Die Entwicklung in Nijmegen

In diesem Teil seiner niederländischen Fachgeschichte konzentriert sich Joan Hemels auf den Standort Nijmegen. Während Denis McQuail Amsterdam internationales Renommee verschaffte, kamen die Impulse hier nach dem Tod von Leo Schlichting vor allem von James Stappers und Karsten Renckstorf.


Der im ersten Teil dieses BLexKom-Features bereits erwähnte Leo Gerhard Anton Schlichting, der 1968 im Alter von 70 Jahren verstorbene Gelehrte der Wissenschaft der Politik und der Publizistik, war von der Ausbildung her Jurist, hatte aber im Journalismus und im ausländischen Dienst gearbeitet, bevor er 1949 an die Universität Nijmegen berufen wurde. Postum erschien ein liber amicorum (Duynstee et al. 1968) mit dem Titel Massamedia en politiek (Massenmedien und Politik), den beiden Gebieten, die Gegenstand seiner akademischen Lehre und Veröffentlichungen gewesen waren. Schlichting war ein begeisterter Dozent mit der Ausstrahlung eines Universalgelehrten. So wie sein Amsterdamer Kollege Maarten Rooij war er kein großer Theoretiker, sondern ein Mann von großer Autorität, wenn es um juristische und soziale Themen bezüglich des Journalismus und der Medienpolitik sowie um aktuelle politische Themen ging.

1. Leo Schlichting in einem internationalen Netzwerk als Wegbereiter

Henri Gerard (Hans) Hermans (Foto: privat)

Der ehemalige Journalist mit Doktortitel, Henri Gerard (Hans) Hermans (1908 bis 1993) war von 1948 bis Ende 1950 der erste Lektor für Dagbladwetenschap (Zeitungswissenschaft) an der Universität Nijmegen. Ende 1950 bekam Schlichting überraschend einen Lehrauftrag für Publizistik an seinem Lehrstuhl zugeteilt – mit dem jahrelang dabei stehenden Zusatz, solange es für dieses Fachgebiet noch keinen Nachfolger gibt. Für die Erfüllung seiner neuen Aufgabe orientierte sich Schlichting an Prakkes Auffassungen über „Publizistik als Wissenschaft der sozialen Kommunikation“. Er brachte seinen Kollegen in Münster mit dem italienischen Kommunikationswissenschaftler Francesco Fattorello (1902 bis 1985) in Kontakt, der die Theorie der technischen Information und ein darauf basierendes Kommunikationsmodell entwickelt hatte. Seine Einführung Introduzione alla tecnica sociale dell’informazione erschien 1959 und wurde bis 1970 mehrfach neu aufgelegt (vgl. Fattorello 1970). Das damalige Instituto Italiano di Pubblicismo in Rom (Sapienza-Universität) trägt heute seinen Namen.

Schlichting, der vor dem Zweiten Weltkrieg als Korrespondent der katholischen Tageszeitung De Tijd in Rom gearbeitet hatte, sprach und las Italienisch. Ebenso wie Prakke unterhielt er einen freundschaftlich-kollegialen Kontakt mit Devolder, dem Franziskanerpater mit dem Klosternamen Nabor Urbain (vgl. Prakke 1968). Devolder (1909 bis 1967), dessen eigentliche Vornamen Urbain August waren, war seit 1946 an der Katholischen Universität Leuven Pionier im Bereich der Dagbladwetenschap [1] (Pressewissenschaft) und damit auch der Kommunikationswissenschaften, wie das Fach in Flandern hauptsächlich – und offiziell – bezeichnet wird. Als sehr geschätzter Dritter im Bund spielte Baschwitz sowohl für Schlichting als auch für Prakke die Rolle des grand old man im niederländischen Fachgebiet.

