Die Etablierung als erwachsene Disziplin

Im letzten Teil seines Features über das Fach in den Niederlanden kommt Joan Hemels bis in die Gegenwart und blickt dabei neben öffentlichen Diskussionen um die Ausbildungsqualität auch auf ein „goldenes Jahrzehnt“ zurück, das durch international anerkannte Forschung geprägt war.


Der Weg zur Anerkennung der Kommunikationswissenschaft in den Niederlanden führte zwar zu einem glänzenden Auftakt, aber durch die öffentliche Beachtung, die damit verbunden war, lastete auch ein großer Druck auf den Repräsentanten der neuen Fachdisziplin. Außerdem stellte der Minister keine zusätzlichen Mittel für die kommunikationswissenschaftliche Lehre und Forschung zur Verfügung. Die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern mit einem sehr unterschiedlichen Hintergrund in neuen Kooperationsverbänden war deshalb sowohl in Nijmegen als auch in Amsterdam erforderlich. Eine der ersten Aufgaben bestand im Zusammenstellen eines ausgewogenen Studienprogramms für das 1985 dreijährige, an das einjährige Propädeutikum anschließende Studium.

In den Jahren der politischen Beschlussfassung mit einer Fülle von Diskussionen über das Selbstverständnis und die Zielstrebigkeit des kommunikationswissenschaftlichen Fachs gab es immer mehr Engagement für Kommunikationswissenschaft als sozialwissenschaftliche Disziplin mit Potenz. Das war zugleich der Auftakt einer Entwicklung, die in kurzer Zeit zur empirisch-analytischen Wende führen würde – wie in den schon älteren Sozialwissenschaften mit den Psychologen als Vorreiter. Die Soziologen waren bald hinterhergekommen. Die „empirisch-sozialwissenschaftliche Wende“ (Löblich 2010) veränderte auch das Fach Publizistikwissenschaft in den drei Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. In der Bundesrepublik Deutschland, in der Schweiz, in Österreich und in den Niederlanden blieb die historisch-deskriptive Annäherung des geisteswissenschaftlichen Wissenschaftsverständnisses jedoch erkennbar – an der Universität Amsterdam bis in das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Die „durchaus lebensfähigen Relikte des ‚geisteswissenschaftlichen Lagers‘“ (Schmolke 2010: 321) drohen jedoch aus der Fachgeschichte zu verschwinden, wenn sich die Kommunikationswissenschaft konsequent nur als Sozialwissenschaft begreift und einordnet.

1. Jan Kleinnijenhuis über das Themenspektrum der Medienforschung

Jan Kleinnijenhuis (Foto: privat)

„Bei Medienforschung sind Fragen in der Diskussion, um die es in anderen Disziplinen nur wenig oder gar nicht geht.“ So der Politologe und Kommunikationswissenschaftler der Freien Universität in Amsterdam, Jan Kleijnnijenhuis (Jahrgang 1954), im Jahr 1994 bei einer kritischen Inventarisierung der kommunikationswissenschaftlichen Forschung und der dabei benutzten Methoden. Mit „Medienforschung“ meinte er, anders als man vermuten könnte, die Darstellung der Medienlandschaft und das Suchen nach Erklärungen für Veränderungen darin. Dabei muss man, so Kleinnijenhuis (1994: 63-64), eine Vielzahl von Faktoren berücksichtigen, wie technische und wirtschaftliche Entwicklungen, politisch-juristische Rahmenbedingungen sowie Kommunikator- und Rezipientenvorlieben.

Kleinnijenhuis wurde 1990 mit einer Dissertation über die Art und Weise, wie Journalisten Nachrichten bezüglich Politik verarbeiten, an der Freien Universität promoviert (vgl. Kleinnijenhuis 1990). Er ist seit 1998 Professor für Allgemeine Kommunikationswissenschaft (vgl. weiterführend Bak 2013: 283-285), als Nachfolger von Wim Noomen (Jahrgang 1944), der 1988 Van Cuilenburg nachfolgte, als dieser von der Freien Universität zur Universität Amsterdam wechselte. Beide wurden nach dem Studium der Politologie Mitarbeiter von Evert Diemer, dem Initiator der Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität. 1996 wurde Noomen, nachdem er 31 Jahre Kommunikationswissenschaft und internationale Beziehungen gelehrt und geforscht hatte, Vorstand des Universitätskollegium (vgl. Bak 2013: 243-45).

Das von Kleinnijenhuis oben umschriebene Themenspektrum der Medienforschung erinnert an die traditionelle (historisch-)systematische Publizistik mit einer beschreibenden und einer erklärenden/interpretativen Dimension. Implizit führt Kleinnijenhuis aus, dass der empirisch-sozialwissenschaftlich arbeitende Forscher – auch in seiner Rolle als Kommunikationswissenschaftler – sein Forschungsobjekt im gesellschaftlichen, kulturellen, ökonomischen, politischen und sozialen Kontext kennen muss.

Die gebräuchlichen Methoden und Arten von Forschung behandelt Kleinnijenhuis anhand der klassischen Frage von Harold Lasswell: „Who says what in which channel to whom with what effect?“ So kommen nacheinander an die Reihe: Kommunikatorforschung, die bereits genannte Medienforschung, die Inhaltsanalyse mit der Diskursanalyse (unterschieden in verschiedene Subtypen), die Publikumsforschung und letztendlich die Wirkungsforschung (ebenfalls unterschieden in verschiedene Subtypen). Zu der umfangreichen Kategorie Wirkungsforschung zählt Kleinnijenhuis auch die Erforschung von Wissensvermehrung (dazu gehört seiner Meinung nach ebenfalls das Interesse an uses and gratification-Variabeln und die Hypothese von der Wissenskluft), von persönlichem agenda setting, inklusive der priming-Hypothese, von Überzeugung (persuasion) und von der Bildung von Einstellungen (attitudes). Nachdem er festgestellt hat, dass die Kommunikationswissenschaft „alles außer einer einfachen Wissenschaft“ ist, zeigt sich der Autor hinsichtlich ihrer Problemlösungsfähigkeiten optimistisch. Dadurch dass ausgehend von bestehenden Theorien ein bestimmter Forschungsansatz und bestimmte Forschungsmethoden gewählt wurden, die für eine spezifische Problemstellung geeignet sind, konnten, laut der Schlussfolgerung von Kleinnijenhuis, die Problemstellungen der Kommunikationswissenschaft Stück für Stück beantwortet werden.

Zur Unterstellung von Kleinnijenhuis, dass Kommunikationswissenschaftler immer wieder „einen komplexen Untersuchungsansatz und fortgeschrittene Forschungsmethoden“ anwenden, passt 20 Jahre später eine Randbemerkung. Die Nutzung von Computern beispielsweise für computergesteuerte Inhaltsanalysen in Verbindung mit der Digitalisierung von Tageszeitungen hat die inhaltsanalytische Forschung deutlich vereinfacht und zu einer Vertiefung der Fragestellung geführt. Damit ist die Möglichkeit verbunden, größere Textbestände über einen längeren Zeitraum im Untersuchungsansatz zu berücksichtigen. Zusammen mit den Kommunikationswissenschaftlern Dirk Oegema (Freie Universität) und Jan A. de Ridder, der von dieser Universität zur Universität Amsterdam wechselte, machte Kleinnijenhuis sich dadurch verdient, dass er die computergesteuerte Inhaltsanalyse nicht nur anwandte, sondern auch kritisch weiterentwickelte. Im Übrigen ist das, was Kleinnijenhuis „die Methodologisierung der Kommunikationswissenschaft“ nennt, ausgeblieben, während die seines Erachtens damit verbundene weitergehende Spezialisierung stattgefunden hat.

