Hans-Jörg Stiehler (Foto: Michael Meyen)
Hans-Jörg Stiehler (Foto: Michael Meyen)

Ich bin ein Teamarbeiter

Veröffentlicht am 14. Mai 2014

Hans-Jörg Stiehler ist der einzige Ostdeutsche unter den Hochschullehrern am Leipziger Institut. Michael Meyen und Anke Fiedler haben ihn am 19. Februar 2013 zu seiner Vergangenheit als Jugendforscher in der DDR befragt. Am 28. März 2014 wurde das Interview mit einem Rückblick auf die Zeit seit 1990 ergänzt.

Stationen

Geboren am 10. Mai 1951 in Pirna. Kindheit in Liebstadt, Abitur in Leipzig. Studium der Sozialpsychologie in Jena. 1975 bis 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Jugendforschung in Leipzig (ZIJ), Bereich Kultur- und Medienforschung. 1984 Promotion A (Zusammenhang zwischen Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung), 1990 Promotion B (Medienkommunikation, Pädagogische Hochschule Leipzig). 1993 Professor für empirische Kommunikations- und Medienforschung an der Universität Leipzig.

Wissen Sie noch, warum Sie in Jena Sozialpsychologie studieren wollten?

Wie sagt man heute so schön: Ich wollte was mit Medien machen. Und ich wollte nicht zur Zeitung. Ich bin in einem Journalistenhaushalt aufgewachsen. Mein Vater war Kulturredakteur bei den Mitteldeutschen Neuesten Nachrichten.

Dann war er in der NDPD.

Ja. Ich glaube, meine Eltern hätten nichts gegen eine journalistische Karriere gehabt. Aber ich wollte das nicht. Dann kam die Idee mit der Forschung. Das ZIJ war in Gohlis, nicht weit von uns entfernt. Meine Mutter hat für Walter Friedrich Interviews gemacht.

Das war der Institutsleiter (vgl. Friedrich et al. 1999).

Ja. Wir hatten zu Hause natürlich die Neue Deutsche Presse, das Blatt des Journalistenverbands, wo immer mal wieder über Wirkungsforschung geschrieben wurde. Das war damals etwas Tolles. Die Welt schien besser zu werden, wenn man das nur richtig macht. Das hat mich interessiert. So bin ich auf das Studium in Jena gestoßen.

Also kannten Sie Walter Friedrich, Ihren späteren Chef, schon vor dem Studium.

Ja. Bevor ich nach Jena ging, war ich schon Hilfskraft in der Abteilung Datenverarbeitung. Ich stand an der Sortiermaschine im Keller und habe die Lochkarten fast noch mit der Hand ausgewertet. Das hatte einen großen Vorteil: Ich war im Studium einer der wenigen, die wussten, dass Statistik wichtig ist. Die meisten von uns wollten eigentlich in die Klinik. Als Student habe ich im Sommer auch mindestens zwei Praktika am ZIJ gemacht. Irgendwann hat Friedrich gesagt: Wenn das Zeugnis stimmt, dann finden wir für Sie schon ein Plätzchen. Dass das in der Abteilung Kultur und Medien sein würde, war irgendwie klar. Ich habe in Jena auch etwas zu Kommunikationstheorien gemacht.

Welchen Stellenwert hatte dieser Bereich im Institut?

Lothar Bisky war eine akzeptierte Autorität, als Abteilungsleiter und Mitgründer des Instituts. Als ich anfing, reiste er hierin und dorthin. Er war vielleicht kein besonders begabter empirischer Forscher, hatte aber als Theoretiker einen Namen. Im Institut gab es einmal im Jahr eine Klausurtagung, wo die einzelnen Abteilungen erzählt haben, woran sie gerade arbeiten. Wenn wir uns vorgestellt haben, wurde über Theorieentwicklung geredet. Das gab es bei den anderen so nicht. All meine Konflikte mit der Leitung hatten mit Theorien zu tun.

Wie groß war das Institut?

