Peter Glotz (Foto: privat)

Intelligente Menschen halten Konflikte aus

Michael Meyen hat am 18. September 2003 mit Peter Glotz telefoniert und ihn vor allem nach seiner Beziehung zum Münchner Institut gefragt (vgl. Meyen/Löblich 2004: 214-223). Im Hintergrund war dabei immer wieder Lion zu hören, der kleine Sohn von Peter Glotz.


Sie haben 1959 mit dem Studium begonnen. Warum Zeitungswissenschaft, warum in München?

Ich wollte eigentlich Theaterwissenschaft studieren und bin dann in die Zeitungswissenschaft geraten, weil mich die moderne Sozialwissenschaft zu interessieren begann. Ich bin sozusagen vom ästhetischen auf den sozialwissenschaftlichen Approach umgestiegen.

Zeitungswissenschaft war Ende der 1950er-Jahre in München nicht unbedingt eine moderne Sozialwissenschaft. Wolfgang Langenbucher hat gesagt, die Vorlesungen bei Bernd Maria Aswerus seien ihm „old-fashioned“ vorgekommen im Unterschied etwa zu dem, was der Soziologe Emerich Francis gemacht hat (Langenbucher 2004: 201).

Wolfgang und ich haben ja zusammen studiert. Ich hatte die gleichen Gefühle, glaube aber, dass es der Begriff „old-fashioned“ nicht ganz trifft. Aswerus war sehr stark von Alois Dempf geprägt, bei dem ich auch studiert habe, von Jaspers, von Philipp Lersch. Wir haben als Studenten gespürt, dass hinter der Formel „Zeitung ist das Zeitgespräch der Gesellschaft“ Kommunikation stand und dass man das auch anders betreiben konnte als Aswerus und andere Leute in seinem Umfeld.

Stand hinter der Wahl des Studienfachs auch der Wunsch, Journalist zu werden, wie bei vielen Ihrer Kommilitonen?

Eher nicht. Ich wollte Wissenschaftler werden. Ich habe mich damals auch ein bisschen journalistisch betätigt, aber nicht so viel wie Langenbucher.

Zeitungswissenschaft war nicht unbedingt das Fach, in dem man sich auf eine wissenschaftliche Karriere vorbereiten konnte. Es gab ja so gut wie keine Stellen in diesem Fach.

So haben wir nicht gedacht. Stellenmangel gab es auch in anderen Fächern, in der Theaterwissenschaft zum Beispiel. Wir haben nicht die Stellen gezählt und gesagt, das sind ja nur sieben und man hat keine Chance. Ich bin 1962 Hilfskraft geworden und 1964 Assistent. Am Anfang war das schlicht damit verbunden, 300 Mark zu verdienen und leben zu können und noch nicht mit der Idee, Professor zu werden in diesem Fach.

Neben Aswerus hat Hanns Braun am Institut gelehrt, dazu kommen natürlich Heinz Starkulla oder Lehrbeauftragte wie Kurt Seeberger vom Bayerischen Rundfunk. Wer hat Sie am meisten geprägt?
Professor Hanns Braun (rechts) zusammen mit dem Assistenten Heinz Starkulla (Quelle: Privatarchiv Heinz Starkulla junior)

Professor Hanns Braun (rechts) zusammen mit dem Assistenten Heinz Starkulla (Quelle: Privatarchiv Heinz Starkulla junior)

Von den Genannten eigentlich keiner. Eher Dempf, Voegelin und Francis. Im Windschatten von Francis auch Lepsius, der damals Assistent war. Bei Hanns Braun wollte ich eine theaterwissenschaftliche Dissertation schreiben über die Dramaturgie im absurden Theater. Das Thema war aber schon bearbeitet worden. Also habe ich umgesattelt auf Kommunikationswissenschaft, oder wie es damals hieß: Zeitungswissenschaft. Sie dürfen sich das nicht falsch vorstellen. Auch Starkulla und Partner haben Zeitungswissenschaft niemals als Wissenschaft von der Presse verstanden, sondern immer schon als Kommunikationswissenschaft, wenn auch mit einem hermeneutischen Ansatz (vgl. Aswerus 1993, Starkulla 1993, Eichhorn 2004).

Wie haben Sie als Student die Person Heinz Starkulla wahrgenommen?

