Peter Glotz (Foto: privat)

Wolfgang Langenbucher: Brillante Köpfe sind nie selbstverständlich

Michael Mang hat Wolfgang R. Langenbucher am 3. Juli 2007 in München nach seinem Verhältnis zu Peter Glotz gefragt (vgl. Mang 2007). BLexKom dokumentiert dieses Gespräch aus Anlass des 75. Geburtstages von Glotz am 6. März 2014.


Wolfgang R. Langenbucher (Jahrgang 1938) und Peter Glotz haben ihre Karrieren im Gleichschritt begonnen. Langenbucher studierte ebenfalls Zeitungswissenschaft in München, war dann wie Glotz Assistent von Otto B. Roegele, an der AfK beteiligt und im politischen Raum aktiv (unter anderem als Mitverfasser des kommunikationspolitisch folgenreichen Memorandums des Deutschen Presserates zur Journalistenausbildung, als Mitglied der Kommission für den Ausbau des technischen Kommunikationssystems und als Beauftragter des Landes Berlin für ein Projektdesign Kabelkommunikation Berlin; vgl. Meyen/Wendelin 2008). Im Gegensatz zu Glotz blieb er aber in der Wissenschaft: ab 1975 als Professor in München und von 1984 bis 2006 an der Universität Wien.

Wie haben Sie Peter Glotz kennengelernt?

Das kann ich gar nicht mehr genau sagen. Glotz war Hiwi am Institut. Dadurch ist man ihm automatisch öfter begegnet. Richtig angefangen hat es aber wohl erst mit den gemeinsamen Veröffentlichungen. Das Buch Der mißachtete Leser war ja ursprünglich eine Radiosendung. Insgesamt gab es sogar drei Sendungen.

War das Ihre erste gemeinsame Arbeit?

Nein. Das war ein Text zur Buchwissenschaft, erschienen in der Publizistik (Glotz/Langenbucher 1965). Dann kam es zu diesen Radiosendungen. Glotz schreibt ja zu meiner Verblüffung, ich sei schon früh ein Netzwerker gewesen (2005: 78-79). Außerdem soll ich ihn damals zum Schreiben gebracht haben. Es stimmt, dass ich sehr gute Beziehungen zu einer Reihe von Rundfunkanstalten hatte. Damit habe ich mir mein Studium verdient. Für eine einstündige Sendung gab es tausend Mark und für jede Wiederholung 500. So kamen wir auf die Idee, eine Sendung zur Kritik der deutschen Presse zu produzieren. Der Redakteur hat dann vorgeschlagen, das Gleiche über den Rundfunk zu machen. Das sind richtige Sendemanuskripte, mit Sprecher eins und Sprecher zwei.

Und die dritte Sendung?

Das war eine dreiteilige Reihe über die Kritik an der Manipulationstheorie (vgl. Glotz/Langenbucher 1969b). Dieser Text ist so anti-marxistisch, dass ich ihn eine Zeitlang gar nicht in meiner Literaturliste aufgeführt habe. Es war mir peinlich, dass ich Leute wie Marcuse, Günther Anders und Adorno in die Pfanne gehauen habe. Aber so war die Zeit damals.

Peter Glotz (2005) hat Sie in seiner Autobiografie als engen Freund beschrieben. Was machte diese Freundschaft aus?

Zunächst die Tatsache, dass wir eine ganze Menge zusammen publiziert haben. Später dann die Partei. Er hat mir das Eintrittsformular gegeben. Ich habe dort zwar nie eine formelle Rolle gespielt, aber ich bin doch über ihn immer wieder sehr nahe an die Spitze gekommen. Er hat zum Beispiel dafür gesorgt, dass ich in Bonn als Gutachter aufgetreten bin, im Kanzleramt. In Berlin hat er mich als Wissenschaftssenator in das Kabel-Projekt geholt.

Und später?

Später war es mehr eine private Beziehung. Wir hatten allerdings noch einen großen Schreibplan. Ein Buch über Massenkultur. Er hat ja dann die Biographie von Ferenczy geschrieben (vgl. Glotz 1998a). Da sieht man dieses Interesse schon. Für unser Buch hat die Zeit nicht mehr gereicht. Es wäre ein bisschen wie das von Ulrich Saxer geworden, das Buch über Unterhaltung (vgl. Saxer 2007). Wir wären aber näher am Gegenstand gewesen und vermutlich apologetisch. Eine Aufklärungsschrift.