Zum Schluss 130 Leute, davon vielleicht 80 wissenschaftliche Mitarbeiter. In gewisser Hinsicht war das Haus vorbildlich organisiert, mit einer guten Arbeitsteilung. Es gab eine Methodenabteilung, die einem viel Arbeit abgenommen hat. Dazu eine Abteilung, die die Forschung organisiert, und eine, die sich um die Daten kümmert.

Gab es sonst etwas, was die Arbeit am ZIJ unterschieden hat von einem Marktforschungsinstitut heute?

Das hing auch von den Leuten ab. Es gab theoretisch ambitionierte Forschung, es gab die Zwillingsforschung und wir hatten Längsschnittstudien, die heute fast keiner macht (vgl. Friedrich et al. 1999). Dazu braucht man einfach ein Panel. Bei uns hat das geklappt, weil Walter Friedrich gute Beziehungen zum Rat des Bezirkes hatte. Die haben es auf ihre Kappe genommen und gesagt, in den Leipziger Schulen dürft ihr was machen. Wenn wir über Berlin gegangen wären, dann wären wir in keine Schule reingekommen.

In der Literatur steht, dass Margot Honecker dort keine Forschung gewollt habe (Henderson 1992: 326).

Das Ministerium für Volksbildung war der große Verhinderer. Wir wollten eine Medien-Längsschnittstudie machen. 1982, 1983 vielleicht, und es sollte natürlich auch um regionale Bedingungen gehen. Das Tal der Ahnungslosen zum Beispiel. Es gab damals sogar eine Besprechung mit einer Referentin von Margot Honecker. Die hat uns in großer Sicherheit gewiegt. Wir hatten ein solides Konzept. Plötzlich kam aber ein Nein und vier Wochen später ein Gutachten des Präsidenten der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften, wo uns vorgeworfen wurde, theoretisch nicht ausgereift zu sein. Vermutlich nachträglich bestellt.

Die erste Studie zur Jungen Welt mit Ihrem Namen, die wir im Bundesarchiv gefunden haben, ist von Anfang 1976. Anlass war das neue Format der Zeitung. Im Bericht steht, dass es Vorschläge von Chefredakteur Dieter Langguth gegeben habe sowie Unterstützung vom FDJ-Zentralrat und der ZK-Abteilung Jugend. Wissen Sie noch, wie das damals gelaufen ist?

Nein. Die Studie Massenkommunikation 1976 ist konzipiert worden, als ich noch gar nicht da war. Der Bericht über die Junge Welt war für mich eine Art Gesellenstück.

Waren Sie Leser der Zeitung?

Ja. Wir hatten vier Tageszeitungen zu Hause. Es war typisch, dass man für jedes Thema eine Zeitung hatte. Das kostete ja kein Geld.

Wissen Sie, ob und wie die Redaktion auf Ihre Befunde reagiert hat?

Nein. Ich weiß, dass wir einmal in der Jungen Welt waren. Ich glaube aber, dass der Chefredakteur die Hoheit über die Daten haben wollte. Welche Ergebnisse er in die Redaktion gegeben hat, weiß ich nicht. Beim Jugendfernsehen hatte ich auch den Eindruck, dass die Chefs die Hand auf den Daten hatten und damit Hauspolitik gemacht haben.

Dieter Langguth hat bei Lothar Bisky promoviert (vgl. Langguth 1971). Hat man diese Expertise als Auftragnehmer gespürt?

Wir haben einmal lange mit ihm geredet, um eine Studie vorzubereiten. Man hatte da schon den Eindruck, dass er weiß, was er damit will. Es war ja fast überall das Schicksal unseres Forscherlebens, dass wir nicht gewusst haben, was mit den Daten passiert.

Wahrscheinlich war es für einen Chefredakteur in der DDR schwierig zu sehen, was die Leser wollen, weil er immer politische Vorgaben umzusetzen hatte.