Leo G. A. Schlichting 1952 in seinem Haus an der Groesbeekseweg in Nijmegen (Quelle: Foto Gelderland, Nijmegen, Sammlung des Katholiek Documentatie Centrum, Universität Nijmegen, Inv.-Nr. KDC 1b11608 Collectie Personen)

Schlichtings Mitarbeiter James Stappers beschäftigte sich, wie schon im Hinweis auf seine Dissertation (vgl. Stappers 1966) erläutert wurde, bevorzugt mit der Begriffsbildung, insbesondere, wenn in der Terminologie Definitionen für Kommunikation seiner Meinung nach neu formuliert oder der formelle und materielle Gegenstand des Studiums der Kommunikation und der als öffentliche Kommunikation verstandenen Massenkommunikation neu umschrieben werden mussten. Im ersten Druck seiner knappen Einführung aus dem Jahr 1973 erklärt Stappers, warum er drei Kapitel einer „Begriffserklärung widmen und einen Wegweiser durch die enorme Sprachverwirrung [geben wollte], die in diesem Fachgebiet in sehr hohem Maße herrscht“. Die verbleibenden drei Kapitel reservierte der Autor für die Weiterentwicklung einer eigenen Betrachtungsweise des Phänomens Massenkommunikation. Hierbei ließ er sich von folgendem Zitat von Franklin Fearing leiten: „It is inevitable that we ask the question: What does this communication do to people? Or perhaps the more meaningful question: What does it do for people?” (Stappers 1973: 1-2; vgl. weiterführend Stappers/Reinders/Möller 1982).

Begegnung in Münster 1961. V.l.n.r.: James Stappers, Winfried B. Lerg, George Gerbner (damals noch University of Illinois), Henk Prakke, Leo Schlichting und Francesco Fattorello (Quelle: Privatarchiv Joachim Westerbarkey).

Der Paradigmenwechsel des uses and gratification approach – mit Veränderung des Blickwinkels vom Sender/Kommunikator (auch) zum Rezipienten/Publikum war 1974 nicht nur in der Fachliteratur, sondern auch in der Publizistikausbildung bereits geschehen (im erwähnten Jahr präsentierte Karl Erik Rosengren den uses and gratifications-Ansatz als vielversprechendes Paradigma). Die recht frühe Akzeptanz kann ich aufgrund meiner Erfahrung als Student in den Jahren 1962 bis 1966 und danach als Dozent in Nijmegen bestätigen. Prakkes funktionale Publizistik wurde da letztendlich als zu statisch und zu wenig sozialpsychologisch durchdacht infrage gestellt. Inzwischen war diese Theorie nach Prakkes Emeritierung im Jahr 1969 sogar in Münster von den dort gegen den „Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ revoltierenden „RotPubs“ verworfen worden (mit diesen roten, neomarxistisch angehauchten Publizistikstudenten sympathisierte Franz Dröge im harten Streit um die Nachfolge von Prakke).

Dass Brouwer an der Universität Amsterdam eine andere Auffassung über die wichtigsten Grundbegriffe der Disziplin verkündete, wurde – wie im ersten Teil dieses Features schon erörtert – in Nijmegen nicht diskutiert. Die soziologische Annäherung, die in Nijmegen in derselben Fakultät der Sozialwissenschaften zur Soziologie der Massenkommunikation unter Leitung von Gerard Marsman führte, blieb ebenso verschleiert. Mit Prakkes Münsteraner Schule und den US-amerikanischen Theoretikern setzte sich Stappers jedoch gerne auseinander.

Artikel von Ferd. Rondagh in de Volkskrant (25. September 1971) anlässlich des Abschieds von Maarten Rooij von der Universität Amsterdam. Der Autor hatte in den 1950er-Jahren in Nijmegen Politische und Soziale Wissenschaften studiert und äußerte sich sehr kritisch über die damalige Lage des Fachs. Von links: Kurt Baschwitz, Maarten Rooij, Ben Manschot und Joan Hemels.

