Walter Hagemann (Quelle: Privatarchiv Horst Hagemann)

Die Neuerfindung der Publizistikwissenschaft

Walter Hagemann war die zentrale Figur der Publizistikwissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit seinem Eingreifen in den Ost-West-Konflikt stürzte er das Fach am Ende der 1950er-Jahre aber in eine schwere Krise. Pünktlich zu Hagemanns 50. Todestag dokumentiert BLexKom fünf Zeitzeugengespräche über sein Wirken am Institut für Publizistik der Universität Münster.


Walter Hagemann (1900 bis 1964) stand an der Spitze der Publizistikwissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg (vgl. Stöber 2002: 83). Er bescherte der nach dem Nationalsozialismus diskreditierten Disziplin die notwendige theoretische und methodische Neuausrichtung (vgl. Hachmeister 1987, Hardt 2002) und war akademischer Lehrer einer ganzen Generation von Professoren und Chefredakteuren (vgl. Schütz 2009). Aber das ist nur ein Teil der Geschichte seines Lebens, die sich immer auch in den Feldern Journalismus und Politik abspielte und am Ende begleitet wurde von einer ganzen Reihe von Skandalen – mit dem Ergebnis, dass eine der „schillerndsten Figuren“ des Fachs im deutschsprachigen Raum (Pasquay 1986: 249) im Geruch des (politisch oder moralisch) Anstößigen stand und selbst von der Fachgeschichtsschreibung bis vor Kurzem links liegen gelassen wurde.

Walter Hagemann (Quelle: Privatarchiv Horst Hagemann)

Walter Hagemann (Quelle: Privatarchiv Horst Hagemann)

Die vor zwei Jahren erschienene Biografie (Wiedemann 2012) zeichnet Hagemanns doppelten Aufstieg und Fall als politisch ambitionierten Journalisten und Publizistikwissenschaftler nach: seine steile Karriere bei der Germania in der Weimarer Republik, die erst durch die Nationalsozialisten gebremst wurde, seine Neubegründung und entscheidende Prägung der Publizistikwissenschaft an der Universität Münster in den ersten eineinhalb Nachkriegsjahrzehnten sowie seine Flucht aus der Bundesrepublik in die DDR, weil er sich in den innerdeutschen Konflikt eingemischt hatte und einem Strafverfahren entgehen wollte.

Neben Hagemanns Publikationen, umfassendem Archivmaterial und Zeitungsartikeln stützt sich die Hagemann-Biografie auch auf mehr als ein Dutzend Interviews mit Vertretern der sogenannten „Hagemann-Kombattanten“ – dem Kreis all jener, die zwischen 1946 und 1959 am Institut für Publizistik der Universität Münster studiert und sich seither in regelmäßigen Abständen getroffen haben (zuletzt im September 2013 in Dresden) und die es bedauern, dass ihr einstiger Hochschullehrer lange Zeit wissenschaftlich totgeschwiegen wurde. Aus Anlass von Walter Hagemanns 50. Todestag am 16. Mai 2014 dokumentiert BLexKom fünf ausgewählte Protokolle dieser Interviews (mit Walter J. Schütz, Berhard Wittek, Günter Huhndorf und Otto Kuhn, Michael Schmolke sowie Hildegard und Peter Pleyer), die zwischen Oktober 2009 und Dezember 2010 von Thomas Wiedemann geführt wurden.

Walter J. Schütz (1930 bis 2013) kam 1949 an die Universität Münster und blieb dem Institut für Publizistik abgesehen von einem kurzen Gastspiel in München bis 1960 erhalten: als Student, als Verwalter einer wissenschaftlichen Assistentenstelle und als redaktioneller Betreuer der Publizistik. Der bekennende Hagemann-Schüler machte dann beim Presse- und Informationsamt der Bundesregierung Karriere, doch blieb er der Neubegründung der Publizistikwissenschaft unter Walter Hagemann in Münster bis zu seinem Tod verbunden.