Er wollte aber auch eine gute Zeitung machen, jenseits aller Anleitungen. Wenn man die auflagenstärkste Zeitung haben wollte, musste man schon auch fragen, was die Kunden denken. Resonanzen auf unsere Studien haben wir eher in der Bildenden Kunst bekommen oder beim Film. Das waren unsere Hobbystrecken. Wir hatten Bernd Lindner, der dem Kunstverband die Studie in Dresden eingeredet hat (vgl. Lindner 1998). Oder Dieter Wiedemann, der im Verband der Film- und Fernsehschaffenden war und der Defa und dem Kulturministerium gesagt hat, es sei wichtig zu wissen, was die Leute über Filme denken (vgl. Wiedemann/Stiehler 1990). Film war eine kommerzielle Einrichtung. Die hatten Planauflagen und mussten ihre Kinokarten verkaufen. Da ging es gar nicht so sehr ums Erzieherische. Eine Zeitung kann man wegwerfen. Die Leute ins Kino zu bringen, ist etwas ganz anderes. Deshalb war da auch ein anderes Interesse da.

Bei der Jungen Welt steigt die Auflage in dem Moment, in dem professionelle Marktforschung beginnt (vgl. Meyen/Fiedler 2013: 177-182).

Mag sein, ja. Sie hatten einfach ein paar Rubriken, die in dieser öden Medienlandschaft schon interessant waren.

Das sieht man auch in Ihren Berichten: Die Jungs kreuzen Sport an und die Mädels die Kolumne zum Liebesleben.

Der Sportteil war einfach auch gut. Die haben sich Dinge geleistet, die andere nicht gemacht haben. An Kulturseiten erinnere ich mich dagegen nicht so. Die waren nicht so erregend.

Wenn Sie eine Umfrage konzipiert haben: Wie hat man sich da die Zusammenarbeit mit den politischen Instanzen vorzustellen?

Wir haben geplant. Das ZIJ hat vielleicht 25 große Studien pro Jahr verkraftet. Was das bei acht Abteilungen heißt, kann man sich leicht ausrechnen. Man musste sorgfältig planen. Der Auftrag war klar: Es ging um die Resonanz der Medien bei jungen Leuten. Das politisch zu legitimieren, war nicht so schwierig. Was dann kam, ist an dem einfachen Institutsmitarbeiter völlig vorbeigegangen. Der zentrale Plan ist an den Zentralrat der FDJ gegangen, an die ZK-Abteilung Jugend und an das Amt für Jugendfragen. Die formale Entscheidung kam vom Sekretariat des Zentralrats. Dann hatten wir unseren Plan. Das schloss nicht aus, dass es bestimmte Konjunkturen gab. Manches fiel heraus und manches kam dazu.

Haben Sie ein Beispiel?

Wir wollten einmal etwas zum Sport machen, obwohl das mit unserer Abteilung nichts zu tun hatte. Sport und Medien, in diese Richtung. Anfang der 1980er-Jahre, eine Olympiastudie. Dann gab es einen Boykott und keine Olympiastudie. Eher durch Zufall hatten wir einmal Material zu Fußballfans und wollten dazu eine größere Studie machen. Der Zentralrat hat aber gesagt, das ziehen wir uns nicht auf den Tisch. Punkt. Es hat umgekehrt auch Anrufe gegeben: Macht mal das und das. Das Institut war nun mal da. Als Egon Krenz 1974 FDJ-Chef wurde, hat sich die Lage entspannt, und als er 1983 in den Parteiapparat ging, gab es plötzlich eine ganze Reihe von Funktionären, die wussten, dass es uns gibt, und die auch etwas mit uns anfangen konnten.

Auch in der ZK-Abteilung Jugend?