1994, im Jahr vor seiner Emeritierung, veröffentlichte Stappers als Fortsetzung seiner Buchveröffentlichungen aus den Jahren 1973 und 1982 eine zusammenfassende Übersicht der in der Literatur zur Verfügung stehenden Definitionen von Kommunikation, beginnend mit der Feststellung, dass „Kommunikation“ ein „Problem“ sei und dass es keine allgemein akzeptierte Bedeutung dieses Terminus gebe. Er führt auch gute Gründe an, warum er keine Definition von Kommunikation formuliert, zum Beispiel weil man sie nicht ständig benötigt, um zu umschreiben, was unter „Massenkommunikation“ oder „Kommunikationswissenschaft“ verstanden werden kann. Außerdem würde, weil schon so viele Definitionen von Kommunikation im Umlauf waren, eine allgemeine Übereinstimmung höchstwahrscheinlich eine Utopie bleiben (vgl. Stappers 1994).

2. James Stappers: Von der Publizistik- zur Kommunikationswissenschaft

Meines Erachtens maßen sich Stappers und McQuail mit wohlwollenden Blicken. Sie hegten jedoch eine gewisse Distanz zueinander. So kam es nicht zu einem regelmäßigen Austausch zwischen den Gedankenwelten der beiden, zum Beispiel durch Gastvorlesungen. McQuail war seinem Kollegen in Nijmegen zwar überlegen, wenn es sich um wissenschaftliche Kreativität, Publikationsliste, Breite des Fachwissens und internationale Wirkung handelte, er war jedoch zu bescheiden, um seine Qualitäten deutlich herauszustellen. Als Dozent wiederum war Stappers viel unterhalsamer, auch wenn seine Ironie manchmal in Sarkasmus abgleiten konnte.

Der Ordinarius an der KU Leuven, Guido Fauconnier (1935 bis 2005), der eine führende Rolle in der flämischen Kommunikationswissenschaft spielte (vgl. zum Beispiel De Grooff/De Meyer/Walrave 2001), hatte ein gutes Gespür, das Beste aus dem Denken von Prakke, Stappers und McQuail zu einer eleganten Synthese zu verarbeiten. Seine Lehrbücher, angefangen mit Massamedia en samenleving (Massenmedien und Gesellschaft) aus dem Jahr 1973, zeugen davon (vgl. Fauconnier 1973, 1981, 1990).

Einführung in die Massenkommunikation (Stappers 1973), Nummer 7 in einer Reihe von zehn kurzen, für den Unterricht geeigneten Einführungen auf den Gebieten des Rundfunks, des Films, des Journalismus und der Presse

In den 1970er-Jahren richtete sich die Aufmerksamkeit der Fachgruppe Publizistik an der Universität Nijmegen speziell auf die Bedeutung lokaler Medien, unter anderem des lokalen Rundfunks, und ihre Bedeutung für die lokale Demokratie. Lokales Kabelfernsehen weckte große Erwartungen an die Bürgerpartizipation und führte zu Experimenten, die mit Begleitforschung versehen wurden. Für seine kommunikationswissenschaftliche Forschung orientierte sich Stappers auch in den 1980er-Jahren an der Theoriebildung von George Gerbner, den er – wie oben schon erwähnt – als Kommunikationswissenschaftler mit Gespür für Psychologie sehr zu schätzen wusste. Diesmal übernahm der niederländische Kollege die von Gerbner propagierte Annäherung an die cultural indicators (vgl. Stappers 1984a, 1984b). Er widersprach damit den Kritikern von Gerbners Ansatz: Sie seien am alten linearen Modell der Massenkommunikation hängen geblieben. Fernsehen und the violence profile, Fernsehen und viewer conceptions of social reality oder Fernsehen und the dynamics of the cultivation process: Themen wie diese sind unlöslich mit Gerbner als outstanding Kommunikationswissenschaftler verbunden.

Stappers bewunderte schon in seiner Doktorarbeit die Art und Weise, wie Gerbner die Theoriebildung in der Kommunikationswissenschaft weiterentwickelte und wie er dabei die Inhaltsanalyse als Forschungsmethode propagierte. Sein Interesse für die kulturelle Indikatorenannäherung ergab sich aus seinem Interesse an der Wirkung von Massenmedien: Darin zeigte er sich wieder einmal als ausgebildeter Psychologe.