Cees J. Hamelink im Jahr 1991 (Foto: Bob Bronshoff, Bijzondere Collecties Universiteit van Amsterdam, Inv.-Nr. 157.585)

Idealerweise kommt es zu einem Spezialisierungsprozess, nachdem eine Wissenschaft nach der Phase der Konstituierung die der Etablierung erreicht hat. Was die Kommunikationswissenschaft angeht, kann man sich fragen, ob nicht von einer Variante im Spezialisierungsprozess gesprochen werden kann. Bei der Anerkennung der Daseinsberechtigung dieser neuen Disziplin brachten die Pioniere zwar die Spezialisierungen und Interessen für ihr ursprüngliches Studiengebiet mit, aber sie entwickelten sich im kommunikationswissenschaftlichen Kontext geradewegs zu Betreibern der Kommunikationswissenschaft mit einer neuen, angepassten Spezialisierung. Ein gutes Beispiel dafür ist der international bekannte Cees J. Hamelink (Jahrgang 1940). Von einem lutherischen Theologen mit internationaler Erfahrung, unter anderem im Rundfunksektor, wurde er seit 1983 in der Kommunikationswissenschaft an der Universität Amsterdam zum kritisch-engagierten Fachmann auf dem Gebiet der internationalen Kommunikation und Menschenrechte (vgl. weiterführend Hamelink 1994).

Jochen Peter (Foto: privat)

Man kann sich fragen, ob die allgemeine Kommunikationswissenschaft durch die skizzierte Entwicklung und Konsolidierung des Fachs nach der Ära mit Stappers in Nijmegen (bis 1995) und mit McQuail in Amsterdam (bis 1997) nicht zu kurz kam. Beide wurden mit einer Festschrift geehrt (Hollander/Rutten/Van der Linden, 1995; Brants/Hermes/Van Zoonen 1997). Man kann die Sammelbände lesen und interpretieren als Plädoyer für eine thematisch breit gefächerte Kommunikationswissenschaft. Sowohl in Amsterdam als auch in Nijmegen folgten den ersten Pionieren inzwischen jüngere Kollegen, die selbst Kommunikationswissenschaft studiert haben und auf diesem Gebiet promoviert worden sind. Im dritten Teil dieses Features wurden schon die Professoren Klaus Schönbach, Holli Semetko, Claes de Vreese, Edith Smit, Jochen Peter und Rens Vliegenthart an der Universität Amsterdam erwähnt. Jan van Cuilenburg, ein Vertreter der Pioniere des Fachs, kam eher über die Politologie zur Kommunikationswissenschaft, obwohl sich er und andere Schüler von Diemer an der Freien Universität, wie zum Beispiel auch Wim Noomen, Otto Scholten und Jan de Ridder, intensiv kommunikationswissenschaftlich mit politischer Kommunikation und Politik in Bezug zu Medien beschäftigten. Jo Bardoel studierte Soziologie der Massenkommunikation an der Universität Nijmegen, aber auch er gehört zu den Wegbereitern der Kommunikationswissenschaft. Moniek Buijzen, die 2013 von Amsterdam aus in Nijmegen ernannt wurde, ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine jüngere Generation das Fach inzwischen weiterentwickelt (eher in die Tiefe der Spezialisierung als in die thematische Breite).

Liesbet van Zoonen (Foto: privat)

Kommunikationswissenschaftler und „Quereinsteiger“ aus verwandten Wissenschaften – insbesondere mit einer spezifischen Praxiserfahrung in einem bestimmten Kommunikationsberuf – werden für Journalistik und sonstige kommunikationswissenschaftlich orientierte Studiengänge an Fachhochschulen weiterhin gefragt sein, wenn es sich um die Lehre und die Erforschung der Modalitäten der öffentlichen Kommunikation (Massenkommunikation) handelt. Dabei kann man an Public Relations, Corporate Communication, interne und externe Unternehmenskommunikation (Organizational Communication) und behördliche Kommunikation auf allen Ebenen der öffentlichen Verwaltung denken. Insbesondere für sogenannte Stifungsprofessuren kamen an Universitäten vorübergehend nicht kommunikationswissenschaftlich ausgebildete Akademiker oder Nichtakademiker zum Einsatz. Inzwischen werden jedoch, wie oben schon mit Beispielen gezeigt, die ersten Kommunikationswissenschaftler der jüngeren Generation für diese Bereiche ernannt – immer mit dem Ziel, nicht nur die Lehre, sondern auch die angewandte Forschung zu fördern.

2. ASCoR und Forschung mit einem mission statement im weitesten Sinne

Angesichts geänderter Auffassungen über die effizienteste Art der wissenschaftlichen Forschung, damit die Niederlande mit ausländischen Universitäten konkurieren können, wurde auf dem höchsten Niveau der politischen Entscheidungsfindung beschlossen, Lehre und Forschung voneinander zu trennen. Von jeher waren diese beiden Arbeitsgebiete eines an einer Universität tätigen Akademikers untrennbar miteinander verbunden, sodass es um eine Veränderung mit weitreichenden Folgen ging. Keine einzige Disziplin konnte sich dieser Maßnahme entziehen: Die Zuweisung von Forschungsmitteln war das Druckmittel.

Im Jahr 1997 übernahm die Kommunikationswissenschaft an der Universität von Amsterdam durch die Gründung einer Forschungsschule eine Vorreiterrolle. Beschlossen wurde, keine Zusammenarbeit mit Psychologie oder mit dem Trio Soziologie, Politologie und kulturelle Anthropologie einzugehen, die bereits eine gemeinsame Forschungsschule gegründet hatten. Dass die Kommunikationswissenschaft den wichtigen Schritt allein wagte, war bemerkenswert, auch wenn der Studiengang inzwischen jedes Jahr 400 und mehr neue Studierende anzog. Das immense Anwachsen der Studentenzahl bedeutete eine starke Unterrichtsbelastung, wobei die Erhöhung des Personalschlüssels ausblieb. Gegen Ende des Jahrtausends kam auf 92 Studenten ein Dozent. Dass man sich für einen Alleingang in der Forschung entschieden hat, kann wahrscheinlich damit erklärt werden, dass sich die Kommunikationswissenschaft oft von den anderen Sozialwissenschaften marginalisiert fühlte. Dieses Gefühl blieb, auch nachdem 1987 die Unterfakultät der politischen und sozial-kulturellen Wissenschaften (Politieke en Sociaal-Culturele Wetenschappen, PSCW) gegründet wurde und diese Verwaltungseinheit 1999 in der schon erwähnten Fakultät der Gesellschafts- und Verhaltenswissenschaften aufgegangen war. 1992 hatte die Kommunikationswissenschaft endlich das begehrte Propädeutikum bekommen, was erforderlich war, um einen unabhängigen Status zu erreichen und die Selbstsicherheit als anerkannte Sozialwissenschaft zu stärken. An freiwillige Zusammenarbeit mit den Nachbarwissenschaften war noch nicht zu denken, obwohl es schon Gründe dafür gab, sich zu überlegen, ob man sich auf einen gemeinsamen sozialwissenschaftlichen body of knowledge, gemeinsames Training in Forschungsmethoden und -techniken, großzügige Wahlmöglichkeiten von Nebenfächern usw. einlassen könnte.

Der damalige Vorsitzende der Fachgruppe Kommunikationswissenschaft, Van Cuilenburg, war Ende 1987 von der Freien Universität an die Universität Amsterdam gewechselt. Seit 1969 war er an der Schwesteruniversität tätig gewesen – seit 1981 als Professor für Kommunikationswissenschaft. Seine promovierten Mitarbeiter Otto Scholten und De Ridder folgten ihm innerhalb von zwei Jahren. Das Dreigespann bemühte sich mit Erfolg, seine Schwerpunkte im Unterricht und in der Forschung – Medienpolitik, Informationsfragen und politische Kommunikation – ergänzend zum body of knowledge der Fachgruppe Kommunikationswissenschaft an der Universität Amsterdam weiterzuentwickeln. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft, zum ersten Mal 1984 erschienen, wurde mehrmals überarbeitet (vgl. Van Cuilenburg/Scholten/Noomen 1996). Im Jahr 2000 erschien ein Übersichtswerk (vgl. Van Cuilenburg/Neijen/Scholten 2000), das als eine Aktualisierung eines 1994 erschienenen Sammelbandes betrachtet werden könnte (vgl. Van Raay 1994). Zusammen mit dem Zeitungsexperte Piet Bakker veröffentlichte Scholten eine Beschreibung der Medienlandschaft in den Niederlanden, die 2014 in der neunten, überarbeiteten, Auflage erschien (vgl. Bakker/Scholten, 2014).

