief in München ein besonderes Experiment – der Diplomstudiengang Journalistik, der mit der Hoffnung gegründet worden war, Praxis und Theorie zu verbinden. Hat sich diese Hoffnung im Rückblick erfüllt?

Otto B. Roegele (Quelle: Fotoarchiv Rheinischer Merkur)

Otto B. Roegele (Quelle: Fotoarchiv Rheinischer Merkur)

Ich hatte großen Respekt vor den Diplomstudiengängen in Dortmund und München. Das Fach hat ja in seiner Geschichte permanent laviert zwischen wissenschaftlicher Orientierung und praktisch handwerklicher Ausbildung und sich nie wirklich entscheiden können, was nun im Vordergrund stehen soll. Schon deshalb war es von den Professoren Roegele und Langenbucher äußerst verdienstvoll, endlich einmal etwas für eine akademische Journalistenausbildung zu tun. Als ich dann nach München kam, war ich überrascht, dass die Theorie-Praxis-Verknüpfung hier doch nicht ideal war. Es gab zwei Ausbildungsstränge in diesem Studiengang. Auf der einen Seite die sehr praxisorientierte Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule. Trimedial, eine ganz tolle Sache für die Studenten, eine Ausbildung, die sich aber total verselbstständigt hatte. Auf der anderen Seite stand die kommunikationswissenschaftliche Ausbildung an unserem Institut, mit der viele Diplomstudenten offenkundig nicht sonderlich glücklich gewesen sind. Ich habe immer wieder nach der Verzahnung von wissenschaftlicher und praktischer Ausbildung gesucht, beispielsweise in Ethikveranstaltungen. Diese Verzahnung sollten vor allem interdisziplinäre Seminare leisten und Lehrveranstaltungen, die speziell für Diplom-Journalisten gedacht waren. Angesichts der Fülle von Magister-Studenten war es aber äußerst schwierig, ein eigenes Angebot für Diplom-Studenten bereit zu stellen. Dazu kam, dass für interdisziplinäre Veranstaltungen kaum Dozenten aus anderen Fächern oder aus Verwaltung, Industrie und Wirtschaft zu finden waren. Wir waren auch gezwungen, Diplom- und Magister-Studenten in gemeinsame Hauptseminare zu setzen. Die wissenschaftliche Ausbildung hat sich vermischt und vermengt. Es war nicht klar, was denn nun eigentlich das Spezielle am Diplom-Studiengang sein soll.

Gab es keine Reformversuche?

Heinz-Werner Stuiber und ich haben 1990 Anlauf zu einer Reform genommen. Wir waren beide der Auffassung, dass man die kommunikationswissenschaftlichen Inhalte etwas zurückfahren und stattdessen ressortbezogene Nebenfächer in den Vordergrund schieben sollte. Zum Beispiel mehr Politikwissenschaft oder mehr Soziologie. Die Universitätsverwaltung hat uns aber gesagt, dass dies dann kein Diplom-Studiengang für Journalistik mehr wäre.

Wie müsste die ideale Theorie-Praxis-Verzahnung aussehen?

Diplom-Studenten für Journalistik sollen zweifellos über kommunikationstheoretisches, über medien- und berufskundliches Wissen verfügen. Gleichwohl sollte der Schwerpunkt ihres Studiums auf einem Fach liegen, das sie für die spätere Tätigkeit in einem Ressort gut qualifiziert. Vielleicht ein Drittel bis 40 Prozent Kommunikationswissenschaft, der Rest ein oder zwei Nebenfächer, die für eine Ressorttätigkeit qualifizieren.

Und der Praxisanteil?

