Joan Hemels (Foto: Michael Meyen)
Joan Hemels (Foto: Michael Meyen)

Ich habe immer versucht zu vermitteln

Veröffentlicht am 27. Juni 2014

Joan Hemels war Professor in Amsterdam und Antwerpen und gern gesehener Gast an vielen deutschsprachigen Instituten. Michael Meyen hat ihn am 28. März 2014 kurz vor der akademischen Feier zu seinem 70. Geburtstag in Leipzig interviewt.

Stationen

Geboren am 2. März 1944 in Lierderholthuis (heute Gemeinde Raalte). Ausgebildeter Journalist. Studium an der Katholischen Universität Nijmegen (bis zur Zwischenprüfung Zeitgeschichte und Journalistik, danach Sozial- und Wirtschaftsgeschickte und Publizistik). 1967 dort wissenschaftlicher Mitarbeiter. 1969 Promotion. 1973 DGPuK-Mitglied. 1982 Universität von Amsterdam. 1987 auch offiziell Professor für Kommunikationswissenschaft (bis 2009). 1998 zugleich erster Inhaber des Abraham Verhoeven-Lehrstuhls an der Universität Antwerpen; dort Gastprofessor bis 2008. Zahlreiche Gastprofessuren im deutschsprachigen Raum: Salzburg (1979/80), Bochum (1981/82), Eichstätt (1985/86), Mainz (1992/93), Leipzig (1995/96, 2002/03), Siegen (1997/98), Wien (1999/2000). Wissenschaftlicher Beirat von Communicatio Socialis (seit 1985) und des Jahrbuchs für Kommunikationsgeschichte (seit 1999). Verheiratet, eine Tochter.

Könntest du zu Beginn etwas über dein Elternhaus erzählen, deine Kindheit, deine Jugend?

Joan Hemels beim Deutschen Zeitungsmuseum (DZM) in Wadgassen, Saarland (Foto: DZM)

Wir waren sechs Geschwister. Eine ältere und eine jüngere Schwester und vier Brüder. Unser Vater war eigentlich bei seinem Onkel, einem Bauunternehmer in Amersfoort, in der Zimmerei tätig. In den 1930er-Jahren musste er umdenken, weil es durch die Wirtschaftskrise fast keine Aufträge mehr gab. Er hat dann die Bäckerei seines Vaters übernommen. 1935 hat er geheiratet.

Was hat deine Mutter gemacht?

Sie war Kindermädchen bei einer adligen Familie. Der Vater hat immer gehofft, dass wir Kinder studieren, als erste Generation in der Familie.

Hat er an ein bestimmtes Fach gedacht?

Nein. Er hat uns in keine Richtung gedrängt. In einem Handwerksbetrieb gehört es dazu, dass die Kinder mitarbeiten. Mutter hat 1953 eine Filiale eröffnet und zu einem kleinen Supermarkt weiterentwickelt. Sie war viel unternehmerischer als mein Vater. Uns Kindern war klar: Wenn wir keine Lust auf Schule haben, werden wir auch Bäcker. Das war eine Warnung. Wir haben gesehen, wie anstrengend dieser Beruf ist.

Und das Geschäft?

Das ist dann ausgelaufen. Ich glaube, meine Eltern haben genossen, dass aus uns etwas geworden ist. Ihr Lebensziel war erfüllt. Sie haben gesehen, wie nach mir auch noch einer meiner älteren Brüder promoviert wurde. Es ist ein großes Glück, in der Familie so eine warme Umwelt zu haben.

Welche Einstellung hatte dein Elternhaus zu Deutschland?

Meine Großeltern mütterlicherseits haben im September 1944 alles verloren. Mein Vater hat als Bäcker vielen Menschen helfen können und dadurch nach dem Krieg viel Dankbarkeit erfahren. Im Herbst 1944 hat er einen Tag für Todt arbeiten müssen, wurde aber wegen seines Berufs schnell wieder freigestellt.

Was haben die Eltern zu deinen Reisen nach Deutschland gesagt?