Nach Meinung der einige Jahre von Stappers geleiteten Forschungsgruppe in Nijmegen hatte Gerbner mit seiner kulturellen Indikatorenforschung und noch spezifischer mit seiner Theorie über die Wirkung von (Massen-)Medien einen wichtigen Schritt in Richtung eines neuen Paradigmas gemacht. Über die cultivation analysis versuchte Stappers nun in Zusammenarbeit mit einigen jungen Wissenschaftlern in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre, nach Gerbners Vorbild die Wirkungsforschung wiederzubeleben – insbesondere im Zusammenhang mit der Gewaltproblematik und den Unsicherheitsgefühlen in der Risikogesellschaft (vgl. Bouwman 1984; Bouwman/Stappers 1984). Die Wiederholung von Gerbners Kultivationsanalyse an verschiedenen Forschungsbeispielen kam jedoch zu dem Ergebnis, dass die große Anzahl an Gewaltszenen in Fernsehprogrammen nicht dazu führt, dass Vielseher ein anderes Bild von Gewalt in der Gesellschaft haben als weniger häufige Zuschauer. Massenmedien, insbesondere das Fernsehen, schaffen ein „synthetisches Milieu“, aus dem Menschen ihre Bilder von der Wirklichkeit entlehnen. Die von den Medien bereitgestellten Konzepte der Wirklichkeit liefern einen wichtigen Input im Prozess der Wirklichkeitswahrnehmung und der damit verbundenen Wirklichkeitskonstruktion von Menschen (vgl. Bouwman/Reijnders 1984; Rutten 1994). Wahrscheinlich, und unter anderem weil diese Einsicht bereits Gemeingut war oder schnell dazu wurde, stagnierte die Forschung nach den kulturellen Indikatoren und der Kultivierungsanalyse seit Mitte der 1980er-Jahre. Die Doktorarbeit von Harry Bouwman (1987) über Fernsehen als Schöpfer von Kultur (also nicht beschränkt auf das Thema Fernsehen und Gewalt) bildete den Abschluss eines Versuchs, endlich und definitiv in das Geheimnis der Wirkung von Massenmedien auf Einstellungen, Werte und Normen der Rezipienten einzudringen. Das Phänomen des Vielsehens wurde von Valerie Frissen in ihrer Dissertation aus der Perspektive des sozialen Handelns weiter untersucht (vgl. Frissen 1992).

3. Neue Impulse für das Fachgebiet in Nijmegen von Karsten Renckstorf

Karsten Renckstorf (Quelle: Communications 39. Jg.)

Von 1986 bis 2009 gab der Soziologe Karsten Renckstorf (1944 bis 2013) als Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Nijmegen neue Impulse zur Theoriebildung in der Forschung. Er kam vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg und war von 1970 bis 1985 auch an diesem Institut tätig. Nachdem Franz Dröge 1970 nicht nach Nijmegen gekommen war, bedeutete die Ernennung des ebenfalls soziologisch arbeitenden Renckstorf eine Stärkung dieser Annäherung in der Kommunikationswissenschaft, die sich nun als Ergebnis der ziemlich stark psychologisch fundierten Publizistikwissenschaft einerseits und der Soziologie der Massenkommunikation andererseits ausgeglichener entwickeln konnte. Das Interesse, das Renckstorf aus Hamburg mit nach Nijmegen brachte, bedeutete also eine glückliche Ergänzung zu dem eher psychologisch orientierten Schwerpunkt der vorkommunikationswissenschaftlichen Periode der dortigen Publizistik. Zudem konnten sich die in die Fachgruppe Kommunikationswissenschaft integrierten Erforscher der Soziologie der Massenkommunikation besser in dem von Renckstorf gewählten Schwerpunkt wiederfinden. Soziologische und sozialpsychologische Herangehensweisen hielten sich durch diese wissenschaftstheoretischen und pragmatischen Randbedingungen mehr im Gleichgewicht.

