Gerhard Vowe 2013 im Schader-Forum in Darmstadt

Gerhard Vowe: Ich wollte immer forschen

Veröffentlicht am 20. Oktober 2020

Gerhard Vowe ist aus der Politikwissenschaft ins Fach gekommen und hat hier mit der DFG-Forschergruppe „Politische Kommunikation in der Online-Welt“ eine der größten kollektiven Forschungsanstrengungen geleitet. Michael Meyen hat ihn am 19. Juni 2019 in seiner Wohnung in Berlin getroffen.

Stationen

Geboren am 23. März 1953 in Moers. Vater Pfarrer. 1971 Studium an der FU Berlin (Politikwissenschaft und Geschichte, ein Jahr später auch Informations- und Dokumentationswissenschaft). 1978 Diplom in Politikwissenschaft, wissenschaftlicher Assistent von Gernot Wersig in der Abteilung Informations- und Dokumentationswissenschaft des Instituts für Publizistik. 1983 Promotion an der FU Berlin und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der TU Darmstadt. 1987 Rückkehr an die FU als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Recherchefeld Wissenschaft“ im Institut für Publizistik (Leitung: Otfried Jarren). 1990 Geschäftsführer des Studiengangs Journalisten-Weiterbildung (Leitung: Stephan Ruß-Mohl). 1992 Habilitation in Politikwissenschaft in Darmstadt. 1995 Umhabilitierung am Fakultätsinstitut Sozialwissenschaften der Humboldt Universität zu Berlin. Vertretungsprofessuren an der HdK (heute UdK) Berlin und der TU Dresden. 1997 Professor für Politik und Medien an der TU Ilmenau. 2004 Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft im Institut für Sozialwissenschaften der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. 2011 Initiator und Sprecher der DFG-Forschergruppe „Politische Kommunikation in der Online-Welt“ (bis 2018). 2019 Seniorprofessur in Düsseldorf (bis 2023). 2002 bis 2006 stellvertretender Vorsitzender der DGPuK. Verheiratet, vier Kinder, zwei Enkel.

Könntest du mir zu Beginn etwas über dein Elternhaus erzählen, deine Kindheit, deine Jugend?
Du weißt ja, wo ich herkomme.

Aus Moers.
Genau. Da, wo Rhein und Ruhr sich küssen. Da verbinden sich Rheinland und Ruhrgebiet. Das spiegelt sich in der Stadt. Du wirst vermutlich nie in deinem Leben nach Moers kommen.

Ich kenne den Volleyballverein.
Moerser Sportclub, ja. Gestützt vom Dreispringer, Apotheker und Tycoon Günter Krivec – alles aus eigener Kraft. Die meisten kennen nur das Jazzfestival.

Was kommt vom Rhein und was von der Ruhr?
Auf der einen Seite der Stadt hast du das bürgerliche Moers, da wohnen die „Grafschafter“, und auf der anderen das proletarische, vom Bergbau geprägt. Ich war Teil des bürgerlichen Moers.

Als Sohn des Pfarrers.
Mein Vater war schon eine gewisse Größe im Ort. Meinem Onkel gehörte das größte Bekleidungshaus. Bildungsbürgertum und Besitzbürgertum. Meine Mutter war eine Miterbin dieses Bekleidungshauses. Das Buch war bei uns heilig. Nicht nur DAS Buch, sondern alle Bücher. Du siehst ja: Das hat sich vererbt (zeigt auf die vielen Regale in der Wohnung).

Hast du Geschwister?
Drei ältere Brüder. Das hat mich geprägt, positiv und negativ.

Kannst du das etwas konkreter machen?
Positiv war das Vorbild, auch intellektuell. Durch meine Brüder habe ich viel von der Studentenbewegung mitbekommen. Sie waren da sehr aktiv.

Und die andere Seite?
Ich musste mich freischwimmen.

Dissertations-Cover

Waren die Brüder so viel älter?
Ja. Sechs, acht und neun Jahre. Meine Jugend war schon behütet, auch mit Blick auf Ernährung und Gesundheit. Jahrgang 1953 ist etwas anderes als Jahrgang 1944. Und auch die grundlegenden Kämpfe um Freiräume zu Hause und in der Verwandtschaft haben meine Brüder ausgefochten.

Wie hast du die Schulzeit in Erinnerung?
Das ging problemlos. Ich bin bis zum Abitur durchgerutscht. Ich war auch Schulsprecher. Ab 1967, von 1968 habe ich viel mitbekommen. Vietnam vor allem, aber auch Antifaschismus, Psychoanalyse, Kapitalismuskritik, die volle Ladung.