Meine Mutter hat nur einmal gefragt, als sie entdeckte, dass ich zu Henk Prakke nach Münster fahre. 1967/68 war das. Ihr hat das gefallen. Zu Hause wurde auch nie über die Moffen geschimpft. Das habe ich auch an Prakke bewundert: Als er nach dem Krieg gesehen hat, wie schlecht es den Deutschen ging, hat er angefangen, Hilfe zu organisieren, obwohl er vorher in Gefangenschaft war (vgl. Klein 2005, Hemels et al. 2000).

Weißt du noch, warum du Journalist werden wolltest?

Durch die Schulzeitung. Das hat mich freier gemacht. Ich war vorher ziemlich schüchtern. Ein Lehrer für Niederlandistik hat mich für die Zeitung begeistert. Ein früherer Journalist. Er hat uns die Sprache über das Schreiben beigebracht. Feder auf Papier. Gedichte, Aufsätze. Einfach tun und nicht nur Grammatik pauken. Über die Schulzeitung wurde ich zu einem Wochenende der europäischen Bewegung eingeladen. Eine nationale Bewegung, die Europa fördern wollte. Als ich 14 oder 15 war, wurde ich dann Korrespondent.

Korrespondent? Worüber hast du geschrieben?

Über das Dorf. Die Vereine, ein Heubrand, Theaterstücke. Ich war ein penny-a-liner, bezahlt nach Zeilen. Erst für ein Blatt, das zweimal pro Woche erschien, und dann auch für zwei Tageszeitungen. Bei der neutralen Tageszeitung, die nach der Aufhebung der katholischen Ausgabe noch erschien, habe ich dann 1963/64 meine Ausbildung gemacht und bis 1966 jeden Sommer und Frühherbst gearbeitet.

Du hast Geschichte studiert.

Journalistik konnte man damals in Nijmegen nur am Samstag machen, von 9 bis 17 Uhr. Zeitgeschichte war ganz neu. Das Institut in München war unser Vorbild. Ich wurde dort schnell studentische Hilfskraft, bei der Abteilung für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Für die Zwischenprüfung habe ich über Romain Rolland gearbeitet. Später dann auch über den Ersten Weltkrieg. Das Thema interessiert mich bis heute sehr. Wie reagiert die Presse in Zeiten des Krieges? Meine Abschiedsvorlesung am 25. März 2009 handelte über die Propaganda der Zentrale während des Ersten Weltkriegs in den ganz und gar nicht so neutralen Niederlanden.

Warum bist du nicht Journalist geblieben?

Die Zeitung wurde immer dicker, und es gab zu wenig Nachwuchs. Ich habe dort von 1963 bis 1966 gearbeitet. Man musste immer mehr schreiben, auch über Themen, die mir ziemlich fremd waren. Manchmal habe ich von weißen Seiten geträumt.

Das klingt anstrengend.

Es gab auch schöne Sachen. Serien zum Beispiel. Einmal war ich in Schweden bei Scania. Damals war der Journalismus aber noch ganz anders. Manche Bürgermeister haben mich weggeschickt wie einen Hund. PR und Kommunikation waren noch Fremdworte. Ich habe dann angefangen, neben meiner Büroarbeit über Jubiläen zu berichten.

Jubiläen?

Was ist vor 50 Jahren passiert und was vor 100 Jahren? Auf dem Dachboden lagen die alten Ausgaben. Ich habe dort die Stempel entdeckt, die vor 1869 auf den Zeitungen waren. Von den Redakteuren wusste keiner, was das war. Der Direktor der Journalistenausbildung, Jan Nieuwenhuis, hat mir dann von der Stempelsteuer erzählt und gesagt: Dazu solltest Du arbeiten.

Wann hast du gewusst, dass du Wissenschaftler werden willst?

