Klaus Preisigke: Wir waren ein Hort des Opportunismus

Klaus Preisigke hat in Leipzig Fernsehjournalisten ausgebildet und war selbst ein Bildschirmgesicht. Michael Meyen hat mit am 2. April 2015 in Rostock über Eliteausbildung in der DDR gesprochen und über die Vorzüge einer Professur gegenüber einer Laufbahn im Journalismus und in der Partei.


Stationen

Geboren am 31. Dezember 1939 in Zepernick. 1958 Wehrdienst bei der NVA. 1960 Volontariat, Neuer Tag. 1961 bis 1965 Studium an der Fakultät für Journalistik in Leipzig. 1965 Redakteur beim Deutschen Fernsehfunk. 1968 wissenschaftlicher Assistent für Fernsehjournalistik an der Sektion Journalistik, 1973 Oberassistent, 1975 Dozent für Fernsehjournalistik. 1972 Promotion A, 1980 Promotion B. 1980 Sekretär des Rates für journalistikwissenschaftliche Forschung der DDR. 1986 Leiter des Lehrstuhls für Fernsehjournalistik, 1988 ordentlicher Professor (bis 1991). 1990 Fernsehrat des Deutschen Fernsehfunks. 1992 freier TV-Journalist. Seit 2004 im Ruhestand. In zweiter Ehe verheiratet, eine Tochter.

Publikationen

  • Die Entstehung des Deutschen Fernsehfunks in der Periode des Aufbaus der Grundlagen des Sozialismus in der DDR. Karl-Marx-Universität Leipzig: Fakultät für Journalistik 1965 (Diplomarbeit).
  • Fernsehjournalistische Genres. Darstellung von Gestaltungsprinzipien der wichtigsten journalistischen Aussageformen im sozialistischen Fernsehen. Karl-Marx-Universität Leipzig: Sektion Journalistik 1972 (Dissertation).
  • Zur Spezifik des sozialistischen Fernsehjournalismus und zu einigen aktuellen Problemen der Nutzung medialer Mittel und Möglichkeiten bei der journalistischen Darstellung der Wirtschafts- und Sozialpolitik im Fernsehen der DDR. Karl-Marx-Universität Leipzig: Sektion Journalistik 1980 (Promotion B).
  • Einführung in die journalistische Methodik. Leipzig: Bibliographisches Institut 1985 (Leiter des Autorenkollektivs).
  • Das Fernsehen der BRD. Strukturen-Inhalte-Methoden. Potsdam: Hochschule für Film und Fernsehen 1986 (Herausgeber).
Könnten Sie zu Beginn etwas über Ihr Elternhaus erzählen, Ihre Kindheit, Ihre Jugend?
Klaus Preisigke 2015 in Rostock (Foto: Michael Meyen)

Klaus Preisigke 2015 in Rostock (Foto: Michael Meyen)

Ich komme aus einem kleinbürgerlichen Milieu. Meine Eltern hatten ein Geschäft in Zepernick, das ist am Rande von Berlin. Milch, Käse, Butter.

Das klingt gut.

Das Geschäft ging auf meinen Großvater zurück. Ein toller Mann. Ein Eisenbahnarbeiter, der in der Weltwirtschaftskrise arbeitslos wurde und dann anfing, mit dem Leiterwagen Milch in die Siedlung zu fahren.

Als Eisenbahnarbeiter?

Sie hatten ein bisschen Landwirtschaft. Eine Kuh im Stall und so. Dieser Großvater hat daraus dann in ein paar Jahren ein gut gehendes Geschäft gemacht. 1937 ist er gestorben, mit 54. Da gab es ein Geschäftshaus, einen Pferdestall und drei Filialen im Ort.

Sie sprechen vom Vater Ihres Vaters?

Ja. Mein Vater hat nie einen Beruf gelernt. Er ist Jahrgang 1912 und als Junior in das Geschäft hineingewachsen. Meine Mutter hatte Buchhalterin gelernt. Die Familie ist so sehr gut durch den Krieg gekommen.

Musste Ihr Vater nicht an die Front?

Nein. Er war Kurierfahrer in Berlin und kam jeden Abend mit einem großen schwarzen Auto nach Hause. Das hat zu Neid und Missgunst geführt. Nach dem Krieg haben die Leute ihn das spüren lassen.

Wie haben Sie das Kriegsende erlebt?

In einem Keller in Zepernick. Die Russen kamen ja schon im April. Uns war gesagt worden, dass sie Kinder fressen. Als ich aus dem Keller kam, lief der erste Russe auf mich zu und nahm mich lachend auf den Arm. Ich war starr vor Schreck.

Wie ist es Ihrem Vater ergangen?

Er ist mit dem Auto geflohen und in britischer Gefangenschaft gelandet, bis 1948. Er hat später versucht, sich wieder selbstständig zu machen. Das ist ihm aber nicht erlaubt worden. Am Ende ist er im Handel gelandet.

Und das Milchgeschäft?

Das lief erst mal weiter. Das machte meine Oma. Zu verdienen war damit aber nichts. Meine Mutter hat nach dem Krieg die Oma durchbringen müssen, ein Dienstmädchen und uns drei Jungs. Ich war der mittlere.

Was hat sie gemacht?

Sie war Hauptbuchhalterin in einer Zigarettenfabrik. Sie bekam Zigaretten als Deputat. Das hat die Familie ernährt. Später wurde sie Hauptbuchhalterin der HO-Gaststätten im Kreis Niederbarnim. 1952 kam sie deshalb vor das Bezirksgericht in Frankfurt (Oder).

Wie das?

Der Leiter einer Ausflugsgaststätte in Wandlitz ist mit der Pfingstkasse nach Westberlin gegangen. Meine Mutter und ihr Chef wurden deshalb angeklagt. Mangelnde Wachsamkeit. Der Chef ging tatsächlich ins Gefängnis, und meine Mutter bekam eine Bewährungsstrafe. Sie hat gleich gekündigt.

Das spricht nicht gerade für einen DDR-freundlichen Haushalt.

Das hat die politische Situation in der Familie geprägt, ja. Kleinbürgerliche Leute, denen es in der Nazizeit gut ging, die Hitler akzeptierten und sicher immer die Fahne rausgehängt haben. Zu Hause wurde nur Rias gehört. Bis dann der SFB startete. DDR-Radio gab es bei uns nicht. Wir sind auch viel nach Westberlin gefahren.