Auch in der Provinz.
Es gab in Moers sogar einen Ableger der KPD-ML. Davon haben wir uns aber ferngehalten.

Was hat dein Vater gesagt, als sein Sohn Schülersprecher wurde?
Der war liberal. Und konfliktscheu. Ein bisschen Ärger gab es, als die Lokalpresse einen großen Artikel darüber machte, dass wir als Gruppe von Schülern und Lehrlingen nach dem Abitur eine Kommune gründen wollen. Das hat Aufsehen erregt.

Habt ihr die Kommune dann gegründet?
Nein. Ich bin ja sehr schnell mit meiner ersten Frau nach Berlin gegangen und dort dann früh Vater geworden. 1972. Das war für meine Eltern dann ein Riesenproblem. Damals hieß das unehelich.

Und Berlin?
Mir war seit 1969 klar, dass ich nach Berlin gehen würde.

Warum das?
Der Wehrdienst natürlich. Die Zeit wollte ich nicht opfern. Aber mehr noch die Stadt. Die hat mich immer fasziniert. Dort wollte ich hin. Dann die Studentenbewegung, aber auch die FU. Dort wollte ich Sozialwissenschaften studieren.

Wie bist du mit der Fächerkombination Politik und Geschichte auf Gernot Wersig gestoßen?
Das hatte zwei Elemente. Extrinsisch und intrinsisch. Ich brauchte eine Berufsperspektive. Lehrer wollte ich nicht werden. Es sollte schon Wissenschaft sein, aber abgesichert. Ein Fach mit Berufspraxis.

Also Dokumentationswissenschaft.
Das war damals noch eng mit der Bibliothekswissenschaft verknüpft. Erst Wersig hat den Bezug zwischen Massen- und Fachkommunikation hergestellt, durch die Informationswissenschaft. Das war seine Leistung.

Das klingt eher nach einer strategischen Entscheidung.
Auch. Mich hat aber immer die Idee fasziniert, dass man alles Wissen dieser Welt verfügbar machen kann. Vielleicht beherrscht man es nicht komplett selbst, aber man hat den Zugriff. Das war mein Traum.

Das war die intrinsische Motivation.
Ja. Vielleicht nicht den Stein der Weisen finden, aber das Buch der Bücher.

Kontrolle.
Ja. Ein starkes Kontrollbedürfnis und alles wissen wollen. Da steckte schon die Suchmaschine drin, auch weil es um Technik ging. Vom Internet war damals überhaupt noch nicht die Rede. Und überhaupt nicht konnte man sich vorstellen, dass das ein Unternehmen macht, Google. Wir dachten an so etwas wie die UNESCO.

Und die Politikwissenschaft?
Der Weg in die aktive Politik hat mich nie interessiert. Am Otto-Suhr-Institut gab es ja unendlich viele, die dann in die Politik gegangen sind. Macht hat mich wenig interessiert, mehr die Beobachtung von Macht.

Wie hast du Studium und Promotion finanziert?
Für das Studium habe ich Geld von zu Hause bekommen. Das hat aber für die Kinder nicht gereicht. 1972 das erste und 1975 das zweite. Ich habe die Semesterferien immer durchgearbeitet. Nachtschichten bei Schering im Wedding zum Beispiel, heute Bayer. Röntgenkontrastmittel. Das hat einen zwar von manchen Dingen abgehalten, mich aber zugleich stabilisiert, man blieb geerdet.

Wie das?
Ich habe ja gesehen, was die Anderen so machten. Berlin, Anfang der 1970er.

Chaos.
Heute würde man sagen: Wir waren zwei Mausklicks vom Terrorismus entfernt. Du bist ja andauernd auf solche Leute gestoßen. Wenn man Anfang 20 ist und geltungsbedürftig und ruhmsüchtig, dann landet man schnell im falschen Umfeld. RAF, Bewegung 2. Juni. Durch die Kinder war das bei mir anders. Ich habe mich deshalb auch schnell wieder entfernt von den K-Gruppen. Was da erzählt wurde, war Lichtjahre weg vom alltäglichen Leben.

Gibt es jemanden, den du als deinen akademischen Lehrer bezeichnen würdest?
Schwierig. Die in Frage kommen, sind für diesen Begriff nicht stark genug.

Wer kommt in Frage?
Mein „Diplomvater“ in der Politikwissenschaft war Martin Jänicke, der später eine Rolle gespielt hat im Sachverständigenrat für Umweltfragen. Ich habe ihn vor ein paar Wochen noch einmal besucht. Damals gab es inhaltlich zu wenig Verbindung.