Die erwähnten Wissenschaftler der Freien Universität verlegten ihren Arbeitsplatz nicht ganz ohne Grund, denn ihre Universität hatte 1984 kein Oberbaustudium Kommunikationswissenschaft zuerkannt bekommen. Das kommunikationswissenschaftliche Lehrangebot für Studierende der Politologie und Verwaltungskunde wurde jedoch aufrechterhalten: Kleinnijenhuis, der nicht nur die Lehre, sondern auch die kommunikationswissenschaftliche Forschung erfolgreich ausgebaut hatte, wurde 1998 zum Professor für allgemeine Kommunikationswissenschaft berufen. Damit wurde der Weg für eine selbstständige Abteilung Kommunikationswissenschaft frei, die 2002 mit einem eigenen Bachelor- und Masterstudium einen Neuanfang machte (vgl. weiterführend Bak 2013).

Jahresbericht 2013 der Amsterdam School of Communication Research

Zeitgleich mit dem Abschied McQuails im September 1997 wurde, wie im dritten Teil dieses Features ausführlich gewürdigt, The Amsterdam School of Communication(s) Research (ASCoR) offiziell eröffnet (im Jahr 2009 ist das „s“ aus „Communications“ weggefallen). Von Anfang an war Englisch für jeden, der mit ASCoR zu tun hatte, die internationale Wissenschaftssprache. Das mission statement lautete wie folgt: „ASCoR conducts research at an advanced level into the political, social, psychological, cultural and economic aspects of communcation infrastructure, contents, and effects. Research addresses the role of media and (tele)communications, nationally and internationally, from the perspective of democracy and processes of opinion and identity formation. As an institute for academic research and training in the field of communications, ASCoR is also a meeting place for scholars, students and policymakers“ (ASCoR Annual Report 1997-1998: 3).

Peter Neijens (Foto: privat)

Es war eine gewagte Initiative, aber ASCoR wurde ein durchschlagender Erfolg. Als Leitfigur von ASCoR erkannte Van Cuilenburg, dass wissenschaftliche Forschung immer abhängiger von externer Finanzierung wurde. Erfolgreich verteidigte Doktorarbeiten sorgen für Extramittel, sodass angestrebt wurde, die Zahl der Promotionen zu erhöhen. Seit 1998, also schon bevor Van Cuilenburg im Jahr 2001 hauptberuflich den Vorsitz des niederländischen Aufsichtsrats für die Medien (Commissariaat voor de Media) übernahm, war Peter C. Neijens (Jahrgang 1951), Experte auf dem Gebiet der persuasiven Kommunikation, als wissenschaftlicher Direktor verantwortlich für den Ausbau des Forschungsinstituts. Sein Direktorat wurde durch das erfolgreiche Eintreiben von Forschungsmitteln und das Stichwort „Internationalisierung“ geprägt. Die Verdienste von Neijens für die Entwicklung der Kommunikationswissenschaft wurden von den niederländischen und flämischen Kollegen 2013 gewürdigt durch die zum ersten Mal verliehene Auszeichnung mit der NeFCA Senior Career Award for a Lifetime of Scholarly Achievement in Communication Science, gestiftet von The Netherlands-Flanders Communication Association (NeFCA). Dank der Berufungen der Professoren Semetko 1995 und Schönbach 1998 verfügten ASCoR und die Kommunikationswissenschaft an der Universität Amsterdam auch nach McQuails Emeritierung sowohl über ein Netzwerk in den Vereinigten Staaten als auch im deutschen Sprachraum. Für das Werben um vielversprechende Ph.D.-Studenten für ASCoR und Gastprofessoren aus dem Ausland war dies sehr wichtig.

Nach der Berufung von Semetko 2002 an die Emery University in den Vereinigten Staaten (Atlanta, GA) und von Schönbach 2009 nach Wien setzte Claes de Vreese die Arbeit der beiden Professoren auf dem Gebiet der politischen Kommunikation und öffentlichen Meinungsbildung ebenso energisch wie erfolgreich fort. Semetko ist gegenwärtig Asa Griggs Candler Professor of Media & International Affairs und Professor für Political Science an der Emory University. Zusammen mit Margaret Scammell veröffentlichte sie 2012 ein Handbuch auf dem Gebiet der politischen Kommunikation (vgl. Semetko/Scammell 2012).

Klaus Schönbach (Foto: privat)

Schönbach, der sich schon früh in seinem akademischen Werdegang einen internationalen Ruf erworben hatte, war Ende 2008 fulltime nach Amsterdam zurückgekommen, und zwar insbesondere für die Lehre und Forschung auf dem Gebiet der Medien, Journalistik und öffentlichen Meinung. Vorher hatte er für drei Jahre haupttberuflich an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen (Professur für Kommunikationswissenschaft) gearbeitet. Er wechselte 2014 von der Universität Wien an die Northwestern University in Katar, wo er Vizedekan für Forschung und professor in residence wurde. Semetko und Schönbach sind beide ASCoR Honorary Fellows.

Der gerade schon erwähnte De Vreese, ein gebürtiger Däne, wurde 2005 Professor für Politische Kommunikation und Nachfolger von Neijens als ASCoR Scientific Director. Die Konsolidierung des Forschungsinstuts war sein wichtiges Anliegen und die internationale Anerkennung der ASCoR-Veröffentlichungen zweifelsohne Ziel seiner ständigen Bemühung. Seit 1999 untersucht De Vreese die Berichterstattung und Meinungsbildung über die Europawahlen. In 27 EU-Staaten werden drei Tageszeitungen und zwei Fernsehnachrichtenprogrammen analysiert. Er gründete 2013 das Center for Politics and Communication. Im Jahr 2015 wurde ihm vom European Research Council zwei Millionen Euro als consolidation grant zuerkannt.

Ed Tan (Foto: privat)

Der ebenfalls schon erwähnte Jochen Peter, ein gebürtiger Deutscher, wurde 2013 neuer ASCoR Scientific Director. Er ist seit 2011 zweiter Professor für Media Entertainment. Schon Anfang 2003 wurde Ed S. H. Tan, der an der Freien Universität tätig war, an der Universität Amsterdam (Fakultät der Gesellschafts- und Verhaltenswissenschaften) zum Professor für Medienunterhaltung ernannt. Der Psychologe mit dem Forschungsgebiet Medienerfahrung und Medienkompetenz verstärkte die Spezialisierung der Amsterdamer Kommunikationswissenschaft, die bis 2009 unter dem Nenner „Medienunterhaltung und Populäre Kultur“ während eines Vierteljahrhunderts von Liesbet (E. A.) van Zoonen (Jahrgang 1959) zu einem Schwerpunkt entwickelt wurde. Nach ihrem Studium der Politologie wechselte sie zur Kommunikationswissenschaft. Sie wurde 1991 mit einer Dissertation über Medien und die Frauenbewegung an der Universität Amsterdam promoviert – mit McQuail als Betreuer. Van Zoonen aktzeptierte 2009 die Professur für Communication and Media Studies an der Loughborough University im Vereinten Königreich. Zurzeit ist sie dort nur noch in Teilzeit tätig, weil sie Dekanin der 2012 gegründeten Erasmus Graduate School of Social Sciences and the Humanities an der Erasmus-Universität Rotterdam wurde.

