Peter Glotz (Foto: privat)

Beat Schmid: Glotz war kein Durchschnitt

Michael Mang hat Beat Schmid am 26. Juni 2007 in St. Gallen gefragt, wie Peter Glotz Professor in der Schweiz geworden ist (vgl. Mang 2007). BLexKom dokumentiert dieses Gespräch aus Anlass des 75. Geburtstages von Glotz am 6. März 2014.


Beat Schmid (Jahrgang 1943) hat seine akademische Laufbahn an der ETH Zürich begonnen (1969 Physikdiplom, 1971 Promotion, 1980 Habilitation). 1987 wurde er Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität St. Gallen und dort 1998 Gründungsdirektor des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement, das wenig später die letzte berufliche Station von Peter Glotz werden sollte.

Herr Schmid, es soll um Peter Glotz gehen.

Gern. Ich muss allerdings vorausschicken, dass wir keine gemeinsame Arbeit geschrieben haben. Ich war zwar mit ihm am Institut, und wir haben einige Dissertationen miteinander betreut, aber seine wissenschaftliche Position kenne ich nicht bis in den letzten Bereich.

Wie kam es zur Gründung des Instituts?

Ich hatte hier schon vorher für einen Ausbau im Bereich Medien und Kommunikation gekämpft. Als die Bertelsmann-Stiftung angefragt hat, habe ich diesen Faden wieder aufgenommen. Zusammen mit der Heinz Nixdorf Stiftung gab es eine Anschubfinanzierung von zehn Millionen Franken. Mich hat besonders die Schnittstelle zum Digitalen interessiert. Das liegt nahe, wenn man aus der Informatik kommt. Das Internet, elektronische Märkte. Auch dort geht es darum, ein Produkt zu kommunizieren und eine Community aufzubauen. Ganz ähnlich wie bei den Medien.

Wie haben Sie Peter Glotz kennengelernt?

Das Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement sollte drei Lehrstühle haben. Der dritte hieß Medien, Kultur, Recht und Gesellschaft. Die Bertelsmann-Stiftung hat uns mitgeteilt, dass Peter Glotz Interesse habe. Er war ja damals noch Rektor in Erfurt. Für uns war das natürlich eine interessante Personalie.

Also hat die Bertelsmann-Stiftung dafür gesorgt, dass er nach St. Gallen berufen wurde.

Glotz hatte einen guten Namen. Er war zwar kein Jurist, aber außerhalb jeder Debatte, wenn es um Politik, Medien und Gesellschaft geht. Da gab es keine Diskussion.

Wie war dann die Zusammenarbeit?

Äußerst angenehm, sehr anregend. Wir hatten ein ausgezeichnetes Verhältnis. Er war sehr engagiert, ich war sehr engagiert. Es hat einfach gepasst, auch wenn der Alltag an Universitätsinstituten nur gelegentlich erlaubt, tiefer miteinander zu reden.

Wie ist er bei den anderen Kollegen angekommen?

Auch gut. Er konnte aber sehr direkt sein, was manchen ein wenig vor den Kopf gestoßen haben könnte. Aber das war punktuell. Insgesamt war das Verhältnis sehr gut.

Und die Studierenden?

Auch sehr gut. Glotz war natürlich interessant in der Vorlesung. Jeder hat gespürt, dass er viel weiß und einen breiten Horizont hat. Vielleicht waren die Veranstaltungen nicht so strukturiert wie sonst in St. Gallen. Jeder Korb braucht aber verschiedene Angebote.

Sie haben geschrieben, Peter Glotz habe das Institut mit seinen Publikationen, seinen Tagungsinitiativen und nicht zuletzt durch seine Lehrtätigkeit maßgeblich profiliert (Schmid 2004: 344). Woran haben Sie dabei konkret gedacht?

Er hatte eine Reihe von Buchpublikationen zu den Themen, die damals aktuell waren. Online gegen Print zum Beispiel (vgl. Glotz/Meyer-Lucht 2004) oder ganz zum Schluss die Daumenkultur (vgl. Glotz et al. 2006). Noch stärker als diese Bücher waren vielleicht die Seminare und Foren, die er gemacht. Wo er Leute eingeladen hat, aus allen Ländern. Einmal ging es zum Beispiel um den Nahen Osten. Ein sehr schöner Teilnehmerkreis. Das konnte er über sein großes Netzwerk. Für die Außenwirkung war das sehr hilfreich. Dazu kam natürlich seine Medienpräsenz. Das kann man nicht mit einem durchschnittlichen Professor vergleichen. Peter Glotz, Professor am Institut so und so. Das bringt Aufmerksamkeit.