Ich habe den Eindruck, dass die Verzahnung beispielsweise in Eichstätt besser funktioniert. Dort läuft auch die praktisch-handwerkliche Ausbildung am Institut. Es gibt eigene Dozenten für den praktischen Teil, gemeinsame Veranstaltungen von Praktikern und Wissenschaftlern und damit permanent gedanklichen Austausch. Ich weiß aber nicht, wie man hier in München die Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule enger an das Institut hätte binden können. Aus Absolventenbefragungen wissen wir, dass die Ausbildung dort immer mehr geschätzt wurde als die kommunikationswissenschaftliche. Befremdet hat mich bisweilen, dass studentischen Informationen zufolge Praktiker, die an der Schule unterrichtet haben, unser Studium in Zweifel gezogen haben, um es vorsichtig zu formulieren. Das hat mich ebenso irritiert wie die negativen Äußerungen des einen oder anderen Diplom-Absolventen. Das habe ich nie verstanden. Diesen Personen muss offensichtlich die Selbstachtung abhandengekommen sein.

Otto Roegele hat sich im Rückblick selbst vorgeworfen, keinen wirklichen Dialog zwischen den Schulen im Haus zustande gebracht zu haben (Roegele 1997: 107). Wie hat man sich die Atmosphäre am Institut vorzustellen, als Sie 1986 nach München gekommen sind?

Ich hatte den Eindruck, dass hier viele Lehrmeinungen vertreten sind und dass mit Ursula Koch, mit Heinz-Werner Stuiber und mir neue dazukamen. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass auf der einen Seite die Zeitungswissenschaftler standen und auf der anderen Seite die Nichtzeitungswissenschaftler. So habe ich das nie erlebt. Für mich war immer klar, dass es in unserem Fach Theorien- und Methodenpluralismus geben muss. Deshalb habe ich immer respektiert, was in der Zeitungswissenschaft gemacht wurde. Ich selbst habe mich ihr nie verschrieben, sondern bin den Weg gegangen, den meine Lehrer, Günter Kieslich, Franz Zöchbauer und Michael Schmolke, mehr oder weniger vorgegeben haben. Aus Salzburg habe ich eine Haltung mitgebracht, die der empirischen Kommunikationswissenschaft gegenüber wohlwollend und aufgeschlossen gegenübersteht. Vielleicht hat es das eine oder andere Scharmützel mit zeitungswissenschaftlichen Kollegen gegeben, aber ich denke, wir haben uns sehr gut arrangiert.

Sie haben schon drei Namen genannt: Kieslich, Zöchbauer, Schmolke. Würden Sie diese drei als Ihre Vorbilder bezeichnen?

Günter Kieslich (Foto: privat)

Günter Kieslich (Foto: privat)

Ja, alle drei. Günter Kieslich war ja ursprünglich Historiker. Er hat sich nach seiner Berufung nach Salzburg 1968 sehr rasch auf eine empirische Kommunikationswissenschaft verpflichtet und große Projekte in Angriff genommen. Eine Strukturanalyse der österreichischen Tagespresse (Kieslich 1970) und die berühmte Untersuchung der Volontäre in Deutschland, noch 1971 durchgeführt und dann posthum veröffentlicht (Kieslich 1974). Kieslich hat Methodenvorlesungen gehalten und Theorievorlesungen, bei denen man über alle Ansätze sehr systematisch informiert worden ist, von der normativen Publizistik über die systematische und die funktionale Publizistik bis zum zeitungswissenschaftlichen Ansatz, zur Systemtheorie und zum Marxismus. Meine Einführung in die Publizistikwissenschaft hat 1978 versucht, das zusammenzufassen (Pürer 1978).

Und Schmolke und Zöchbauer?

Michael Schmolke hat mich geprägt durch seine Art, mit Menschen umzugehen. Menschen große Freiräume zu lassen, um sich zu qualifizieren, ein eigenes Profil zu entwickeln. Er war seinen Mitarbeitern gegenüber sehr liberal und großzügig. Wenn in Salzburg doch sehr unterschiedliche Köpfe tätig sind, dann ist das sicher auf diesen Liberalismus von Schmolke zurückzuführen. Franz Zöchbauer wieder war ein begnadeter Pädagoge und Didaktiker. Er ist nach dem überraschenden Tod von Kieslich eingesprungen und hat viele Studenten zur Promotion geführt – auch mich.