Im ASCoR Annual Report 2012 (13) liest man: „It [ASCoR] is the largest research institute of its kind in Europe and is among the largest worldwide. More than 55 senior researchers are permanently associated with ASCoR and its English-language PhD program hosts more than 40 candidates.“ Bezüglich der Forschungsgebiete wird berichtet: „ASCoR research concentrates on the production, uses, and consequences of information and communication in informing, persuading, and entertaining citizens. The approach is multidisciplinary: Core theories of communication science are combined with theories and methods from other social sciences, political science, sociology, psychology, economics, history, and information sciences.“ Dieses Zitat zeugt von der Überwindung der zurückhaltenden Haltung gegenüber Nachbarwissenschaften innerhalb und außerhalb der Sozialwissenschaften. Es zeugt von Selbstbewusstsein und Offenheit und somit von der Bereitschaft, mit verschiedenen Partnern zusammenzuarbeiten. Mit der folgenden Zielsetzung von ASCoR kann man ohne Vorbehalt einverstanden sein: „At the core of the research agenda are fundamental scientific questions, and research is aimed at developing and empirically testing theory. In doing so, the program applies and develops new methodological approaches, both quantitative and qualitative“ (ASCoR Annual report 2012: 13).

Jedes Jahr erscheint ein ausführlicher englischsprachiger Jahresbericht von ASCoR, in dem unter anderem per research cluster detailliert über Forschungsergebnisse berichtet wird. Zum Millenniumswechsel ging es um die Cluster Communications, Organizations and Policies, Media Audiences and Culture und Communication Effects (vorher: Media Contents and Effects). Die Einteilung nach Schwerpunkten in der Forschung hat einen dynamischen Charakter und wurde öfter geändert – auch unter Einfluss von personellen Veränderungen. Für das Forschungsprogramm wurden 2005 die folgenden drei Domänen ausgewählt: Media, Communication and Society, Media Communication and Institutions und Media, Communication and the Individual. Hingewiesen wurde auf die Umwandlung, die sich in der Welt der Kommunikation vollzog. Dennoch möchte ASCoR sein Forschungsprogramm nicht grundlegend ändern, denn: „ASCoR‘s research agenda still falls into the classic division of societal, organizational, and individual questions“ (ASCoR Annual Report 2005: 8).

Für das Forschungsprogramm 2006 bis 2010 wählte ASCoR jedoch „a tripartite division in research domains“, eine Einteilung, die auf den drei primären Funktionen von „information and communication“ basierte, nämlich: „to inform, to persuade, and to entertain“ (ASCoR Annual Report 2006: 8). Daraus ergaben sich die folgenden drei Themengruppen (research priority areas): Persuasive Communication, Political Communication and Journalism und Youth and Media Entertainment (ASCoR Annual Report 2006: 9). Für die Begründung dieser Änderung brauchte der Jahresbericht 2006 einen langen Satz. Sie wurde durchgeführt, „acknowledging that many communication processes influence and are affected by the ongoing changes, that communication cuts across levels of individuals, institutions and society as well as that communication often takes place in complex, multi-level structures and includes private and public actors, and (mass) mediated and interpersonal communication“ (ASCoR Annual Report 2006: 8). Schon ein Jahr später wurden die zweite und dritte Themengruppe neu formuliert, und zwar mit dem folgenden Ergebnis: (ungeändert) Persuasive Communication (to persuade), Media, Journalism & Public Opinion (to inform) und Media Entertainment & Popular Culture (to entertain) (ASCoR Annual Report 2007: 11).

Für den Zeitraum 2010 bis 2015 wurde die Einteilung in drei Funktionen der Kommunikation – entertainment, persuasion und information – beibehalten, aber die Themen der Programmgruppen heißen nun folgendermaßen: Persuasive Communication (to persuade), Political Communication & Journalism (to inform) und Youth & Media Entertainment (to entertain; ASCoR Annual Report 2014: 13).

Valkenburg

Patti M. Valkenburg (Foto: Michael Meyen)

In dem letztgenannten Bereich der Unterhaltung entwickelte Patti M. Valkenburg (Jahrgang 1958), als sie 1997 eine Stiftungsprofessur mit dem Lehrauftrag Jugend und Medien bekam, ein international hochgeschätztes Forschungsprogramm auf dem Gebiet Medien, Jugend und Gesellschaft. Sie gründete 2003 das Center for Research on Children, Adolescents, and the Media (CCAM) als Forschungszentrum. Nach ihrer Stiftungsprofessur lehrte sie als Inhaberin eines Lehrstuhls Kommunikationswissenschaft über Medien, Kommunikation und das Indivduum, später über Medien, Entertainment und populäre Kultur. Dem Schwerpunkt Medien und Jugendforschung blieb sie jedoch immer treu. Kein Kommunikationswissenschaftler und keine Kommunikationswissenschaftlerin in den Niederlanden wurde so oft ausgezeichnet als Valkenburg: 2011 empfing sie die mit 2,5 Millionen Euro dotierten Spinoza Prämie und 2008 wurde sie der erste niederländische Fellow der International Communication Association (ICA), und zwar als „lifetime achievement award“ (Valkenburg 2012). Dadurch dass sie nicht nur in „(ISI-ranked) peer reviewed journals“ publiziert, sondern auch einige Bücher in der niederländischen Sprache veröffentlichte, machte sie sich außerdem bei interessierten general readers einen Namen (vgl. Valkenburg 2014). Seit dem Jahr 2013 ist Valkenburg Universitätsprofessor. Ein „universiteitsprofessor“ hat in den Niederlanden eine außerordentliche ehrenvolle Position als distinguished university professor inne.

Abschiedsvorlesung von Marten Brouwer 1994

Der schon erwähnte Professor Hamelink war seit 1983 mit der Universität Amsterdam verbunden. Im genannten Jahr bekam er eine Stiftungsprofessur für das Fachgebiet Internationale Kommunikation und 1993 wurde er Professor für Kommunikationswissenschaft mit demselben Sondergebiet für Lehre und Forschung. Nach seiner Emeritierung 2005 hat er noch einige Jahre an der Universität Amsterdam gelehrt. Außerdem wurde er 2002 an der Freien Universität Professor für Medien, Religion und Kultur. 2013 wurde er nach Valkenburg der zweite niederländische ICA Fellow. Er veröffentlichte eine Reihe von kritischen Studien über Information und Macht, über die Computergesellschaft, über den „Mythos“ der freien Information, über Menschenrechte und über internationale Medien- und Kommunikationspolitik (vgl. Bergman 2013; Hamelink 1994). Hamelinks Themenwahl lässt sich zum Teil vergleichen mit den Schwerpunkten in der Bibliografie von Jaap van Ginneken (Jahrgang 1940), der Sozialpsychologie studierte. Er entwickelte die Psychologie des kollektiven Verhaltens innerhalb der Kommunikationswissenschaft nach Marten Brouwers Emeritierung an der Universität Amsterdam weiter, es sei denn viel produktiver und immer mit einem aktuellen Themenwahl (vgl. Van Ginneken 2013a, 2013b).

Im ASCoR-Jahresbericht 2012 findet man die folgende Erläuterung bezüglich des laufenden ASCoR-Forschungsprogramms 2010 bis 2015: „Our focus is driven by the conviction that research should provide answers to questions that are both scientifically important and socially relevant. Our research program combines traditional media and communication effects theories, and it also reappraises and renews those theories. It pays more attention to conditional and indirect effects, motivational factors, psychological processes, investigated in large and more adequately designed studies that include new measurement and modeling techniques“ (ASCoR Annual Report 2012: 14).