Wie sind Sie in so einem Milieu auf die Idee gekommen, 1958 freiwillig zur Armee zu gehen?

Eben nicht freiwillig.

Die Wehrpflicht kam erst 1962.

Ja. Sie müssen dazu wissen, dass wir C-Kinder waren. Weder Arbeiter noch Bauern. Um an die Oberschule zu kommen, mussten wir besser sein als die anderen. Mein älterer Bruder bekam keinen Studienplatz, als er 1958 Abitur machte. Er musste erst mal bei der Bahn anfangen. Meine Eltern wollten nicht noch jemanden so lange durchschleppen. So viel hat meine Mutter nicht verdient als Hauptbuchhalterin in einer Genossenschaft. Sie wollte, dass ich etwas Kaufmännisches mache.

Das wollten Sie aber nicht.

Ohne jetzt angeben zu wollen: Ich habe die Schule mit Auszeichnung abgeschlossen und war da der King. Ich musste einfach studieren.

Deshalb die NVA.

In der Oberschule hat eine Kommission beschlossen, dass ich nur studieren darf, wenn ich freiwillig zur Armee gehe. Ich habe mich mit Händen und Füßen gewehrt. Gandhi als Vorbild. Nie eine Waffe in die Hand nehmen. Das hat mein Vater uns eingebläut. So ist seine Generation aus dem Krieg gekommen.

Durfte diese Kommission so etwas überhaupt beschließen?

Nein. Das war nicht rechtmäßig. Wenn ich mich mit meiner Abiturnote an einer Universität beworben hätte, wäre ich sicher genommen worden, aber nicht in der Journalistik. Wir haben uns ins Bockshorn jagen lassen und uns alle verpflichtet. Das war das Ziel des Direktors. Die Universitäten hatten dann aber so wenige Bewerber, dass einer nach dem anderen freigestellt wurde. Es blieben nur drei übrig. Einer davon war ich. Die Journalisten hatten genug Bewerber.

Der Wehrdienst als Preis für den Studienplatz.

So kann man das sehen. Ich bin Pionier geworden, weil ich an die Oberschule wollte. Vorher spielte das keine Rolle. Wir hatten vielleicht vier oder fünf Pioniere in der Klasse. An der Oberschule war ich dann FDJ-Sekretär der Klasse, gleichzeitig noch in der Jungen Gemeinde in Bernau.

Warum das?

Nicht aus religiösen Motiven, sondern wegen der kostenlosen Posaune. Wir waren Jazz-Fans und wollten spielen wie Louis Armstrong. Dann wurde die Junge Gemeinde zur Spionageorganisation erklärt und man musste sich entscheiden.

Für die FDJ.

In der Oberschulzeit wuchs schon meine ausgeprägte sozialistische Grundüberzeugung. Mit der BRD, mit Adenauer und alten Nazis verband mich wenig.

Können Sie sich erinnern, welche Idee Sie als Oberschüler mit dem Journalistenberuf verbunden haben?
Schlüsselübergabe in der Komischen Oper Berlin, 1966. Oberbauleiter Walter Schwarz (links) und Intendant Walter Felsenstein. Mit dem Mikrofon in der Mitte: TV-Reporter Klaus Preisigke (Foto: Zentralbild/Franke, Privatarchiv Klaus Preisigke).

Schlüsselübergabe in der Komischen Oper Berlin, 1966. Oberbauleiter Walter Schwarz (links) und Intendant Walter Felsenstein. Mit dem Mikrofon in der Mitte: TV-Reporter Klaus Preisigke (Foto: Zentralbild/Franke, Privatarchiv Klaus Preisigke).

Eigentlich noch gar nichts. Das war zunächst auch gar nicht mein Ziel. Ich war ein Theater- und Filmfreak. Ein glühender Brecht-Verehrer. Ich war in einem dramatischen Zirkel, als Rezitator. Ich habe Wettbewerbe gewonnen. Der Zirkel wurde im Fernsehen vorgestellt. Ich habe da Gedichte gesprochen. Als das Jugendfernsehen anfing, durfte ich auch ein paar Sätze vor der Kamera sprechen.

Also ging es von Anfang an um das Fernsehen.

Ich fing Feuer für dieses Medium, ja. Mein Englischlehrer fuhr mit mir zu Karl-Eduard von Schnitzler. Die beiden waren zusammen bei der BBC. Schnitzler sagte mir, ich müsse zur Filmhochschule oder Journalistik studieren.

Warum nicht die Filmhochschule?

Die Hürden für die Aufnahme schienen mir sehr hoch. Ich habe immer geschwankt, weil ich gern Schauspieler geworden wäre. Am Theater konnte man aber nicht viel verdienen.

Hatten Ihre Eltern ein Fernsehgerät?

Meine ersten Auftritte hat meine Mutter bei wildfremden Leuten gesehen. 1957 hatten wir dann ein Gerät. Ziemlich früh (vgl. Meyen 2001).

Ihr Volontariat haben Sie aber bei einer Tageszeitung gemacht.

Das bestimmte die Fakultät. Ich kam aus dem Bezirk Frankfurt (Oder) und wurde zum Neuen Tag geschickt. Das war meine erste Berührung mit der Presse und mit dem Journalismus. Ich war natürlich von Heinz Florian Oertel begeistert und habe jetzt bei Ihnen gelesen, dass das vielen anderen auch so ging (vgl. Meyen/Fiedler 2011). Sportreporter war ein Traumziel. Mir gefiel es, vor Leuten aufzutreten.

Wenn Sie Ihre Studienzeit an der Fakultät mit dem vergleichen müssten, was ich dann Ende der 1980er-Jahre erlebt habe: Wie würden Sie das machen?

Das Jahr 1961 ist ganz entscheidend. Die Atmosphäre war giftig, schon beim Neuen Tag. Der stellvertretende Chefredakteur hat uns als Erstes gesagt, Journalismus sei kein Beruf, sondern eine Parteifunktion.

Wie haben Sie reagiert?