In einem Nachruf des Hans-Bredow-Instituts wurde Renckstorf 2013 folgendermaßen gedacht: „Neben zahlreichen Studien zur Nachrichtenberichterstattung war das Verhältnis der Mediennutzer zu den Medien sein zentrales Arbeitsgebiet; wegweisend waren seine Studien und Veröffentlichungen, in denen er den ‚Uses and Gratifications Approach‘ im deutschsprachigen Raum bekannt machte und zum so genannten ‚Nutzenansatz‘ weiterentwickelt hat. (…) Neben der Lehrtätigkeit (in Nimwegen) führte er seine Forschung über Mediennutzung als soziales Handeln fort und war überdies Herausgeber der englischsprachigen Fachzeitschrift Communications.“ Renckstorf war schon ein erfolgreicher Forscher (mit vielen Publikationen unter seinem Namen), als er nach Nijmegen berufen wurde. Ihm gelang es, ein Team von Wissenschaftlern zu bilden, das sich auf empirische Forschung konzentrierte und eine Neubewertung der in den Hintergrund gerückten Perspektive des uses and gratification-Ansatzes vornahm.

Renckstorf blieb bei seinem Versuch, diese Perspektive wiederzubeleben, auch seiner Vorliebe für McQuail und dessen Herangehensweise treu. Beide Wissenschaftler betrachteten die Synthese als eine vom Allgemeinen zum Besonderen führende Lehr- und Forschungsmethode und konnten so gelegentlich auch gut zusammenarbeiten. Sie einigten sich auf die Forschungsfrage, wie ein Publikum mit den Kommunikationsmedien, inklusive der Massenmedien, umgeht (vgl. Renckstorf/McQuail/Jankowski 1996). Die Art und Weise, wie dies geschieht, wurde als eine Art der sozialen Aktion verstanden, die nicht ausschließlich als externe Aktion konzeptualisiert wurde, sondern auch als externe Aktion gelten konnte, die mit einer internen, innerlichen Aktion während des Prozesses der „Selbstinteraktion“ gepaart ist. Ausgehend von dieser Perspektive der sozialen Aktion kamen Renckstorf cum suis auf die neue Theorie und Methodologie des media use as social action approach.

Der „interpretative Blick auf soziale Aktion“ stand in der Tradition des symbolischen Interaktionismus und richtete seine Aufmerksamkeit auf das Individuum, das selbstbewusst handelnd auf der Suche nach Sinngebung ist. 2001 erschien ein Überblicksartikel, in dem die innerhalb von zwölf Jahren unternommene Forschung hinsichtlich der research evidence für den Ansatz der Mediennutzung als soziales Handeln kritisch hinterfragt wurde. Die Schlussfolgerung lautete, dass diese Herangehensweise nicht nur für Theoriebildung und Methodologie, sondern auch für empirische Forschung eine neue Perspektive bietet (vgl. Renckstorf/Nelissen 1989; Renckstorf/Wester 2001).

Angemerkt sei, dass die Forschungsgruppe in Nijmegen, insbesondere dank der Expertise von Fred Wester, stark darin war, Strategien für qualitative Forschung in Zusammenhang mit Mediennutzung als soziale Handlung inklusive „interest guided information seeking behaviour“ zu entwickeln (vgl. Frissen/Wester 1997). Darin wurde auch das klassische Konzept von „Informationsbedarf“ im Sinne von autonomem Informationsbedürfnis und Informationsinteresse einbezogen. Auf der Grundlage einer sekundären Analyse von zur Verfügung stehenden Untersuchungsergebnissen wurde gefolgert, dass ein Informationsbedürfnis als Ausgangspunkt für eine Erklärung für das Auf-die-Suche-Gehen nach Informationen nicht ausreicht. Statt Informationsbedürfnis als eine Art Triebfeder für die Nutzung von Informationen zu betrachten, wählt Renckstorf das Individuum, das basierend auf Reflexion als Ausgangspunkt zielgerichtet auf die Suche nach fehlenden Wissenselementen geht (vgl. Renckstorf/Bosman 1994). Dieses Beispiel zeigt, dass in der kommunikationswissenschaftlichen Forschung der spezifisch soziologische Blickwinkel mit der (sozial)psychologischen Herangehensweise verflochten sein kann.