1999 wurde The Netherlands School of Communication Science (NESCoR) als nationale Forschungsschule mit einem Ph.D.-Programm Kommunikationswissenschaft gegründet. Außer Kommunikationswissenschaft an der Universität Nijmegen traten auch die Fachgruppe Angewandte Kommunikationswissenschaft an der Unversität Twente und die damalige Sektion Kommunikationswissenschaft von der Fachgruppe Politologie und öffentlichen Verwaltungskunde an der Freien Universität Amsterdam als ein Bestandteil der NESCoR bei. Die Sektion dieser letzten Universität wurde, wie an anderer Stelle erläutert, 2003 eine selbstständige Fachgruppe, nachdem die Abteilung Politologie und Verwaltungskunde am 1. Januar 2001 schon in zwei Teile geteilt worden worden war: eine Abteilung für Politologie und eine Abteilung für Verwaltungs- und Kommunikationswissenschaft. Als „national communication science research school“ ist NeSCoR von der königlichen niederländischen Akademie der Wissenschaften (Koninklijke Nederlandse Akademie der Wetenschappen, KNAW) akkreditiert worden.

3. Kommunikationswissenschaftliche Forschung an der Universität Nijmegen

Bei dem Masterstudium Kommunikationswissenschaft an der Universität Amsterdam und an der Universität Nijmegen handelt es sich um ein einjähriges Programm. Nur der Research Master Communication Science hat ein zweijähriges Programm. Für Ph.D.-Forscher der gesetzlich anerkannten Forschungsschulen handelt es sich de facto um ein Pflichtprogramm. Für die Forschung innerhalb der Kommunikationswissenschaft war die Universität Nijmegen von 1999 bis 2004 participating university von NESCoR [1]. Im letztgenannten Jahr wurde diese Teilnahme auf eine Partnerschaft reduziert. Die Forschung wurde ab 2003 im größeren Zusammenhang des Instituts für sozialkulturelle Untersuchung (Nijmeegs Instituut voor Sociaal-Cultureel Onderzoek, NISCO) untergebracht und ab 2010 beim Behavioral Science Institute, das sein Schwerpunkt in der Psychologie hat.

Zur Tradition der 1964 gegründeten Fakultät der Sozialwissenschaften in Nijmegen gehörte einige Jahrzehnte lang die Kopplung von Forschungsvorhaben an die ansässigen Professoren. Ab 1974 bis in die 1980er-Jahre förderte James Stappers die Forschung zu Themen der lokalen Öffentlichkeit und ihrer Bedeutung für die lokale Demokratie. Begleitforschung zum lokalen Kabelfernsehen führte zu Fragen, wie die lokale Identität durch diese neue Kommunikationsmöglichkeit beeinflusst werden und welche Folgen der lokale Rundfunk für die Printmedien im lokalen Kommunikationsraum haben könnte (vgl. Van der Linden/Hollander/Vergeer 1994). Seit 1980 ist Stappers‘ Name auch mit dem Forschungsbereich Communication, Culture and Community verbunden. In Forschung und Lehre richtete sich die Aufmerksamkeit besonders auf die Bedeutung der Kommunikation für culture, auf cultivation and message systems im Verhältnis zu Kommunikation und Kultur sowie auf die Bedeutung von community communication. Auf seine Orientierung an Gerbners cultural indicators für die cultivation analysis wurde im Feature-Teil über Nijmegen schon hingewiesen.

Karsten Renckstorf entwickelte ab 1986 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2009 den Forschungsbereich Media Use as Social Action. Die Wahl dieses Schwerpunkts führte zu einer großen Anzahl an Publikationen über

  • Fernsehen als soziales Handeln (vgl. Arts et al. 1990; Frissen 1992; Hendriks Vettehen 1998; Renckstorf/Wester 2001; Huysmans 2001; Schaap 2009);
  • die Frage: Wie nutzen Menschen die Informationen, die über behördliche Informationskampagnen (public information campaigns) zur Verfügung gestellt werden? (vgl. Renckstorf/McQuail/Jankowski 1996);
  • Mediennutzung von „Medienmachern“ wie Journalisten und Programmmachern (vgl. Hermans 2000) sowie
  • die Nutzung von Fernsehnachrichten durch die Empfänger (vgl. Huysmans 2001; Schaap 2009).

Eines der großen Projekte vom media use as social action-Ansatz betrifft das groß angelegte Feldforschungsprojekt MASSAT, das 1989, 1994 und 2000 durchgeführt wurde (vgl. Arts et al. 1990; Hendriks Vettehen et al. 1995; Koning et al. 2005). Renckstorf arbeitete dabei mit dem Politikwissenschaftler Leo B. van Snippenburg (Jahrgang 1942) zusammen. Er war von 1996 bis 2002 Professor für Kommunikationswissenschaft, und zwar als Nachfolger von Stappers, der 1995 emeritiert worden war. Van Snippenburgs Arbeitsfeld bezog sich vor allem auf politisch-ökonomische Entwicklungen, soziokulturelle Veränderungen, Mediennutzung mit dem Blick auf Informationsgewinnung und politische Kommunikation. Die MASSAT-Feldforschung bildete einen wichtigen Bestandteil des Forschungsschwerpunktes Massacommunicatie als transactie (Massenkommunikation als Transaktion, MASSAT), durchgeführt von einer recht großen Forschungsgruppe unter der Leitung von Renckstorf. Der besondere Wert der drei nationalen kommunikationswissenschaftlichen Befragungen im Rahmen von MASSAT bestand darin, dass sie empirische Forschungsergebnisse lieferten, und zwar mit Bezug auf die Verfügbarkeit von Medien, die Art und Weise, wie Menschen den Medien ausgesetzt sind (media exposure), und die Mediennutzung (media use) in den Niederlanden. Ziel dieser Längsschnittuntersuchung war, Basisinformationen bezüglich des Umgangs von Menschen mit Medien zu erhalten, zu beschreiben und zu analysieren. Der theoretische Blickwinkel, auf dem die drei MASSAT-Befragungen basierten, war das von Renckstorf, Fred Wester und Paul Nelissen ausgearbeitete handlungstheoretisch fundierte Referenzmodell (action theoretical reference model). Innerhalb dieses Referenzmodells wird der Umgang mit den Massenmedien und den dargebotenen Botschaften (messages) als „soziales Handeln“ konzipiert, sodass nicht nur die Form von äußeren Verhaltensweisen, sondern auch das „innere Handeln“ des Empfängers während des Interpretationsprozesses untersucht, beschrieben und erklärt werden kann. Die MASSAT-Forschung führte nicht nur zu einer bemerkenswert großen Anzahl an wissenschaftlichen Publikationen, sondern auch zu verschiedenen Dissertationen. Der leidenschaftlich über Mediennutzung als soziales Handeln forschende Renckstorf wurde 2009 emeritiert. Ihm wurde ein liber amicorum to honour prof. K. Renckstorf’s career mit dem Titel Meaningful Media angeboten (Koning/Nelisse/Huysmans 2009).

Fred (P. J.) Wester (Jahrgang 1947) setzte nach seiner Berufung als Professor für Kommunikationswissenschaft 2003 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2012 den Forschungsbereich Fernsehen als soziales Handeln als Message Systems fort. Er hatte schon einen Ruf als Experte für die sozialwissenschaftliche Methodologie (vgl. Wester 1995). In seiner Forschung wurde Wester während seiner Professur von zwei wichtigen kommunikationswissenschaftlichen Traditionen inspiriert, die sich mit repetitive patterns in media content beschäftigen. Es handelt sich dabei um die Theoriebildung auf dem Gebiet von agenda setting, wie sie ab 1972 von Maxwell E. McCombs (Jahrgang 1938) und Donald L. Shaw (Jahrgang 1936) konzipiert wurde, sowie um die Kultivierungstheorie von Gerbner. Veröffentlichungen mit Ergebnissen von qualitativer und quantitativer Forschung waren das Ergebnis. Untersucht wurden Tendenzen im Medieninhalt. Es wurde dabei nach der Qualität von Nachrichten innerhalb des Journalismus gesucht, nach Bildformung (representation) und der Ausbildung von Stereotypen, auch im Verhältnis zu Minderheiten. Als Methodiker publizierte Wester außerdem Analysemethoden, die sich auf den Inhalt von Medien beziehen.