Man hat sich geduckt und gesagt: Da musst du durch. In Leipzig war es dann noch schlimmer. Wir haben ja kurz nach dem Mauerbau angefangen. Gleich in der ersten Woche gab es ein FDJ-Verfahren gegen ein Ehepaar, das am 13. August im Lotterbett war und nicht da, wo die Partei die beiden brauchte. Sie sollten aus der FDJ ausgeschlossen werden.

Was haben Sie gesagt?

Erst mal gar nichts. Ich kannte die beiden ja nicht. Die meisten waren vorher zusammen im Kartoffeleinsatz gewesen. Eine Woche später kassierte die Parteileitung aber diesen Rausschmiss. Wir mussten wieder diskutieren und ich habe gefragt, ob wir denn letzte Woche alle Dummköpfe gewesen seien. Wissen Sie, was der Parteisekretär gesagt hat?

Nein.

Lieber Jugendfreund, letzte Woche war das richtig. Heute haben wir aber eine neue Situation. Ich dachte, hier bist du falsch. Das kannst du nicht vier Jahre aushalten.

Warum sind Sie geblieben?

Sie kennen ja den Spruch: Die Überzeugung kommt, wenn du dabei bist. Bei der Armee war ich am Ende eine Art hauptamtlicher FDJ-Sekretär. Ich habe dort unheimlich viel Kultur gemacht. Wir hatten eine Agitpropgruppe, und ich war bei den Arbeiterfestspielen. Ich hätte damals Leiter der Kulturabteilung im Rat des Bezirks Neubrandenburg werden können. Mit 20. Die vier Jahre Studium waren dann auch schön.

Trotz der giftigen Atmosphäre?

Das klärte sich ja allmählich. Ich hatte tolle Kumpels. Leipzig als Filmstadt. Ich war schnell in der Leitung des Filmklubs der Universität. Wir haben tolle Sachen gemacht.

Was zum Beispiel?
Klaus Preisigke (2. von links) auf der Leipziger Dokfilmwoche 1982. Rechts neben ihm: Karl Gass und Gitta Nickel (Foto: Podszuweit, Privatarchiv Klaus Preisigke).

Klaus Preisigke (2. von links) auf der Leipziger Dokfilmwoche 1982. Rechts neben ihm: Karl Gass und Gitta Nickel (Foto: Podszuweit, Privatarchiv Klaus Preisigke).

Wir haben Filme aus dem Staatlichen Filmarchiv geholt und vor Studenten vorgeführt. Wir haben mit dem Haus der polnischen Kultur und mit dem Haus der tschechischen Kultur gearbeitet. Wir hatten dann richtig Geld und konnten uns leisten, ins Filmarchiv nach Berlin zu fahren. Dort wurden ja viele Filme, die westliche Verleihe anboten, vier Wochen geprüft und schwarz kopiert. Ich war über Jahrzehnte eng mit der Leipziger Dokumentar-Filmwoche verbunden. Das war unser Tor zur Welt. In den 1970er- und 1980er-Jahren habe ich dort über ein Jahrzehnt die mitternächtlichen Filmdiskussionen geleitet und dadurch viele Filmemacher kennengelernt.

Und an der Fakultät?

Ich war dann in der Kulturgruppe. Wir wurden ja nach Fachrichtungen aufgeteilt. Jürgen Nowak war dabei, der dann den Eulenspiegel herausgegeben hat. Dazu die Tochter von Hermann Henselmann. Unser Ideal war sozialistische Geselligkeit. Wir hatten einen angesagten Stammtisch. Einmal im Monat haben wir Gäste eingeladen. Henselmann, Ernst Busch. Die sind alle gern gekommen.

Als Seminargruppe?

Ja. Das Studium ist mir sehr leicht gefallen. Ich wollte noch Theaterwissenschaft machen und bin zu Wolfgang Rödel gegangen, der damals Dekan war.

Und?

Er hat mich für verrückt erklärt und auf die vielen Beschwerden von Studenten verwiesen, die sich überfordert fühlten.

Alles, was Sie jetzt erzählt haben, ist mehr oder weniger außerhalb der Fakultät gelaufen. Haben die Inhalte dort für Sie gar keine Rolle gespielt?

Das kann man so nicht sagen. Wir hatten eine sehr breite Literaturausbildung. Auch die Marxismus-Lehrer haben uns zum Teil neue Welten eröffnet. Das Studium war mit Pressegeschichte überfrachtet, was immerhin für die Allgemeinbildung ganz nützlich war. Was aber das eigentliche Fach angeht, die journalistische Methodik: Das war damals sehr dürftig.

Sie sind nach dem Diplom zum Fernsehen gegangen. War Wissenschaft damals schon eine Option für Sie?

Überhaupt nicht. Ich war im Praktikum beim Fernsehen, im dritten Studienjahr. Ich habe da sehr schnell Fuß gefasst. Ich war in der Kulturabteilung der „Aktuellen Kamera“ und konnte einen Beitrag nach dem anderen drehen. Sonst war es aber wie im Studium oder im Volontariat: Man musste Genosse sein. Sonst blieb man außen vor. Ich habe aber erst die Einsatzgespräche abgewartet. Ich hatte immer Angst, mit Parteiauftrag irgendwo hingeschickt zu werden.

Zurück zum Neuen Tag.

Das vielleicht nicht. Ich hatte ja sehr gute Noten und dann auch ein Wilhelm-Pieck-Stipendium. Die Gefahr hieß eher Funktionärslaufbahn. Als ich Kandidat der SED wurde, bin ich sofort FDJ-Sekretär der Fakultät geworden und in die Parteileitung kooptiert worden. Am selben Tag. Das Damoklesschwert war die FDJ-Kreisleitung. Die haben immer bei den Journalisten gesucht. Hans Poerschke hat das ja erlebt, und Karl-Heinz Röhr musste die Universitätszeitung machen.

Wie lief es beim Fernsehen?

Ich hatte gute Startbedingungen, durch das Praktikum und durch den Kontakt zur Redaktion. Ich wurde schnell Reporter. Dann passierte das, was mich auch immer verfolgt hat: die besten Genossen an die wichtigsten Sachen. Was wichtig war, hat aber nicht immer Spaß gemacht. Ich durfte zum Beispiel mit Ulbricht durchs Land reisen oder mit Kosmonauten. Protokollberichterstattung. Keine journalistische Herausforderung.