Dort gab es immer eine Person, die für uns verantwortlich war. Werner Hanisch, fast die ganze Zeit, an die ich mich noch erinnern kann. Er war ein vorsichtiger Taktierer. Keine internationalen Vergleiche, keine Zeitreihen, nichts nach außen. Als er die Zuschauerforschung gesehen hat, hat er sich gewundert, dass das alles war. Plötzlich gab es eine Zusammenarbeit mit dem Jugendfernsehen, die es vorher nicht gab. Was immer die Führung mit dem Magazin Elf99 bezweckt hat: Wir haben lange mit den Leuten dort zusammengesessen und dazu auch Studien gemacht. Mitunter war das konspirativ, aber es gab dort plötzlich Leute, die wissen wollten, was funktioniert und was nicht.

Letztlich haben Sie sich also im ZIJ überlegt, welche Studien es geben wird.

Es gibt eine Ausnahme: die Etablierung von DT64 als Vollprogramm. Der Nachfolger von Hanisch im ZK rief uns an und hat um ein Konzept gebeten. Ihr könnt schreiben, was ihr wollt. Dieser Satz aus diesem Haus. Wir haben unsere Daten genutzt, der Rundfunk hat seine eigenen Konzepte gemacht, und dann saßen alle beim Leiter der Abteilung Jugend an einem Tisch. Am Schluss hat er gesagt, selbstverständlich wird mein Institut dazu eine Begleitstudie machen.

Gerd Schulz.

Ja. Dann haben wir eine Begleitstudie gemacht. Auf die Idee wären wir vermutlich nicht gekommen, wenn wir von DT64 nur aus der Zeitung gehört hätten.

Schön, dass Schulz das ZIJ für sein Institut gehalten hat.

Das hat er sicher auch mit Blick auf die Genossen von der Abteilung Agitation gesagt, die nicht sehr glücklich waren, dass wir da rumgefummelt haben. Dort war man nicht so sehr für Forschung.

Obwohl Dieter Langguth 1984 dorthin gewechselt ist?

Wir hatten damals die Hoffnung, dass sich das Verhältnis zwischen dem ZIJ, der Abteilung Agitation und dem Fernsehkomitee entspannt. Aber das war nicht so.

Zur Jungen Welt gibt es aber auch unter Hans-Dieter Schütt, dem neuen Chefredakteur, weiter Studien.

Schütt hat das weitergemacht, aber die Abteilung Agitation mochte uns nicht. Die Illusion, dass Forschung die Welt verbessert, habe ich zwischen 1975 und 1980 schnell verloren. Trotzdem war da immer die Hoffnung, dafür zu arbeiten, dass das Mediensystem ein bisschen anders funktioniert.

Wenn man Ihre Berichte aus den 1980er-Jahren liest, dann scheint die Kritik der Leser an der DDR-Informationspolitik genauso durch wie die Probleme, alle Jugendlichen zu erreichen. Verzweifelt man da als Forscher nicht, wenn trotzdem alles beim Alten bleibt?

Das war am schwersten auszuhalten. Es tut sich nichts, obwohl man es besser weiß. Deshalb haben wir mit Filmen oder Bildender Kunst angefangen. Forschung muss auch Spaß machen. Nach der ersten Repräsentativstudie zum Kino 1980 merkte man bis in die Bezirke, dass die Leute an dem Material Interesse hatten. Die konnten damit argumentieren und sagen, schaut, unsere Kinos fallen zusammen. Und dann gab es DT64. Da wollte die Politik wissen, ob sich das gelohnt hat. Mein Kollege Holm Felber hat eine Studie zur Popmusik gemacht und sich gefreut, dass wir ein ordentliches Radioprogramm geschaffen haben. In den 1980er-Jahren wurde auch das Verhältnis zum Fernsehen besser. Die Redaktionen haben sich beraten lassen. Geholfen hat, dass das Institut funktioniert hat. Man konnte reden, auf allen Ebenen. Und wir haben viele Vorträge gehalten.

Aber nicht in den Redaktionen.

1983 oder 1984 war ich mit Dieter Wiedemann einmal im FDJ-Zentralrat, um über den Stand der Jungendmedien zu sprechen. Das war eines der furchtbarsten Erlebnisse überhaupt. Wir haben uns gefühlt wie die Hofnarrren aus Leipzig. Die wollten nichts bewegen.

