Wulf Skaun: Es gibt keine unpolitische Wissenschaft

Als führender Wissenschaftsmethodiker und Mitglied der SED-Kreisleitung war Wulf Skaun Ende der 1980er Prototyp der künftigen Professorengeneration an der Sektion Journalistik. Michael Meyen hat mit ihm am 22. Juni 2015 in Leipzig über seinen Weg an die Universität gesprochen sowie über seine Arbeiten zur Mediensoziologie und zur Medienpolitik.


Stationen

Geboren am 5. Mai 1945 in Bad Kleinen. 1963 Abitur in Wismar. Schriftsetzerlehre. 1965 bis 1968 Wehrdienst bei der NVA. Volontariat bei der Ostsee-Zeitung, Rostock. 1969 Journalistikstudium an der Universität Leipzig. 1973 Diplom. Forschungsstudium. 1976 Promotion. Wissenschaftlicher Assistent in Leipzig. 1982 Promotion B (Habilitation). 1984 Hochschullehrer und geschäftsführender Leiter des Lehrstuhls Massenmedien und politische Massenarbeit. 1974 bis 1989 Mitglied der Kreisleitung der SED an der Universität Leipzig. Zum 30. April 1991 Aufhebungsvertrag mit der Universität. Redakteur bei der Leipziger Volkszeitung, zunächst in Leipzig und dann vom 16. Februar 1992 bis zum 31. Mai 2010 in der Lokalredaktion Wurzen. Verheiratet, zwei Kinder.

Publikationen

  • Erfordernisse und Möglichkeiten der Nutzung medienspezifischer Wirkvorzüge für eine differenziertere und wirksamere aktuell-politische Berichterstattung durch Tagespresse, Rundfunk und Fernsehen. Karl-Marx-Universität Leipzig: Sektion Journalistik 1976 (Dissertation, mit Wolfgang Tiedke).
  • Grundlagen der Inhaltsanalyse in der sozialistischen Journalistik, Leipzig 1982 (theoretische Basis für die Promotion B, mit Wolfgang Tiedke).
  • Zur Funktionsweise der Bezirkszeitungen der SED als Instrumente der Partei zur politischen Leitung sozialer Prozesse. Forschungsbericht. Karl-Marx-Universität Leipzig: Sektion Journalistik 1982 (empirische Basis für die Promotion B, mit Wolfgang Tiedke, Rainer Gummelt und Rüdiger Krone).
  • Soziologie der Massenmedien – ein unentbehrliches Teilgebiet der Journalistik. In: Theorie und Praxis des sozialistischen Journalismus 13. Jg. (1985), S. 255-262.
  • Politik und Wissenschaft in der politischen Massenarbeit der journalistischen Medien: Überlegungen zu einigen Erfordernissen heutiger Politikvermittlung. In: Theorie und Praxis des sozialistischen Journalismus 14. Jg. (1986), S. 312-319.
Könnten Sie zu Beginn etwas über Ihr Elternhaus erzählen, Ihre Kindheit, Ihre Jugend?
Wulf  Skaun 2014 (Foto: Andreas Röse)

Wulf Skaun 2014 (Foto: Andreas Röse)

Ich bin das Kind eines richtigen Proleten, der auch selbst wiederum aus einem klassischen Arbeiterhaushalt stammte. Mein Vater war auf dem Weg zum Chemielaborant, als der Krieg kam. Meine Mutter wurde auf einem Bauernhof geboren. Beide stammen aus der Stettiner Gegend. Vertriebene, wie man heute sagt. Flüchtlinge.

Wurde Ihr Vater nicht eingezogen?

Doch. Er ist im April 1945 schwer verwundet worden, bei Kassel. Er hat ein Bein verloren und mehrere Finger und kam erst 1947 als Krüppel wieder zu uns. Meine Mutter war hochschwanger und ist auf der Flucht bis Bad Kleinen gekommen. Auf dem Bahnhof hat mich dort ein englischer Offizier geholt. Er schrieb auch eine kleine Geburtsurkunde. She gave birth to a male child. Adolf, Hermann und Joseph hat er ihr verboten. Alles andere war okay.

So kommt ein Ort wie Bad Kleinen in Ihre Unterlagen.

Meine Mutter blieb nur ein paar Tage dort und ging dann nach Hohen Viecheln. Dort gab es eine Hühnerfarm, wo sie eine Art Babyklinik aufgebaut hatten. Mir wurde erzählt, dass der Arzt mich auf den Arm genommen und zu meiner Mutter gesagt hat: Aus Ihrem Wulf mache ich einen feinen Mann, Frau Skaun.

War Ihre Mutter politisch?

Nein. Ihr Elternhaus auch nicht. Sie war aber im BDM, wie alle ihre Freundinnen. Hitlertreu erzogen. Man kann ja in den alten Ufa-Filmen sehen, wie die Massen jubelnd an die Straßen gelaufen sind, wenn Hitler vorbeifuhr.

Und Ihr Vater?

Als er zu uns nach Hohen Viecheln kam, hörte er vom Neulehrerprogramm. Der Referent in Rostock sagte ihm, das würde sofort klappen, wenn er denn in die neue Partei eintrete. Er sei doch sicher auch gegen den Krieg, mit seinen zerschossenen Gliedern und als Arbeiterkind.

Hatte die Familie vorher etwas mit den Arbeiterparteien zu tun?

Mein Opa väterlicherseits war ein Salonsozialist, dann aber auch in der SED. Mein Vater war in der HJ, ohne Funktionen. In Hohen Viecheln war er dann Parteisekretär des Ortes, Chef der Nationalen Front und Schuldirektor. Meine Mutter führte die Volkssolidarität und den Demokratischen Frauenbund an. Alles traf sich bei uns zu Hause. Ich habe meinen Eltern später gesagt, die Welt ist ein Irrenhaus und bei euch ist die Zentrale.

Wie groß war der Ort?

1000 Seelen, vielleicht etwas mehr. Es gab zwei Kneipen, zwei Bäcker, zwei Schuster, Fleischer, Schmied, Stellmacher, Tischler und andere Handwerker. Ein Dorf mit allem Drum und Dran, mit einer eigenen Schule. Und der einzigen Kirche ringsum.