Sie waren nach der sogenannten Wende am Neuaufbau des Leipziger Instituts beteiligt. Hat es Sie nie gereizt, dorthin zu gehen?

Ich bin dort in drei oder vier Berufungskommissionen gewesen. Kollege Reimers hatte mich dazu eingeladen. Das hat mich gefreut und geehrt. Ich habe mich allerdings dort nie beworben. Leipzig hat mich als Zeitungsstadt interessiert und als Bücherstadt. Die Sektion für Journalistik der Karl-Marx-Universität habe ich 1976 auf einer Salzburger Exkursion persönlich kennengelernt. Wir waren knapp eine Woche dort. Damals ein anderes System, gleichwohl aber interessant. Es schien mir ehrenwert, ein klein wenig am Wiederaufbau des Instituts mitwirken zu können. Wobei ich sagen muss, dass mich das Auf- und Ausbautempo erstaunt hat.

Was würden Sie jemandem antworten, der sagt, Heinz Pürer hätte seine Reputation nutzen müssen, sich bewerben müssen, um über Rufabwehrverhandlungen die personelle Ausstattung, die finanzielle Ausstattung des Münchner Instituts zu verbessern?

Es gab die eine oder andere Möglichkeit, mich auf andere Stellen wegzubewerben. Ich wollte aber anderswo nicht etwas vorgeben, was ich in Wirklichkeit gar nicht erwogen habe. Vielleicht habe ich so für das Institut Chancen verpasst, bin mir selbst aber treu geblieben.

Gab es überhaupt eine Chance, das Institut zu vergrößern? Heinz-Werner Stuiber meinte, dass die Reputation des Fachs in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre so gering gewesen sei, dass überhaupt keine Aussicht auf neue Stellen bestanden habe.

Hans Wagner, 1996 bis 2001 Dekan der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der LMU München (Quelle: Privatarchiv Philomen Schönhagen)

Meine Professur war ja eine neue Professur, 1983 erstmals interim besetzt. Die Professur war zwar nackt, aber zumindest ein Versuch, den Studentenberg abzubauen. Dass das Fach keine sonderlich große Reputation hatte, ist richtig. Das gilt für die Praktiker ebenso wie für die Universität. Man muss allerdings sagen, dass die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sich damals generell schwergetan hat, die notwendige Anerkennung zu finden. Ich habe dafür eine einfache Erklärung: Unser Fach beschäftigt sich mit Fragen der öffentlichen Kommunikation, mit der Medienberichterstattung, mit dem Journalismus. Notgedrungen müssen wir am Journalismus und an den Medien Kritik üben, vielleicht auch an der Mediengesetzgebung. Von den Praktikern wird das nicht gerne gesehen und gehört. In München kam dazu, dass das Institut ziemlich verwaist war, als Otto Roegele in Pension ging. Wolfgang Langenbucher war nach Wien berufen worden, Klaus Schönbach nach Hannover. Eine Zeitlang war Hans Wagner der einzige Professoren-Kollege hier.

Gibt es etwas, was sich Heinz Pürer vorwirft mit Blick auf das Institut?

Ich denke, in den meisten Institutsbelangen im Großen und Ganzen richtig agiert zu haben. Vielleicht aber war und bin ich insgesamt stets zu sehr um Konsens und Kompromiss bemüht.

Gibt es umgekehrt etwas, worauf Sie stolz sind?

Vielleicht habe ich durch eine recht besonnene Art im Umgang mit Kollegen, mit Mitarbeitern und Studenten zum guten Klima im Institut einiges beigetragen. Das müssen andere beurteilen. Sollte das wirklich der Fall gewesen sein, dann würde mich das freuen.

Und an wissenschaftlichen Leistungen?