Wenn man Renckstorfs Verdienste für die Kommunikationswissenschaft in den Niederlanden zusammenfasst, kann man auf seinen unermüdlichen Einsatz verweisen, gemeinsam mit Kollegen und Studierenden auf die Suche nach neuen Forschungsperspektiven auf dem Gebiet der Massenkommunikation zu gehen. In diesem Sinne blieb er der Tendenz in seinem 1977 erschienenen Buch mit dem programmatischen Titel Neue Perspektiven in der Massenkommunikationsforschung treu. Außerdem war er aufgrund seines Forschungsprogramms ein trait d’union zwischen den deutschen Kommunikationswissenschaftlern und den stark auf die angelsächsischen Entwicklungen fokussierten niederländischen Kollegen. Im Gegensatz zu seinem Kollegen McQuail war er jedoch zu bodenständig, um ein internationales Netzwerk zu bilden und die Forschungsgruppe in Nijmegen davon profitieren zu lassen.

Bemerkenswert ist, dass sich drei kommunikationswissenschaftliche Forscher der jüngeren Generation, die an der Universität Nijmegen promoviert worden sind, zu Pionieren des Studiums der Informations- und Kommunikationstechnologie aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive heraus entwickelt haben. Dadurch erweiterten sie auch nach ihrer Promotion das stark psychologisch orientierte Blickfeld vieler Kommunikationswissenschaftler und plädierten explizit oder implizit für die Weiterentwicklung einer soziologischen Annäherung. Es handelt sich dabei um Harry (W. A. G. A.) Bouwman (Jahrgang 1953) und Valerie (V. A.) Frissen (Jahrgang 1960) sowie Jan (J. A. G. M.) van Dijk (Jahrgang 1952). Letzterer, der 1984 seine Dissertation der Methodologie in Bezug zu Medien und Kommunikation widmete, ist Professor für Soziologie der Informationswissenschaft an der Universität Twente, und zwar in der Abteilung Kommunikationswissenschaft. Außerdem ist er scientific director des Centre for E-Government Studies an dieser Universität in Enschede. Insbesondere widmet er der Netzwerkgesellschaft und den sozialen Aspekten der neuen Medien seine Aufmerksamkeit in Lehre und Forschung (Van Dijk 20123).

Van Dijk bekannte sich 2001 in seiner Antrittsvorlesung an der Universität Twente zur Kommunikationswissenschaft „als einer heranwachsenden Disziplin zwischen der Sozialpsychologie, Soziologie und Sprachen- oder Medienwissenschaft“ (Van Dijk 2001: 25). Er machte den Kommunikationswissenschaftlern den Vorwurf, sich hauptsächlich mit der Massenkommunikation der „alten Massenmedien“ Rundfunk und Presse zu beschäftigen und zu spät die Bedeutung der „neuen Medien“ entdeckt zu haben. Rätselhafter blieb seine Kritik, dass seine kommunikationswissenschaftlich arbeitenden Kollegen öffentliche und private Kommunikation, oder anders formuliert: Massenkommunikation, organisatorische und zwischenmenschliche Kommunikation, nicht in einem richtigen Zusammenhang betrachteten (vgl. Van Dijk 2001: 26). An der Universität Twente entwickelte sich seit 1993 „angewandte Kommunikationswissenschaft“ aus Sprachanwendung und Textanalyse.

Bouwman Frissen waren nach ihrer Promotion 1987 bzw. 1992 und einem Arbeitsverhältnis in Nijmegen beide kürzere oder längere Zeit als Kommunikationswissenschaftler an der Universität Amsterdam tätig. Ersterer setzte seinen akademischen Werdegang danach im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie fort und arbeitet zurzeit als associate professor an der Technischen Universität Delft (Section of Information & Communication Technology). Die Akademie der Wissenschaften in Finnland berief ihn 2013 außerdem zum Professor am Institute for Advanced Management System Research an der Äbo Akademi Universität in Turku und der Yuväskylan Universität in Yuväskylan. Frissen, die unter anderem Stiftungsprofessorin für Informations- und Kommunikationstechnologie & Social Change an der Erasmus Universität Rotterdam ist, spielt schon viele Jahre eine Schlüsselrolle in der niederländischen IKT-Welt, insbesondere seitdem sie 2014 erste Direktorin der Stiftung SIDN Fonds wurde. Diese not for profit-Organisation wurde zur Förderung der Wohlergehens und des Wohlbefindens der Niederländer gegründet. Sie möchte ihre Zielsetzung dadurch erreichen, dass die Anwendungsmöglichkeiten des Internets besser ausgenutzt werden. SIDN ist für die Zuteilung der .nl-Internetadressen zuständig.