Und Familie Skaun hat die Macht.
Arbeitsgemeinschaft Junge Brandschutzhelfer 1960. Zweiter von links: Wulf Skaun (Foto: privat)

Arbeitsgemeinschaft Junge Brandschutzhelfer 1960. Zweiter von links: Wulf Skaun (Foto: privat).

Familie Skaun machte die politische Führungsarbeit in der neuen Zeit. Als Kind fand ich das putzig. Es wurde erzählt, dass ich im Kindergarten auf ein Stühlchen gestiegen sei und gerufen hätte: Genossen, seid ihr für den Frieden? Mit drei Jahren. Mit sechs soll ich mit einem blauen Fahnenfetzen durchs Dorf gezogen sein, etliche Kinder hinter mir, und „Bau auf, bau auf“ gesungen haben.

Wie haben die Alteingesessenen reagiert?

Sie haben meinen Vater goutiert. Er war leutselig und hilfsbereit. Ich bin ein Abziehbild von ihm. Alles war wichtiger als die eigene Familie. Auch die, die die Roten gehasst haben, kamen zu uns und ließen sich von ihm beraten und Schreiben aufsetzen. Die Leute haben ihm vertraut. Für uns Söhne und unsere Freunde war er manchmal weniger angenehm, weil er streng war und auf Formen achtete. Man hatte Guten Tag zu sagen.

Wie viele Geschwister haben Sie?

Zwei. Mein erster Bruder ist 1947 an plötzlichem Kindstod gestorben. Der zweite wurde 1948 geboren. Er war ganz anders als ich, wilder. Ich war dreieinhalb Jahre älter und wurde von meiner Mutter für ihn verantwortlich gemacht. Ich war ruhig und ging immer voran. In der Schule war ich ab der fünften Klasse Freundschaftsratsvorsitzender und verwaltete die Bibliothek. Ich war Rezitator, habe im Chor gesungen und hatte die meisten Zeilen, wenn wir Theater gespielt haben. Das wurde ausgezählt. Nach den Schulstunden war ich Direktor im Kinderzirkus Bums und Hauptmann der Pionierfeuerwehr. Ohne mich ging keine Tür zu. Mein Bruder sagte später, ich sei eine Kinderpersönlichkeit gewesen.

Wie wichtig war Ihrer Mutter, was Sie in der Schule gemacht haben?

Sie hatte nur die achte Klasse und hat das immer sehr bedauert. Wir Jungs sollten unbedingt Abitur machen. Meine Mutter hat mit über 40 selbst noch eine Fachschule für Krippenerzieherinnen besucht. Sie hat sogar noch eine Kinderkrippe geleitet, aber nur für zwei Jahre. Das war dann doch zu viel.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Journalist zu werden?
Wulf Skaun (links) und DDR-Radsportlegende Täve Schur (Foto: Alexander Skaun)

Wulf Skaun (links) und DDR-Radsportlegende Täve Schur (Foto: Alexander Skaun)

Das war wie bei vielen anderen (vgl. Meyen/Fiedler 2011). Das hat mit Täve Schur zu tun, mit der Friedensfahrt, mit Heinz Florian Oertel. Die letzte Etappe 1957, das war wie ein Krimi. Die DDR hat fünf Minuten aufgeholt und wurden noch Mannschaftssieger. Wir saßen ständig vor dem Radio. Wie dieser Mann, der die Reportagen sprach: So wollte ich auch werden.

Erst mal sind Sie wahrscheinlich Jugend- oder Volkskorrespondent geworden.

Das war später. In Wismar, bei der Kreiszeitung. Da konnte ich gleich ganze Seiten voll schreiben. Ich habe mich auch in die Leitung des Jugendklubhauses wählen lassen und dort die Öffentlichkeitsarbeit gemacht. Berichtet, was los war. Ich habe mich sogar an Rezensionen gewagt. Herrenpartie von Wolfgang Staudte. Mit schlechtem Gewissen, weil nicht alles auf meinem Mist gewachsen war.

So ist Journalismus.

(lacht) Das wusste ich damals noch nicht. Als Abiturient bekam ich plötzlich das Angebot, auch Diplomat werden zu können.

Wie das?

Der Direktor der Erweiterten Oberschule trug mir das an. Ich war der Jahrgangsbeste. Ich habe mich aber nicht beirren lassen. In Deutsch war ich gut. Aufsätze. Die wurden sogar vorgelesen. Ich wollte Journalist werden.

Sie haben aber zunächst eine Lehre gemacht.

Ich sollte den Beruf von der Pike auf lernen, rieten mir Lehrer. Es konnte damals keiner wissen, dass wir das Ende des Gutenberg-Zeitalters noch selbst erleben.

Neben der Lehre hatten Sie schon den Wehrdienst und anderthalb Jahre Volontariat hinter sich, als Sie zum Studium kamen.
Die Doktoranden Wolfgang Tiedke und Wulf Skaun (vorn) sprechen das Gelöbnis. 16. Juli 1976 (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Die Doktoranden Wolfgang Tiedke und Wulf Skaun (vorn) sprechen das Gelöbnis. 16. Juli 1976 (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Der Wehrdienst war der größte Brocken. Auf der Unteroffiziersschule wurden wir richtig geschliffen. Der Major war schon bei der Wehrmacht gewesen. Die rauen Umgangsformen, diese Fäkalsprache. Ich dachte, das kann nicht Sozialismus sein.

Keine Zweifel am Studienwunsch und am großen Ganzen?

Überhaupt nicht. Ich habe gedacht, die Partei und der Staat müssen mir später helfen, wenn ich hier gedient habe. Außerdem begriff ich die Armeezeit als eine Schule fürs Leben. Im ersten halben Jahr bin ich zum Mann geworden. Von 120 Unteroffiziersschülern war ich der einzige Abiturient. Ich hätte in den Medpunkt gehen können.

Warum sind Sie nicht gegangen?

Weil ich dachte, wenn ich schon einmal Militärdienst leiste, dann will ich auch ein richtiger Soldat sein.

Und Ihr Vater? Er war doch ohne Bein aus dem Krieg gekommen.

