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Kurt Imhof

17. Januar 1956 bis 1. März 2015

Lexikoneintrag von Roger Blum am 11. Juni 2015

Kurt Imhof hatte als normativer Öffentlichkeitstheoretiker und als empirischer Erforscher der Medienqualität eine Ausstrahlung im gesamten deutschen Sprachraum. Der Schweizer Soziologe und Kommunikationswissenschaftler schreckte vor keiner Kritik an der Medienpraxis zurück.

Stationen

Geboren in Romanshorn (im Schweizer Kanton Thurgau), aufgewachsen in Zürich-Wollishofen. Lehre als Bauzeichner, 1981 Matura auf dem zweiten Bildungsweg und Studium von Geschichte, Soziologie und Philosophie an der Universität Zürich. 1989 Promotion in Geschichte über „Diskontinuität der Moderne“, 1992-1998 Oberassistent am Soziologischen Institut der Universität Zürich, Dozent an Berufsschulen und Fachhochschulen, 1994 Lancierung des Mediensymposiums Luzern. 1995 Habilitation in Soziologie über „Medienereignisse als Indikatoren sozialen Wandels“. 1995/96 Direktor des Schweizerischen Forums für Migrationsstudien an der Universität Neuenburg, 1996 Privatdozent für Soziologie und Sozialgeschichte an der Universität Zürich, 1997 Errichtung des Forschungsbereichs Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög). 1998 Assistenzprofessor für Soziologie an der Universität Zürich, 1999/2000 Vertretungsprofessur für wissenschaftliche Politik an der Universität Freiburg im Breisgau, aktiv im Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft (SGKM) und der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie (SGS). 2000 Ruf als Professor für Publizistikwissenschaft und Soziologie an die Universität Zürich. 2005 Mitglied des „Ludwig-Boltzmann Institute for European History and Public Spheres“ und Leiter des Projektes „Democracy in the Media Society“ im NCCR „Challenges to Democracy in the 21th Century“, 2006/07 Visiting Professor am European University Institute in Florenz, 2010 Start der Herausgabe des Jahrbuchs Qualität der Medien in der Schweiz, 2013 Gründung des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög). 2015 Tod nach kurzer Krankheit.

Publikationen

  • Die Diskontinuität der Moderne. Zur Theorie des sozialen Wandels. Frankfurt/Main: Campus 1996 (Dissertation, zusammen mit Gaetano Romano), aktualisierte Neuauflage 2006.
  • Medienereignisse als Indikatoren sozialen Wandels. Ein Beitrag zu einer Phänomenologie der „öffentlichen Meinung“ anhand einer Analyse der Relevanzstrukturen und Inhalte politischer Kommunikation in der deutschen Schweiz zwischen 1910 und 1960. Zürich 1995 (Habilitation).
  • Triumph und Elend des Neoliberalismus. Zürich: Seismo 2005 (Herausgeber, zusammen mit Thomas S. Eberle).
  • Die Krise der Öffentlichkeit. Kommunikation und Medien als Faktoren des sozialen Wandels. Frankfurt/Main: Campus 2011.
  • Jahrbuch Qualität der Medien Schweiz. Basel: Schwabe. Bd. 1 2010 bis Bd. 5 2014 (Herausgeber).

Kurt Imhof war die wissenschaftliche Karriere nicht in die Wiege gelegt. Er wuchs als Nachzügler-Kind zusammen mit zwei zwölf und neun Jahre älteren Brüdern in eher bescheidenen Verhältnissen auf. Die Schule interessierte ihn nicht besonders. Während seine Brüder den kaufmännischen Berufsweg eingeschlagen hatten, lernte er Bauzeichner, war aber mehr an Demonstrationen anzutreffen als auf der Schulbank der Gewerbeschule. Die Familie fürchtete gar, er würde die Lehrabschlussprüfung nicht schaffen. Doch Kurt Imhof reüssierte, fand schließlich eine Stelle in einem Architekturbüro und entschloss sich, die Abendschule zu besuchen, die Maturität zu bestehen und zu studieren. Mit 25 schrieb er sich an der Universität Zürich ein. Sein Studium finanzierte er sich mit Taxifahren und mit Unterricht in Staats- und Wirtschaftskunde am Kaufmännischen Lehrinstitut Zürich.