Die Kommunikationswissenschaft in Nijmegen kannte lange Zeit eine Tradition der Lehre auf dem Gebiet der Medienpolitik. Als Stiftungsprofessoren für diese Spezialisierung waren nacheinander der Soziologe und Rundfunkexperte Kees (C. P. M.) van der Haak (1937 bis 2015) (1990 bis 2000), der Soziologe und Kommunikationswissenschaftler mit Expertise auf dem Gebiet der Journalismusforschung Bardoel (2001 bis 2009) und der Historiker und Journalist Ben Knapen (2008 bis 2010) tätig. Letzterer (Jahrgang 1951) lehrte über Medien und Qualität des Journalismus, bis er – kurzfristig – in die Politik ging.

Die Berufung des von der Universität Amsterdam kommenden Bardoel 2009 als Professor für Journalistik und Medien an der Universität Nijmegen (Sektion – später Abteilung – Kommunikationswissenschaft) führte zum Forschungsprojekt „Journalistik und Medienpolitik“ als Weiterführung der Forschungsvorhaben, die sich während der Professur von Renckstorf mit Mediennutzung und Medienmachern beschäftigten. Durch Bardoels Wechsel zur Universität Nijmegen bekam die Lehre im Journalismus neue Impulse. Ende 2014 verabschiedete Bardoel sich mit einer Abschiedsvorlesung (vgl. Bardoel 2015).

Von 2002 bis 2011 war Hans (Johannes) W. J. Beentjes (Jahrgang 1955) Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Nijmegen, bevor er 2011 Professor für Allgemeine Kommunikationswissenschaft an der Universität Amsterdam wurde. Er ist ein Spezialist auf dem Gebiet der Medienwirkung, insbesondere der Mediennutzung von Jugendlichen. Ebenso wie Patti Valkenburg gehörte er in den 1990er-Jahren zu der Forschungsgruppe von Tom (T. H. A.) van der Voort an der Universität Leiden. Van der Voort war seit Anfang der 1980er-Jahre Pionier auf dem Forschungsgebiet Kinder und Medien, insbesondere Jugendliche und Gewaltdarstellung im Fernsehen. An der Universität Amsterdam arbeitet Beentjes im ASCoR-Center for Research on Children, Adolescents, and the Media (CCAM) mit Valkenburg zusammen. Die Forschung seines Kollegen Neijens basiert mehr auf dem Schwerpunkt der Medien und ihrer Beeinflussung bezüglich eines kommerziellen Settings (Werbung). Er beachtet dabei auch behördliche Informationskampagnen.

2012 wurde Moniek Buijzen (Jahrgang 1973) als Professorin für Kommunikationswissenschaft, insbesondere für strategische und persuasive Kommunikation, an die Universität Nijmegen berufen. Sie legt vor allem Wert auf Forschungsfragen und Forschungsmethoden, die die positiven Wirkungen der Medien, inklusive social media, auf das Verhalten der Jugendlichen (Stichwort: prosocial behaviour) aufklären. Zusammen mit Simone de Droog entwickelte sie De Wereld van de Groentefroetels (Die Welt der Gemüsetiere), um Kinder in einer spielerischen Art und Weise zum Essen von Gemüse und Obst zu „verführen“ (vgl. Tinbergen 2014).

Buijzen kam von der Universität Amsterdam. In Nijmegen entwickelt sie das von Beentjes aufgebaute Forschungsgebiet Media & Influence weiter. Wie man ihrem Forschungsprogramm und ihren Veröffentlichungen entnehmen kann, geht es dabei um die folgenden Teilgebiete oder Blickwinkel:

  • „Media, moral reasoning, and prosocial sensibility“ (culture, persuasion);
  • „Lost in a world of ever-present, emotional, and flashy news? News effects in a changing information environment“ (information, persuasion);
  • „The commercialised media environment: content, processes, and consequences on children and adolescents“ (influence, culture) und
  • „Understanding consumer responds to tailored persuasive communication: mediators and moderators of persuasion“ (influence).

4. Ergebnisse der Auditierung der Kommunikationswissenschaft

Die Jahresberichte der Forschungsschulen sind zweifelsohne wichtige Quellen für die Beurteilung des Fortgangs der kommunikationswissenschaftlichen Forschung geworden. Die Einführung der regelmäßigen Auditierung von Forschungsleistungen (research assessments) und die Sicherung der Qualität der gebotenen Studiengänge an Universitäten und Fachhochschulen führten seit Mitte der 1990er-Jahre zu einer Umwälzung des akademischen Lebens. Mit der „Visitation“, der strengen externen Beurteilung, sind Konsequenzen für den Fortbestand einer Forschungsschule oder Studienrichtung verbunden.

Die „Gelbe Karte“ als Wendepunkt im Amsterdamer Oost-Indisch Huis

Im Studienjahr 1998 bis 1999 wurden die Studiengänge auf dem Gebiet der Kommunikation sowohl in den Niederlanden als auch in Flandern zum zweiten Mal beurteilt. Dieses Audit ergab, dass der Studiengang Kommunikationswissenschaft an der Universität Amsterdam mit einem Verhältnis von einem Dozenten auf 92 Studierende absolut unterdurchschnittlich besetzt war. Schon bei der ersten Visitation im Jahr 1993 festgestellte Defizite waren, wie die Visitationskommission in ihrem Bericht betonte, ungenügend behoben. Die harte Kritik der Visitationskommission, in der McQuail als emeritierter Professor das wichtigste Mitglied war, verursachte große Unruhe im Oost-Indisch Huis, dem Gebäude in der Altstadt, in dem die Abteilung Kommunikationswissenschaft und ASCoR zwischen 1977 und 2014 ihren Sitz hatten. Die Medien berichteten Anfang 2000 wochenlang über die „verheerende“ Lage der Kommunikationswissenschaft an der Universität Amsterdam – am Anfang nicht immer mit ausreichender Sachkenntniss. Innerhalb einiger Monate führte die Krise mit ihren negativen Begleiterscheinungen zu einem erfolgreich ausgeführten Aktionsplan, um die Situation auf dem Gebiet der Lehre zu verbessern. Die sogenannte „Gelbe Karte“, das heißt: die öffentliche Warnung des zuständigen Ministers vom Februar 2000, wurde ernst genommen [2]. Übrigens: Die Qualität der Forschung stand für die Visitationskommission nicht zur Diskussion, weil sie kein Gegenstand ihrer Arbeit war. In der Medienberichterstattung blieb diese Tatsache meistens unterbelichtet.

Der Studiengang Kommunikationswissenschaft in Nijmegen bekam grünes Licht. Dass die Ausbildung in Amsterdam die Gelbe Karte bekam, war deshalb umso unangenehmer: Es wurde befürchtet, dass die neuen Studenten nun eher Nijmegen als Studienort wählen würden. Dies war jedoch nicht der Fall: Das kritische Visitationsberichts führte nicht zu einer niedrigeren Studentenzahl am Anfang des Studienjahres 2000/01, wohl aber zu einer Erhöhung der Dozentenzahl. Die unbedingt nötigen, schon viele Jahre fälligen, zusätzlichen Finanzmittel flossen endlich.

In dem Jahr 1999, in dem der zweite Auditbericht herauskam, veröffentlichte die im 27. Jahrgang erscheinende Tijdschrift voor Communicatiewetenschap in der Doppelnummer 3/4 eine Übersicht über den Stand der Dinge auf dem Gebiet der kommunikationswissenschaftlichen Forschung an verschiedenen niederländischen und flämischen Universitäten. Die Vorbereitung der Visitation an den betreffenden Universitäten hatte zum ersten Mal dazu geführt, dass die einschlägigen Veröffentlichungen der Forschungsergebnisse systematisch inventarisiert worden waren. Ein Review-Artikel mit einem Gesamtüberblick und einer kritischen Wertung wurde dadurch ermöglicht. In derselben Zeitschrift, Tijdschrift voor Communicatiewetenschap, erschien 2006 ein Rückblick auf die kommunikationswissenschaftliche Forschung in den Jahren 1990 bis 2005 (vgl. Zwier/Beentjes/Gutteling 2006). Dieser spätere Beitrag ist relevanter als der von 1999, unter anderem weil es um einen längeren Zeitraum geht, in dem große Fortschritte gemacht wurden. Deshalb wird dieser Bestandsaufnahme zur Lage der Kommunikationswissenschaft unten ausführlicher Aufmerksamkeit gewidmet.