1966 war für mich ein entscheidendes Jahr. Ich hatte mich 1962 sogar bei der Marine orientiert. In meiner Abiturklasse war das ein Thema. Damals drohte der Verlust unserer letzten Kolonialgebiete in Südostasien: Neuguinea. Einer von uns, Gijs Hooft, ist Vize-Admiral geworden. Ich hatte mich 1965/66 auch um ein Stipendium für die USA beworben und die Zulassungsprüfung für den diplomatischen Dienst gemacht. Dort haben nur noch ein paar Prüfungen gefehlt, aber ich sollte erst meine Wehrpflicht erfüllen. Im August 1966  kam dann ein Notruf aus Nijmegen. Ich sollte Piet H. Winkelman vertreten, meinen Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, der krank war.

Mit 22.

Stell dir vor, ja. So viele Möglichkeiten damals. Der Unterricht in dieser Vertretung hat mir dann Spaß gemacht. Das muss man entdecken. Ich habe mich dann entschieden, in Lehre und Forschung zu bleiben. Erst mal, um über die Abschaffung der Stempelsteuer im 19. Jahrhundert zu promovieren und mir dadurch letztendlich auch den Militärdienst zu sparen.

Auch mit der Dissertation warst du schnell fertig (vgl. Hemels 1969).

Schneller hätte ich gar nicht dürfen. Ich musste 25 sein. Durch die Zeitung war ich gewohnt, unter Druck zu arbeiten. Ohne Leistungszwang war ich im Mai 1969 fertig für die öffentliche Promotionszeremonie. Meine Dissertation war im Verlag Koninklijke Van Gorcum & Comp. in Assen gedruckt. Leo Schlichting, mein zweiter Prüfer, war aber schon im August 1968 gestorben. So kam Henk Prakke ins Spiel.

Er war bei van Gorcum auch dein Verleger.

Das hat er streng getrennt und seinen Sohn machen lassen. Ich kannte Prakke von Exkursionen nach Münster, und er war mit Studenten auch in Nijmegen. Für ihn war 1969 ja ein schweres Jahr (vgl. Klein 2005, Hemels et al. 2000).

Wie ist aus dem promovierten Historiker Joan Hemels ein Kommunikationswissenschaftler geworden?

Joan Hemels am 28. März 2014 in Leipzig (Foto: Denise Sommer)

Joan Hemels am 28. März 2014 in Leipzig (Foto: Denise Sommer)

Das war schwierig. Schon vor meiner Promotion kam Professor Winkelman zurück. Er war wieder gesund und brauchte mich kaum mehr für die Lehre. Sein Forschungsprojekt interessierte mich weniger.

Worum ging es da?

Schifffahrt und Handel um 1600 zwischen der damaligen Republik der sieben Provinzen  und Hafenstädten wie Danzig an der Ostsee. Ich wollte weg und habe mich sehr schnell für Publizistikwissenschaft entschieden, wo ich schon während meines Studiums eine Teilzeitbeschäftigung hatte. Zu schnell. Das war naiv.

Das musst du erklären.

In Nijmegen gab es damals Soziologie der Massenkommunikation, Psychologie der Massenkommunikation und Publizistik. Ich hielt das für Blödsinn und dachte, die Leute sollen zusammenarbeiten. Das lag auf der Linie der Fakultät, aber nicht auf der meines direkten Vorgesetzten, der mich bald trockengelegt hat. Ich bin dann Anfang 1974 zur Kultur- und Religionspsychologie gegangen. Religion hat mich interessiert, und ich konnte mich mit dem Verhältnis des Individuums zur Kultur beschäftigen. Das war neu für mich. In Soziologie war ich ja schon vorher trainiert.

1982 bist du nach Amsterdam gegangen.

Am Anfang für einen Tag in der Woche, ja. Mit dem Gehalt eines Professors, aber ohne den Titel. In den Niederlanden gab es damals noch einige Lehrfächer mit dem Status einer Anwartschaft. Man sollte zeigen, dass ein Fach an die Universität gehört. Über die Anerkennung der Kommunikationswissenschaft wurde schon seit 1971 auf allen Ebenen gestritten. In Nijmegen durfte man mit den neuen Studiengang anfangen, nachdem die Beteiligten sich 1982 geeinigt hatten. Über Amsterdam als zweiter Studienort sollte die Politik noch entscheiden. Diejenigen, die sich dort mit dem Studium der Massenkommunikation cum annexis beschäftigten, fühlten sich bedroht und haben jüngere Leute geholt. Ich war für Geschichte der Presse, Propaganda und öffentliche Meinung zuständig. Wenn man so will, in der Linie von Kurt Baschwitz (vgl. Anschlag 1990). Das war ein Glücksfall. 1985 fing dann auch in Amsterdam der Studiengang an und mein Anrecht wurde aufgestockt.