Ich bin ja nicht ganz freiwillig drei Jahre gegangen. Schon in der Oberschule hat man versucht, mich anzuwerben. In der Druckerei habe ich dann viel mit den Älteren geredet. Unser Staat, die Zukunft und so. Eben agitiert, wie ich es aus der Schule kannte.

Wie führt das zum längeren Wehrdienst?

Eines Tages kam der Betriebsdirektor und sagte: Kollegen, das Wehrkreiskommando und die Kreisleitung wollen, dass wir einen von uns für drei Jahre schicken. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Alle Köpfe drehten sich zu mir.

Der Agitator, klar.

Keiner hat etwas gesagt. Ich wusste: Ich war gemeint. Mein Vater musste ja auch militärischen Nachwuchs werben. Es hätte sonst schnell geheißen, dass er mit zweierlei Maß misst. Ich wollte außerdem auf Staatskosten studieren.

Wissen Sie noch, was Sie von diesem Studium erwartet haben?

Nach dem Stimmbruch wusste ich, dass ich kein zweiter Oertel werde.

Also Presse.
Wolfgang Rödel gratuliert Wulf Skaun zur Verteidigung der Dissertation. Im Hintergrund: Wolfgang Tiedke (2. von rechts) und Wolfgang Wittenbecher (2. von links). Verdeckt: Uwe Boldt und Emil Dusiska (ganz links). 16. Juli 1976 (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Wolfgang Rödel gratuliert Wulf Skaun zur Verteidigung der Dissertation. Im Hintergrund: Wolfgang Tiedke (2. von rechts) und Wolfgang Wittenbecher (2. von links). Verdeckt: Uwe Boldt und Emil Dusiska (ganz links). 16. Juli 1976 (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Ich hatte die Aufnahmeprüfung für das Studium bestanden, in Berlin. Im Herbst 1964, noch vor der Armee. Mein politisch grundierter Text wurde vorgelesen. Ich war ein Parteigänger dieser Republik.

Angefangen haben Sie erst fünf Jahre später.

1966 kam ein Schreiben: Wir haben das Volontariat als Bedingung eingeführt. Bewirb dich mal schon.

Ostsee-Zeitung, Rostock.

In die Kreisredaktion nach Wismar wollte ich nicht. Also eine Stufe höher. Bei der Armee habe ich ja auch schon für die Volksarmee geschrieben und für die Armee-Rundschau.

Warum sind Sie nicht einfach in Rostock geblieben?

Das wollte mein Lokalchef. Er sagte, ich könne sein Nachfolger werden. Wenn ich mir meine Beiträge von damals anschaue: So übel war das nicht. Ich wollte es aber genau wissen und auch das Studentenleben genießen, mit 24.

Das klingt gut.
Leipziger Journalistikstudenten 1969. Rechts oben Wulf Skaun, neben ihm Wolfgang Tiedke. Vor den beiden mit Korb: Daniela Gerstner (später Zimmer, noch später Dahn; Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Leipziger Journalistikstudenten 1969. Rechts oben Wulf Skaun, neben ihm Wolfgang Tiedke. Vor den beiden mit Korb: Daniela Gerstner (später Zimmer, noch später Dahn; Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Es war dann aber nicht so mit dem Genießen. Ich hatte schnell Funktionen. Leitungsmitglied in der Abteilungsparteiorganisation, Mitglied von Kommissionen. Und ich hatte tüchtig zu büffeln. Vor allem in den Fremdsprachen. Das Abi war sechs Jahre her.

Die Universität hatte gerade die dritte Hochschulreform erlebt. Haben Sie davon etwas gespürt?

Das wussten wir alles nicht. Wir wussten nicht, dass es einmal Lehrstühle gegeben hatte, die jetzt als bürgerlicher Zopf abgeschnitten worden waren. Wir wussten auch nicht, dass Leute zu Professoren und Dozenten gemacht wurden, weil es plötzlich die Chance dazu gab.

Damals wurde auch das Übungssystem eingeführt, um näher an die Praxis zu kommen.

Ich hatte ja in Rostock schon viel geschrieben. Mein zweiter Beitrag in diesem Übungssystem wurde als Muster öffentlich bewertet. Ein Vorlesungsresümee, also gar nichts Journalistisches. Wir hatten auch Mentoren von außerhalb. Bei Hans-Dieter Tok von der Leipziger Volkszeitung bekam ich für mein Porträt eine Eins. Als Einziger. Nicht so gut war ich bei Heinz Knobloch, im Feuilleton (vgl. Knobloch 2002).

In einem Interview mit Stephan Dehn und Falk Mittenzwei (2009) haben Sie von Promikindern gesprochen, die mit Ihnen studiert haben. Wie konnte das sein, wenn es eine Aufnahmeprüfung gab?
Exkursion nach Rostock im ersten Studienjahr im Rahmen des Übungssystems. Wolfgang Tiedke (links) und Wulf Skaun (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Exkursion nach Rostock im ersten Studienjahr im Rahmen des Übungssystems. Wolfgang Tiedke (links) und Wulf Skaun (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Ich bin nicht dabei gewesen. Die anderen waren alle auch etwas jünger als ich. Wolfgang Tiedke ja erst 18, ein „mittleres“ Promikind (vgl. Tiedke 2011). Die Tochter von Hermann Axen war da, Kati. Von Markus Wolf war die Tatjana da und von Günther Kleiber sogar Sohn und Schwiegertochter, glaube ich. Michael Sindermann. Vorher Thomas Brasch. Das waren jetzt nur Sprösslinge von ZK- und Politbüro-Mitgliedern. Von anderen Eliten weiß ich gar nicht mehr alle. Daniela Dahn war mit Tiedke und mir in einer Seminargruppe. Eine geborene Gerstner.

Hat Sie so viel Prominenz nicht gestört?

Nein. Wir fühlten uns sogar ein bisschen aufgewertet. Wenn die auch alle Journalisten werden wollten, dann konnte das so verkehrt nicht sein. Spannungen gab es da nicht.

Hat sich das, was Ihnen als Student angeboten wurde, von dem unterschieden, was Sie selbst in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre gelehrt haben?