Ziemlich kurz nach der Einführung der Bachelor-/Masterstruktur ab 2002 wurde die Kommunikationswissenschaft an der Universität Amsterdam und an der Universität Nijmegen 2005/06 zum dritten Mal beurteilt. Für das Bachelorstudium Kommunikationswissenschaft und den Master Angewandte Kommunikationswissenschaft der Universität Twente sowie für den neu gegründeten Studiengang Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität in Amsterdam handelte es sich um eine erste Visitation. Die Kommunikationswissenschaft in Flandern blieb diesmal außer Betracht. Vorsitzender der Kommission war Jan Van den Bulck, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Löwen (KU Leuven).

Im Vorwort des Endberichts stellt Van den Bulck fest: „Fachgenossen nennen Kommunikationswissenschaft gerne eine ‚junge‘ Wissenschaft. Die Disziplin bleibt tatsächlich jung, weil ihr Objekt (‚Mediatisierungsprozesse zwischen Menschen‘) sich dauernd erneut und uns immer wieder mit neuen Entwicklungen konfrontiert. Betrachtet man die niederländische Situation, dann muss man jedoch zugleich feststellen, dass dieses, sich jung fühlende, aber doch schon Dezennien alte Fachgebiet inzwischen erwachsen geworden ist“ (vgl. QANU 2006: 7).

Die Stiftung Quality Assurance Netherlands Universities (QANU) arbeitete zur Erfüllung ihrer Aufgabe, die vier kommunikationswissenschaftlichen Studiengänge an der Universität Amsterdam, an der Freien Universität, an der Universität Twente und an der Universität Nijmegen zu beurteilen, auf Basis der sechs Qualitätsbereiche der niederländisch-flämischen Akkreditierungsorganisation Nederlands-Vlaamse Accreditatieorganisatie (NVAO). Die betreffenden Qualitätskriterien tragen der Erklärung von Bologna aus dem Jahr 1999 und den sogenannten Dublin-Deskriptoren aus dem Jahr 2005 der Europäischen Union Rechnung.

Verringerung der Standardisierung und Zunahme der Fokussierung?

Die zweite Visitationskommission hatte 1999 eine „Standardisierung“ der niederländischen und flämischen Kommunikationswissenschaft festgestellt, einerseits als Beleg, dass es sich nicht mehr um einen „jungen“ Wissenschaftszweig handelte, andererseits als Hinweis darauf, dass das Risiko eines Innovationsdefizits in den Studienprogrammen ein hohes Maß an Vorsicht erforderte. Sechs Jahre später stellte die Kommission fest, dass diese Diagnose für die niederländische Kommunikationswissenschaft nicht mehr zutraf. Als zwei „große Trends“ erwähnte sie in diesem Zusammenhang: Zunahme von Fokussierung einerseits und Verringerung der Standardisierung andererseits.

Die Entwicklung eines eigenen Profils der Kommunikationswissenschaft als Ganzes, mit einer sozial- und verhaltenswissenschaftlichen Orientierung der einzelnen vier Studiengänge – mit einer eigenen Spezialisierung und Vorgehensweise – wurde gelobt. Studenten haben, laut Endbericht der Kommission, dadurch die Möglichkeit, eine bestimmte Annäherung an einer bestimmten Universität zu wählen. In allen Studiengängen stünde jedoch das empirisch-quantitative Modell der Kommunikationswissenschaft im Mittelpunkt, obwohl für qualitative Forschung und Paradigmen, die sich davon bewusst distanzieren, mehr oder weniger Freiraum bliebe (vgl. QANU 2006: 25-26). Mit der Note „genügend“ durften die betroffenen Einrichtungen zufrieden sein. Die Note „ausgezeichnet“ wurde übrigens nur selten von Visitationskommissionen zuerkannt.

Nachdem der Bachelorstudiengang Angewandte Kommunikationswissenschaft an der Universität Wageningen 2010 als „genügend“ beurteilt worden war, folgte 2012/13 eine vierte Visitation für die vier oben schon erwähnten Studiengänge in den Niederlanden.

Vorsitzende dieser vierten Visitationskommission war Hilde Van den Bulck, Kommunikationswissenschaftlerin der Universität Antwerpen. Der Endbericht erschien im Jahr 2013 (vgl. QANU 2013a, 2013b, 2013c, 2013d). Die Tendenz der Zuteilung der Noten („exzellent“, „gut“, „genügend“ und „nicht genügend“) änderte sich nicht grundsätzlich. Die Qualifikation „genügend“ blieb dominierend. Diesmal wurde das Bachelorstudienprogramm der Universität Nijmegen aber als „nicht genügend“ beurteilt. Die Kritik war nicht so hart formuliert wie das Urteil aus dem Jahr 2000 über die damalige Lage der Kommunikationswissenschaft in Amsterdam. Vorschläge zur inhaltlichen und organisatorischen Aufbesserung wurden inzwischen in Nijmegen durchgeführt. Die Qualifizierung genügend ist die Voraussetzung für die Wiederakkreditierung eines Studiengangs und wird deshalb in akademischen Kreisen und in den Medien sehr ernst genommen. Die Vergabe einer Gelben Karte mit der Verpflichtung, innerhalb eines bestimmten Zeitabschnitts Maßnahmen einzuleiten, die zur Aufbesserung der Ausbildung führen, hat rege Medienaufmerksamkeit als Begleiterscheinung. Imageverlust in der Öffentlichkeit lässt sich dabei nicht vermeiden. Die Zuteilung einer „Roten Karte“ bedeutet de facto das Ende eines Studiengangs, weil die Finanzierung aus öffentlichen Mitteln in diesem Fall aufhört.

In zunehmendem Maße flossen seit der Millenniumwende größere und für spezielle Forschung bestimmte Geldströme. Außerdem nahm der Anteil an Spezialisierungen in Lehre und Forschung zu, was die Diversität der Kommunikationswissenschaft zeigte. Die Einführung der Bachelor- und Masterstruktur ab 2002 – in Flandern seit dem 1. September 2004 – führte zur Etablierung eines speziellen zweijährigen Research Master, auch hinsichtlich der darauf folgenden Ph.D.-Ausbildung. Der Druck, kontinuierlich zu forschen und darüber bevorzugt in international renommierten Zeitschriften zu veröffentlichen, nahm am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts deutlich zu.

Die Autoren des zweiten Lageberichts der Disziplin bieten eine beschreibende Analyse der Veröffentlichungen von Forschern in den Niederlanden und in Flandern über einen Zeitraum von 15 Jahren. Sie haben die Daten mit den Forschungspublikationen in US-amerikanischen Kernzeitschriften verglichen. Aus ihren Forschungsergebnissen ergab sich, dass durchschnittlich 66 Prozent der Artikel in der Tijdschrift voor Communicatiewetenschap aus einer quantitativen Perspektive geschrieben wurden. Festgestellt wurde, dass es, was die qualitative oder quantitative Herangehensweise, die Methode der Datensammlung und die untersuchten Medien angeht, eine starke Übereinstimmung zwischen der niederländisch-flämischen Zeitschrift und den amerikanischen Kernzeitschriften gibt. Quantitative Analyse, Fernsehen und Printmedien, Befragung und Inhaltsanalyse gaben im untersuchten Zeitraum den Ton an, und zwar in ungefähr gleichem Verhältnis in der Tijdschrift voor Communicatiewetenschap und den US-amerikanischen Zeitschriften (vgl. Zwier/Beentjes/Gutteling 2006: 225).