Martin Gertler (2009) hat nach deiner Abschiedsvorlesung geschrieben, deine Ernennung zum Professor habe die Feministinnen so geärgert, dass sie mit grüner Farbe in dein Büro gekommen seien. Was war passiert?

Man wollte eine Frau auf der Stelle. Es war die Zeit der Quotenregelung. Ein Riesenthema damals. Die Farbe habe ich aber nicht abbekommen.

Gertler schreibt, dass es deinen Büronachbarn erwischt habe.

Das stimmt, leider. Ich war gerade für ein Jahr in Eichstätt, auf Einladung von Jürgen Wilke. Im Dezember 1986 hat man mich nach Amsterdam zurückgebeten. Die Antrittsvorlesung war am 25. Mai 1987. Henk Prakke war dabei. Ich habe dann nicht nur Kommunikationsgeschichte als Mediengeschichte gemacht, sondern auch Theorie- und Fachentwicklung. Woher kommen wir? Wir sind ja eklektisch.

Das Label Amsterdam School of Communication Research steht heute vor allem für Medienwirkungsforschung, Werbepsychologie, persuasive und politische Kommunikation sowie Inhaltsanalyse. Wie viel Platz war dort für einen Hermeneutiker, Historiker und Religionsforscher wie dich?

Ich habe in Amsterdam nie über religiöse Themen gelehrt. Da war ich vorsichtig. Es kamen aber Studenten, die solche Themen bearbeiten wollte. Am Anfang konnte man sich auch in Kommunikationsgeschichte spezialisieren. 1992 bekamen wir ein eigenes Propädeutikum und der Geschichtsschwerpunkt wurde durch neue Medien ersetzt. Auf Antrag war Kommunikationsgeschichte aber weiter wählbar. Glück war für mich, dass ich mit Klaus Schönbach und Liesbet van Zoonen zusammenarbeiten konnte.

Cultural Studies.

Ja. Wir haben qualitative Forschung betrieben und uns auch beteiligt an einem Methodenbuch. Außerdem mochte Klaus Schönbach die Klassiker des Fachs. Ich kam auch mit den Leuten gut klar, die computergestützte Inhaltsanalysen gemacht haben. Ich bin ja ein Gadamer-Typ. Man konnte nicht beim Text stehen bleiben und bei den Produzenten, sondern musste auch nach den Rezipienten fragen. Jetzt ist die Abteilung für populäre und historische Medienstudien in der Kommunikationswissenschaft weg. Abgewandert in die  geisteswissenschaftliche Fakultät. Das hätte ich sicher nicht so leicht überlebt. Ich muss aber zugeben, dass ich meine Seele nicht ganz an Amsterdam verkauft habe. Das hatte mit der Erfahrung zu tun, die ich Anfang der 1970er-Jahre in Nijmegen gemacht habe.

Was heißt das?

Bei meiner Ernennung habe ich das Argument der Frauenbewegung genutzt und gesagt: Ich möchte nicht fünf Tage pro Woche arbeiten. Ich wollte auch etwas erleben. Wie ein Buchhalter habe ich dann freie Tage gesammelt und konnte so ganze Semester weg. Ende der 1980er-Jahre habe ich außerdem schon in Leuven als Gastprofessor angefangen, bevor ich nach Antwerpen wechselte.

Wie ist zu dem Lehrstuhl in Antwerpen gekommen?

