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Manfred Rühl

31. Dezember 1933

Lexikoneintrag von Andreas M. Scheu am 10. Juni 2015

Manfred Rühl ist ein Pionier der deutschen Kommunikationswissenschaft. Er hat die funktional-strukturelle Systemtheorie für das Fach (genauer: für die Journalismusforschung) fruchtbar gemacht und grundlegende Arbeiten im Bereich PR vorgelegt. Rühl ist Gründungsmitglied der DGPuK, war Vorsitzender der Fachgesellschaft und ist bis ins hohe Alter ein kritischer Beobachter fachinterner Entwicklungen geblieben.

Stationen

Geboren in Nürnberg. Vater Karl Rühl, Bäckermeister, verstarb 1937. Lehre zum Industriekaufmann (1953-1955). Ab 1955 Studium (Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Publizistik, Philosophie und Politikwissenschaft) in Nürnberg und Berlin. Diverse journalistische Tätigkeiten (1950-1965, unter anderem Nürnberger Nachrichten, Die Welt, U.S. News & World Report, Bayerischer Rundfunk). Hilfskraftstelle an der Hochschule für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Nürnberg (1960-1963). Ab 1964 als wissenschaftlicher Assistent für Kommunikationswissenschaft bei Franz Ronneberger (1913-1999). Promotion 1968. 1969-70 Gastaufenthalt an der Annenberg School for Communication, University of Pennsylvania. Leitung des Teilprojektes „Sozialisation von Kommunikatoren“ des 1970 gegründeten Sonderforschungsbereiches 22 „Sozialisation und Kommunikationsforschung“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). 1973/74 Lehrstuhlvertretung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Lehrauftrag an der Universität Regensburg. 1975-1976 Akademischer Direktor am Lehrstuhl für Politik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Erlangen-Nürnberg. 1976 Ruf an die Universität Hohenheim (Professor für Kommunikationswissenschaft und Leiter des Aufbaustudienganges Journalistik). 1978 Habilitation an der Universität Erlangen-Nürnberg. 1977-1980 Mitglied des Board of Directors der International Communication Association (ICA). 1980-1982 Vorsitzender der DGPuK. 1983 Ruf an die Otto-Friedrich-Universität Bamberg (Emeritierung 1999). Verheiratet, ein Sohn.

Publikationen

  • Die Zeitungsredaktion als organisiertes soziales System. Bielefeld: Bertelsmann Universitätsverlag 1969 (= Dissertation).
  • Journalismus und Gesellschaft. Bestandsaufnahme und Theorieentwurf. Mainz: Hase & Koehler 1980 (= Habilitation).
  • Theorie der Public Relations. Ein Entwurf. Opladen: Westdeutscher Verlag 1992 (gemeinsam mit Franz Ronneberger).
  • Publizieren. Eine Sinngeschichte der öffentlichen Kommunikation. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1999.
  • Kommunikationskulturen der Weltgesellschaft. Theorie der Kommunikationswissenschaft. Wiesbaden: VS Verlag 2008.
  • Journalistik und Journalismen im Wandel. Eine kommunikationswissenschaftliche Perspektive. Wiesbaden: VS Verlag 2011.
  • Journalismus und Public Relations. Theoriegeschichte zweier weltgesellschaftlicher Errungenschaften. Wiesbaden: Springer VS 2015.

Manfred Rühl gehört zur Generation der „Jungtürken“ der Kommunikationswissenschaft (Meyen 2007). Gemeinsam sind dieser Generation spezifische Erfahrungen während des Zweiten Weltkrieges und die Entbehrungen danach, Sympathien für das Berufsfeld Journalismus und ein sehr großes Engagement für das Fach Publizistik bzw. Kommunikationswissenschaft. Manfred Rühl war 1963 an der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Zeitungswissenschaft (heutige DGPuK) beteiligt (Scheu 2005: Anhang, Teil 1, S. 27-28) und war Anfang der 1980er-Jahre Vorsitzender der Fachgesellschaft. Er hat bereits früh das US-amerikanische Fach kennengelernt und die internationale Literatur zu einer Zeit verarbeitet, in der dies noch keineswegs üblich war. Auslandsaufenthalte in den USA schon als jugendlicher Stipendiat (ein Jahr an einer Highschool in Dayton, Ohio) und später als Gast an der Annenberg School for Communication (unter anderem bei George Gerbner) haben Rühl den Zugang zur internationalen Fachgemeinschaft eröffnet. In den USA beobachtete er dann auch eine differenzierte Kommunikationswissenschaft, die theoretisch und forschungspraktisch weltweit führend und der deutschen weit voraus war (Rühl 1971: 2). Manfred Rühl war maßgeblich daran beteiligt, dass die deutsche Kommunikationswissenschaft den internationalen Anschluss nicht verloren hat, dass sie den Rückstand sogar aufholen konnte und dass sie sich als empirisch-sozialwissenschaftlich orientierte Disziplin erneuerte.

