Kurt Koszyk (Quelle: Koszyk 1999)
Kurt Koszyk (Quelle: Koszyk 1999)

Kurt Koszyk

(1929 bis 2015)

Ein Nachruf von Michael Meyen am 5. Januar 2015

Kurt Koszyk ist über den Jahreswechsel 2014/15 in München gestorben. Mit ihm verliert die deutschsprachige Kommunikationswissenschaft ihren ersten großen Pressehistoriker, einen Institutionenbauer und einen der Pioniere der akademischen Journalistenausbildung.

Kurt Koszyk lebt weiter, zumindest in meinem Büro. Im Regal stehen seine Publizistik-Ausgaben von 1956 bis 1985, fein gebunden und beschriftet, Jahrgang für Jahrgang. Daneben die Stresemann-Biografie (Koszyk 1989a), Pressegeschichten, Kunstbücher. Eine kleine Bibliothek, übergeben an einem Samstagvormittag in München, vor zehn Jahren vielleicht. Er müsse langsam Platz machen, sagte Koszyk. Sonst lande das ganze Zeug ohnehin nur auf dem Müll. Von der Wissenschaft hatte er sich damals schon verabschiedet. Als Maria Löblich und ich Kurt Koszyk im Sommer 2003 besucht haben, um ihn nach der Geschichte des Münchner Instituts zu fragen, wollte er lieber über die vielen Gemälde sprechen, die in seiner Junggesellenwohnung hingen. Holländer vor allem, wenn ich mich richtig erinnere. Koszyk: „Damit beschäftige ich mich mehr als mit der Kommunikationswissenschaft, muss ich gestehen“ (Meyen/Löblich 2004: 179).

Vermutlich war Kurt Koszyk so, wie ich mir einen alten Wissenschaftler gewünscht habe: ironisch distanziert und gebildet über die aktuellen Fachzeitschriftenaufsätze hinaus, streitlustig zwar, aber jederzeit ansprechbar auch für den Nachwuchs und dabei überhaupt nicht eitel, wenn es um seine eigenen Arbeiten ging oder um seine Person. Für das Buch zur Institutsgeschichte schickte er ein Automatenfoto (“Das dürfte für Ihren Zweck reichen.”). „Also, stolz bin ich sowieso weniger“, hatte er vorher im Interview gesagt. „Worauf sollte ich stolz sein?“ (Meyen/Löblich 2004: 178). Auf die Geschichte der deutschen Presse zum Beispiel. Vier Bände zwischen 1966 und 1986 (vgl. Lindemann 1966, Koszyk 1966, 1972, 1986), dazu als eine Art Auskopplung Deutsche Pressepolitik im Ersten Weltkrieg (Koszyk 1968), die in Berlin als Habilitationsschrift anerkannt wurde. Koszyks Monumentalwerk wurde erst um die Jahrhundertwende in den Semesterapparaten abgelöst durch die Arbeiten von Rudolf Stöber (2000, 2003) und Jürgen Wilke (2000).

Koszyk selbst hat sein Opus Magnum eher als Zufall beschrieben (vgl. Koszyk 1997). Die Idee sei Anfang der 1960er-Jahre in einer Sitzung geboren worden, in der ein kleines Häuflein Fachvertreter die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Zeitungswissenschaft vorbereitete. „Wir brauchen unbedingt eine neue Pressegeschichte“, habe Henk Prakke (1900 bis 1992) gesagt, der Niederländer, der damals das Münsteraner Institut leitete und dann erster Vorsitzender der Fachgesellschaft wurde. „Und dann guckten alle zu mir. Ich habe mich dann gewundert, dass ich zugesagt habe. Die Arbeit, die damit verbunden war, war gar nicht abzusehen. Über Jahre war ich auf ein Thema festgelegt“ (Meyen/Löblich 2004: 177).