Haben Sie es bedauert, dass Peter Glotz nicht in der Wissenschaft geblieben ist?

Nein. Er wäre ohne Zweifel eine sehr wichtige Figur in unserem Fach geworden. Er hatte dafür aber ein viel zu lebhaftes Temperament. 20 Jahre München, 20 Jahre Wien: Das wäre mit seiner Persönlichkeit nicht gegangen. Ich weiß nicht, wann er beschlossen hat, Politiker zu werden. Aber das war sein Lebensinhalt. Er ist ausgestiegen, als er keine Chance gesehen hat, dass die SPD in überschaubarer Zeit wieder an die Regierung kommt. Höchstens mit Personen, deren Ideen er nicht teilte. Glotz war eher ein Lafontaine-Mann als ein Schröder-Mann. Und er war kein Politiker für die Opposition, sondern einer für die Regierung.

Hat sich der Wissenschaftler Langenbucher je mit dem Politiker Glotz gestritten?

Glotz hat von uns Wissenschaftlern nicht so furchtbar viel gehalten. Er fand, dass die meisten Kollegen im Fach intellektuelle Dünnbrettbohrer seien. Ob er mich da mit einbezogen hat, weiß ich nicht. Aber ich war selbstkritisch genug, um die Unterschiede zu sehen. Glotz war einfach ein brillanter Kopf. Brillante Köpfe sind nirgendwo selbstverständlich. Bei vielen Dingen, die wir gemeinsam gemacht haben, waren die originelleren Ideen von ihm.

Ein Grund mehr, ihn in der Wissenschaft zu halten.

Sie müssen unser Fach sehen, damals. Dass Glotz überhaupt in der Zeitungswissenschaft blieb, war schon ungewöhnlich. Als wir angefangen haben, gab es in München vielleicht 30 Studenten. Gerade die Besseren sind schnell wieder abgesprungen und zur Soziologie gegangen oder zur Politikwissenschaft. Als Glotz ging, gab es noch nicht einmal die Journalistenausbildung (vgl. Meyen/Höfler 2008). Dort konnte man dann ja durchaus gesellschaftlich wirken. Ich würde einfach sagen: Der Schuh war zu klein.

Auch ohne wissenschaftliche Reputation ist Peter Glotz in Erfurt Gründungsrektor geworden. Wie haben die Kollegen im Fach darauf reagiert?

Man hat schon beobachtet, dass Peter Glotz nirgendwo lange war. Auch in der Politik. Dieses Vorurteil hat er dann ja voll bestätigt, als er wenig später nach St. Gallen gegangen ist.

Hat sich das auf die Rezeption seiner Publikationen ausgewirkt?

Er hatte ja überhaupt nur Zufallsveröffentlichungen, abgesehen von den Studien, die dann in St. Gallen entstanden sind. Er war aber auch vorher angesehen. Es gab niemanden, der seine rhetorischen Fähigkeiten nicht bewundert hätte. Wo immer man ihn reden hörte: Es war einfallsreich und innovativ, trotz der vielen Gesten, die er machte.

War Glotz im Fach präsent?

Er ist nur als Redner aufgetreten. Nicht als geduldiger Zuhörer. Sie dürfen nicht vergessen, dass Peter Glotz chronisch krank war, seit Mitte der 1980er-Jahre. Er musste mit seinen Kräften haushalten. Jenseits der Politik war er ein Schreiber. Das Schreiben war sein Lebensinhalt. Tagungen wären ihm als Zeitverschwendung erschienen.

Dann war er dort eher als Politiker.

Ja, aber als ein Politiker, der vor einem wissenschaftlichen Forum Substanzielles zu sagen hat. Wenn man Glotz eingeladen hat, wusste man: Er bereitet sich vor, mit Manuskript. Er hat die Wissenschaft wahrgenommen und konnte sich ad hoc sehr schnell klug machen. Das ging auch vor Germanisten. Glotz war ein Intellektueller. Im Fach hat man ihn für eine Zierde gehalten. Es war sehr gut, dass ein so stark sichtbarer Politiker unser Absolvent war.