Gab es jemals Pläne, das Institut zu schließen?

Bevor ich kam, muss es einen Anlass gegeben haben, wo sich Frau Honecker beklagt hat, dass es das Institut gibt. Dann war es noch einmal kritisch, als das Institut für Meinungsforschung beim ZK 1979 geschlossen wurde (vgl. Niemann 1993). Bei uns ist nie über Schließung geredet worden. Es gab aber permanent Eingriffe. Beim Auftreten, bei den Publikationen. Vorträge wurden beobachtet. Unser oberster Familienforscher hatte einmal ein großes Interview in der Leipziger Volkszeitung, das die Westmedien aufgegriffen haben. Er hatte durchblicken lassen, dass es viel mehr Kinder geben würde, wenn die Wohnungssituation besser wäre. So eine Geschichte kann jeder erzählen.

Sie auch?

Am schlimmsten war die Sache mit der Kulturkonferenz 1982. Die Konferenz selbst war furchtbar. Interessant war aber, dass Krenz vorher mit allen Künstlerverbänden gesprochen hat und dafür von uns Daten bekam. Den Forschungsstand, wenn man so will. Dieter Wiedemann hatte in den Weimarer Beiträgen über Alltagskultur geschrieben, sollte das dann auch für die Einheit machen und ist dort heftig redigiert worden. Der Rias hat die Texte verglichen. Hier schreibt der Herr Wiedemann, wie es ist, und hier schreibt er, wie die Partei möchte, dass es ist. Es gab kein Verfahren, aber Wiedemann hat ein Jahr nichts mehr veröffentlichen können.

Dem Gegner Material liefern, war das größte Problem (vgl. Fiedler 2014).

Man konnte leicht über Kommunikationstheorien schreiben. Deswegen gab es auch diese vielen Bücher zur Kritik der bürgerlichen Sozialwissenschaften. So konnte man zeigen: Ich bin ein Wissenschaftler und habe mich international belesen.

Wo haben Sie Vorträge gehalten?

In Kreisverbänden des Kulturbundes, bei Lehrgängen für Kulturfunktionäre, in Theatern. Als Margot Honecker einmal in die Berliner Volksbühne kam, hat ein Schauspieler gesagt, dass der Kollege vom ZIJ das vor zwei Wochen ganz anders erzählt habe.

Wie wäre die Karriere von Hans-Jörg Stiehler weitergegangen, wenn die DDR nicht untergegangen wäre?

Ich wäre Institutsdirektor geworden (lacht). In meiner Stasi-Akte gibt es jedenfalls eine sehr lobende Erwähnung des Direktors.

Wäre das etwas gewesen?

Damals war das kein Thema. Ich war noch viel zu jung. Geredet haben wir über eine Theorie-Abteilung. Da wäre ich gern Chef geworden. Jugendkulturforschung geht nicht ewig.

Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten: Würden Sie als Forscher am ZIJ etwas anders machen?

Aus der Sicht von heute hätte man viele Studien theoretisch ambitionierter angehen können, ohne dass das jemand gemerkt hätte. Nicht nur den Informationsbedarf bedienen, sondern Theorien testen. So eine richtig gute Uses-and-Gratifications-Studie zum Beispiel.

Am neu gegründeten Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft waren Sie der einzige Ostdeutsche unter den Hochschullehrern. Hat die Herkunft je eine Rolle gespielt?

Am Institut nicht. Vielleicht in der Fakultät. Ich war ja schnell Dekan und habe manche Personalfälle und manches Stück Vergangenheit vermutlich anders gesehen. Sonst hat sich wie überall schnell herausgestellt, dass es gute Kollegen gibt und nicht ganz so tolle. Mit der Herkunft hatte das nichts zu tun.

Wie ist es überhaupt zu der Bewerbung gekommen?

Wie ist das gemeint?