Er war in der Tat ein wichtiger Lehrer. Sie müssen ihn anders sehen als Braun, der ein Theaterkritiker war und von der Zeitungswissenschaft eigentlich wenig verstand (vgl. Löblich 2004). Braun war ein hochgebildeter Mann, aber kein Zeitungswissenschaftler. Aswerus war mir zu esoterisch. Starkulla dagegen hat uns alle sehr geprägt, schon durch seine Akademie im Kaffeehaus. Als Hans Wagner und ich Hilfskräfte waren, in den 1960ern, ist er mit uns zweimal die Woche in ein Kaffeehaus gegangen. Dienstag und Freitag, glaube ich. Immer wenn Starkulla im Haus war. In dem Kaffeehaus gab es eine berühmte Bedienung, die Maria hieß, und wir saßen da drei Stunden und haben viel mehr gelernt als in allen Vorlesungen.

In der Institutschronik stehen Sie als erster Magister. Wolfgang Langenbucher, der ein Jahr vor Ihnen mit dem Studium begonnen hat, hat in der gleichen Zeit promoviert. Waren Sie neidisch auf ihn?

Nein. Ich musste mir vom dritten Semester an mein Studium selbst verdienen. Zuerst bei einer Versicherung. Ich habe von früh bis abends dort gearbeitet und trotzdem nach fünf Jahren den Magister gemacht. Bis zur Promotion hat es dann noch mal vier Jahre gedauert, weil ich stark in die Geschäftsführung des Instituts eingebunden war. Starkulla ist ja bei Roegele ein bisschen zurückgetreten. Ihr Verhältnis war etwas problematisch, beide fast gleich alt.

Ich habe auch deshalb nach dem Magister gefragt, weil die Bachelor-Studenten heute vor der gleichen Situation stehen wie Sie damals. Man weiß nicht recht, was das Zeugnis wert ist, das man am Ende bekommt.

Der Magister war damals völlig unbekannt in Deutschland. Aber Sie sehen, dass er sich ziemlich schnell durchgesetzt hat. Das wird beim Bachelor hoffentlich auch so sein.

Wenn Sie Hanns Braun und Otto Roegele vergleichen sollten, wie würden Sie das machen?

Gar nicht. Hans Braun war ein Homme de lettre, ein Theaterkritiker, von ganz anderer Machart, auch von seiner Ausbildung her, als der Mediziner und Historiker Roegele. Roegele war viel nüchterner. Er war Chefredakteur des Rheinischen Merkur und stand in der katholischen Tradition. Er hat als 40-Jähriger diesen Job angenommen und sich bemüht, in das Fach hineinzukommen. Braun hat das einfach nebenbei gemacht und weiter seine Theaterkritiken für die Süddeutsche geschrieben. Die meisten zeitungswissenschaftlichen Veröffentlichungen von Hanns Braun hat Heinz Starkulla geschrieben (vgl. Löblich 2004). Auch Roegele musste natürlich zunächst lernen, hat dann aber nach ein paar Jahren ganz selbständig gearbeitet.

War Roegele Ihr Wunschkandidat, oder hat man als Student so etwas nicht gehabt?
Otto B. Roegele (Quelle: Fotoarchiv Rheinischer Merkur)

Otto B. Roegele (Quelle: Fotoarchiv Rheinischer Merkur)

Von uns war keiner in der Berufungskommission. Ein Wunschkandidat war Roegele natürlich nicht. Er galt als rechts, war tief katholisch, und ich war Sozialdemokrat. Ich bin trotzdem sehr gut mit ihm ausgekommen. Dass ich Sozialdemokrat war, hat ihn überhaupt nicht interessiert. Er hat mich genommen, weil er mich nach den Vorstellungsgesprächen für geeignet hielt, und ich habe mit ihm nie eine Enttäuschung erlebt.

Dass er Sie genommen, ist ja nur die eine Seite. Warum ist der Sozialdemokrat Glotz zu einem katholischen Journalisten gegangen?

Weil ich einen Job gesucht habe. Weil ich gern in dem Fach weiterarbeiten wollte. Es gab nicht beliebig viele Chancen, nicht sechs Professoren, die mir angeboten haben, bei ihnen Assistent zu werden.

Otto Roegele hat sich im Rückblick vorgeworfen, keinen wirklichen Dialog zwischen den Schulen im Haus zustande gebracht zu haben (Roegele 1997: 107). Wie haben Sie die Atmosphäre am Institut erlebt?