Herman van Pelt ist ein Freund von mir. Er hatte schon lange versucht, aus der Soziologie der Freizeitgestaltung einen Schwerpunkt Kommunikationswissenschaft zu machen. Vorher wurde das von Leuven, Gent und Brüssel bedient. Herman van Pelt hat mich mit einem Stiftungslehrstuhl geholt. 2002 wurde der vollständige Studiengang dann etabliert.

Was hat dich so oft nach Deutschland und nach Österreich gezogen?

Michael Schmolke hat mir 1979 in Salzburg eine Riesenchance geboten. Für ihn war das auch gut, weil er sich für die Vertretung so nicht zwischen Heinz Pürer und Hans Heinz Fabris entscheiden musste. Für mich war das eine Entdeckung. Lehre in einer anderen Sprache. Ich habe es wie Henk Prakke gemacht: eine Viertelstunde niedergeschrieben und dann anhand von Notizen und Beispielen frei reden.

Amsterdam, Antwerpen, Leuven, Deutschland und Österreich, dazu die „Stamm-Universität“ (Schmolke 2009: 101) in Nijmegen: Wo ist der Wissenschaftler Joan Hemels zu Hause?

Heinz Eickmans, Joan Hemels, Stefanie Averbeck-Lietz und Arnulf Kutsch bei der Übergabe der Festschrift am 28. März 2014 in Leipzig (Foto: Denise Sommer)

Heinz Eickmans, Joan Hemels, Stefanie Averbeck-Lietz und Arnulf Kutsch bei der Übergabe der Festschrift am 28. März 2014 in Leipzig (Foto: Denise Sommer)

in Leipzig habe ich ungeheuer gern gearbeitet. Der riesige Bahnhof, Schnee, die Bäcker. Ich kann nicht in zwei Welten sein. Wenn ich irgendwo hingegangen bin, habe ich dort auch gelebt. Als Pendler hätte ich nicht arbeiten können.

Gibt es Wissenschaftler, die für dich eine Vorbildfunktion hatten oder haben?

Leo Schlichting. Er war Journalist. Chefredakteur einer katholischen Tageszeitung und Korrespondent in Rom. Er hatte eine Frau aus der Schweiz. Dadurch hat er im Zweiten Weltkrieg eine hervorragende Rolle gespielt. Er konnte geschickt bei den Besatzungsbehörden vermitteln. Nach dem Krieg war Schlichting erst im diplomatischen Dienst, in New York und Ottawa. Er hat mir auch bei meiner Bewerbung geholfen. Ein Gentleman. Er konnte reden, hat uns Assistenten immer zu seinem Geburtstag eingeladen und ist mit uns auf Exkursionen gegangen. Und dann natürlich, während der letzten 25 Jahre seines Lebens, Henk Prakke. Schlichting und Prakke waren übrigens befreundet. Ich habe immer gern Vorbilder gehabt.

Das klingt nach einer längeren Aufzählung.

Michael Schmolke gehört natürlich dazu. Winfried Lerg habe ich für seine Vorlesungen bewundert, in diesem Riesenraum in Münster. Unglaublich, wie der Mann das gemacht hat. Eine Brücke zu schlagen zwischen der anglo-amerikanischen Forschung und Kontinentaleuropa. Hier in Leipzig hat mich Arnulf Kutsch beeindruckt. Deshalb möchte ich gern die Geschichte des Fachs in den Niederlanden fertig schreiben. Damit habe ich hier in Leipzig angefangen, 2003. Übrigens auch auf Anregung von Klaus Schönbach. Er hat gesagt: Du weißt so viel, du hast das alles erlebt, du musst das für uns festhalten.

Zu welchen Kollegen hattest oder hast du sonst einen besonders guten Draht?

Ich habe mich immer auch für die Jüngeren interessiert und gestaunt, was die alles können. Es geht auf den Schultern der Alten weiter. Prakke hat das mit Schmolke, Franz Dröge und Lerg auch erlebt. Was Stefanie Averbeck-Lietz macht: wunderbar. Oder Juliana Raupp, eine meiner Amsterdamer Studentinnen, die sich für Öffentlichkeitsarbeit interessierte.

Gibt es etwas, worauf du besonders stolz bist?