Das kann ich so gar nicht beantworten. Vielleicht erzähle ich einfach, wie ich das dann gemacht habe. Das fängt mit dem Methodischen an. Ich habe schon als Oberschüler alles durchgeplant. Vielleicht habe ich auch als Lehrerkind mitbekommen, wie man planen muss. Welches Ziel hat die Stunde, wie gehe ich vor? Das hieß auch, gut vorbereitet zu sein und auf die Minute genau mit einer Zusammenfassung Schluss zu machen. Vor allem habe ich versucht, seminaristisch vorzugehen.

Diskutieren.

Ja. Ich habe versucht, die Studenten in Streitgespräche mit mir und untereinander einzubeziehen. Manche habe ich unterschätzt. Mathias Wedel zum Beispiel.

Gibt es jemanden, den Sie als Ihren akademischen Lehrer bezeichnen würden?

Schwierig. Wen sollte man da nennen?

Professoren, die Sie besonders geprägt haben.
Wolfgang Rödel verliest ein Gutachten. Sitzend: Karl-Heinz Röhr (Quelle: Privatarchiv Karl-Heinz Röhr).

Wolfgang Rödel verliest ein Gutachten. Sitzend: Karl-Heinz Röhr (Quelle: Privatarchiv Karl-Heinz Röhr).

Achtung hatte ich vor Hans Poerschke. Das war der theoretische Kopf der Sektion, der stringent formulieren und auch überzeugend reden konnte. Ein Vorbild für mich. Ich würde auch Wolfgang Rödel nennen, wenn er noch Rundfunk oder literarische Gattungen gelehrt hätte. Da war er gut. Emil Dusiska hatte den Feingeist sozusagen strafversetzt, in den Bereich Journalistischer Arbeitsprozess. Dort war er fachfremd und uns jüngeren Kollegen im Grunde genommen ausgeliefert.

Rödel war formal zuständig für die vier B-Promovenden am Wissenschaftsbereich: Rainer Gummelt, Rüdiger Krone, Wolfgang Tiedke und Wulf Skaun.

Nicht nur das. Wir standen mit unserer Kollektivarbeit ja auch als Spitzenprojekt der Sektion im Zentralen Plan der Gesellschaftswissenschaften der DDR. Das war also wissenschaftlich hoch angebunden.

Und politisch?
Sektions-Exkursion 1976 nach Saalfeld. Von links: Rüdiger Krone, Uwe Boldt, Georg Fehst, Wulf Skaun, Fred Vorwerk, Arnd Römhild, Marianne Kramp (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Sektions-Exkursion 1976 nach Saalfeld. Von links: Rüdiger Krone, Uwe Boldt, Georg Fehst, Wulf Skaun, Fred Vorwerk, Arnd Römhild, Marianne Kramp (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Wir haben die Bezirkszeitungen der SED empirisch untersucht und wussten, dass das schwierig wird (vgl. Gummelt et al. 1982). Deshalb haben wir uns sehr früh an die Abteilung Agitation im ZK gewandt, abstrakt-akademisch und mit dem ganzen sozialistischen Schleim. Da lief das noch gut. Wir haben die Chefredakteure befragt und mithilfe geschulter Diplomanden eine riesige Inhaltsanalyse gemacht. 103.000 Artikel. Eine Ensembleanalyse. Wo stehen die Beiträge und wie sind sie mit anderen Beiträgen verknüpft, „komponiert“? Das gab es damals auch international noch nicht. Die Niederlage kam erst später.

Niederlage?

Wir hatten hart gearbeitet, aber der Forschungsbericht verschwand im Panzerschrank.

Warum das?

Jetzt stand schwarz auf weiß, dass die Zeitungen nicht viel mit der Realität zu tun hatten. Nur sozialistische Siege und kaum Kritik, Mängel und Probleme. Vorher konnte man das wissen oder ahnen, jetzt aber kam niemand mehr an unseren Ergebnissen vorbei. Heinz Geggel soll einen Tobsuchtsanfall bekommen haben, als er unseren Kurzbericht las.

Der Chef der Abteilung Agitation.
50. Geburtstag von Sektionsdirektor Gerhard Fuchs 1979. Von rechts: Manfred Anders, Karl-Heinz Röhr (Quelle: Privatarchiv Karl-Heinz Röhr).

50. Geburtstag von Sektionsdirektor Gerhard Fuchs 1979. Von rechts: Manfred Anders, Karl-Heinz Röhr (Quelle: Privatarchiv Karl-Heinz Röhr).

Ja. Gerhard Fuchs, der Sektionsdirektor, musste nach Berlin und wurde von Geggel abgewatscht. Man hat sogar darüber nachgedacht, uns vier Autoren aus der SED auszuschließen. Wegen parteischädigenden Verhaltens. Zum Glück hatten wir Wolfgang Tiedke dabei.

Sein Vater Kurt war ZK-Mitglied, lange Jahre Abteilungsleiter für Propaganda, ab 1983 auch Rektor der Parteihochschule.

Ja. Das hat uns manchmal geholfen. Ohne Vater Tiedke hätten wir zum Beispiel schon die Befragungsaktion in Leipzig-Lößnig nicht hinbekommen, die dann Bestandteil der Dissertation wurde (vgl. Skaun/Tiedke 1976). Mit einem Fragebogen zu den Leuten gehen und über Mediennutzung sprechen: Das war nicht so einfach in der DDR.

Die Promotion B wurde aber trotz der Querelen akzeptiert.

Eigentlich wollten wir Autoren nach Berlin und uns beschweren. Wir hatten schließlich für die Partei gearbeitet und nicht gegen sie. Wir wollten die Studie ja nicht in die Westmedien geben, sondern den Journalismus bei uns besser machen. Wir haben schon „noch wirksamer“ geschrieben. Das sozialistische „noch“. Wir hatten uns abgesichert. Die Klassiker. Albert Norden bis Joachim Herrmann.

Warum sind Sie nicht nach Berlin gefahren?

Die Sektionsoberen haben uns bekniet, keinen Aufstand zu machen. Sie hatten Angst, dass man uns fortan jede empirische Arbeit verbieten würde. Tiedke und ich durften dann im Dezember 1982 trotzdem verteidigen, Gummelt und Krone ein Jahr später.

Haben Sie da noch etwas von dem Ärger gespürt?