Kurt Imhof wurde ein Schüler des Wirtschaftshistorikers Hansjörg Siegenthaler. Er kam über die Geschichte zur Soziologie und über die Soziologie zur Medienforschung. Ihn interessierte vor allem der soziale Wandel, und er machte ihn fest an Medienereignissen. Er gebärdete sich als Linker, doch in Wirklichkeit war er ein Linker des 18. und 19. Jahrhunderts, ein Linksfreisinniger, der auf die Aufklärungsphilosophie schwor, ein Anhänger des „libéralisme militant“. Diesen weltanschaulichen Hintergrund nahm er als Ausgangspunkt sowohl für die Erforschung des sozialen Wandels als auch für die Messung der Medienqualität. Dieser weltanschauliche Hintergrund bewog ihn zudem, 2005 zusammen mit Gleichgesinnten den Club Helvétique zu gründen, einen Bund von Intellektuellen, die sich um die Zukunft der Schweiz sorgten. Die Präambel für diesen Club entnahm er fast wörtlich den Gründungsstatuten der schweizerischen FDP von 1894 (de Weck 2015). Der weltanschauliche Hintergrund bewog ihn auch, im von Milo Rau als Theaterinszenierung angelegten „Prozess“ gegen die rechtspopulistische Weltwoche als einer der Ankläger aufzutreten (Imhof 2013).

Bis Kurt Imhof dort landete, wo er hinwollte, nahm er einen zweifachen Umweg: Der erste Umweg war jener über die Berufsausbildung, bevor er die Hochschulreife erlangte. Der zweite war der thematische und institutionelle, bevor er einen Ruf erhielt. Zuerst hoffte er auf die geplante Universität Luzern, die Soziologie und Medienforschung etablieren wollte. Aber die Gründung dieser neuen Hochschule verzögerte sich. Kurt Imhof schlug jedoch Pflöcke ein, die dazu beitrugen, dass man um ihn nicht mehr herumkam – mit der Untersuchung der Medienereignisse in der Schweiz 1956-1980 (1992); mit dem Forschungsantrag „Öffentlichkeit, Kultur und Medien“ (1993), den er zusammen mit dem Basler Anglisten Balz Engler und vielen anderen Sozialwissenschaftlern erfolglos beim Schweizerischen Nationalfonds einreichte, mit dem er aber dazu beitrug, dass der Nationalfonds gleich danach das sozialwissenschaftliche Schwerpunktprogramm „Zukunft Schweiz“ ausschrieb, das auch Medienforschung beinhaltete; mit der Gründung des interdisziplinären Mediensymposiums Luzern (1994), zuerst zusammen mit Peter Schulz, dem Direktor der Luzerner Journalistenschule MAZ, später mit Zürcher und Berner Kollegen, das in der Folge im jährlichen, dann zweijährigen Rhythmus durchgeführt wurde und stets zu Publikationen führte; und mit der Gründung des Forschungsbereichs Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög).