Und der Funktionär Klaus Preisigke?
Klaus Preisigke (links) und FDJ-Chef Günter Jahn 1967 auf dem Parlament der FDJ in Karl-Marx-Stadt (Quelle: Privatarchiv Klaus Preisigke)

Klaus Preisigke (links) und FDJ-Chef Günter Jahn 1967 auf dem Parlament der FDJ in Karl-Marx-Stadt (Quelle: Privatarchiv Klaus Preisigke)

Ich bin auch im Fernsehen gleich in die Parteileitung gekommen. Als 1967 das Parlament der FDJ in Karl-Marx-Stadt tagte, wurde das zum Jugendobjekt unter meiner Leitung. Ich musste jeden Tag zu Werner Lamberz. Ich erinnere mich an eine Schlüsselszene, an einen offenen Brief von Stoph an Kiesinger. Zwei Seiten im ND. Ich dachte, heute wird die FDJ ein bisschen kleiner. Lamberz packte mich am Jackett und sagte (ahmt Lamberz nach, mit tiefer, tragender Stimme): Klaus, hier in Karl-Marx-Stadt wird darüber beraten, wie die Jugend in Deutschland ihren sozialistischen Staat aufbaut. Was gibt es Wichtigeres?

Hat er das ernst gemeint?

Er hat das wirklich geglaubt, ja.

Wie sind Sie zurück nach Leipzig gekommen?

Der Kaderperspektivplan im Fernsehen sah vor, dass ich drei Jahre an die Parteihochschule nach Moskau gehe, mit der Idee, später die „Aktuelle Kamera“ zu leiten. Wer aus Moskau zurückkam, war aber Parteikader. Das konnte auch Bezirksleitung Suhl heißen. In der gleichen Zeit hat mich Leipzig angefordert. Es wurden Leute gebraucht, die Journalisten für das zweite Fernsehprogramm ausbilden.

Die Fakultät als kleineres Übel.
Festakt zum Sektionsgeburtstag 1984. Vorn von links: Wolfgang Rödel, Manfred Seidler, Franz Knipping, Arnd Römhild, Horst Ulbricht, Fred Güldemann, Günter Labudda. Werner Michaelis sitzt ganz links in Reihe 3. Neben ihm: Jürgen Seifferth, Fredo Frotscher, Ulrich Langer, Hartmut Blumenauer, Tobias Liebert und Arnold Hoffmann. Über Michaelis in Reihe 4: Karl-Heinz Röhr. Daneben: Rolf Schulze, Ursula Wächter, Bärbel Böttcher, Manfred Anders, Klaus Preisigke (Quelle: Privatarchiv Werner Michaelis).

Festakt zum Sektionsgeburtstag 1984. Vorn von links: Wolfgang Rödel, Manfred Seidler, Franz Knipping, Arnd Römhild, Horst Ulbricht, Fred Güldemann, Günter Labudda. Werner Michaelis sitzt ganz links in Reihe 3. Neben ihm: Jürgen Seifferth, Fredo Frotscher, Ulrich Langer, Hartmut Blumenauer, Tobias Liebert und Arnold Hoffmann. Über Michaelis in Reihe 4: Karl-Heinz Röhr. Daneben: Rolf Schulze, Ursula Wächter, Bärbel Böttcher, Manfred Anders, Klaus Preisigke (Quelle: Privatarchiv Werner Michaelis).

Ja. Auch die privaten Verhältnisse haben für Leipzig gesprochen. Wir wohnten im Prenzlauer Berg mit Kleinkind im Hinterhof im vierten Stock, ohne Krippenplatz. Meine Frau wollte unbedingt zurück nach Leipzig. Heinz Adameck, der Fernsehchef, und Franz Knipping, damals Dekan, haben einen Vertrag über vier Jahre unterschrieben, der meine Promotion vorsah und die Rückkehr zum Fernsehen.

Haben Sie je bedauert, dass es dazu nicht gekommen ist?

Ich wollte schon zurück und habe ja auch immer nebenbei gemuggt. Von der Ostseewoche hier in Rostock berichtet oder eine Moderation in Berlin übernommen. Das Familieneinkommen aufbessern. Im Fernsehen wusste man auch schon, wo ich hinkomme. Es gab dort eine Kommentatorengruppe. Schnitzler, Günter Herlt, Heinz Grote, Günter Leucht. Volker Ott und ich haben für Lamberz Probekommentare gesprochen. Das wäre eine gute Basis gewesen, um Auslandskorrespondent zu werden.

Es kam aber anders.
Lothar Werner Rathmann, Rektor der Universität Leipzig (links), und Emil Dusiska bei der Gründung der Sektion Journalistik (Quelle: Privatarchiv Karl-Heinz Röhr)

Lothar Werner Rathmann, Rektor der Universität Leipzig (links), und Emil Dusiska bei der Gründung der Sektion Journalistik (Quelle: Privatarchiv Karl-Heinz Röhr)

Dusiska bekam davon Wind und schrieb dem Fernsehen, dass man nicht Huhn und Eier zur gleichen Zeit haben könne. Ich könne zurück, wenn Berlin zwei gleichwertige Leute schicke. Dazu kam, dass Dusiska ja gern eine eigenständige Hochschule in Berlin gehabt hätte, ab 1973/74. Die Kombination schien mir verlockend: Uni in Berlin und beim Fernsehen nur das, was einem Spaß macht. Es gab dann noch eine Initiative von Adameck, mich zu holen. Dusiska bekam aber davon Wind und hat das bei Lamberz unterbunden.

Und Sie haben an der B-Promotion gearbeitet (vgl. Preisigke 1980).

Das war mein Plan: Mit 40 die B, zehn Jahre Fernsehen und dann als Professor alt werden. Als es soweit war, zog es mich nicht mehr zum Fernsehen. Ich wollte nicht einer dieser Halbleiter werden, die Befehle weitergeben. In Leipzig hatte ich, immer natürlich im Rahmen des Sektionsgefüges, mit meiner Fernsehlehrgruppe und später dem Fernsehlehrstuhl eine vergleichsweise große Unabhängigkeit. Da redeten nicht viele rein.

Gibt es jemanden, den Sie als Ihren akademischen Lehrer bezeichnen würden?

Dieter Glatzer, ein wirklich theoretischer Kopf. Er hat an der Parteihochschule promoviert und war lange stellvertretender Vorsitzender des Fernsehkomitees. Glatzer war der Einzige, der das gemacht hat, was ein guter Chef machen sollte.