Für die Neugründer des Fachs, die wie Prakke in der Regel aus der Praxis kamen oder aus anderen Disziplinen, war Kurt Koszyk der Mann der Stunde: ein studierter Publizistik- und Zeitungswissenschaftler (1953 bei Karl d’Ester in München promoviert, vorher auch Seminare bei Walter Hagemann in Münster), der Erfahrungen im Journalismus hatte (vor allem: Westfälische Rundschau, Dortmund) und in der Leitung wissenschaftlicher Einrichtungen (ab 1957: Institut für Zeitungsforschung der Stadt Dortmund). Fritz Eberhard (1896 bis 1982), von 1949 bis 1958 Intendant des Süddeutschen Rundfunks und seit dem Wintersemester 1960/61 am Institut für Publizistik der Freien Universität Berlin, verschaffte Koszyk zunächst einen Lehrauftrag und schickte ihn dann 1968 in ein Habilitationsverfahren – das erste im Fach nach dem Zweiten Weltkrieg, das erfolgreich endete (nachdem vorher Wilhelm Klutentreter in München sowie Günter Kieslich und Friedrich Medebach in Berlin gescheitert waren).

Koszyk blieb auch danach ein Pionier: als Mitherausgeber des Wörterbuchs zur Publizistik im Deutschen Taschenbuchverlag (Koszyk/Pruys 1969, 1981), als Professor in Bochum (1969 bis 1974) und dann vor allem (nach einem Rückkehr-Intermezzo im Institut für Zeitungsforschung) als Gründer der Journalistik in Dortmund, wo er 1975 zunächst die Projektgruppe leitete, die das Konzept erarbeiten sollte (Stellenplan, Sachmittel, Curriculum), und 1977 auf den ersten Lehrstuhl berufen wurde (vgl. Meyen/Löblich 2007: 162). 1984 hätte er den anderen Pionier der universitären Journalistenausbildung in Deutschland beerben können (Wolfgang R. Langenbucher in München, der nach Wien gegangen war), lehnte den Ruf nach zwei Testsemestern aber ab, obwohl München schon seine Wahlheimat war. „Ich wusste, was ich in Dortmund hatte, und ich habe dieses Chaos hier gesehen“, sagte Koszyk 2003. „Die Masse der Studenten und die Zahl der Lehrenden. Ich musste nicht irgendwo hingehen. Mit 55 ist man kein Springinsfeld mehr“ (Meyen/Löblich 2004: 178). Er schied dann vor der Zeit aus dem aktiven Dienst aus, um seine Mutter pflegen zu können.

Die Dortmunder haben Kurt Koszyk alle fünf Jahre gebührend gefeiert, mindestens zu jedem runden Geburtstag. Hin und wieder tauchte er in der Fachgruppe Kommunikationsgeschichte auf, als lebendes Denkmal, aber auch als Prüfstein. Man wusste um seine Nähe zur Sozialdemokratie und hat trotzdem nicht jede Anspielung verstanden. In meiner Dissertation steht sein Name schon auf der zweiten Textseite – als Autorität für die Forderung, die historische Faktenhuberei über Massenmedien zu beenden und mit Theorien des sozialen Wandels zu arbeiten (Meyen 1996: 12, vgl. Koszyk 1989). Sein Buch über die Weimarer Republik hat mir damals Kopfschmerzen gemacht (vgl. Koszyk 1972). Was dort zu meinen Leipziger Zeitungen stand, wollte so gar nicht zu dem passen, was ich im Archiv gefunden hatte. Der Meister hat das dann mit einem Lachen aufgelöst. So viele Zeitungen und so wenig Zeit, sagte er. Wie solle da alles stimmen, was er geschrieben habe? Lassen Sie uns einfach ein Bier trinken. Über den Jahreswechsel 2014/15 ist Kurt Koszyk im Münchner Rotkreuzklinikum gestorben, im Alter von 85 Jahren. Er wird uns fehlen, auch wenn er in seinen Büchern und in der Erinnerung weiterlebt.