Geografisch führte sein Parcours über Luzern, Neuenburg und Freiburg im Breisgau definitiv nach Zürich, thematisch über Migrationsforschung, Sozialgeschichte und Politikwissenschaft schließlich zum Lehrstuhl für Publizistikwissenschaft und Soziologie. Was ihn interessierte und umtrieb, lässt sich sehr gut an den Themen des „Mediensymposiums“ ablesen, darunter: Medien und Krieg, Kommunikation und Revolution, Öffentlichkeit und Privatheit, Regulierungsprobleme der Informationsgesellschaft, Integration und Medien, Probleme der Mediengesellschaft, seismografische Funktion der Öffentlichkeit, stratifizierte und segmentierte Öffentlichkeit, Krise der Qualitätsmedien, Hypothese der Demokratisierung durch Social Media. Leitsterne seines Denkens waren Max Weber und Jürgen Habermas. Kurt Imhof identifizierte einen dritten Strukturwandel der Öffentlichkeit, der vor allem durch die Abkoppelung der Medien von den Parteien entstanden war, und entwarf ein eigenes „Arenenmodell“ der Öffentlichkeit. Er beschäftigte sich ferner mit Religionssoziologie, sozialem Wandel, Reputationsforschung, Migrationsforschung, mit Skandalen und Affären. Und vor allem sorgte er sich um die Qualität der Medien, die er in der Schweiz systematisch erforschte, seit 2010 mit einem jeweils dicken Jahrbuch. Damit erregte er den Unmut der Verleger und vieler Journalistinnen und Journalisten, die ihm zuerst Ungenauigkeiten vorhielten, später ihn totschwiegen. Erst nach seinem Tod merkten die Medienleute, was sie an ihm gehabt hatten. Ein Nachrufer brachte es auf den Punkt: „Man soll nicht die Akademiker für ihre Elfenbeintürme tadeln, und es dann nicht schätzen, wenn wirklich einer, der oben nichts mehr zu beweisen braucht, aus ihnen heruntersteigt“ (Bopp 2015). In der Wissenschaft fand Imhofs Qualitätsforschung große Beachtung, und es sind Anstrengungen im Gange, sie auf Deutschland und Österreich auszuweiten.

Kurt Imhof war ein streitbarer Intellektueller, der die öffentliche Auseinandersetzung nicht scheute. Er beteiligte sich am Diskurs sowohl auf wissenschaftlichen Tagungen wie in Fachzeitschriften, sowohl in Fernsehsendungen, durch Vorträge und Blattkritiken wie auch in den Social Media. In der schweizerischen Fachgesellschaft SGKM schreckte er ebenso vor nichts zurück: An einer Vorstands-Retraite im Jahr 2000 in Twann am Bieler See unterzog er die bisherige Tätigkeit der SGKM einer derart schonungslosen Kritik, dass es fast zur Spaltung der Gesellschaft gekommen wäre. Letztlich aber trug er zur Modernisierung und Akademisierung der SGKM bei. Seine unbändige Arbeitswut kam in über 100 Publikationen zum Ausdruck. Er war ein begeisternder Hochschullehrer, der die Studierenden fesseln konnte. Er formulierte pointiert und druckreif. Wenn er referierte und zu offensichtlichen Erkenntnissen gelangte, begleitete er sie mit seinem unerwartet ausbrechenden, unnachahmlich kichernden Lachen. An seinen Erkenntnissen und Überzeugungen hielt er geradezu hermetisch fest, aber er war äußerst neugierig und konnte gut zuhören.

Er war eigenwillig. Zu Terminen kam er meist zu spät. Oft fiel er wegen Migräne längere Zeit aus. Manchmal verzweifelten seine Kollegen fast, weil sie nicht wussten, ob sie mit ihm rechnen konnten. „Regeln und Gesetzmäßigkeiten, die ihn nicht überzeugten, ignorierte Imhof“ (Bühler 2015). Er liebte es, mit dem Motorrad durch die Gegend zu rasen. Er liebte das Gespräch bei Rotwein und Zigarette. Er liebte die Frauen. Um Mediensymposien vorzubereiten, rief er eine Anzahl Kollegen an besonders schönen Orten zusammen – in Baden-Baden, in Florenz, auf Malta. Nach einem Sturz auf Lanzarote Ende Januar 2015, der zu einem Oberschenkelbruch führte, entdeckten die Ärzte Krebs in seinem Körper, der ihn sechs Wochen später dahinraffte.

Literaturangaben

Weiterführende Literatur

Weblinks

Empfohlene Zitierweise

    Roger Blum: Kurt Imhof. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2015. http://blexkom.halemverlag.de/kurt-imhof/ ‎(Datum des Zugriffs).