Was ist das?

Er ist mit mir zusammen meine Beiträge durchgegangen. Er hat mich auf seine Datsche eingeladen und über das geredet, was ich in den letzten Jahren gemacht habe. Das habe ich so nie wieder erlebt.

Und an der Fakultät?

Ich habe Hermann Budzislawski verehrt. Er hat uns Türen geöffnet. Als Studenten durften wir zum Beispiel eine Woche ans Berliner Ensemble und Erich Engel bei den Proben zuschauen. Sehr geholfen hat mir am Anfang Karl-Heinz Röhr. Meine Ehrfurcht vor der Wissenschaft habe ich aber schnell verloren.

Warum das?

Manche Kollegen belehrten mich anfangs darüber, dass ein Wissenschaftler niemals Zeit hätte, und erzählten von tollen Ideen, die ihnen nachts um halb eins gekommen wären. Wenn es aber darum ging, Manuskripte zum Termin auf den Tisch zu legen, streikte der Genius. Dusiska hatte auch keine hohe Meinung von der Wissenschaft.

Er war ja auch kein Wissenschaftler.
IAMCR-Tagung 1978 in Warschau. Links Emil Dusiska, neben ihm Langzeitpräsident James Halloran (Leicester; Quelle: Privatarchiv Werner Michaelis).

IAMCR-Tagung 1978 in Warschau. Links Emil Dusiska, neben ihm Langzeitpräsident James Halloran (Leicester; Quelle: Privatarchiv Werner Michaelis).

Wir sind öfter zusammen nach Berlin gefahren. Einmal hat er mir gesagt (spricht im Berliner Dialekt): Ich sage dir, Klaus, diese ganze Gesellschaftswissenschaft ist wie ein Ballon. Du stichst rein und pffff. Da bleibt nichts übrig. Er sah ja, dass die anderen ihn in Leipzig bewundert haben, obwohl er kein Wissenschaftler war.

Seine Dissertation hat er ja offenbar in einem Jahr geschrieben (vgl. Dusiska 1965).

Und es durfte sie keiner sehen. Wir haben das versucht.

Wie sind Sie zu Ihrem Promotionsthema gekommen (vgl. Preisigke 1972)?

Eigentlich wollte ich etwas über Fernsehnachrichten machen. Als ich Anfang 1968 kam, gab es aber auch ein Lehrbuchprojekt, von Robert Michel. Grundlagen der Fernsehjournalistik. Ich sollte dafür etwas über Genres schreiben. Als das fertig war, habe ich das als Dissertation eingereicht. Das wurde mehrfach nachgedruckt und ist in Prag, Bratislava und Sofia übersetzt worden. Die Nachrichtenarbeit blieb auf der Strecke, aber ich hatte meinen Termin gehalten.

Was ist aus dem Lehrbuch geworden?

Kein Lehrbuch. Wir haben aber ein Kompendium mit Lehrmaterial herausgegeben. Sieben Hefte mit über 1000 Seiten zur Fernsehjournalistik, in enger Kooperation mit erfahrenen Praktikern. Mir wuchs am Ende die Leitung dieses Projekts zu. Ich habe ja auch schnell die Lehrgruppe Fernsehjournalistik geleitet.

Und die Promotion B (vgl. Preisigke 1980)?
Manuskript von Klaus Preisigke, Juli 1989. Mitarbeit: Heinz Halbach und Edmund Schulz.

Manuskript von Klaus Preisigke, Juli 1989. Mitarbeit: Heinz Halbach und Edmund Schulz.

Ich wollte wieder etwas zur Fernsehspezifik machen. Das war mein Thema: Was ist beim Fernsehen anders als bei den anderen Medien? Das habe ich mit einem Forschungsprojekt verbunden: Wie wird über Wirtschafts- und Sozialpolitik berichtet. Da hingen fünf oder sechs Dissertationen dran. Das wurde eine Art Fernsehlehrbuch, vor allem der erste Teil.

Was genau hat der Rat für journalistikwissenschaftliche Forschung gemacht?

Das war eine Idee von Dusiska. Es gab ja in allen Gesellschaftswissenschaften solche Räte.

Aufwertung.

Ja. So wie er auch eine eigene Hochschule haben wollte. Erstens wollte ihn aber niemand wieder in Berlin haben, und außerdem hätte Glatzer gern eine Fernsehhochschule gehabt. Das passte nicht zusammen.

Zurück zum Rat.

Dusiska hat dort Spitzenleute aus den Medien versammelt. Alles, was es in der DDR zum Thema gab, sollte diesem Rat zur Kenntnis gegeben werden. Ich kam erst dazu, als Gerhard Fuchs Sektionsdirektor wurde.

Wer war vorher Sekretär?

Peter Viertel. Die Antrittsrede von Fuchs habe ich in Berlin geschrieben und er hat das einfach vorgelesen. Eigentlich spielte dieser Rat dann keine Rolle mehr. Höchstens als Instrument von Wolfgang Wittenbecher, der sich da seine Politik abnicken ließ und an der Sektion so jede Diskussion unterbinden konnte. Mir hat der Rat aber Türen geöffnet.

Wie das?

In der DDR durfte ja kein Institut die gesamte Medienlandschaft abdecken. Das Fernsehen hat zum Fernsehen geforscht und das Radio zum Radio (vgl. Stiehler 2014). Das konnte ich umgehen. Über Lothar Bisky habe ich ein paar Medienfragen in der Zwillingsforschung von Walter Friedrich am Institut für Jugendforschung untergebracht (vgl. Friedrich et al. 1999). Richtig genutzt haben wir diese Zugänge aber alle nicht. Was hatte man schon davon, das zu wissen.

Wie Karl-Heinz Röhr sind Sie vergleichsweise spät ordentlicher Professor geworden, mit knapp 50. Haben Sie das damals als Problem empfunden?

Ja. Ich war ab 1983 Leiter eines Wissenschaftsbereichs, Spezielle Journalistik. Unter mir hatte ich drei ordentliche Professoren. Uwe Boldt, Fritz Beckert, Wolfgang Rödel. Deren wissenschaftlicher Ehrgeiz hatte zu dieser Zeit ein bescheidenes Maß erreicht. Die Arbeit habe ich gemacht. Fuchs hat ja anders geleitet als Dusiska, der alles immer auf sich bezogen hat. Fuchs war ein guter Leiter. Er hätte auch Kombinatsdirektor sein können. Ich fand schon ungerecht, dass sich manche da einfach zur Ruhe setzen konnten.