Wir haben das Problem ironisiert, und Starkulla hat das Ganze zusammengehalten. Wir haben gesagt, Wagner, das ist die dogmatische Abteilung, und wir, wie sind die empirische Abteilung. Aber wir haben uns letztlich gut vertragen. Ich und Hans Wagner mein ganzes Leben lang. Wir waren immer unterschiedlicher Meinung, bei der Abtreibung zum Beispiel oder bei Strauß. Er eher für Strauß und ich natürlich dagegen. Aber intelligente Menschen kümmert das nicht, die halten solche Konflikte aus. Den Kult um den Begriff Zeitungswissenschaft, den fanden Langenbucher und ich nicht sinnvoll. Wir haben das immer Kommunikationswissenschaft genannt. Dass dann in Klammern Zeitungswissenschaft stand, das war mir, offen gestanden, scheißegal. Wagner und ich sind ungefähr gleichaltrig. Wir haben gemeinsam im Keller gesessen, in weißen Mänteln, haben irgendwelche Zeitschriften abgestaubt und uns dabei gut vertragen. Seine Dissertation und seine Habilitation sind interessante Arbeiten, auch wenn er sich damals noch geweigert hat, englische Texte zu lesen, vielleicht weil er die Sprache nicht gut genug konnte. Aber Wagner ist ein konstruktiver Kopf, ein theoretischer Kopf. Wir haben uns gegenseitig nicht behindert. Ich habe Medienpolitik gemacht, er hat Theorie gemacht, und Langenbucher und ich, wir haben daraus Honig gesaugt. Wir haben ein bisschen englische Texte gelesen und gelegentlich Fliegenbeine gezählt, aber das führte nicht zu bösartigen Auseinandersetzungen. Die kamen später.

Wo sehen Sie Ihre eigene Position in der Kommunikationswissenschaft?

Lesen Sie meinen Aufsatz, den Vortrag, den ich zum 65. Institutsjubiläum gehalten habe. Da sehen sie meine wissenschaftstheoretische Position (vgl. Glotz 1990).

Noch einmal zurück in die 1960er-Jahre, zu den 68ern. Sie sind kürzlich von einem Ex-Studenten als Roegeles Kampfhund Nummer eins beschrieben worden (Pfitzinger 2003a, 2003b, vgl. Behmer 2004).

Den Begriff schenke ich Ihnen. Bis auf ein paar Einzelheiten ist die Darstellung aber richtig. Ich war gegen die 68er. Sie müssen sich die Lage des Instituts vorstellen. Es gab nur einen Professor und zwei Assistenten. Auch ohne Doktor musste ich viel lehren. Das hieß dann zwar gelegentlich „Roegele durch Glotz“, weil ich es nicht selbst ankündigen durfte im Vorlesungsverzeichnis, aber machen musste man es natürlich. Das ganze Grundstudium. Wenn dann Heißler oder Mohnhaupt oder sonst wer kamen und gesagt haben, jetzt diskutieren wir über Vietnam, dann hat mir das nicht gefallen. Ich war genauso gegen die 68er wie Roegele. Natürlich hatten die 68er eine gewisse Bedeutung für die Gesellschaft, aber was sie zur Politik gesagt haben, war falsch.

Wolfgang Langenbucher hat das ähnlich beschrieben, sagt aber heute, er würde sich hin und wieder dabei ertappen, „wir 68er“ zu sagen (Langenbucher 2004: 206).

Dabei ertappe ich mich nie. Ich bin 1961 in die SPD eingetreten, gehörte zum rechten Flügel. Ich war ein Godesberger, von Karl Schiller und solchen Leuten geprägt. Von den Schreihälsen, die dann mit ihrem Neo-Marxismus kamen, habe ich überhaupt nichts gehalten. Die hatten das Kapitel „Kulturindustrie“ in der Dialektik der Aufklärung gelesen und sonst nichts (Horkheimer/Adorno 1969). Vielleicht noch das schlechte Buch Der eindimensionale Mensch von Marcuse (1967). Damit wedelten sie herum, waren aggressiv und störten die Vorlesungen. Man musste sie unterbrechen, man musste aufhören, Abstimmungen herbeiführen. Wenn Sie eine Veranstaltung über Medienpolitik hatten, dann ging es mit Vietnam los. Das war nicht vergnügungssteuerpflichtig. Ich habe damals schon zum Establishment gehört, in Anführungszeichen. Als Assistent ist man ja nicht wirklich Establishment. Aber um es klar zu sagen: Ich bin kein 68er.