Glotz war auch in St. Gallen politisch aktiv, zum Beispiel im EU-Verfassungskonvent. War er eher Politiker oder eher Wissenschaftler?

Gute Frage. Bei ihm war das eine Symbiose. Seine Themen hat er immer auch politisch bearbeitet. Die Abschiedsvorlesung „Manipulation durch Medien“ zum Beispiel. Dort ging es um den Jugoslawien-Konflikt. Das können Sie als politisches Statement sehen, aber auch als medientheoretisches.

Eine Trennung ist also gar nicht möglich.

Das war ja gerade das Spannende. Man hat immer gespürt, dass er auch Politiker ist, mit einem großen Rucksack an Erfahrungen. Jemand, der weiß, was geht und was nicht geht. Gleichzeitig war er sehr belesen. Er kannte die ganze Literatur: Franzosen und Amerikaner, Deutsche sowieso. Politik und Wissenschaft ist eine seltene Kombination. Was dominiert hat, lässt sich nicht sagen. In Sachen Temperament die Politik, aber er war ein intellektueller Kopf, der die Dinge reflektiert hat. Er war niemand, der aus einem Glaubensgerüst heraus deduktiv argumentiert hat und dann blind wird. Überhaupt nicht.

Peter Glotz hat in St. Gallen den englischsprachigen Studiengang Executive MBA in Media and Communication aufgebaut. War er ein Institutionenbauer?

Das konnte er, ja. In Erfurt und auch schon vorher. Dieser MBA war sehr erfolgreich, aber auch, weil es gute Mitarbeiter gab. Peter Glotz brauchte Mitarbeiter, die die Detailarbeit machen. Ein klassischer Organisator hätte hin und wieder gute Nerven gebraucht. Wenn es aber Konflikte gab, war er auch wieder der begnadete Politiker, der die Leute an einen Tisch geholt und für Ordnung gesorgt hat.

Was hat für Sie den Wissenschaftler Peter Glotz ausgemacht?

Seine Intelligenz. Er hat sehr rasch verstanden und konnte die Dinge einordnen. Sein Maßstab für die Relevanz war die Praxis. Glotz war kein Luhmann. Niemand, der Freude daran hat, ein möglichst stimmiges Theoriegebäude zu errichten. Glotz mochte solche Glasperlenspiele nicht, war aber gleichzeitig intelligent genug, die Konzepte zu verstehen und sie in Veranstaltungen einzubringen. Man konnte das mit ihm auch sehr detailliert diskutieren. Unwirsch wurde er nur, wenn es zu lapidar geworden ist.

Wo würden Sie Peter Glotz in der Kommunikationswissenschaft einordnen?

Sie wissen ja, dass es dort verschiedene Sekten gibt, die sich hart bekämpfen. Dafür hatte er kein Verständnis. Er hätte nicht die Energie gehabt, in der DGPuK mitzukämpfen. Er kannte die Konzepte und die Ansätze und hat sie instrumentell genutzt.

Haben wir etwas vergessen?

Nein. Ich habe Peter Glotz sehr geschätzt, auch als Menschen. Ein sehr reicher, offener Mensch, der auch unwirsch sein konnte. Aber immer im Dienst der Sache. Keine Lust auf Schnörkel. Ein wenig bedauert habe ich, dass er viel Zeit in alle möglichen Auftritte gesteckt hat. Das war für ihn auch finanziell wichtig. Er hatte eine junge Familie. Das ist schon tragisch. Das Haus in Appenzell war fertig, er hatte Ideen und Projekte und hat sich danach gesehnt, daheim in Ruhe als Privatgelehrter zu arbeiten. Er hätte noch so viel produzieren können.

Literaturangaben

  • Peter Glotz/Robin Meyer-Lucht (Hrsg.): Online gegen Print. Zeitung und Zeitschrift im Wandel. Konstanz: UVK 2004.
  • Peter Glotz/Stefan Bertschi/Chris Locke (Hrsg.): Daumenkultur: Das Mobiltelefon in der Gesellschaft. Bielefeld: transcript 2006.
  • Michael Mang: Das Fachverständnis von Peter Glotz. Ein Grenzgänger zwischen den Feldern Politik und Wissenschaft. Magisterarbeit. München: Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung 2007.
  • Beat Schmid: Peter Glotz 65 Jahre. In: Publizistik 49. Jg. (2004), S. 344-345.

Empfohlene Zitierweise

  • Beat Schmid: Peter Glotz war kein durchschnittlicher Professor. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2014. http://blexkom.halemverlag.de/peter-glotz_glotz-war-kein-durchschnitt/ (Datum des Zugriffs).