Wer hat über die Professuren entschieden?

Offiziell zunächst der Rat der Sektion, dann der Rat der Fakultät. Im Kern aber Fuchs, Wittenbecher und die Abteilung Agitation im ZK. Immer aber im Rahmen der Stellenpläne an der Universität. Es war festgelegt, dass die Sektion zehn ordentliche Professoren hat. Man musste also auf eine ‚biologische Lösung‘ warten. In meinem Fall die Emeritierung von Wolfgang Rödel. Wichtiger als der Titel war mir aber die Unabhängigkeit in der Arbeit, das Maß an Selbstbestimmung.

Welche Rolle hat das in Leipzig gespielt, was in der Bundesrepublik an Forschung lief und später dann vielleicht auch in Sachen Journalistenausbildung?
Gerhard Maletzke (Foto: Dorothee Stommel)

Gerhard Maletzke 2005 (Foto: Dorothee Stommel)

Als ich studiert habe, war Maletzke im Gespräch.

Die Psychologie der Massenkommunikation (Maletzke 1963).

Ja. Die Fachliteratur spielte schon eine Rolle, auch in meiner Dissertation. Über die Ausbildung wusste ich wenig.

In Leipzig wurde Ende der 1960er-Jahre um das Ausbildungskonzept gerungen. Wie bewerten Sie diese Auseinandersetzungen im Rückblick?

Die Studenten haben damals ganz richtig erkannt, dass die Vorbereitung auf den Beruf zu kurz kam. Eine Universität kann natürlich keine Schreibschule sein. Da gibt es viele Illusionen. Ich hatte ja auch einen Lehrauftrag an der Filmhochschule. Da war das Verhältnis von Theorie und Praxis anders. Mir schwebte immer eine Art Meisterprinzip vor. Junge Journalisten an Mentoren binden. Axel Kaspar sagt ja zum Beispiel, wie wichtig für ihn Jean Villain war (vgl. Meyen/Fiedler 2011: 311). Dafür ist der Lehrbetrieb an einer Uni mit einem breiten Fächerkanon und festen Vorlesungszeiten aber denkbar ungeeignet.

An der Sektion gab es immerhin das Übungssystem.

Ja. Wir haben ganz gute Erfahrungen in einer vergleichsweise praxisnahen Ausbildung und Entwicklung journalistischer Fertigkeiten gesammelt. Da konnten die Studenten zeigen, ob sie journalistisch etwas auf dem Kasten haben oder nicht. Aber es gab natürlich auch Grenzen.

Welche?

Zum einen die Recherchemöglichkeiten. Man kann reale Menschen und reale Situationen nicht einfach an die Uni holen. Und dann gab es, auch ideologisch bedingt, die irrige Vorstellung, es gebe zu jedem Thema eine Art Musterbeitrag, an dem man die Übungsprodukte messen könne.

So funktioniert Journalismus nicht.

Nein. Man muss auf jeden Stoff und jeden Autor individuell eingehen. Und dann bestimmt der Mentor mit seiner journalistischen Qualifikation, wie professionell er Beiträge analysieren und Individualitäten fördern kann. Da fehlte es uns an ‚Meistern‘.

Gab es zu viel Ideologie in der Lehre?
Zweitauflage des Methodik-Lehrbuchs von 1988 (Leipzig: VEB Bibliographisches Institut)

Zweitauflage des Methodik-Lehrbuchs von 1988 (Leipzig: VEB Bibliographisches Institut)

Natürlich. Ich habe ja das Autorenkollektiv (1985) geleitet, das das Lehrbuch zur journalistischen Methodik herausgegeben hat. Sachlich-faktisch ist das auf einem guten Niveau. Das kann mit den Hallers mithalten (vgl. Haller 1983, 1987). Das Ganze ist aber ideologisch überfrachtet.

Ihr Kollege Wolfgang Tiedke hat gesagt, er habe sich schon als Student Anfang der 1970er-Jahre abgeschminkt, dass die Journalistik in der DDR eine Wissenschaft sei (Meyen/Fiedler 2011: 79). Hat Tiedke recht?

Ja und nein. Dabei kommt es natürlich schon mal auf den Wissenschaftsbegriff an. Wenn man Wissenschaft als gesammelte und systematisierte Erfahrung versteht, war das schon Wissenschaft – in der journalistischen Methodik, in der Stilistik, auch in der Pressegeschichte. Problematisch sind die ideologisch durchtränkten theoretischen Ansätze zur Bewusstseinsbildung oder die vergleichsweise simplen Vorstellungen zur Planung und Leitung des Journalismus nach ideologischen Leitlinien. Man hatte die Idee, dass die Dosierung der Inhalte zu messbaren Resultaten führen könnte, ähnlich dem Nürnberger Trichter.

Haben Sie sich an der Sektion eher als Wissenschaftler gefühlt oder als Lehrer und Erzieher, vielleicht sogar wie Tiedke als Politiker?

Gar nicht als Politiker. Als Wissenschaftler schon. Einige Sachen, die wir gemacht haben, waren hilfreich. Praxisnah. Als ich meinen Frieden mit der Sektion gemacht hatte, in den 1980er-Jahren, da habe ich mich auf die Ausbildung konzentriert. Ich war gern Hochschullehrer, mit Liebe und Engagement. Ich bin mehrfach ausgezeichnet worden für gute Nachwuchsförderung. Meine Leute wussten, dass ich sie zum Ziel führen werde. Und dann habe ich mich mit den guten Studenten verbündet.

Das Meister-Schüler-Prinzip.

Nein, ich habe mich nie als journalistischer Meister gefühlt und war auch keiner. Ich habe aber immer gern mit den besonders Befähigten gearbeitet und in jedem Jahr mit drei oder vier Studenten Fördervereinbarungen geschlossen. Durch die guten Beziehungen zum Fernsehen hatten wir hervorragende Bedingungen. Im Kern haben wir ja das Personal für nur einen Betrieb ausgebildet. Da konnte man Begabte gezielt und früh auf bestimmte Einsatzfelder vorbereiten. Die mussten mehr bringen, aber das hat Spaß gemacht.