Heinz Starkulla hat gesagt, er hätte Leute wie Mohnhaupt und Heißler als Kindsköpfe bezeichnet und sei akzeptiert worden (Starkulla 2004: 168).

Starkulla ist Jahrgang 1922 und hatte schon deshalb eine größere Gelassenheit. Langenbucher, Wagner und ich, wir waren ja nur zwei, drei Jahre älter als die auf der anderen Seite. Starkulla war im Krieg. Nach vier Jahren Ostfront findet man solche Studenten komischer, als ich sie gefunden habe.

Sie sind 1969 Konrektor der Universität geworden, waren Mittelbauvertreter im Senat. Hatten Sie da immer noch eine wissenschaftliche Karriere im Hinterkopf oder war das schon die Absatzbewegung in Richtung Politik?

Ich habe 1969 für den Bundestag kandidiert, habe mich 1967/68 darauf vorbereitet. Da war schon die Politiker-Karriere im Kopf. Ich habe aber nie ganz mit der Wissenschaft aufgehört, sondern habe auch als Politiker immer wieder am Institut gelesen.

1970 sind Sie dann in den Landtag gewählt und zur gleichen Zeit Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für Kommunikationsforschung geworden (vgl. Allwang 2008). Warum diese Doppelbelastung?

Wir wollten Forschung machen. An der Universität ging das nicht. Wenn man da Geld von Burda annahm, hatte man schreckliche bürokratische Probleme. Deshalb haben wir diesen Verein gegründet, hatten Aufträge vom Bundespresseamt, von Medienunternehmen, haben Kommunikatorforschung gemacht. Landtagsabgeordneter ist ja kein Full-Time-Job, und ich war außerdem eher der Organisator und nicht der Forscher. Ich habe die Aufträge besorgt und das Design gemacht, mit Langenbucher zum Beispiel.

Ihre Kollegen haben gesagt, dass die Kommunikationswissenschaft lange nicht auf der Prioritätenliste der Hochschulpolitik gestanden habe, dass das Fach von der Politik bis in die 1990er-Jahre überhaupt nicht ernst genommen worden sei. Teilt der Hochschulpolitiker Glotz diese Einschätzung?

Ja. Der Wandel kam durch das starke Interesse der Studierenden. In Erfurt war Kommunikationswissenschaft in kürzester Zeit der gefragteste Studiengang. Auch früher waren die Seminare schon knallvoll, aber das Fach war viel kleiner. Ein Professor, zwei Assistenten.

Im Wintersemester 1993/94 haben Sie in München eine Honorarprofessur bekommen.

Ich hatte enge Beziehungen zum Institut, habe jedes zweite Jahr dort gelehrt und hatte diesen Münchner Ansatz, die Münchener Schule immer im Hinterkopf. Die Honorarprofessur war auch eine Proporzgeschichte. Sie haben Wolf-Dieter Ring genommen und mich. Einen eher von der CSU und einen eher von der SPD. So funktioniert die deutsche Hochschullandschaft.

Was war in München anders als Anfang der 1970er-Jahre?

Das können Sie gar nicht miteinander vergleichen. Damals gab es einen engen Kontakt zwischen den wenigen Leuten, die das gemacht haben. Die haben sich aneinander abgearbeitet und kannten sich gut. Als ich zurückkam, hat jeder seinen Stiefel gemacht. Frau Koch hatte nicht viel mit Herrn Stuiber und Herr Stuiber nicht sehr viel mit Herrn Wagner zu tun. Ein großer Laden, der mit ganz anderen Kriterien zu beurteilen ist.

Wenn man sich die Stellenbesetzung im Fach anschaut, dann fällt auf, dass das Münchner Institut längst nicht so großen Einfluss hat wie zum Beispiel das Mainzer Institut für Publizistik. Woran liegt das? Waren die Münchner nicht gut genug?