Wissen Sie, warum er nach St. Gallen gegangen ist?

Ich glaube, er war tief enttäuscht. Man hat ihn mit großen Versprechungen nach Erfurt geholt. Glotz wollte als Gründungsrektor in die Geschichte eingehen, mit einem großen Werk. Als dieses Werk an den Finanzproblemen des Landes zu scheitern drohte, hat er keinen Grund mehr gesehen, zu bleiben. In St. Gallen hat er auch wieder angemessen verdient. Glotz war jemand, der viel Geld brauchte. Er hat hohe Honorare verlangt, auch für Vorträge.

War er in St. Gallen zufrieden?

Ja. Dort war er ja in einer richtigen Managerrolle. Er musste Sponsoren suchen. Das war schwer, aber genau das, was ihm als Politiker gefiel. Er konnte mit hohen Herren über hohe Subventionen verhandeln.

Sie haben geschrieben, Glotz sei auch während seiner politischen Karriere immer Kommunikationswissenschaftler geblieben. Woran machen Sie das fest?

Vielleicht ist das ein bisschen übertrieben. In seinen Reden kann man sehen, dass er in der Politik das angewandt hat, was er als Kommunikationswissenschaftler gelernt hat. Vor allem die totale Gesprächsoffenheit. Glotz hat zum Beispiel mit Schönhuber diskutiert. Er war grundsätzlich dagegen, irgendjemanden vom Gespräch auszuschließen. Er war davon überzeugt, dass man mit Kommunikation Probleme lösen kann.

Glotz war auch medienpolitischer Sprecher der SPD.

Das dürfen Sie nicht unterschätzen. Er ist mitverantwortlich dafür, dass sich die SPD gedreht und das duale System nicht mehr blockiert hat. Das hat er gemeinsam mit Stoiber ausgekocht. Dass Glotz da weniger dogmatisch gedacht hat als seine Partei, hing natürlich mit seiner Einsicht in die Medien zusammen.

Was hat für Sie den Wissenschaftler Peter Glotz ausgemacht?

Zunächst einmal seine Bildung. Peter Glotz hat sich schon mit 16 oder 17 Jahren in einer literarisch-philosophisch-essayistischen Welt bewegt wie nur wenige von uns. Sein Zitatenschatz aus dem Mann ohne Eigenschaften war unendlich. Durch seine Bildung hat er ein Problembewusstsein mitgebracht, das weit über das Fach hinausging. Da war kein Platz für Fachidiotentum. Ihn haben gesellschaftliche Zusammenhänge interessiert. Das politische Potential, das der Gegenstand Medien und Journalismus hatte. Er hat sich zum Beispiel bis zum Schluss nicht ausreden lassen, dass die Journalisten nur als Publizisten auftreten und ihre eigenen Interessen vertreten. Das steht so im Vorwort zur Neuauflage des Mißachteten Lesers (vgl. Glotz/Langenbucher 1993). Er fand, dass die Journalisten noch genauso schlimm waren wie damals.

Wo würden Sie Peter Glotz im Fach einordnen?

Als großen Anreger. Sie werden in Ihrer Studie nachweisen können, dass in seinen Schriften eine Fülle von Ideen steckt. Auch in Sachen Haltung habe ich viel von ihm gelernt. Ich habe mich ja in den letzten Jahren bei meinen Kollegen unbeliebt gemacht, indem ich ihnen immer wieder Defizite vorgeworfen habe. Die Texte von Glotz sind ein Programm. Ein bisschen davon hat er am Ende umgesetzt. Das Buch Die Benachrichtigung der Deutschen zum Beispiel (Glotz 1998b).

Hat sich Glotz je in die Debatten des Fachs eingemischt?

Die Rede zum 65. Geburtstag des Münchner Instituts ist so ein Beispiel (Glotz 1990). Da hat er sich als guter, alter Zeitungswissenschaftler gegeben. Da waren wir uns immer einig, auch wenn ich terminologisch nicht so nostalgisch bin wie er. Glotz hat sich zum Beispiel Hans Wagner immer sehr verbunden gefühlt und die Zeitungswissenschaft verteidigt, auch über die Wortwahl. Er konnte den Begriff „Zeitgespräch der Gesellschaft“ ernsthaft verwenden. Bei mir ging das nur ironisch. Glotz wollte in dieser Rede klarmachen, dass die Münchner Schule etwas ganz Vernünftiges will.