Ein Fach, mit dem Sie vorher nicht so viel zu tun hatten.

So viele Alternativen gab es nicht. Ich hatte eine Projektstelle am Deutschen Jugendinstitut München, in Klammern Außenstelle Leipzig. Das wäre noch ein Jahr gegangen. Außerdem gab es eine halbe Perspektive in der Stadt.

Im Rathaus?

Stadtplanung und Entwicklung von Medienprojekten, ja. Nach dem Studium habe ich mich schon als Kommunikations- und Medienwissenschaftler gesehen. Ein empirischer Forscher war ich auch. Vermutlich nicht der schlechteste.

In der DGPuK gab es zu Beginn der 1990er-Jahre heftige Diskussionen um die Mitgliedschaft von DDR-Journalistikwissenschaftlern. Haben Sie diese Debatte auch auf sich bezogen?

Zum Teil schon. Man hatte sich da einen völlig falschen Fall ausgesucht.

Wolfgang Tiedke.

Tiedke hat man eher vorgeworfen, dass er aus der falschen Familie kommt (vgl. Meyen/Fiedler 2011: 75-86). Das war 1991 in Bamberg. Man hatte uns eingeladen, aber wir haben gesagt: Das Problem klärt erstmal unter euch. Ich fand diese Verhandlungen unangemessen. Bei keinem anderen Mitglied wird so auf die Publikationsliste geguckt. Das war schon ein Sonderverfahren. Die Vorurteile waren heftig. Sektion Journalistik, Stasi.

Hat Hans-Jörg Stiehler der westdeutschen Publizistik- und Kommunikationswissenschaft etwas geben können, was sie noch nicht hatte?

Ich hatte eigentlich keine Lust auf Ostthemen. Ich bin da eher hineingerutscht. Vor jedem 3. Oktober fragt eine mehr oder weniger wichtige Zeitung, wieso der Osten immer noch anders fernsieht.

Deshalb dann diese Forschung (vgl. Früh et al. 1999, Früh/Stiehler 2002).

Ja, einschließlich Tal der Ahnungslosen (vgl. Stiehler 2001). Dazu kommt der Versuch zu den subjektiven Medientheorien. Das ist schon auf meinem Mist gewachsen (vgl. Schorb/Stiehler 1999). Und dann die Sportforschung. Das wollte ich ja schon am ZIJ machen. Als ich dann hier damit angefangen habe, wurde noch die Nase gerümpft. Ich glaube, ein bisschen zur Etablierung beigetragen zu haben (vgl. exemplarisch Stiehler 1997, 2007).

Das Leipziger Institut ist von Karl Friedrich Reimers auch als Gegenentwurf zu den Facheinrichtungen im Westen konzipiert worden, als Versuch, alle unter ein institutionelles Dach zu bringen, die sich wissenschaftlich mit Medien und Kommunikation beschäftigen (vgl. Meyen 2011).

Bis auf die Medienökonomie.

Davon abgesehen: War dieser Versuch aus Ihrer Sicht erfolgreich?

Was ist Erfolg? Am besten hat es funktioniert in der Forschergruppe zur Programmgeschichte des DDR-Fernsehens.

Dort haben drei sehr verschiedene Professoren zusammengearbeitet: Arnulf Kutsch, Rüdiger Steinmetz und Sie (vgl. Steinmetz/Viehoff 2008).

Die Studiengänge sind auch in Ordnung. PR bekommt Bestnoten, überall. Und sonst ist die Breite wirklich eine Stärke. Dass wir im Master so viele Schwerpunkte haben, schafft einfach Auswahlmöglichkeiten. Medienpädagogik oder Buchwissenschaft gibt es in der Form sonst nirgendwo.

Und die Forschung?

Als Institut sind wir sicher nicht wahnsinnig erfolgreich. Jeder einzelne vielleicht schon, aber es gibt kein gemeinsames Großprojekt. Ich habe bedauert, dass sich das Institut schnell in Unterinstitute zersiedelt hat. Das liegt sicher auch an der Größe. Jeder muss seinen Platz finden, jeder muss sich zeigen. Vielleicht gelingt das der nächsten Generation besser.