Nein. Das lag an Frau Noelle. Eine ehrgeizige Dame, wirklich eine Wissenschaftlerin. Über die Schweigespirale kann man streiten, aber es gibt gar keinen Zweifel, dass Frau Noelle tiefer in der empirischen Wissenschaft steckte als Herr Roegele oder irgendjemand sonst. Dazu kommt, dass sie eine Reihe von sehr guten Schülern hatte, Winfried Schulz, auch Kepplinger, der sehr viel produziert. Noelle hat aus ihrem Institut eine Machtinstitution gemacht. Das werfe ich ihr nicht vor, weil es für das Fach insgesamt gut gewesen ist. München war aber nicht weniger erfolgreich als Berlin oder Münster oder als sonst ein Institut. Vielleicht waren die öffentlichen Beschimpfungen ein bisschen albern, die man sich gegenseitig eine Zeit lang geleistet hat.

Gibt es etwas, was sich Peter Glotz vorwirft mit Blick auf das Institut?

Was heißt vorwirft? Wir haben damals das Studium völlig umstrukturiert. Wir haben ein Grundstudium eingeführt, Zwischenprüfungen eingeführt. Wir haben den Ruf des Instituts erheblich korrigiert. Ich weiß nicht, was ich mir da vorwerfen könnte.

Was bleibt von Peter Glotz in der Geschichte des Münchner Instituts, was sollte bleiben, wenn Sie Einfluss darauf  hätten?
Der mißachtete Leser von Peter Glotz und Wolfgang R. Langenbucher (Quelle: Glotz/Langenbucher 1969)

Der mißachtete Leser von Peter Glotz und Wolfgang R. Langenbucher (Quelle: Glotz/Langenbucher 1969)

Die Verbindung von Praxis und Kommunikationswissenschaft. Das doch sehr erfolgreiche Buch Der mißachtete Leser (Glotz/Langenbucher 1969). Wir haben immer engen Kontakt mit Journalisten und Verlegern gehabt. Ich glaube, wir haben das Fach vom Ruf der Praxisferne befreit. Ich erinnere mich an einen Vortrag von Franz Schneider, der bei d’Ester promoviert hatte und noch eine Weile im Fach gewirkt hat (vgl. Schneider 1956). Ein Vortrag in Hamburg. In den hinteren Reihen saßen Klaus Bölling und irgendein anderer Praktiker, und beide lagen auf dem Bauch vor Lachen über das, was Schneider da produzierte. Das war mir richtig peinlich, dieses Fach, das überhaupt nichts beitrug zu dem, was die Praktiker wirklich wollen, zu dem, was für die andere Seite interessant war. Langenbucher und ich haben den Begriff Medienpolitik richtiggehend erfunden, und wir standen dann wirklich im Mittelpunkt vieler Debatten. Wir haben gesagt, die Feuilletons sind viel zu esoterisch, was heute noch stimmt, und die Wirtschaftsteile sind viel zu esoterisch, was heute nicht mehr stimmt, und es gibt nicht genügend Lokalkommunikation. Wir haben dann die Bundeszentrale für politische Bildung dazu bekommen, ein großes Ausbildungsprogramm für Lokal-Journalisten zu machen. Es gab einen direkten Bezug zur politischen und journalistischen Praxis, und die Praktiker haben uns ernst genommen. Ich bin von einer Tagung zur anderen gefahren, und das Institut hat davon profitiert, weil es immer mit im Programm stand. Heinz Starkulla hat solche Kontakte auch gepflegt. Ich muss dem Institut jetzt endlich einmal  nachrühmen, dass es hier wirklich eine gewisse menschliche Kontinuität gab.

Über die Person Starkulla?

Ja, auch. Das Wort Alumni gab es damals noch nicht, aber die Alten, sie kamen zu den Institutsfesten, zum Institutsfasching. Kurt Seeberger zum Beispiel, der auch bei d’Ester studiert hat, oder Wolfgang Ernst von Infratest. Der hat den Fragebogen für meine Dissertation korrigiert. Auch Dieter Kronzucker habe ich bei diesen Treffen kennen gelernt. Gelegentlich hast du auch noch Otto Groth dort getroffen, der eigentlich mit dem Institut gar nichts zu tun hatte, aber auf diese Weise eingebaut wurde. Das war wirklich ein Vorteil des Instituts. Wir haben unglaubliche Feste gefeiert, manchmal bis zum nächsten Morgen. Starkulla, Langenbucher und ich haben im Haus von Starkulla nächtelang Skat gespielt, zum sanften Entsetzen der Frau Starkulla. Wenn sie morgens kam, stand da eine Reihe von 30 Bierflaschen, vom Tisch bis zur Haustür. Der menschliche Kontakt war gut, unabhängig von den wissenschaftlichen Konflikten, die die dogmatische und die empirische Abteilung hatten. Wir haben miteinander geredet.

