Franz Knipping: Dusiska hat an meinem Stuhl gesägt

Dieses Interview wurde 2009 von Studierenden geführt, die an einem Hauptseminar zur Geschichte der Journalistenausbildung in der DDR unter Leitung von Siegfried Schmidt teilgenommen haben. Michael Meyen hat die Videoaufzeichnung transkribiert und in eine lesbare Fassung überführt.


Stationen

Geboren am 19. Juni 1931 in Erfurt. Vater Schlosser, Mutter Hausfrau. 1937 Volksschule, 1941 Humboldt-Oberschule in Erfurt. 1949 Redaktionsassistent, ADN Thüringen. 1951 Studium am Institut für Publizistik und Zeitungswissenschaft der Universität Leipzig. 1954 Diplom und wissenschaftlicher Assistent am Institut für Pressegeschichte der Fakultät für Journalistik, 1961 Promotion und Oberassistent. 1962 Dozentur für Geschichte der deutschen Presse im Imperialismus (1900-1945). 1965 Professor für Zeitgeschichte des deutschen Journalismus. 1963 Prodekan für wissenschaftlichen Nachwuchs, 1965 Dekan der Fakultät für Journalistik (bis 1967). 1968 Wechsel zum Neuen Deutschland im Rang eines Abteilungsleiters. 1969 Habilitation. 1978 bis 1981 ND-Korrespondent in London. 1885 bis 1989 Lehrbeauftragter für außenpolitischen Journalismus an der Sektion Journalistik. Im November 1989 Sprecher des ND. 1. Juli 1990 Vorruhestand. Gestorben am 28. November 2015 in Berlin.

Publikationen

  • Pressemonopole – Monopolpresse. Der Konzentrationsprozess in der westdeutschen Tagespresse, seine Voraussetzungen und seine Ergebnisse. Leipzig: Verlag für Buch- und Bibliothekswesen 1963 (Dissertation).
  • Jeder vierte zahlt an Axel Cäsar. Das Abenteuer des Hauses Springer. Berlin: Rütten & Loening 1963 (1964 auf Russisch in Moskau, mit Vsevolod M. Rozanov)
  • Monopole und Massenmedien. Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften 1969 (Habilitation)
  • Projekt Sternenkrieg: Washingtons Weltraumwaffen. Wahn und Widerstand. Leipzig: Urania 1985.
Warum wollten Sie in Leipzig Publizistik studieren?

Franz Knipping beim Interview in seiner Berliner Wohnung. Bildschirmfoto: Michael Meyen.

Ich habe beim ADN gemerkt, wie viel mir noch fehlt. Sowohl theoretisch als auch praktisch. Ich hatte einfach großen Nachholbedarf.

War es schwierig, einen Studienplatz zu bekommen?

Es gab ein Aufnahmegespräch. Ich war ja schon zwei Jahre in der Praxis und hatte keine Probleme. Damals musste man noch kein Vorpraktikum nachweisen und kein Volontariat. Viele kamen frisch von der Oberschule.

Sie haben nach dem Diplom sehr schnell die Seiten gewechselt.

Leipziger Journalistikstudenten, 24. Mai 1951. Foto: Illner. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-10739-0006.

Das war unproblematisch. Ich hatte schon im letzten Studienjahr einen Zirkel geleitet, der sich mit der Geschichte der LVZ beschäftigte. Wir haben den 60. Geburtstag der Zeitung vorbereitet. Ich war also vorbelastet. Die ersten Jahre als Assistent war ich dann viel unterwegs. In Erfurt, in Rostock. Die Fakultät hatte die Aufgabe, die Praktiker über ein Fernstudium zu einem Universitätsabschluss zu bringen. Damals waren die Winter länger und die Reisen schwieriger. Die meiste Zeit habe ich auf der Bahn verbracht. Die Prüfungen waren schon etwas eigenartig.

Warum eigenartig?

Wir jungen und unbedarften Leute haben Menschen geprüft, die unsere Eltern hätten sein können oder unsere älteren Geschwister. Die Übergänge waren überhaupt fließend. Ich habe an meiner Dissertation gearbeitet und die Ergebnisse schon an die Studenten weitergegeben.

Wie sind Sie zu Ihrem Thema gekommen?

Das habe ich mir selbst gesucht. Bei Budzislawski bin ich damit offene Türen eingerannt. Er war dann auch der Erstgutachter.

Wie haben Sie es geschafft, mit Mitte 30 schon Dekan zu werden?

Budzislawski ist 1962 nach Berlin gezogen. Sein Haus im Rosental wurde langsam baufällig und er sagte, er vertrage die Leipziger Luft nicht mehr. Darunter konnte man sich alles Mögliche vorstellen. Sein Verhältnis zu Paul Fröhlich war nicht das beste. Der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung. Das politische Klima war rigide. Die Geschichte mit dem Rat der Spötter zum Beispiel (vgl. Klötzer 2006, Röhl 2002). Das Studentenkabarett der Fakultät. Budzislawski wurde auf einem ZK-Plenum frontal angegriffen wegen mangelnder Wachsamkeit.