Was würden Sie mit Ihrem Wissen von heute anders machen als der Gründungsdekan?

Da habe ich keine Idee. Personell war das gut komponiert. Menschlich hat es gestimmt, auch wenn wir nicht elf Freunde sind. Das Beispiel Münster mit den Querelen dort hat abschreckend gewirkt bei allen Verfahren, die ich erlebt habe. Trotzdem: Das große Ding fehlt.

Damals war der Druck in diese Richtung noch nicht so stark.

Ich habe das schon vermisst. Ich habe gern mit Kollegen Projekte gemacht. Mit Bernd Schorb, Rüdiger Steinmetz, Werner Früh, Arnulf Kutsch. Teamarbeit ist meine wissenschaftsbiografische Prägung. Ich war aber eine Ausnahme.

Sie haben sich für dieses Institut auch als Dekan eingesetzt. Warum haben Sie sich diese Last aufgebürdet?

Dazu bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Bei der Gründung war klar, dass Christoph Hubig Dekan wird. Der Prodekan sollte aus dem größten Institut kommen.

Kommunikations- und Medienwissenschaft.

So viele waren damals noch gar nicht da. Ich bin dort als Lehrling hingegangen. Hubig war ein gutes Vorbild. Ein Meister im Organisieren. Als er wie geplant zurücktrat, habe ich ihn beerbt.

Was bleibt von diesem Amt?

Man lernt die Universität kennen und kann die Fakultät beschützen. Zum Glück gab es in meinen beiden Amtsperioden keine Stellenkürzungen. Geblieben ist der „Stiehler-Schlüssel“. Unsere Mittel werden bis heute danach verteilt.

Gibt es Wissenschaftler, die für Sie eine Vorbildfunktion hatten oder haben?

Lothar Bisky spielt für mich eine große Rolle. Nicht als empirischer Forscher, aber als jemand, der auf der Plattform des Marxismus-Leninismus originell über Kommunikation nachgedacht hat. Bisky war ein großer Ermutiger. Er hat sich vor seine Leute gestellt. Eine Wissenschaftlerpersönlichkeit, genau wie Werner Früh, der wie kein anderer Theorie mit empirischer Forschung verbindet. Es hat mit uns ein bisschen gedauert, aber dann haben wir uns sehr gut verstanden. Auch unser Humor ist ganz ähnlich.

Zu welchen Kollegen hatten oder haben Sie außerdem einen besonders guten Draht?

Zu Hans-Jürgen Weiß und durch Zufälle auch mit Udo Michael Krüger. Auch mit den Kollegen, die hier waren oder die ich bei meiner Gastprofessur in Zürich getroffen habe. Carsten Wünsch, Werner Wirth, Holger Schramm.

Und umgekehrt: Gibt es Gegner, Konkurrenten, Feinde?

Ich tauge nicht als Feind.

Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz sind?

Mein bestes Buch?

Gern auch breiter.

Auf meine vier Töchter bin ich stolz. Das ist ein großer Reichtum.

Und das beste Buch?

Dieses kleine Bändchen über das Tal der Ahnungslosen gefällt mir immer noch (Stiehler 2001). Verschiedene methodische Zugänge und dann das Glück im Archiv. Ich glaube, wir sind die ersten, die versucht haben, Stasi-Akten sozialwissenschaftlich zu deuten. Die Beobachtung der Beobachter.

Andererseits: Gibt es etwas, was Sie heute anders machen würden?

Zeitmanagement. Als Institutsdirektor oder als Dekan hätte ich meine Arbeitszeit stärker schonen können.

Was soll eines Tages von Hans-Jörg Stiehler in der Kommunikationswissenschaft bleiben?