Anmerkung

  • 1 Siehe für die frühe Entwicklung des Faches in Flandern auch: Jan Van den Bulck/Hilde Van den Bulck: Communication Sciences in Flanders: A History. In: Stefanie Averbeck-Lietz (Hrsg.): Kommunikationswissenschaft im internationalen Vergleich. Transnationale Perspektiven. Berlin: Springer VS 2016 (im Druck).

Literaturangaben

  • Harry Bouwman: Cultivation Analysis. The Dutch Case. In: Gabriele Melischek/Karl E. Rosengren/James G. Stappers (Hrsg.): Cultural Indicators, an International Symposium. Wien: Akademie der Wissenschaften 1984, S. 407-422.
  • Harry Bouwman: Televisie als cultuurschepper. Amsterdam: VU Uitgeverij 1987 (Dissertation Katholieke Universiteit Nijmegen).
  • Harry Bouwman/Nol Reijnders: Cultural Indicators. Some State of the Art. In: Gabriele Melischek/Karl E. Rosengren/James G. Stappers (Hrsg.): Cultural Indicators, an International Symposium. Wien: Akademie der Wissenschaften 1984, S. 33-47.
  • Harry Bouwman/James Stappers: The Dutch Violence Profile. A Replication of Gerbner’s Message System Analysis. In: Gabriele Melischek/Karl E. Rosengren/James G. Stappers (Hrsg.): Cultural Indicators, an International Symposium. Wien: Akademie der Wissenschaften 1984, S. 113-128.
  • Jan A. G. M. van Dijk: Netwerken, het zenuwstelsel van onze maatschappij. Rede uitgesproken bij het aanvaarden van het ambt van hoogleraar Toegepaste Communicatiewetenschap, toegespitst op de sociologische aspecten van de informatiesamenleving, aan de Faculteit Toegepaste Communicatiewetenschap van de Universiteit Twente op donderdag 1 november 2001. Enschede: Universiteit Twente 2001.
  • Jan [A. G. M.] van Dijk: The Network Society. Social Aspects of New Media. London: Sage 2012.
  • F. J. F. M. Duynstee et al.: Massamedia en politiek. 24 essays ter nagedachtenis aan prof. mr. Leo Gerhard Anton Schlichting. Utrecht: Ambo 1968.
  • Francesco Fattorello: Introduzione alla tecnica sociale dell’informazione. Roma: Instituto Italiano di Pubblicismo 1970.
  • Guido Fauconnier: Massamedia en samenleving. Inleiding tot de wetenschappelijke studie van de massacommunicatie. Antwerpen/Utrecht: De Nederlandsche Boekhandel 1973, 1979. In Übersetzung erschienen als: Mass Media and Society. An Introduction to the Scientific Study of Masscommunication. Concepts – Intentions – Effects. Leuven: Universitaire Pers Leuven 1975.
  • Guido Fauconnier: Algemene communicatietheorie. Utrecht/Antwerpen: Het Spectrum 1981.
  • Guido Fauconnier: Mens en media. Een introductie tot de massacommunicatie. Leuven/Apeldoorn: Garant Uitgevers 1990.
  • Valerie Frissen: Veelkijken als sociaal handelen. Een empirisch onderzoek naar het verschijnsel veel televisiekijken in Nederland. Nijmegen: Instituut voor Toegepaste Sociale Wetenschappen 1992 (Dissertation Katholieke Universiteit Nijmegen).
  • Valerie Frissen/Fred Wester: De interpretatieve onderzoeksbenadering in de communicatiewetenschap: een overzicht. In: Jan Servaes/Valerie Frissen: De interpretatieve benadering in de communicatiewetenschap: theorie, methodologie en case-studies. Leuven: Acco 1997.