War Glotz auch auf dem Erfurter Lehrstuhl noch Zeitungswissenschaftler?

Ich glaube, er hat dort ein paar Münchner Gedanken restauriert, bis hin zu den Büchern, die die Studenten lesen mussten.

War das Nostalgie oder Überzeugung?

Das war sein Innerstes. Seine frühen Bildungserlebnisse. Wenn Sie das verstehen wollen, müssen sie schauen, wo er Alois Dempf zitiert. Ein katholischer Philosoph, der aus Wien nach München gekommen war und Glotz tief beeindruckt hat. Glotz hatte auch ein sehr enges Verhältnis zum alten Starkulla, der von Max Weber kam und eher philosophisch-anthropologische Ideen hatte (vgl. Starkulla 1993). Was danach kam, hat Peter Glotz ja nur noch am Rande rezipieren können.

In seinen späteren Werken hat Glotz vor allem aktuelle gesellschaftliche Probleme aufgegriffen. War das für ihn wichtiger als derMainstream im Fach?

Mit Sicherheit. Glotz war ein Kommunikator. Er hat alle publizistischen Mittel genutzt. Die politische Rede, den journalistischen Text, den Essay, das Buch. Vor allem das Buch. Was dieser Mann an Büchern geschrieben hat. Ich habe sie alle zu Hause.

Literaturangaben

  • Peter Glotz: Von der Zeitungs- über die Publizistik- zur Kommunikationswissenschaft. In: Publizistik 35. Jg. (1990), S. 249-256.
  • Peter Glotz: Ferenczy. Die Erfindung des Medienmanagements. München: Bertelsmann 1998a.
  • Peter Glotz: Die Benachrichtigung der Deutschen: aktuelle Fernsehberichterstattung zwischen Quoten- und Zeitzwang. Frankfurt/Main: IMK 1998b.
  • Peter Glotz: Von Heimat zu Heimat. Erinnerungen eines Grenzgängers. Berlin: Econ 2005.
  • Peter Glotz/Wolfgang R. Langenbucher: „Buchwissenschaft“? Ein Diskussionsbeitrag. In: Publizistik 10. Jg. (1965), S. 302-313.
  • Peter Glotz/Wolfgang R. Langenbucher: Der mißachtete Leser. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1969a (Neuauflage München: Fischer 1993).
  • Peter Glotz/Wolfgang R. Langenbucher: Manipulation – Kommunikation – Demokratie. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage der Zeitschrift Das Parlament B25/1969b, S. 3-25.
  • Michael Mang: Das Fachverständnis von Peter Glotz. Ein Grenzgänger zwischen den Feldern Politik und Wissenschaft. Magisterarbeit. München: Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung 2007.
  • Michael Meyen/Barbara Höfler: Ende des Studiengangs, Ende der Debatte? Das „Münchener Modell“ zur Ausbildung von Diplom-Journalisten. In: Michael Meyen/Manuel Wendelin (Hrsg.): Journalistenausbildung, Empirie und Auftragsforschung. Neue Bausteine zu einer Geschichte des Münchener Instituts für Kommunikationswissenschaft. Mit einer Bibliografie der Dissertationen. Köln: Herbert von Halem 2008, S. 28-84.
  • Michael Meyen/Manuel Wendelin (Hrsg.): Journalistenausbildung, Empirie und Auftragsforschung. Neue Bausteine zu einer Geschichte des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung. Mit einer Bibliografie der Dissertationen. Köln: Herbert von Halem 2008.
  • Ulrich Saxer: Politik als Unterhaltung. Zum Wandel politischer Öffentlichkeit in der Mediengesellschaft. Konstanz: UVK 2007.
  • Heinz Starkulla: Marktplätze sozialer Kommunikation. Bausteine zu einer Medientheorie. München: R. Fischer 1993.

Empfohlene Zitierweise

  • Wolfgang R. Langenbucher: Brillante Köpfe sind nirgendwo selbstverständlich. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2014. http://blexkom.halemverlag.de/peter-glotz_brillante-koepfe-sind-nie-selbstverständlich/ (Datum des Zugriffs).