Und ob. Uns blies in der Verteidigung ein scharfer Wind entgegen. Einige Kollegen sagten, dass wir das nie rausreißen könnten. Wir hatten aber für ein Medienpolitik-Projekt ein Jahr lang 40 Bände Lenin studiert. So wurde unsere Verteidigung doch noch eine glanzvolle Sache, mit Klassikerautorität gewappnet. Ich bin danach aber psychisch krank geworden und musste zur Kur, 1983. Das opportunistische Verhalten der ZK-Leute und der Sektionsleitung traf mich schwer. Und Wolfgang Tiedke ging für drei Jahre zur LVZ (vgl. Tiedke 2011).

Haben Sie damals überlegt, an der Sektion aufzuhören?

Nicht wirklich. Ich wäre ja nicht im praktischen Journalismus gelandet, sondern in irgendeinem Archiv. Das wollte niemand von uns. Es konnte nur besser werden, wenn die alte Garde eines Tages weg wäre. Ärgerlich war für uns auch, dass wir vor den Chefredakteuren wie Hochstapler dastanden. Wir hatten ja eine ehrliche Untersuchung versprochen und durften jetzt keinen Klartext reden (vgl. Skaun/Tiedke 1983).

Ihre B-Promotion war trotzdem auch für DDR-Verhältnisse ungewöhnlich: zu viert an einem Thema arbeiten und ganze Kapitel schon vorab veröffentlichen.

Wolfgang Tiedke war ein hervorragender Wissenschaftsorganisator. Ohne ihn hätten wir wahrscheinlich die Tippel-Tappel-Tour gemacht. Er hat den Plan über den Weg zu unserer Promotion B entwickelt. Darin hat er auch die neuen Gesetzlichkeiten berücksichtigt, zum Beispiel die Möglichkeit von Vorab-Veröffentlichungen in Periodika. Ungewöhnlich war das damals nur an der Sektion, aber nicht im DDR-Wissenschaftsbetrieb.

Wann haben Sie gewusst, dass Sie an der Sektion bleiben und als Wissenschaftler arbeiten würden?
Wulf Skaun im Gespräch mit einem Studenten. Januar 1982 (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Wulf Skaun im Gespräch mit einem Studenten. Januar 1982 (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Das war mehr eine private Entscheidung. Eigentlich wollte ich zurück zur Ostsee-Zeitung. 1975 lernte ich meine Frau kennen, in Halle. Sie ist Lehrerin für Französisch und Deutsch. Ihre erste Stelle bekam sie in Merseburg. Dort sind auch unsere beiden Kinder geboren. Wir hatten zu viert eine Wohnung, die nur für eine Person zugelassen war.

Also nicht zurück nach Rostock.

Nein. Es ließ sich ja in der Wissenschaft gut an. Uta Starke hat mich als Nachfolger ausersehen. Sie wollte unbedingt weg von der Sektion und suchte jemanden, der in der Lage war, sie zu ersetzen und die Mediensoziologie aufzubauen. Zunächst hieß das Inhaltsanalyse. So bin ich schon ein paar Monate vor meiner Promotion Leiter einer Forschungsgruppe geworden, mit einem Oberassistenten und einigen gestandenen Promovierten. Und mit Wolfgang Tiedke.

Wie lief die Zusammenarbeit in diesem Duo überhaupt?
Verteidigung der Dissertation am 16. Juli 1976. Wulf Skaun steht, Wolfgang Tiedke sitzt (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Verteidigung der Dissertation am 16. Juli 1976. Wulf Skaun steht, Wolfgang Tiedke sitzt (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Wolfgang und ich waren sehr unterschiedlich. Ich war eher der Disziplinierte. Derjenige, der auf die Termine sah. Ohne ihn wäre ich wahrscheinlich früher fertig gewesen, ich hätte aber auch nicht gelebt. Sauna, Broilerbar, Bier. Das tat mir gut.

Und inhaltlich?

Erst hat er mich auf ein Podest gestellt. Er war ja sechs Jahre jünger. Ich habe ihn zu Leistung motiviert, wie früher meine Soldaten. Ich hatte ja die Patenschaft über den Studenten Tiedke. Ins Forschungsstudium gingen wir schon auf Augenhöhe.

Wo haben Sie von ihm profitiert?
Wulf Skaun (im Präsidium in der Mitte) als Moderator einer Studentenkonferenz. Links neben ihm: Emil Dusiska und Wolfgang Wittenbecher. 29. November 1974 (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Wulf Skaun (im Präsidium in der Mitte) als Moderator einer Studentenkonferenz. Links neben ihm: Emil Dusiska und Wolfgang Wittenbecher. 29. November 1974 (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Mir war immer wichtig, dass es da einen gab, der nicht dreifach gemessen hat, bevor geschnitten wurde. Wolfgang war kühner als ich. Auch pragmatischer.

Kühner?

Wenn er von einer Sache überzeugt war, dann blieb er sich treu. Egal womit ihm die alten Genossen drohten und die besonders Linientreuen. Und er hatte ein gutes Gedächtnis und konnte sich alles schnell aneignen. Ende der 1980er-Jahre hat er dann auch die Vorlesungen zur Medienpolitik gehalten. Ich weiter die zur Mediensoziologie. Die Seminare haben wir uns auf beiden Feldern geteilt. Was ich mir in den drei Jahren politiktheoretisch erarbeitet hatte, als er bei der LVZ war, hielt er aber für „zu schwere Artillerie“ und hat sich auch nicht wirklich dafür interessiert.

Haben Sie sich an der Sektion eher als Wissenschaftler gesehen oder als Lehrer und Erzieher, vielleicht sogar wie Tiedke (2011: 79) als Politiker?

Damals hat er das nicht gesagt. Unser Fach hieß Theorie der Politik. Lehre und Forschung als Wissenschaftler. So sah ich mich. Das schloss studentische Betreuung mit ein.

Wie haben Sie die AIERI-Tagungen in Leipzig und Warschau erlebt?
Die IAMCR in Leipzig, 1974. Ganz links: Yassen Zassurski (Sowjetunion). Rechts neben der Dolmetscherin außerdem zu sehen: Emil Dusiska, Werner Michaelis und Alice Bunzlova (Prag; Quelle: Privatarchiv Werner Michaelis).