Bereits ein oberflächlicher Blick auf die beeindruckende Publikationsliste offenbart nicht nur Rühls Engagement im und für das Fach sowie seinen Arbeitseifer, sondern auch die große Bandbreite seiner kommunikationswissenschaftlichen Interessen. Die bekanntesten Arbeitsfelder Manfred Rühls beziehen sich aber wohl auf die Bereiche Journalismus und Public Relations. Seine Dissertations- und seine Habilitationsschrift können als „Pionierarbeiten“ (Scheu 2005: 63) bezeichnet werden: Die Arbeiten etablierten die systemtheoretische Perspektive in der Journalismusforschung. Auch im Bereich Public Relations hat Rühl Meilensteine vorgelegt, zum Beispiel das zusammen mit seinem Mentor und Schwiegervater Franz Ronneberger veröffentlichte Buch Theorie der Public Relations (Ronneberger/Rühl 1992).

Gemeinsam sind den Arbeiten Rühls die gesellschaftstheoretische Ausrichtung und der Blick auf das große Ganze – sowohl bezogen auf seine Forschungsinteressen als auch auf die Entwicklung des Faches selbst. Die Habilitation Journalismus und Gesellschaft (1980) legt beispielsweise neben einem Theorieentwurf und der Bestandsaufnahme der Journalismusforschung in Deutschland auch einen Therapieplan vor. Auch in seinen aktuellen Veröffentlichungen – Kommunikationskulturen der Weltgesellschaft (2008), Journalistik und Journalismen im Wandel (2011) oder Journalismus und Public Relations (2015) – sind die Perspektive auf große Zusammenhänge, eine sehr breite und profunde Literarturkenntnis weit über die Fachgrenzen hinaus sowie ein feines Gespür für Missstände und Entwicklungen im Fach erkennbar, die Rühl auch durch theoretisch fundierte Kritik und Provokationen infrage stellt.

Verankern konnte Rühl seine Perspektive über den Eingang in Lehrbücher und in den Kanon kommunikationswissenschaftlicher Pflichtlektüre hinaus durch seine Tätigkeit als Professor in Hohenheim, wo er zugleich den Aufbaustudiengang Journalistik geleitet hat, und an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, als Vorsitzender der DGPuK, als DFG-Fachgutachter und als Mitglied des Board of Directors der International Communication Association (ICA).

Literaturangaben

  • Michael Meyen: Die „Jungtürken“ der Kommunikationswissenschaft. Eine Kollektivbiographie. In: Publizistik 52. Jg. (2007), S. 308-328.
  • Franz Ronneberger/Manfred Rühl: Theorie der Public Relations. Ein Entwurf. Opladen: Westdeutscher Verlag 1992.
  • Manfred Rühl: Lehre und Forschung in der Kommunikationswissenschaft der USA. Ein Erfahrungsbericht. Privatarchiv Manfred Rühl 1971.
  • Manfred Rühl: Journalismus und Gesellschaft. Bestandsaufnahme und Theorieentwurf. Mainz: Hase & Koehler 1980.
  • Manfred Rühl: Kommunikationskulturen der Weltgesellschaft. Theorie der Kommunikationswissenschaft. Wiesbaden: VS Verlag 2008.
  • Manfred Rühl: Journalistik und Journalismen im Wandel. Eine kommunikationswissenschaftliche Perspektive. Wiesbaden: VS Verlag 2011.
  • Manfred Rühl: Journalismus und Public Relations. Theoriegeschichte zweier weltgesellschaftlicher Errungenschaften. Wiesbaden: VS Verlag 2015.
  • Andreas M. Scheu: Manfred Rühl – Ein Pionier der deutschen Kommunikationswissenschaft. [Magisterarbeit]. München: Ludwig-Maximilians-Universität München 2005.

Weiterführende Literatur

  • Günter Bentele/Kurt R. Hesse: Publizistik in der Gesellschaft. Festschrift für Manfred Rühl. Konstanz: UVK 1994.
  • Bernd Blöbaum: Manfred Rühl 70 Jahre. In: Publizistik 48. Jg. (2003), S. 478.
  • Ulrich Saxer: Manfred Rühl 60 Jahre. In: Publizistik 39. Jg. (1994), S. 91-92.
  • Andreas M. Scheu: Manfred Rühl – Ein Pionier der deutschen Kommunikationswissenschaft. [Magisterarbeit]. München: Ludwig-Maximilians-Universität München 2005.

Weblinks

Empfohlene Zitierweise

    Andreas Scheu: Manfred Rühl. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2015. http://blexkom.halemverlag.de/manfred-ruehl/ ‎(Datum des Zugriffs).