Ich würde auf drei Publikationen verweisen. Auf die kleine Einführung in die Publizistikwissenschaft (Pürer 1978), aus der inzwischen ein ganz anderes Buch geworden ist (vgl. Pürer 2003). Dann auf mein Buch Praktischer Journalismus in Zeitung, Radio und Fernsehen (Pürer 1985), das in vier Auflagen herausgekommen ist und in dem es eben nicht nur um praktisch-handwerkliche Aspekte des Zeitungs-, Radio- und Fernsehjournalismus geht, sondern auch um berufs- und medienkundliche Fragen. Und drittens auf die Publikation über die Presse in Deutschland, die einen kompakten Überblick über das Zeitungswesen in Deutschland seit 1445 liefert (Pürer/Raabe 1996). Ich glaube, dass München in Sachen Medienlehre im Fach Akzente gesetzt hat, ich mit meinem Pressebuch und Heinz-Werner Stuiber mit dem Rundfunkbuch (Stuiber 1998). In vielen Instituten sind diese Bücher Pflichtlektüre für die Studierenden.

Welchen Stellenwert hat das Institut im Fach heute? Gibt es Unterschiede zu 1986?

Hans-Bernd Brosius (Foto: Michael Meyen)

Durch die Berufung von Werner Früh und dann durch die Berufung von Hans-Bernd Brosius hat das Institut auch ein gutes empirisches Profil bekommen. Das hat dem Institut sicherlich gutgetan, wobei hier auch früher empirisch gearbeitet wurde. Ich denke etwa an Hertha Sturm, und auch die Arbeitsgemeinschaft für Kommunikationsforschung hat ja zahlreiche Studien angefertigt. Um das Fach insgesamt mache ich mir aber Sorgen.

Warum?

Es entgrenzt nach vielen Richtungen. Wenn man die Studienpläne vergleicht, hat man Mühe, den gemeinsamen Kern ausfindig zu machen. Für Studierende, vor allem aber für Außenstehende ist es schwierig sich vorzustellen, was unsere Wissenschaft tut. Elisabeth Noelle-Neumann hat bereits in den 1970er-Jahren gefragt, ob dies nun eine eigene Disziplin sei oder nur ein Themenkatalog. Bei allen fruchtbaren Anregungen aus anderen Sozialwissenschaften scheint es mir bedeutsam, den Kern nicht aus den Augen zu verlieren: die Beschäftigung mit Journalismus und Massenmedien sowie mit ihren vor- und nachgelagerten Instanzen wie Public Relations oder Werbung. Es wäre schade, wenn die Disziplin zu einer nicht mehr fassbaren Allerweltswissenschaft verkäme. In München besteht diese Gefahr aber nicht.

Wenn man sich die Stellenbesetzungen im Fach anschaut, dann fällt auf, dass das Münchner Institut längst nicht so großen Einfluss hat wie etwa das Institut für Publizistik in Mainz, obwohl dort das Fach erst Mitte der 1960er-Jahre aufgebaut wurde. Woran liegt das? Waren die Münchner nicht gut genug?

In Mainz hat die stark ausgeprägte empirische Linie das Institut sehr geprägt. Wahrscheinlich haben es die Fachkollegen dort besser als wir verstanden, sich auch öffentlich zu artikulieren. Von Noelle-Neumann, Kepplinger oder Donsbach ist ja durchaus heftige Journalismus- und Medienkritik ausgegangen. Ich bin ein eher medienscheuer und harmoniebedürftiger Mensch. In Lehrveranstaltungen fällt es mir dagegen nicht schwer, auf Fehlleistungen im System Massenkommunikation hinzuweisen.

Wären Sie im Rückblick betrachtet lieber auf eine andere Professur berufen worden?

Nein. Ich bin mit München sehr zufrieden. Vor zwei Jahren hatte ich die Möglichkeit, mich in Salzburg zu bewerben. Ich bin angesprochen worden und habe es gleichwohl nicht getan. Ich fühle mich mit den Inhalten, die ich hier in München vertreten kann, recht wohl und glaube auch, dass mein Profil gut zum gesamten Angebot des Instituts passt.

Wo sehen Sie Ihre Position in der Kommunikationswissenschaft?