  • Dirk De Grooff/Gust De Meyer/Michel Walrave (Hrsg.): De dialoog. Bloemlezing uit het werk van prof. dr. Guido Fauconnier. [Mit einer Bibliografie auf S. 233-238]. Leuven/Apeldoorn: Garant Uitgevers 2001.
  • Henk Prakke: In memoriam. Prof. mr. Leo Gerhard Anton Schlichting (geb. Alkmaar 14.3.1898; overl. Nijmegen 18.8.1968). In: Communicatie Cahiers [Instituut voor Massacommunicatie, Katholieke Universiteit Nijmegen] Vol. 2 (4), 1968, S. 5.
  • Karsten Renckstorf: Neue Perspektiven in der Massenkommunikationsforschung. Beiträge zur Begründung eines alternativen Forschungsansatzes. Berlin: Volker Spiess 1977.
  • Karsten Renckstorf/Jan Bosman: Informatiebehoefte en mediagebruik. De reconceptualisering van informatiebehoefte. In: Fred van Raaij/Gerard Schuijt/James Stappers/Jan Wieten/Cees van Woerkum/Coen van der Linden (Hrsg.): Communicatie en informatie. Een stand van zaken. Houten/Zaventem: Bohn Stafleu Van Loghum 1994, S. 47-59.
  • Karsten Renckstorf/Paul Nelissen: Mediennutzung als soziales Handeln. Zur Entwicklung einer handlungstheoretischen Perspektive der empirischen (Massen-)Kommunikationsforschung. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 41. Jg. (1989), Sonderheft 30, S. 314-336.
  • Karsten Renckstorf/Denis McQuail/Nicolas Jankowski (Hrsg.): Media Use as Social Action. A European Approach to Audience Studies. London/Rome: John Libbey 1996.
  • Karsten Renckstorf/Fred Wester: The ‘Media Use as Social Action’ Approach: Theory, Methodology, and Research Evidence so far. In: Communications 26. Jg. (1996), S. 389-419.
  • Paul Rutten: De culturele-indicatorenbenadering in de veranderende communicatiewetenschap. In: Fred van Raaij/Gerard Schuijt/James Stappers/Jan Wieten/Cees van Woerkum/Coen van der Linden (Hrsg.): Communicatie en informatie. Een stand van zaken. Houten/Zaventem: Bohn Stafleu Van Loghum 1994, S. 107-135.
  • J[acob] G. Stappers: Publicistiek en communicatiemodellen. Nijmegen: Drukkerij Busser (Dissertation Katholieke Universiteit Nijmegen) 1966.
  • James Stappers: Massacommunicatie. Een inleiding. Amsterdam: Wetenschappelijke Uitgeverij 1973.
  • J. G. [James] Stappers/A. D. [Nol] Reijnders/W. A. J. (Toon) Möller: De werking van massamedia. Een overzicht van inzichten. Den Haag: Staatsuitgeverij 1982.
  • James Stappers: Cultural Indicators: A Possible Source of Confusion. In: Gabriele Melischek/Karl E. Rosengren/James G. Stappers (Hrsg.): Cultural Indicators, an International Symposium. Wien: Akademie der Wissenschaften 1984a, S. 105-110.
  • James Stappers: De eigen aard van televisie. Tien stellingen over cultivatie en culturele indicatoren. In: Massacommunicatie Vol. 12 (5-6), 1984b, S. 249-258.
  • James Stappers: De definities van communicatie. In: Fred van Raaij/Gerard Schuijt/James Stappers/Jan Wieten/Cees van Woerkum/Coen van der Linden (Hrsg.): Communicatie en informatie. Een stand van zaken. Houten/Zaventem: Bohn Stafleu Van Loghum 1994, S. 13-36.

Empfohlene Zitierweise

  • Joan Hemels: Die Entwicklung in Nijmegen. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2015. http://blexkom.halemverlag.de/nijmegen/ (Datum des Zugriffs).