Wie führt das zum Dekan Franz Knipping?

Man hat sich schwergetan, einen Nachfolger für Budzislawski zu finden. Es ging mehrere Monate hin und her, bis schließlich entschieden wurde, Wolfgang Rödel zum Professor zu ernennen und mit dem Dekanat zu beauftragen. Einen Mann vom Rundfunk. Nach einem Jahr wurde Rödel krank. Ich war Prodekan und habe ihn de facto schon ab 1964 vertreten. So war folgerichtig, dass ich 1965 gewählt wurde. Aus heutiger Sicht denke ich, das war eine Verlegenheitslösung. Es gab einfach keinen anderen.

Warum Sie?

Georg Mayer und Wolfgang Rödel, 1962 Nachfolger von Budzislawski als Dekan. Quelle: Privatarchiv Michael Meyen (Leihgabe Karl-Heinz Röhr).

In gewisser Weise hatte die Fakultät ja zwei Herren. Die Abteilung Agitation im ZK der SED und die Universität. Wir mussten also auch akademische Standards erfüllen. Nachdem Budzislawski und Rödel zu Dekanen gemacht worden waren, gab es einen gewissen Widerwillen, schon wieder einen Nicht-Wissenschaftler zu etablieren. Vielleicht hatte die Abteilung Agitation auch genug von den Querelen um nicht akademische Professoren. Heinrich Bruhn, Wilhelm Eildermann. Das schmeckte bestimmten Leuten an der Universität nicht. Wir haben deshalb auch immer großen Wert auf akademische Gepflogenheiten gelegt.

Also waren Sie kein Mann des ZK.

Ich hatte mit der Abteilung Agitation nichts am Hut. Ich war der Einzige, der wissenschaftlich qualifiziert war. Das Dekanat kam zwangsläufig auf mich zu. Vielleicht hat auch mein Buch über den Springer-Konzern eine Rolle gespielt (vgl. Knipping 1963). Das war weit bekannter als meine Dissertation. Es gab auch eine Übersetzung in der Sowjetunion. Ich bin heute noch stolz darauf, die erste deutschsprachige Springer-Biografie geschrieben zu haben.

Wie hat der Dekan Knipping mit der Abteilung Agitation zusammengearbeitet?

Ich wurde ab und an ins Große Haus nach Berlin bestellt und musste Rechenschaft ablegen. Dort gab es einen Mitarbeiter, der nichts anderes zu tun hatte, als Kontakt zur Fakultät zu halten. Es war ein ständiges Lavieren. Berlin auf der einen Seite und die Universitätsleitung auf der anderen.

Gab es inhaltliche Vorgaben?

Nein. Darum hat sich niemand gekümmert. Das war unsere Angelegenheit. Man hat erwartet, dass wir klassenbewusste Journalisten ausbilden und erziehen. Wie das gemacht werden sollte, davon hatten alle anderen auch keine Ahnung. Ich weiß nicht, wie viele Reformen es im Laufe der Jahre gegeben hat. Ich kann mich aber nicht an Vorgaben von oben erinnern. Einfluss gab es über das Personal, vor allem über die leitenden Funktionen.

Haben Sie ein Beispiel?

Als die Fakultät gegründet wurde, hatte Wilhelm Eildermann schon seine Antrittsrede als Dekan vorbereitet. Die lag fix und fertig in seinem Schreibtisch. Plötzlich wurde entschieden, den Amerikaner an die Spitze zu stellen. So nannte man Budzislawski damals. Das war für alle total überraschend.

Warum das?

Er war ja eine Weile kaltgestellt gewesen (vgl. Schemmert/Siemens 2013). Als Anfang der 1950er-Jahre die Westemigranten überprüft wurden, durfte er zwar noch jede Woche seinen außenpolitischen Kommentar im Mitteldeutschen Rundfunk sprechen, war aber an der Universität nicht mehr gefragt. Dass er Dekan wurde, war auch ein Signal. Westemigranten durften wieder leitende Funktionen übernehmen. Ich vermute, dass Albert Norden für Budzislawski gesorgt hat. Beide waren ja zusammen in New York gewesen. Norden hatte inzwischen Karriere gemacht und war in der Partei für Agitation und Propaganda zuständig.

Was war Ihnen als Dekan wichtig?

Heinrich Bruhn. Quelle: Privatarchiv Michael Meyen (Leihgabe Karl-Heinz Röhr)

Die Beziehungen im sozialistischen Lager. Zur Fakultät in Moskau zum Beispiel, aber auch nach Leningrad, Prag, Bratislava und Sofia. Ein Highlight war unser Besuch an der Hochschule für politische Wissenschaften in Ljubljana. Das war damals etwas Besonderes, weil sich die Beziehungen mit Jugoslawien gerade erst wieder normalisierten. Ich war 1964 mit Heinrich Bruhn und Willy Walther in Ljubljana. Wir haben einen Vertrag gemacht. 1965 oder 1966 kam dann der Gegenbesuch.