An welche Studenten erinnern Sie sich besonders gern?

Das ist schwierig. Es sind so viele. Martina Wagner zum Beispiel, die später beim MDR meine Redaktionsleiterin war. Sabine Grote, die ein Zusatzstudium an der Filmhochschule gemacht hat. Ingo Dubinski, Andreas Brückner oder Wolf-Dieter Jacobi, heute Programmdirektor beim MDR. Das Prinzip des Meisterschülers habe ich auch in einem Forschungsprojekt umgesetzt. Die Erfahrung profilierter Fernsehjournalisten an die nächste Generation weiterzuleiten.

Wurde das veröffentlicht?

Nein. Das war mein letztes Projekt, 1985 bis 1990. Wir haben ja immer in einer Art Fünfjahrplan gearbeitet. Die Studenten sollten ein Jahr lang Spitzenjournalisten des Fernsehens bei der Arbeit begleiten und beobachten, ihre Berufsbiografie registrieren und im Fernsehstudio ein ausführliches Werkstattgespräch aufnehmen, mit Analyse und Bewertung. Ich wollte einen Film und ein Buch daraus machen. Es gab 15 oder 16 solcher Diplomarbeiten. Das hat den Studenten auch beim Berufseinstieg geholfen.

Anke Fiedler (2014) hat in Ihrer Dissertation über Medienlenkung in der DDR neben den Behörden in Berlin und den Leitmedien an dritter Stelle die Leipziger Journalistenausbildung genannt, noch vor dem MfS. Haben Sie sich als Medienlenker verstanden?

Nein. Wir wurden überhaupt nicht ernst genommen. Vielleicht hat man in Leipzig die Unterwerfung gelernt. Ich habe auch über meine Schere im Kopf nachgedacht und darüber, wie ich sie weitergegeben habe. Die Studenten kamen ja auch und haben gefragt, wie sie sich in bestimmten Versammlungen verhalten sollen. Für das Funktionieren des Systems war das wichtig. Wir haben die passgerechten Kader geliefert.

Wie haben Sie in Leipzig die Zusammenarbeit mit der Abteilung Agitation im ZK erlebt?

In meiner Arbeit überhaupt nicht. Aber die Sektion war ja direkt an den Sektor Presse angebunden. Dort war Georg Förster eher eine kleine Nummer. Aber groß, wenn er an die Sektion kam. Da war er das ZK. Es hatte sich eingebürgert, dass Gisela und Wolfgang Wittenbecher ihn schon am Abend vorher einluden und so mitbekamen, was das ZK gerade von uns wollte. Einmal hatte ich den Auftrag, für die Abteilungen Agitation und Wirtschaftsführung die Serie „Wettlauf mit der Zeit“ zu analysieren und vor den Machern aufzutreten.

Das gab es also schon.

Das war ein Tanz auf der Rasierklinge. Adameck und Klaus Raddatz waren dabei und auch Leute von Günter Mittag. Die haben die Filme gelobt, obwohl sie zum großen Teil platte Agitation waren. Ich wollte vor der versammelten Journalistenelite nicht meinen Ruf als Fernsehfachmann aufs Spiel setzen.

Wie haben Sie das gelöst?

Die Inhalte wurden hochgelobt, um dann bei der Gestaltung auf immense ‚Wirkungsreserven‘ aufmerksam zu machen. Als ich dann aufgefordert wurde, Ähnliches auf dem Kongress der Film- und Fernsehschaffenden zu machen, musste ich ablehnen. Da waren die Spannungen zwischen Agitation und Kunst nicht mehr überbrückbar.

Wenn Sie nach 1990 die Möglichkeit für einen Neuaufbau gehabt hätten: Was hätten Sie beibehalten?

Wir haben gute Erfahrungen gemacht in der praxisnahen Ausbildung, bis hin zu dem Übungssystem. Man kann das Leben natürlich nicht an die Uni holen. Ausgebaut hätte ich das Interdisziplinäre. Ein Kombinationsstudium zum Beispiel. Wir haben das ja probiert. Zwei Jahre bei uns, zwei Jahre in einem anderen Fach (vgl. Kirschey-Feix 2011: 211). Aber das ist in die Hose gegangen.

Warum?

In den ersten beiden Jahren haben die Studenten die Grundlagen bekommen, in jedem Fach. Es gibt ja diesen Witz von einem Mann, der sich bei einem Wirt beklagt, dass seine Frau nicht kochen könne. Er schickt sie zu einem Kochkurs, ist aber nach einem Vierteljahr wieder in der Kneipe. Der Wirt will natürlich wissen, warum.

Und?

Im Kurs waren sie erst bei der Oktoberrevolution. Das ist unseren Studenten passiert. In der Begabtenförderung haben wir das besser gemacht. Ich habe jemanden zum Arabischstudium geschickt, der dann gleich als Praktikant nach Kairo ging.

Wann haben Sie gewusst, dass es beim Neuaufbau keinen Platz für Sie geben würde?
Diskussion an der Sektion Journalistik 1990. Hans Poerschke (links) und Klaus Preisigke. Im Hintergrund: Günter Rager (Quelle: Privatarchiv Klaus Preisigke).

Diskussion an der Sektion Journalistik 1990. Hans Poerschke (links) und Klaus Preisigke. Im Hintergrund: Günter Rager (Quelle: Privatarchiv Klaus Preisigke).

Das habe ich für mich ganz früh entschieden.

Selbst entschieden?

Ja. Dieter Wiedemann und ich haben Karl Friedrich Reimers in Tutzing getroffen, als er gerade den Auftrag bekommen hatte, Leipzig neu zu gründen. Er hat gesagt, für uns beide sei da immer Platz.

Was haben Sie geantwortet?

Sie können das vorschlagen, Herr Reimers, aber in Sachsen wird mich kein schwarzer Minister berufen. Die haben die Sektion nicht aufgelöst, um die alten Professoren durch die Hintertür zurückzuholen.

Das Wissen um politische Realitäten als Grund.