Die IAMCR in Leipzig, 1974. Ganz links: Yassen Zassurski (Sowjetunion). Rechts neben der Dolmetscherin außerdem zu sehen: Emil Dusiska, Werner Michaelis und Alice Bunzlova (Prag; Quelle: Privatarchiv Werner Michaelis).

1974 in Leipzig hatte ich keine wissenschaftliche Funktion. Aber organisatorische Aufgaben. Ich habe zum Beispiel den rumänischen Dekan begleitet und ihm assistiert.

Und Warschau?

Da sollte ich Sekretär der von Emil Dusiska geleiteten Delegation sein, bekam aber weiche Knie. Ich dachte, mein Englisch reicht nicht, zum Beispiel für die Mitwirkung am täglichen Bulletin, und habe Willy Walther vorgeschlagen.

Konnte Dusiska Englisch?

Nein. Er war aber ein Star. Schon 1974 war er großartig. Wie er da Noelle-Neumann abgebürstet hat. Für mich wurde Warschau 1978 trotzdem zum Erfolg.

Wie das?
Titelblatt des Forschungsberichts, der sich auf die Kollektivdissertation von Wulf Skaun und Wolfgang Tiedke stützt

Titelblatt des Forschungsberichts, der sich auf die Kollektivdissertation von Wulf Skaun und Wolfgang Tiedke stützt

Unser Heft zur Inhaltsanalyse wurde dort verteilt (vgl. Skaun et al. 1977). Das ging weg wie warme Semmeln. Mit Gerhard Fuchs war ich in einem Seminar mit Denis McQuail und wurde auf diese Veröffentlichung lobend angesprochen.

Wie war das Verhältnis zu den Kollegen aus dem Westen?

Von unserer Seite politisch-ideologisch bestimmt. Wir waren noch unterwegs in Richtung Abgrenzung. Sonst lief das Treffen eigentlich auf Augenhöhe. Bei einem Kooperationsangebot einer Westberliner Kollegin habe ich leider hochmütig-ablehnend reagiert. Aus Unsicherheit. Und weil Rüdiger Krone und ich wussten, dass wir nichts zusagen dürften. Keine Einladung annehmen, keine aussprechen.

Wenn es um die damalige Leipziger Journalistik geht, ist viel von Ausbildung die Rede und wenig von Forschung. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Es gab zu wenige Wissenschaftler von Format. Längst nicht jeder Dozent hatte das Zeug für eine Forschungstätigkeit. Einige waren an die Universität gekommen, als man die Zahl der Partei- und Arbeiterkader erhöhen wollte. Im Übrigen waren wir Kaderschmiede der Partei. In Berlin hatte kaum jemand Interesse an objektiv-realer Forschung. An empirischer schon gar nicht.

Zu Budzislawskis Zeit.

Damals gab es auch Intellektuelle bürgerlicher Herkunft an der Fakultät, Germanisten in der Stilistik zum Beispiel. Hermeneutiker, die mit empirischen Forschungsmethoden wenig am Hut hatten. Mediensoziologie fand damals im Westen statt. Ich habe meine Studenten angestachelt, die soziologische Terminologie zu benutzen, wenn sie mit ihren Betreuern sprechen. Es haben ja fast alle irgendwelche Untersuchungen gemacht.

In der Diplomarbeit.
Wulf Skaun an seinem Arbeitsplatz im Großraumbüro. Leipziger Uni-Hochhaus, 1982 (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Wulf Skaun an seinem Arbeitsplatz im Großraumbüro. Leipziger Uni-Hochhaus, 1982 (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Ja. Auch schon in der Jahresarbeit. Fliegenbeinzählen. Da gab es zumeist keine theoretischen Hypothesen, keine Operationalisierung in empirisch anwendbare Kategorien und Indikatoren, nichts. Die einen wussten nicht, was sie zählen, und die anderen wussten nicht, wie sie das Gezählte bewerten sollen.

Warum waren Sie anders?

Bei meinen Graduierungsarbeiten hatte ich gemerkt, dass wir ohne Kenntnis forschungstheoretischer und forschungsmethodischer Grundlagen nicht weiterkommen. Wir mussten die Erkenntnistheorie und den soziologischen Forschungsprozess ja nicht neu erfinden, sondern nur studieren und auf unsere Bedürfnisse anwenden.

Was sollte man lesen, um den Journalistikwissenschaftler Wulf Skaun von seiner besten Seite kennenzulernen?

Vielleicht den Aufsatz über die Notwendigkeit von Mediensoziologie in der sozialistischen Journalistik (vgl. Skaun 1985a). Und den über die methodologischen und methodischen Anforderungen (vgl. Skaun 1985b). Dann die Promotion B, die das umsetzt, und zwei, drei Beiträge zur Medienpolitik (vgl. Skaun 1986a, 1986b).

Sie haben Emil Dusiska als Direktor erlebt und Gerhard Fuchs. Wenn Sie die beiden vergleichen müssten: Wie würden Sie das machen?

Sie kamen beide aus dem zentralen Parteiapparat und aus der journalistischen Praxis. Beide hatten Höhenluft geschnuppert und mussten sich in der Provinz Leipzig zurechtfinden. Emil Dusiska war ein streitbarer Mensch mit Zivilcourage. Gerhard Fuchs hatte im Gefühl, was die politische Obrigkeit wollte. Dusiska regierte eher als Diktator, Fuchs eher als Apparatschik. Dusiska war zum Teil belesen und Fuchs gar nicht. Emil Dusiska hätte Wissenslücken überspielt. Er hatte den Habitus des Allwissenden. Gerhard Fuchs mied geistig-kulturelle Gespräche. Wissenschaftler waren beide nicht.

Sie waren 15 Jahre in der SED-Kreisleitung an der Universität.
Wulf Skaun (2. von links) mit einer Delegation der SED-Kreisleitung in Wroslaw. 24. Oktober 1985 (Foto: Jerzy Katarzynski, Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Wulf Skaun (2. von links) mit einer Delegation der SED-Kreisleitung in Wroslaw. 24. Oktober 1985 (Foto: Jerzy Katarzynski, Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun)

Ja. Der Sektionsdirektor war immer Mitglied. Dusiska und Fuchs haben dort die Agitationskommission geleitet und die Kollegen von der Geschichte die Propagandakommission. Da gab es einen festen Rhythmus mit Berichten und Sitzungen. Beide Chefs haben mich die Hauptarbeit machen lassen. Ich lernte dadurch Physiker kennen, Chemiker, Mediziner. Den Kosmos Uni. Für mich war das ein Lernprozess ohnegleichen, auch wenn er viele Wochenenden gekostet hat.