Von mir ist bekannt, dass ich eher der Lehrende und weniger der empirisch Forschende bin, obwohl ich in meiner Assistentenzeit und in meiner Promotionsarbeit auch empirisch gearbeitet habe. Nach der Matura, nach dem Abitur, wie man hier sagt, wollte ich ursprünglich das Lehramtsstudium ergreifen. In die Publizistikwissenschaft bin ich eher zufällig geraten. Ich war dann schon als Studierender wissenschaftliche Hilfskraft in Salzburg, habe nach dem plötzlichen Tod von Günter Kieslich ein Proseminar leiten müssen und gesehen, dass ich gerne unterrichte. Ich sehe mich auch eher als Lehrer. Als jemand, der versucht, das Fach nach Möglichkeit umsichtig zu beobachten und in möglichst vielen Facetten zu erfassen. Das ist bekanntlich fast nicht mehr möglich. In meinem neuen Handbuch (Pürer 2003) habe ich den Versuch unternommen, das Fach noch einmal in seiner Gesamtheit darzustellen. Ob mir das geglückt ist, müssen andere beurteilen. Ich bin immer gerne Lehrer gewesen. Ich gehe gerne in Lehrveranstaltungen, ich bereite mich auf solche Veranstaltungen auch immer gut vor. Ich liebe es, in solche Veranstaltungen wieder einmal neue Strukturen hineinzubringen, neue Aspekte aufzuzeigen. Ich will bei den Medienentwicklungen à jour sein. Ich gehe gern mit jungen Menschen um und freue mich jedes Mal, wenn eine Lehrveranstaltung gelungen ist. In Vorlesungen gehe ich immer noch mit etwas Herzklopfen und entdecke dann, dass ich alle Ängste ablege und zu einer Form finde, die hoffentlich der Universität angemessen ist.

Was sollte von Heinz Pürer in der Geschichte dieses Instituts bleiben?

Vielleicht würde mich freuen, wenn es einmal heißt: Er war ein guter Lehrer, hat das Fach umsichtig beobachtet und er hat passable Lehrbücher geschrieben.

Literaturangaben

  • Günter Kieslich: Die Struktur der österreichischen Tagespresse 1969. Ergebnisse einer Untersuchung des Instituts für Publizistik und Kommunikationstheorie der Universität Salzburg. Salzburg 1970.
  • Günter Kieslich: Der journalistische Nachwuchs in der Bundesrepublik Deutschland. Daten zur Volontärsausbildung in der Tagespresse. Köln: Bund-Verlag 1974.
  • Michael Meyen/Maria Löblich (Hrsg.): 80 Jahre Zeitungs- und Kommunikationswissenschaft in München. Bausteine zu einer Institutsgeschichte. Köln: Herbert von Halem 2004.
  • Heinz Pürer: Einführung in die Publizistikwissenschaft. Fragestellungen, Theorieansätze, Forschungsrichtungen. München: Ölschläger 1978. Sechs Auflagen bis 1998.
  • Heinz Pürer: Praktischer Journalismus in Zeitung, Radio und Fernsehen. Mit einer Berufs- und Medienkunde für Journalisten in Österreich. Salzburg: Kuratorium für Journalistenausbildung 1985.
  • Heinz Pürer: Publizistik und Kommunikationswissenschaft. Ein Handbuch. Konstanz: UVK 2003. 2. Auflage Konstanz: UVK 2014.
  • Heinz Pürer/Johannes Raabe: Medien in Deutschland. Band 1: Presse. Konstanz: UVK 1996.
  • Otto B. Roegele: Ausbreitung, Lähmung, Konsolidierung – München 1963-1985. In: Arnulf Kutsch/Horst Pöttker (Hrsg.): Kommunikationswissenschaft – autobiographisch. Zur Entwicklung einer Wissenschaft in Deutschland. Opladen: Westdeutscher Verlag 1997, S. 62-109.
  • Heinz-Werner Stuiber: Medien in Deutschland. Band 2: Rundfunk. Zwei Bände. Konstanz: UVK 1998.

Empfohlene Zitierweise

    Heinz Pürer: Ich sehe mich eher als Lehrer. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2017. http://blexkom.halemverlag.de/puerer-interview/ ‎(Datum des Zugriffs).