Bernhard Wittek (Jahrgang 1926) begann sein Publizistikstudium in Münster 1950 und war in den folgenden Jahren führender Kopf der ersten Nachwuchsorganisationen des Fachs (Club Junger Publizisten, Deutsche Vereinigung Junger Publizisten). Nach seiner Promotion, die 1960 genau in die Turbulenzen nach Hagemanns Suspendierung fiel, machte er sich als Pressereferent des Goethe-Instituts einen Namen.

Günter Huhndorf (Jahrgang 1933) und Otto Kuhn wurden gemeinsam befragt. Während Huhndorf von 1954 bis 1959 bei Hagemann Publizistik studierte (unterbrochen von einem Abstecher zu Emil Dovifat nach Berlin und einem längeren Forschungsaufenthalt in England), nach seiner Promotion in die Praxis ging und schließlich Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Stuttgart wurde, nahm Kuhn sein Publizistikstudium bereits 1951 auf und verließ Münster erst im Zuge der Suspendierung Hagemanns, um dann schlussendlich Filmredakteur der Stuttgarter Nachrichten zu werden.

Michael Schmolke (Jahrgang 1934) studierte ab 1954 Publizistikwissenschaft in Münster, promovierte rund zehn Jahre später bei Henk Prakke und schlug dann eine wissenschaftliche Karriere ein, deren Ziel von 1971 bis zur Emeritierung im Jahr 2002 eine ordentliche Professur für Publizistik und Kommunikationstheorie an der Universität Salzburg war.

Hildegard Pleyer und ihr Mann Peter Pleyer (1933 bis 2011) wurden ebenfalls gemeinsam interviewt. Hildegard Pleyer begann ihr Studium im Sommersemester 1955, schloss es fünf Jahre später mit einer Promotion bei Hagemanns Nachfolger Henk Prakke ab und war dann freiberuflich für den Westdeutschen Rundfunk tätig. Peter Pleyer kam ein Semester später nach Münster, blieb dem Institut für Publizistik nach seiner Promotion und einem kurzen Abstecher zur Bundeszentrale für politische Bildung als Projektmitarbeiter zunächst erhalten, bis er 1971 Professor für Medienpädagogik an der Fachhochschule Münster wurde.

Literaturangaben

  • Lutz Hachmeister: Theoretische Publizistik. Studien zur Geschichte der Kommunikationswissenschaft in Deutschland. Berlin: Spiess 1987.
  • Hanno Hardt: Am Vergessen scheitern. Essay zur historischen Identität der Publizistikwissenschaft, 1945-1968. In: Medien & Zeit 17 Jg. (2002), Nr. 2-3, S. 34-39.
  • Anja Pasquay: Zwischen Tradition und Neubeginn. Walter Hagemann in Münster 1946-1959. In: Rüdiger vom Bruch/Otto B. Roegele (Hrsg.): Von der Zeitungskunde zur Publizistik. Biographisch-institutionelle Stationen der deutschen Zeitungswissenschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Frankfurt/Main: Haag + Herchen 1986, S. 249-273.
  • Walter J. Schütz: Zeitungsgeschichten und Institutsgeschichten. Publizistik in Münster 1946 bis 1959. In: Klaus Merten (Hrsg.): Konstruktion von Kommunikation in der Mediengesellschaft. Festschrift für Joachim Westerbarkey. Wiesbaden: VS Verlag 2009, S. 263-274.
  • Rudolf Stöber: Emil Dovifat, Karl d’Ester und Walter Hagemann. Die Wiederbegründung der Publizistik in Deutschland nach 1945. In: Medien & Zeit 17. Jg. (2002), Nr. 2-3, S. 67-84.
  • Thomas Wiedemann: Walter Hagemann. Aufstieg und Fall eines politisch ambitionierten Journalisten und Publizistikwissenschaftlers. Köln: Herbert von Halem 2012.

Empfohlene Zitierweise

      Thomas Wiedemann: Die Neuerfindung der Publizistikwissenschaft. Feature zum 5o. Todestag von Walter Hagemann. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2014. http://blexkom.halemverlag.de/walter-hagemann_die-neuerfindung-der-publizistikwissenschaft/ (Datum des Zugriffs).