War diese Funktion der Grund, warum Sie darauf verzichtet haben, vor der Evaluierungskommission zu sprechen?

Nein. Ich hatte mich vorbereitet (holt einen Stapel Karteikarten). Karl Bücher, die Amerikaner, empirische Forschung in West und Ost. In der Sache wäre ich penibel und quellentreu gewesen und in der Form souverän-lässig. Ich hätte über mediensoziologische Ansätze hüben und drüben gesprochen. Ich hätte auch gesagt, dass ich bis auf Noelle-Neumanns Schweigespirale keines der westdeutschen Konzepte als Original gelten lasse. Zur Geschichte der Inhaltsanalyse gab es dort gar nichts. Ost und West waren nicht so weit auseinander. Und dann hätte ich gesagt, dass ich keinen Anspruch erhebe auf eine Stelle.

Warum nicht?

Mit meinem politischen Vorleben, meinen sozialistischen Überzeugungen hätte ich nicht einfach auf ganz anderen weltanschaulichen Grundlagen weitermachen können. Es gibt keine unpolitische Wissenschaft. Spätere Studentengenerationen hätten sich gewundert. Wie hat der sich eingeschleimt? Da kann der vorher doch nicht ehrlich gewesen sein. Jürgen Schlimper und etliche Studenten haben versucht, mich umzustimmen. Mir blieb aber nur, freiwillig zu gehen. Am Rektoratsgebäude stand in großen Lettern: Mitglieder der SED-Kreisleitung in den Tagebau.

Den Vortrag hätten Sie trotzdem halten können.
Studentenforum 1987: Wulf Skaun (links) und Günter Raue (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun)

Studentenforum 1987: Wulf Skaun (links) und Günter Raue (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun)

Günter Raue und Klaus Preisigke hatten gesagt, du wirst dich doch nicht auf dieses bürgerliche Tribunal einlassen. Wir machen das nicht. Beide waren sicher frustriert, weil sie als Direktor und Stellvertreter abgewählt worden waren. Ich habe mich mit ihnen solidarisiert. Später habe ich mich geärgert. Das war kleinkariert. Ich war ja nicht abgewählt worden. Ich habe mich um ein letztes intellektuelles Vergnügen an der Sektion gebracht.

Wenn Sie selbst als Gründungsdekan die Möglichkeit für einen Neuaufbau gehabt hätten: Was hätten Sie geändert und was beibehalten?

Wir hätten neues Personal gebraucht. Das wäre aber schwer geworden.

Mehr Personal oder anderes?

Anderes. An der Sektion hatten wir zu viele Mitarbeiter ohne die Qualität, die Lehre und Forschung brauchen. Es gab auch zu wenige, die wirklich Wissenschaftler sein wollten. Forschen und lehren und publizieren. Das schließt Acht-Stunden-Arbeitstage aus und viel Idealismus ein.

Die Qualität erhöhen.
Der Journalist Wulf Skaun Anfang der 1990er-Jahre in Wurzen (Foto: Peter Kayenberg, Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun)

Der Journalist Wulf Skaun Anfang der 1990er-Jahre in Wurzen (Foto: Peter Kayenberg, Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun)

Ja. Dann mehr Freizügigkeit. Die Wissenschaftler über Forschungskonzepte ohne politisch oder ökonomisch bedingte Vorgaben selbst bestimmen lassen. Lehrforschung zuerst. Und dann die besten Praktiker in die Lehre einbinden, als Vorbilder für Berufsethos und Handwerk, ja Meisterschaft im Alltag. Wer kann besser über Interviews reden als der Redakteur, der das täglich macht? Elisabeth Fiedler hat mich viermal in ihr Methodikseminar eingeladen, als ich in Wurzen Lokalredakteur war. Für mich waren die Begegnungen mit Studenten noch mal Sternstunden.

Hätten Sie auch etwas beibehalten?

Die journalistische Grundausbildung, ja. Auch die Spezialisierung. Die Praktika, das Übungssystem. Da wurde ja auch das gegenseitige Analysieren und Bewerten der Beiträge geübt. Das war schon demokratisch und zielte auf Kollegialität.

Was wäre aus Wulf Skaun geworden, wenn die DDR nicht untergegangen wäre?

Wer im Kaderentwicklungsprogramm des Rektors geführt ist und der SED-Kreisleitung angehört, hätte schon goldene Löffel klauen müssen, um seine Zukunft zu verderben. Heute sagen manche, ich sei ein Hoffnungsträger der Sektion gewesen. Das habe ich damals nie gehört.

Das heißt: Sie wären eines Tages Direktor geworden?

Daran habe ich nie gedacht. Da wäre erst die Generation Poerschke an der Reihe gewesen. Mit dem Lehrstuhl, den ich konzipiert und über sieben Jahre für Gerhard Fuchs geschäftsführend geleitet habe, habe ich allerdings gerechnet.

Gibt es Wissenschaftler, die für Sie eine Vorbildfunktion hatten?

An der Sektion oder insgesamt?

Wie Sie mögen.

Max Schmidt zum Beispiel.

Der Direktor des Instituts für Internationale Politik und Wirtschaft in Berlin.
Wulf Skaun (3. von rechts) 1974 auf einer Studentenkonferenz. Links neben ihm: Emil Dusiska und Wolfgang Wittenbecher. Am Pult: Peter Stechmesser, Forschungsstudent (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Wulf Skaun (3. von rechts) 1974 auf einer Studentenkonferenz. Links neben ihm: Emil Dusiska und Wolfgang Wittenbecher. Am Pult: Peter Stechmesser, Forschungsstudent (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

1985 war ich vier Wochen auf einem Lehrgang der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK, mit Chefredakteuren und Agitationssekretären der Bezirksleitungen. In einer Diskussion sprach sich Jochen Pommert plötzlich für vernünftige Bedürfnisse aus. Konstantin Tschernenko, der damalige KPdSU-Chef, hatte den Begriff gerade eingeführt. Ich stand auf und wehrte mich mit den Klassikern des Marxismus-Leninismus. Wer legt fest, welche Bedürfnisse vernünftig sind?