Der zweite Grund ist aber mindestens genauso wichtig. Ich hatte das Gefühl, die Studenten nicht mehr für den Job fit machen zu können. Eine Art Kompetenzverlust. Ich habe mir bei RTL von jungen Burschen erklären lassen müssen, wie Fernsehen geht. Das war gar nicht mehr mein Fernsehen. Außerdem hätte ich ja überall ans Brett genagelt werden können. Die Publikationen aus den letzten 20 Jahren, mit all der Apologetik.

Haben Sie damals bedauert, nicht wie Hans Poerschke oder Karl-Heinz Röhr einfach in den Ruhestand gehen zu können?

Zuerst dachte ich: Pech gehabt. Ich habe das aber relativ schnell akzeptiert. Ich wollte ja immer in die Praxis. Und ich war auch noch zu jung und hatte ja die entsprechenden Erfahrungen.

Gibt es Wissenschaftler oder Fernsehpraktiker, die für Sie eine Vorbildfunktion hatten oder haben?

Am Anfang stand Heinz Grote. Mein erster Chefredakteur. Er war auch später noch einer der Chefs, die auf gute Sprache geachtet haben und auf das Bild. Nicht mehr, als er in die andere Liga aufstieg und stellvertretender Komiteevorsitzender wurde. Auch Günter Herlt war ein großartiger Journalist. Dann Dieter Glatzer.

Zu welchen Kolleginnen und Kollegen an der Sektion hatten Sie einen besonders guten Draht?

Vor allem am Lehrstuhl. Ich habe darauf geachtet, kluge, junge Leute zu holen. Wir haben uns umeinander gekümmert. Das hält bis heute. Dann war Karl-Heinz Röhr immer wichtig. Auch Hans Poerschke und Günter Raue.

Und umgekehrt: Gab es Gegner, Konkurrenten, Feinde?

Bestimmt. Bei der Wahl zum stellvertretenden Sektionsdirektor bin ich 1990 ja durchgefallen. Mir wurde gesagt, dass die Gegenstimmen vor allem von den Kollegen kamen und weniger von den Studenten. Das hatte sicher auch etwas mit Neid zu tun.

Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz sind?

Schon auf die klugen und erfolgreichen Absolventen. Ich sehe ja im Fernsehen, wie viele sich bis heute gut schlagen.

Andererseits: Gibt es etwas, was Sie heute anders machen würden?

Man muss ja immer die Bedingungen sehen. Es fängt ja bei der Berufswahl an. Schon als Abiturient habe ich gedacht, im Westen würdest du vielleicht Jura studieren. Rhetorisch bist du gut genug. Im Osten machte das keinen Sinn. Im Journalismus fühlte ich mich aber immer an der richtigen Stelle. Was ich bis heute schlimm finde, sind die sinnlosen Sitzungen und Diskussionen und die überflüssige Armee. Ich musste ja 15 Jahre Kampfgruppe machen. Die vielen Wochenenden und Nächte im Wald tun heute noch weh.

Sie haben es aber gemacht.

Ich mochte es schon damals nicht. Ich bin aber auch ein Mensch, der nicht lange lamentiert, wenn etwas nicht zu ändern ist. Das ist ein Stück Opportunismus. Man konnte sich sogar in der Kampfgruppe einrichten. Ich lag dort ja auch mit Professoren aus der Physik oder der Chemie. Das hat mir später als Wissenschaftsjournalist geholfen. In einer Parteiversammlung habe ich einmal gesagt, dass wir ein Hort des Opportunismus waren. Es gab ein Riesengeschrei. Aber wir hatten doch hoffentlich alle eine andere Vorstellung von gutem Journalismus.

Was soll eines Tages vom Journalistenausbilder und Fernsehjournalisten Klaus Preisigke bleiben?

Da gibt es nichts, was die Zeiten überdauert. Außer die Menschen, die man ausgebildet hat. Und eine großartige Tochter.

Literaturangaben

  • Autorenkollektiv: Einführung in die journalistische Methodik. Leipzig: Bibliographisches Institut 1985.
  • Emil Dusiska: Aufgaben und Arbeitsweise der Tageszeitungen der SED bei der Erläuterung und Verwirklichung des neuen ökonomischen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft. Berlin: Institut für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED 1965.
  • Anke Fiedler: Medienlenkung in der DDR. Wien: Böhlau 2014.
  • Walter Friedrich/Peter Förster/Kurt Starke (Hrsg.): Das Zentralinstitut für Jugendforschung Leipzig 1966-1990. Geschichte, Methoden, Erkenntnisse. Berlin: edition ost 1999.
  • Michael Haller: Recherchieren. Ein Handbuch für Journalisten. Basel: Lenos 1983.
  • Michael Haller: Die Reportage. Ein Handbuch für Journalisten. Basel: Lenos 1987.
  • Ingrid Kirschey-Feix: Biermann war für mich ein Einschnitt. In: Michael Meyen/Anke Fiedler: Die Grenze im Kopf. Journalisten in der DDR. Berlin: Panama Verlag 2011, S. 210-218.
  • Gerhard Maletzke: Psychologie der Massenkommunikation. Theorie und Systematik. Hamburg: Hans-Bredow-Institut 1963.
  • Michael Meyen: Hauptsache Unterhaltung. Mediennutzung und Medienbewertung in Deutschland in den 50er Jahren. Münster: Lit 2001.
  • Michael Meyen/Anke Fiedler: Die Grenze im Kopf. Journalisten in der DDR. Berlin: Panama Verlag 2011.
  • Klaus Preisigke: Fernsehjournalistische Genres. Darstellung von Gestaltungsprinzipien der wichtigsten journalistischen Aussageformen im sozialistischen Fernsehen. Karl-Marx-Universität Leipzig: Sektion Journalistik 1972.
  • Klaus Preisigke: Zur Spezifik des sozialistischen Fernsehjournalismus und zu einigen aktuellen Problemen der Nutzung medialer Mittel und Möglichkeiten bei der journalistischen Darstellung der Wirtschafts- und Sozialpolitik im Fernsehen der DDR. Karl-Marx-Universität Leipzig: Sektion Journalistik 1980.
  • Hans-Jörg Stiehler: Ich bin ein Teamarbeiter. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2014.

Weblink

Empfohlene Zitierweise

  • Klaus Preisigke: Wir waren ein Hort des Opportunismus. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2015. http://blexkom.halemverlag.de/klaus-preisigke/ (Datum des Zugriffs).