Man muss keine Universitätsflügel nach mir benennen. Ich würde mich freuen, wenn das Sportthema weiterlebt und in Erinnerung bleibt, dass ich dazu beigetragen habe.

Literaturangaben

  • Anke Fiedler: Medienlenkung in der DDR. Köln: Böhlau 2014.
  • Walter Friedrich/Peter Förster/Kurt Starke (Hrsg.): Das Zentralinstitut für Jugendforschung Leipzig 1966-1990. Geschichte, Methoden, Erkenntnisse. Berlin: edition ost 1999.
  • Werner Früh/Uwe Hasebrink/Friedrich Krotz/Christoph Kuhlmann/Hans-Jörg Stiehler: Ostdeutschland im Fernsehen. München: KoPäd 1999.
  • Werner Früh/Hans-Jörg Stiehler: Fernsehen in Ostdeutschland. Eine Untersuchung zum Zusammenhang zwischen Programmangebot und Rezeption. Berlin: Vistas 2002.
  • Karen Henderson: The Search for Ideological Conformity. Sociological Research on Youth in the GDR under Honecker. In: German History 10. Jg. (1992), S. 318-334.
  • Dieter Langguth: Probleme der wissenschaftlichen Wirkungsforschung am Beispiel der Jungen Welt. Dissertation. Karl-Marx-Universität Leipzig, Sektion Philosophie 1971.
  • Bernd Lindner: Verstellter, offener Blick. Eine Rezeptionsgeschichte bildender Kunst im Osten Deutschlands 1945-1995. Köln: Böhlau 1998.
  • Michael Meyen: Das Leipziger Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft: Ein Modell für die Kommunikationswissenschaft in Deutschland? In: Stefan Jarolimek/Arnulf Kutsch/Denise Sommer (Hrsg.): Großbothener Vorträge zur Kommunikationswissenschaft XI. Bremen: edition lumiere 2011, S. 107-136.
  • Michael Meyen/Anke Fiedler: Die Grenze im Kopf. Journalisten in der DDR. Berlin: Panama 2011.
  • Michael Meyen/Anke Fiedler: Wer jung ist, liest die Junge Welt. Die Geschichte der auflagenstärksten DDR-Zeitung. Berlin: Ch. Links 2013.
  • Heinz Niemann: Meinungsforschung in der DDR. Die geheimen Berichte des Instituts für Meinungsforschung an das Politbüro der SED. Köln: Bund-Verlag 1993.
  • Bernd Schorb/Hans-Jörg Stiehler (Hrsg.): Idealisten oder Realisten? Die deutschen Kinder- und JugendfernsehmacherInnnen und ihre Subjektiven Medientheorien. München: KoPäd 1999.
  • Rüdiger Steinmetz/Reinhold Viehoff: Deutsches Fernsehen Ost. Eine Programmgeschichte des DDR-Fernsehens. Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg 2008.
  • Hans-Jörg Stiehler: Mediensport als Unterhaltung. Allgemeinplätze zu medialen Inszenierungen. In: Soziale Wirklichkeit. Jenaer Blätter für Sozialpsychologie und angrenzende Wissenschaften 1. Jg. (1997), Nr. 3/4, S. 279-289.
  • Hans-Jörg Stiehler: Leben ohne Westfernsehen. Studien zur Medienwirkung und Mediennutzung in der Region Dresden in den 80er Jahren. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2001.
  • Hans-Jörg Stiehler: Mediensport als interdisziplinäre Herausforderung. In: Leipziger Sportwissenschaftliche Beiträge 48. Jg. (2007), Nr. 2, S. 3-12.
  • Dieter Wiedemann/Hans-Jörg Stiehler: Kino und Publikum in der DDR – der kurze Weg in eine neue Identität? In: Media Perspektiven 1990, Nr. 7, S. 417-429.

Empfohlene Zitierweise

  • Hans-Jörg Stiehler: Ich bin ein Teamarbeiter. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2014. http://blexkom.halemverlag.de/teamarbeiter/ (Datum des Zugriffs).