Der junge Genosse aus Leipzig, der gerade erst Dozent geworden ist.

Pommert hatte Schaum vor dem Mund, als er zurückbellte. Er war immerhin Sekretär für Agitation und Propaganda in der Bezirksleitung Leipzig. Und dann kam Max Schmidt. Genosse Bezirkssekretär, ich unterstütze den jungen Genossen voll und ganz. Damit war das Thema durch.

Dann hat Ihnen an Max Schmidt imponiert, dass ihm die Parteihierarchie egal war.

Ja, der hatte Courage. Mir sind alle Persönlichkeiten lieb und teuer, die ihrer Überzeugung wegen Klartext reden und nicht liebedienerisch Unsinn vertreten.

Abgesehen von Wolfgang Tiedke: Zu welchen Kollegen hatten Sie an der Sektion einen besonders guten Draht?
Ehemaligen-Treffen 2010. Von links: Udo Schneider, Wulf Skaun, Uta Starke, Wolfgang Tiedke (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Ehemaligen-Treffen 2010. Von links: Udo Schneider, Wulf Skaun, Uta Starke, Wolfgang Tiedke (Quelle: Privatarchiv Wulf Skaun).

Zu Udo Schneider. Einem unserer Methodiker. Wir waren und sind Freunde. Dann zu Uta Starke, der ich meinen Weg in die Mediensoziologie verdanke und die ebenfalls zu meinem Freundeskreis zählt.

Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz sind?

In den 1980ern war ich schon stolz, etwas initiiert zu haben, das für uns revolutionär war: Mediensoziologie. Bis in die Wendezeit wegen der Parteioberen als Wissenschaftsmethodik getarnt.

Andererseits: Gibt es etwas, was Sie heute anders machen würden?

Ja. Weniger gesellschaftliche Funktionen übernehmen. Ich habe zu oft Ja gesagt. In der Wissenschaft würde ich mehr Zeit für meine Qualifizierung einfordern. Man kann nichts Neues im Eiltempo aus dem Boden stampfen, wie ich es bei der inhaltlichen Konzipierung des Fuchs-Lehrstuhls versuchen musste. Und dann würde ich mir mehr Zeit für die Familie nehmen. Das ist das Allerwichtigste. Ich habe mich oft für zu wichtig gehalten.

Was soll eines Tages vom Journalistikwissenschaftler und Journalisten Wulf Skaun bleiben, wenn Sie Einfluss darauf hätten, was bleibt?

Schön wäre, wenn die Zeitgenossen sagen, da war einer, der uns die empirische Arbeit beigebracht hat. Da war was, das war okay. Der Journalist Wulf Skaun würde sich freuen, wenn seine Leser ihn als schreibenden Vertrauensmann im Gedächtnis behielten.

Literaturangaben

  • Stephan Dehn/Falk Mittenzwei: Interview mit Wulf Skaun, 11. Juni 2009. In: Privatarchiv Wulf Skaun, Leipzig.
  • Rainer Gummelt/Rüdiger Krone/Wulf Skaun/Wolfgang Tiedke: Zur Funktionsweise der Bezirkszeitungen der SED als Instrument der Partei zur politischen Leitung sozialer Prozesse. Forschungsbericht. Karl-Marx-Universität Leipzig: Sektion Journalistik 1982.
  • Heinz Knobloch: Das Lächeln der Wochenpost. Berlin: Jaron 2002.
  • Michael Meyen/Anke Fiedler: Die Grenze im Kopf. Journalisten in der DDR. Berlin: Panama Verlag 2011.
  • Wulf Skaun: Soziologie der Massenmedien – ein unentbehrliches Teilgebiet der Journalistik. In: Theorie und Praxis des sozialistischen Journalismus 13. Jg. (1985a), S. 255-262.
  • Wulf Skaun: Methodologische und methodische Erfordernisse mediensoziologischer Forschung in der Journalistik. In: Theorie und Praxis des sozialistischen Journalismus 13. Jg. (1985b), S. 342-350.
  • Wulf Skaun: Politik und Wissenschaft in der politischen Massenarbeit der journalistischen Medien: Überlegungen zu einigen Erfordernissen heutiger Politikvermittlung. In: Theorie und Praxis des sozialistischen Journalismus 14. Jg. (1986a), S. 312-319.
  • Wulf Skaun: Dialogpolitik und politische Massenarbeit mit journalistischen Mitteln. In: Theorie und Praxis des sozialistischen Journalismus 14. Jg. (1986b), S. 370-378.
  • Wulf Skaun/Wolfgang Tiedke: Erfordernisse und Möglichkeiten der Nutzung medienspezifischer Wirkvorzüge für eine differenziertere und wirksamere aktuell-politische Berichterstattung durch Tagespresse, Rundfunk und Fernsehen. Karl-Marx-Universität Leipzig: Sektion Journalistik 1976.
  • Wulf Skaun et al.: Zur Methodik der Inhaltsanalyse journalistischer Produkte. Karl-Marx-Universität Leipzig: Sektion Journalistik 1977.
  • Wulf Skaun/Wolfgang Tiedke: Der Beitrag der Bezirkszeitungen der SED zur politischen Orientierung der Werktätigen. Bericht über die wissenschaftliche Konferenz der Sektion Journalistik vom 1. Dezember 1982. In: Theorie und Praxis des sozialistischen Journalismus 11. Jg. (1983), S. 82-87.
  • Wolfgang Tiedke: Wir haben die richtigen Fragen gestellt. In: Michael Meyen/Anke Fiedler: Die Grenze im Kopf. Journalisten in der DDR. Berlin: Panama Verlag 2011, S. 75-86.

Empfohlene Zitierweise

  • Wulf Skaun: Es gibt keine unpolitische Wissenschaft. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2015. http://blexkom.halemverlag.de/wulf-skaun/ (Datum des Zugriffs).