Die Verweise auf kommunikationswissenschaftliche Forschung stammen zu 35 bis 40 Prozent aus der eigenen Disziplin. Aufgrund dieser Übereinstimmung schlussfolgern die drei Forscher einerseits, dass Kommunikationswissenschaft im Zeitraum von 1990 bis 2005 in ansehnlichem Maße auf eigenen Quellen aufbaut, und andererseits, dass Politologie und Soziologie, die traditionell mehr als Partner der Kommunikationswissenschaft betrachtet werden, sich in dieser Hinsicht weniger stark profiliert haben. Die Kommunikationswissenschaftler stellten fest, dass die kommunikationswissenschaftliche Forschung in den Low Countries im untersuchten Zeitraum stärker in die psychologische Herangehensweise eingebettet war, während bei dieser Disziplin in den Vereinigten Staaten eher eine soziologische Herangehensweise in den Vordergrund trat (vgl. Zwier/Beentjes/Gutteling 2006: 226).

Die von den drei Autoren ausgewählten Artikel in der Themennummer der Tijdschrift voor Communicatiewetenschap von 2006 beinhalten quantitative und qualitative Studien, empirische und eher betrachtende Beiträge. Sie geben einen kritischen Rückblick auf einen bevorzugten Theorierahmen (framing), auf Analysen der Medienprogrammierung und der politischen Kommunikation und auf Interventionsforschung auf dem Gebiet der Gesundheit. Bei einem Beitrag handelt es sich um die Beschreibung eines bottum up-Kommunikationsprozess (uses as designer approach).

Der Analyse der drei erwähnten Kommunikationswissenschaftler könnte man fast ein Dezennium später eine kritische Frage hinzufügen, nämlich ob die Kommunikationswissenschaftler nicht allmählich sozialpsychologisch arbeitende awareness raisers werden, weil ihre Forschungsthemen sich immer mehr auf Beeinflussung des Bewusstseins fokussieren. Informationskampagnen gibt es in Hülle und Fülle und sie werden mit dem Blick auf accountability von Begleitforschung versehen. Die Beschaffung von Drittmitteln für die Forschung treibt auch Kommunikationswissenschaftler in die Arme von Behörden und Organisationen, die awareness bezüglich individueller und gesellschaftlicher Themen predigen und sie um jeden Preis fördern wollen. Zum Glück gab es in der kommunikationswissenschaftlichen community der Niederlande in den letzten Jahren keine Fälle von Forschungsbetrug, wie es zum Beispiel bei der Sozialpsychologie der Fall war – mit verheerenden Folgen für das Ansehen dieses Fachs.

5. Fazit: Rückblick auf 30 Jahre Kommunikationswissenschaft

Als Schlussfolgerung für die Entwicklung der Kommunikationswissenschaft in den Niederlanden während des letzten Jahrzehnts könnte man ohne Vorbehalt dem Ergebnis einer bibliometrischen Studie in Bezug zu Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden zustimmen und ein Zitat hinzufügen. Statt „Nordic“ braucht man nur „Dutch“ zu lesen. Der betreffende Satz lautet: „The results of the present study indicate that communication research carried out by Nordic scholars is becoming increasingly international, and the past decade can be considered a golden one“ (Fernández-Quijada 2014: 147).

Dass die Kommunikationswissenschaft an der Universität Amsterdam das „goldene Jahrzehnt“ so maßgebend geprägt hat, kann man nicht bestreiten. Wenn man sich erinnert, wie gerade diese Universität bei der Zuteilung der neuen Studienrichtung vor etwas mehr als 30 Jahren fast übergangen worden wäre, kann man sich über die nach dieser narrow escape freigekommene Energie nur freuen. Zum Glück gibt es keine Amsterdamer Monopolposition, und es entwickelt sich auch an vier anderen Universitäten, wie erörtert wurde, eine Kommunikationswissenschaft in Vielfalt weiter. Inzwischen kann man Wageningen University als fünften Standort einbeziehen. Wie sich die eigene Signatur dieser fünf Werkstätten in Lehre und Forschung auf der nationalen und internationalen Ebene verhalten wird, lässt sich nicht vorherbestimmen. Die Fragen „Wo stehen wir?“ und „Wo wollen wir hin?“ bleiben jedoch aktuell und bieten die notwendigen Bausteine zur aktuellen Selbstverständnisdebatte (vgl. weiterführend Schulz/Hartung/Keller 2009).

Für die niederländische kommunikationswissenschaftliche Lehre und Forschung könnte die wichtigste Frage sein, wie Kommunikationswissenschaft als eine offene Disziplin in Pluralismus statt Uniformität weiterentwickelt werden kann: mit einem geneigten Ohr für gesellschaftliche Fragen (auf nationaler und internationaler Ebene), offen für Impulse von Nachbarwissenschaftlern und für Bedürfnisse der professionals in den verschiedenen Kommunikationsberufen. Eine Disziplin als wissenschaftliche Fachrichtung kann durch erstickende interne und externe Wahrung der Disziplin bei der Durchführung der Forschungsprogramme und durch eine ängstliche Disziplinierung des Nachwuchses an Dynamik und Vitalität einbüßen.

Neben dem Verhältnis der Kommunikationswissenschaft zu anderen Disziplinen müssen vor allem Faktoren identifiziert und diskutiert werden, die einerseits einigen Paradigmen zum Durchbruch verhalfen, Schulen etablierten und die Mythenbildung beförderten oder andererseits eine Etablierung anderer Betrachtungsweisen verhinderten. Mit diesem Programm einer Fachgeschichte beschäftigen sich auch die jüngeren Mitglieder der Fachgruppe Kommunikationsgeschichte in der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft ausführlich.

Man könnte schlussfolgernd feststellen, dass jede Wissenschaft sich von Zeit zu Zeit rückblickend mit ihrer Lage bzw. ihrer Position sowohl in der nationalen wie auch in der internationalen scientific community auseinandersetzen muss. Visitationskommissionen regen dazu an, obwohl sie auch viel Stress, manchmal window dressing und immer hohe Kosten verursachen. Der Valorisierung, verbunden mit der Frage, wie man die Leistungen der Lehre und der Forschung innerhalb der Kommunikationswissenschaft bezüglich gesellschaftlicher Fragen einschätzen darf, könnte zweifelsohne noch systematischer Aufmerksamkeit gewidmet werden. Basierend auf der einerseits kritischen Bestandsaufnahme (state of the art) der periodischen Visitationen und andererseits auf der Verankerung der Kommunikationswissenschaft in der Gesellschaft eröffnen sich neue Perspektiven. Zugleich wird so die inhärente Dynamik dieser Wissenschaft auf Dauer beibehalten werden können.

Anmerkungen

  • 1 Diesen Abschnitt habe ich unter anderem auf der Basis der Bausteine mit dem Titel „Ontstaan en ontwikkeling van Communicatiewetenschap in Nijmegen“ zusammengestellt. Emeritus-Prof. Dr. Fred P. J. Wester und Dr. Paul W. M. Nelissen, inzwischen Direktor des Instituts für die Lehre auf dem Gebiet der Gesellschaftswissenschaften, der damaligen Sektion – inzwischen Abteilung – Kommunikationswissenschaft der Universität Nijmegen haben mir die Notizen und Unterlagen 2012 zur Verfügung gestellt. Außerdem haben der Letztgenannte und Prof. Dr. Jo Bardoel meinen Konzept-Text kritisch überprüft und ergänzt. Ich möchte mich herzlichst bei diesen Kollegen bedanken. Wie auch im Abschnitt über die Forschung an der Universität Amsterdam, wird aus Platzmangel nur sehr beschränkt auf einschlägige Veröffentlichungen hingewiesen. Es fehlen leider regelmäßig erscheinende Review-Aufsätze in internationalen Zeitschriften in Bezug zur Entwicklung der Kommunikationswissenschaft in den Niederlanden.
  • 2 Siehe Linda van der Weg: Communiceren met gele kaarten (24. Oktober 2014).

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