Und der Westen?

Ich bin zu den Kongressen der IAMCR gefahren, 1966 zum Beispiel nach Herceg Novi in Jugoslawien. Dort waren auch Kollegen von der FU, aus Münster oder aus Göttingen. Elisabeth Löckenhoff zum Beispiel, die Fachfrau für DDR-Medien (vgl. Herrmann 1963). Ich war ja der DDR-Spezialist für die westdeutsche Presse.

Wie war damals das deutsch-deutsche Wissenschaftler-Verhältnis?

Wir wussten, dass wir auf verschiedenen Seiten der Barrikade standen. Wenn man das akzeptierte, konnte man miteinander reden, trotz aller ideologischen Gegensätze. Es gab aber auch ein gewisses Neidgefühl. Wir hatten die einzige Fakultät. In Westdeutschland und in Westberlin gab es höchstens Lehrstühle. Wir waren da schon etwas Besonderes.

Als Dekan sind Sie ziemlich schnell wieder abgelöst worden.

Ich war jung und unerfahren und habe viele Fehler gemacht.

Zum Beispiel?

Ich habe zu viel alleine entschieden. Außerdem war inzwischen Emil Dusiska da. Ein erfahrender Funktionär mit dem richtigen Stallgeruch. Er hat keine Gelegenheit ausgelassen, an meinem Stuhl zu sägen. Der Rektor Georg Müller und der Parteisekretär der Universität haben noch versucht, mich zu einer weiteren Amtsperiode zu überreden, die Entscheidungswege waren aber unergründlich. In diesem Fall hat sich das ZK durchgesetzt.

Nach der Ablösung sind Sie noch ein Jahr an der Fakultät geblieben.

Habilitationsschrift von Franz Knipping

Ich wollte unbedingt den nächsten Qualifikationsschritt gehen. Ich habe noch etwas Lehre gemacht, mich aber sonst voll auf die Habilitation konzentriert.

Wie kam es zu dem Wechsel in die Praxis?

Beim ND bekam ich zunächst einen Vertrag für drei Jahre. Damals bestand die Absicht, die Fakultät nach Berlin zu verlegen. Als eigene Hochschule oder als Teil der Humboldt-Universität, auf jeden Fall aber näher an die Brennpunkte des Journalismus in der DDR. Die Idee kam von Werner Lamberz. Wenn das so weit war, sollte ich zurück.

Daraus wurde aber offenbar nichts.

Nein. Die Räumlichkeiten, die in Berlin vorgesehen waren, wurden mit der Anerkennungswelle gebraucht. Als mein Vertrag mit dem ND zu Ende ging, bin ich zu einem Kadergespräch nach Leipzig gefahren.

Dusiska wird begeistert gewesen sein.

Er hat rumgeeiert und mir kein richtiges Angebot gemacht. Man hatte mich regelrecht vergessen.

Woran machen Sie das fest?

Emil Dusiska (links), 1967 Dekan der Fakultät für Journalistik. Quelle: Privatarchiv Michael Meyen (Leihgabe Karl-Heinz Röhr).

Dass die Fakultät 1969 in eine Sektion umgewandelt wurde, habe ich von Lamberz erfahren. Ich war ja beim ND Kollegiumsmitglied und hatte so öfter mit ihm zu tun. Ich hatte nicht einmal eine Einladung zu der Feier in Leipzig bekommen.

Hätten Sie dort gern wieder gearbeitet?

Nein. Die ersten zwei Jahre bin ich gependelt, aber seit 1970 hatten wir eine Wohnung in Berlin. Ich bin aus dem Hochschulwesen entpflichtet worden, durfte aber weiter den Titel Professor führen. Das hat mir der Minister unterschrieben.

Wie war ihr Verhältnis zu Emil Dusiska?

Später glänzend. 1974 zum Beispiel, als ich ihn in Bagdad getroffen habe. Da waren wir ein Herz und eine Seele. An der Fakultät ist er als Scharfmacher aufgetreten und mit programmatischen Reden. Er hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass er Dekan sein will.

Literaturangaben

  • E. M. Herrmann: Zur Theorie und Praxis der Presse in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Berichte und Dokumente. Berlin: Colloquium Verlag 1963.
  • Sylvia Klötzer: Satire und Macht. Film, Zeitung, Kabarett in der DDER. Köln: Böhlau 2006.
  • Franz Knipping: Jeder vierte zahlt an Axel Cäsar. Das Abenteuer des Hauses Springer. Berlin: Rütten & Loening 1963.
    Henning Röhl: Der Rat der Spötter. Das Kabarett des Peter Sodann. Köln: Kiepenheuer 2002.
  • Christian Schemmert/Daniel Siemens: Die Leipziger Journalistenausbildung in der Ära Ulbricht. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 61. Jg. (2013), Nr. 2, S. 201-237.

Empfohlene Zitierweise

Franz Knipping: Dusiska hat an meinem Stuhl gesägt. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2017. http://blexkom.halemverlag.de/knipping-interview/ (Datum des Zugriffs).

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