Bei manchen Dingen kann man nur glücklich sein: dass man gesund ist und Chancen bekommt. Stolz bin ich immer noch darauf, so jung meine Dissertation geschrieben und dafür auch die nötigen Zuschüsse bekommen zu haben. Das waren damals 700 Seiten in Bleisatz. 25.000 Gulden. Ich habe das alles ohne große Hilfe geschafft. In den 1970er-Jahren war das Klima an den niederländischen Universitäten nicht so schön. Es gab viele Besetzungen in Nijmegen und viele Dozenten, die nicht promoviert waren, aber frustriert.

Gibt es etwas, was du heute anders machen würdest?

Nicht so früh meine Seele verkaufen. Ich hätte länger studieren können, wollte aber auch etwas Kreatives machen. Manche Dinge kann man einfach nicht mehr nachholen. Reisen als Junggeselle zum Beispiel. Das fing für die Studenten erst später an. Um ein Stipendium für die USA hätte ich mich stärker bemühen können. Ein bisschen nachgeholt habe ich es 1974 und 1978 bei dem Salzburg Seminar in American Studies, in Schloss Leopoldskron. Zweimal ein ganzer Monat. Dort hatte ich zum Beispiel Percy Tannenbaum oder Elihu Katz als Dozenten. Und dann das Forschungsjahr 1983/84 im Netherlands Institute for Advanced Study in the Humanities and Social Sciences (NIAS) zwischen international anerkannten Sozialwissenschaftlern. Das war eine wunderbare Vorbereitung auf meine Professur in Amsterdam.

Was soll eines Tages von Joan Hemels in der Kommunikationswissenschaft bleiben?

Darüber mache ich mir keine Gedanken. Vielleicht die Arbeiten über Publikumszeitschriften (vgl. Hemels/Vegt 1993-97). Ich selbst habe das spät entdeckt. Die Studenten mochten das Thema sehr. In einigen niederländischen geisteswissenschaftlichen  Fakultäten ist Zeitschriftenforschung inzwischen groß herausgekommen – und nicht mehr so medienfixiert.

Literaturangaben

  • Dieter Anschlag: Wegbereiter im Exil. Kurt Baschwitz: Journalist und Zeitungswissenschaftler. Mit einem Vorwort von Joan Hemels. Münster: Journal für Publizistik & Kommunikation 1990.
  • Martin Gertler: Feierlicher Abschied für Joan Hemels, 2009. http://gertler.net/archives/452 (13. April 2014).
  • Joan Hemels: Op de bres voor de pers. De strijd voor de klassieke persvrijheid (Kampf um die Pressefreiheit). Assen: van Gorcum 1969 (Dissertation).
  • Joan Hemels/Arnulf Kutsch/Michael Schmolke (Hrsg.): Entgrenzungen. Erinnerungen an Henk Prakke. Mit einer Bibliografie. Assen: van Gorcum 2000.
  • Joan Hemels/Renée Vegt: Het Geillustreerde Tijdschrift in Nederland (Illustrierte Zeitschriften in den Niederlanden, 3 Bände). Amsterdam: Otto Cramwinckel 1993 bis 1997).
  • Petra Klein: Henk Prakke und die funktionale Publizistik. Über die Entgrenzung der Publizistik- zur Kommunikationswissenschaft. Münster: Lit 2005.
  • Michael Schmolke: Fahrender Scholar. Joan Hemels zum 65. Geburtstag. In: Communicatio Socialis 42. Jg. (2009), Nr. 1, S. 101-102.

Weiterführende Literatur

  • Arnulf Kutsch/Stefanie Averbeck-Lietz/Heinz Eickmans (Hrsg.): Kommunikation über Grenzen. Studien deutschsprachiger Kommunikationswissenschaftler zu Ehren Joan Hemels. Münster: Lit 2014.

Empfohlene Zitierweise

  • Joan Hemels: Ich habe immer versucht zu vermitteln. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2014. http://blexkom.halemverlag.de/vermitteln/ (Datum des Zugriffs).