Literaturangaben

  • Diana Allwang: Die Arbeitsgemeinschaft für Kommunikationsforschung. Drittmittelaufträge aus Politik und Medienwirtschaft. In: Michael Meyen/Manuel Wendelin (Hrsg.): Journalistenausbildung, Empirie und Auftragsforschung. Köln: Herbert von Halem 2008, S. 85-115.
  • Bernd Maria Aswerus: Vom Zeitgespräch der Gesellschaft. München: R. Fischer 1993.
  • Markus Behmer: Erstes „befreites“ Institut der LMU. Die Studentenbewegung im Wintersemester 1968/69. In: Michael Meyen/Maria Löblich (Hrsg.): 80 Jahre Zeitungs- und Kommunikationswissenschaft in München. Köln: Herbert von Halem 2004, S. 301-313.
  • Wolfgang Eichhorn: Vermittlung sozialer Kommunikation. Anmerkungen zur Theorie der Zeitungswissenschaft. In: Michael Meyen/Maria Löblich (Hrsg.): 80 Jahre Zeitungs- und Kommunikationswissenschaft in München. Köln: Herbert von Halem 2004, S. 141-154.
  • Peter Glotz: Von der Zeitungs- über die Publizistik- zur Kommunikationswissenschaft. In: Publizistik 35. Jg. (1990), S. 249-256.
  • Peter Glotz/Wolfgang R. Langenbucher: Der mißachtete Leser. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1969 (Neuauflage München: Fischer 1993).
  • Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt/Main: S. Fischer 1969.
  • Wolfgang R. Langenbucher: Journalistenhasser, Brigitte Mohnhaupt und die Münchener Schule. In: Michael Meyen/Maria Löblich (Hrsg.): 80 Jahre Zeitungs- und Kommunikationswissenschaft in München. Köln: Herbert von Halem 2004, S. 198-213.
  • Maria Löblich: Eine Fehlbesetzung? Die Berufung von Hanns Braun als Nachfolger Karl d’Esters in München. In: Michael Meyen/Maria Löblich (Hrsg.): 80 Jahre Zeitungs- und Kommunikationswissenschaft in München. Köln: Herbert von Halem 2004, S. 66-89.
  • Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Neuwied: Luchterhand 1967.
  • Michael Meyen/Maria Löblich (Hrsg.): 80 Jahre Zeitungs- und Kommunikationswissenschaft in München. Köln: Herbert von Halem 2004.
  • Hans Pfitzinger: Die Eminenzen. In: taz Magazin, 9. August 2003a, S. V.
  • Hans Pfitzinger: Chronik einer Eskalation. In: taz Magazin, 9. August 2003b, S. IV-V.
  • Otto B. Roegele: Ausbreitung, Lähmung, Konsolidierung – München 1963–1985. In: Arnulf Kutsch/Horst Pöttker (Hrsg.): Kommunikationswissenschaft – autobiographisch. Zur Entwicklung einer Wissenschaft in Deutschland. Opladen: Westdeutscher Verlag 1997, S. 62-109.
  • Franz Schneider: Presse und Kurzschrift. (Die Fachpresse als Existenz- und Entwicklungsfaktor der Kurzschrift). Phil. Diss. Universität München 1956.
  • Heinz Starkulla: Marktplätze sozialer Kommunikation. Bausteine zu einer Medientheorie. München: R. Fischer 1993.
  • Heinz Starkulla: Es hat sich gelohnt, ein bisschen daran zu arbeiten. In: Michael Meyen/Maria Löblich (Hrsg.): 80 Jahre Zeitungs- und Kommunikationswissenschaft in München. Köln: Herbert von Halem 2004, S. 155-169.

Empfohlene Zitierweise

  • Peter Glotz: Intelligente Menschen halten Konflikte aus. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2014. http://blexkom.halemverlag.de/peter-glotz_intelligente-menschen-halten-konflikte-aus/ (Datum des Zugriffs).