Literaturangaben

  • Kurt Koszyk: Deutsche Presse im 19. Jahrhundert. Berlin: Colloquium 1966.
  • Kurt Koszyk: Deutsche Pressepolitik im Ersten Weltkrieg. Düsseldorf: Droste 1968.
  • Kurt Koszyk: Deutsche Presse 1914–1945. Berlin: Colloquium 1972.
  • Kurt Koszyk: Pressepolitik für Deutsche 1945–1949. Berlin: Colloquium 1986.
  • Kurt Koszyk: Gustav Stresemann. Der kaisertreue Demokrat. Eine Biographie. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1989a.
  • Kurt Koszyk: Kommunikationsgeschichte als Sozialgeschichte. In: Max Kaase/Winfried Schulz (Hrsg.): Massenkommunikation. Sonderheft 30 der Kölner Zeitschrift für Soziologien und Sozialpsychologie. Opladen: Westdeutscher Verlag 1989b, S. 46-56.
  • Kurt Koszyk: Wie man Kommunikationshistoriker wird. In: Arnulf Kutsch/Horst Pöttker (Hrsg.): Kommunikationswissenschaft – autobiographisch. Zur Entwicklung einer Wissenschaft in Deutschland. Opladen: Westdeutscher Verlag 1997, S. 243-250.
  • Kurt Koszyk/Karl Hugo Pruys (Hrsg.): Dtv-Wörterbuch zur Publizistik. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag 1969.
  • Kurt Koszyk/Karl Hugo Pruys (Hrsg.): Handbuch der Massenkommunikation. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag 1981.
  • Margot Lindemann: Deutsche Presse bis 1815. Berlin: Colloquium 1966.
  • Michael Meyen: Leipzigs bürgerliche Presse in der Weimarer Republik. Wechselbeziehungen zwischen gesellschaftlichem Wandel und Presseentwicklung. Leipzig: Rosa-Luxemburg-Verein 1996.
  • Michael Meyen/Maria Löblich (Hrsg.): 80 Jahre Zeitungs- und Kommunikationswissenschaft in München. Bausteine zu einer Institutsgeschichte. Köln: Herbert von Halem 2004.
  • Michael Meyen/Maria Löblich: „Ich habe dieses Fach erfunden“. Wie die Kommunikationswissenschaft an die deutschsprachigen Universitäten kam. 19 biografische Interviews. Köln: Herbert von Halem 2007.
  • Rudolf Stöber: Deutsche Pressegeschichte. Einführung, Systematik, Glossar. Konstanz: UVK 2000.
  • Rudolf Stöber: Mediengeschichte. Zwei Bände. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2003.
  • Jürgen Wilke: Grundzüge der Medien- und Kommunikationsgeschichte. Von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert. Köln: Böhlau 2000.

Weiterführende Literatur

  • Kurt Koszyk: Unfrisierte Erinnerungen eines d’Ester-Schülers. In: Otfried Jarren/Gerd. G. Kopper/Gabriele Toepser-Ziegert (Hrsg.): Zeitung – Medium mit Vergangenheit und Zukunft. Eine Bestandsaufnahme. Festschrift aus Anlass des 60. Geburtstages von Hans Bohrmann. München: Saur 2000, S. 13-24.
  • Walter Hömberg: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für den Journalismus. Fragmente eines Gesprächs. In: Publizistik 34. Jg. (1989), S. 354-359.
  • Walter Hömberg: Die Zukunft der Vergangenheit – Kurt Koszyk zum 70. Geburtstag. In: Journalistik Journal 2. Jg. (1999). Nr. 2, S. 39-41.
  • Walter Hömberg: Brückenbauer zwischen Theorie und Praxis. Zum Tod des Dortmunder Kommunikationswissenschaftlers Kurt Koszyk. In: Medienkorrespondenz Nr. 2 vom 23. Januar 2015, S. 12-14.
  • Ulrich Pätzold/Gerhardt W. Würzberg (Hrsg.): Durchzug. Dortmunder Journalistik-Lesebuch. Kurt Koszyk zum 60. Geburtstag. Stadthagen: Ute Bernhardt-Pätzold Druckerei & Verlag 1989.
  • Horst Pöttker/Gabriele Toepser-Ziegert (Hrsg.): Journalismus, der Geschichte schrieb. 60 Jahre Pressefreiheit in der Bundesrepublik Deutschland. Symposium für Kurt Koszyk. Berlin: de Gruyter 2010.
  • Ulrich P. Schäfer: Aus der Geschichte lernen. Zum 60. Geburtstag von Kurt Koszyk. In: Publizistik 34 Jg. (1989), S. 352-354.
  • Ulrich P. Schäfer/Thomas Schiller/Georg Schütte (Hrsg.): Journalismus in Theorie und Praxis. Beiträge zur universitären Journalistenausbildung. Festschrift für Kurt Koszyk. Konstanz: UVK 1999.
  • Thomas Wiedemann: Kurt Koszyk. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2014.