Und Gernot Wersig?
Das Verhältnis war eng, aber auch ambivalent.

Kann man diese Ambivalenz in zwei Schlagworte gießen?
Ich habe enorm viel von ihm gelernt. Kreativität, Disziplin. Er hat unglaublich viel und schnell geschrieben und unglaublich viel initiiert, auch für andere. Dafür hat er Loyalität eingefordert. Über alle Maßen. Das ging bis ins Private.

Ihr hattet auch eine Firma.
Progris, ja. Die ist erst vor ein paar Wochen offiziell erloschen. Die Firma hat lange Zeit vom Bildschirmtext gelebt, die deutsche Alternative zum Internet, zentralistisch, hässlich, kontrolliert. Das war für alle ein guter Nebenverdienst.

Forschung?
Nein. Anwendung. Seiten bauen, für die IHK zum Beispiel. Wir waren alle Gesellschafter. Gernot Wersig hat dort versucht, auch sehr persönliche Interessen durchzusetzen. Das hat zum Bruch geführt. 1983, 1984. Nach meiner Promotion, das war knapp (vgl. Vowe 1984).

Ihr habt aber später noch zusammengearbeitet am Berliner Institut.
Als ich 1987 zurückkam, habe ich die Aussprache mit ihm gesucht. Wir hatten dann eine Art Burgfrieden.

Welchen Stellenwert hatte die Dokumentations- und Informationswissenschaft in den 1970er und 1980er Jahren im Fach und in der Universität?
Ganz weit unten. Ursprünglich war das ja eine Abspaltung der Bibliothekswissenschaft, die selbst gar nicht akademisch war. Hans-Werner Schober hat dieses Fach vertreten, als Honorarprofessor. Da wurde wenig publiziert, da gab es keine Theorie. Das war eine Hilfswissenschaft, vielleicht wie Numismatik.

Fritz Eberhard (links, neben Dirk Sager) in den 1960er Jahren Leiter des Berliner Instituts für Publizistik (Foto: Privatarchiv Hans Bohrmann)

Weißt du, warum sich Gernot Wersig ausgerechnet für dieses Fach begeistert hat?
Fritz Eberhard hat ihn nicht zum Assistenten gemacht. Das war eine tiefe Wunde. Er musste eine neue Wissenschaft gründen, eine vollwertige sozialwissenschaftliche Disziplin, um auf diesem Umweg zurück in die Kommunikationswissenschaft zu kommen. Als er in den Nullerjahren Institutsdirektor wurde, war dieser Kreis endlich geschlossen, da war er am Ziel.

Das klingt nach einem langen Kampf.
Einer gegen alle, ja. Gegen alle in der Publizistikwissenschaft, gegen alle im Fachbereich, gegen alle in der Berufspraxis. Das war beeindruckend, aber auch erschreckend.

Welches Verhältnis hattest du zu den anderen Berliner Professoren?
Da gab es kein Verhältnis. Eberhard sah man immerhin ab und zu. Pross sah man überhaupt nicht. Bystrina war auch nie da. Zu Prott war es etwas enger.

Alexander von Hoffmann?
Man kannte sich, man sah sich. Aber es gab weder eine Arbeitsbeziehung noch eine persönliche. Die Ausnahme war Otfried Jarren. Und Manfred Knoche ein wenig, aber da habe ich immer etwas Abstand gehalten.

Von außen betrachtet, wirkt deine Karriere wie eine langsame Annäherung an den Kern der Kommunikationswissenschaft. Wie hast du diesen Weg selbst wahrgenommen?
Ich habe Möglichkeiten genutzt, die sich biografisch ergeben haben. Sehr pragmatisch. Ich wollte Wissenschaft betreiben. Forschung, möglichst generisch, nicht so spezifisch. Das institutionelle Umfeld und die strategischen Optionen waren da eher sekundär.

Gab es einen Zeitpunkt, zu dem du gesagt hast: Ich bin Kommunikationswissenschaftler?
Auf alle Fälle. Das fing schon in der Journalistenweiterbildung an, ermöglicht von Otfried Jarren. Er hat mir dort schon die Türen geöffnet.

Die Habilitation ist aber trotzdem noch in der Politikwissenschaft gelaufen.
In Darmstadt, ja. Auch ein rein politikwissenschaftliches Thema (vgl. Vowe 1991). Das lief praktisch nebenbei, auch weil die Reibungsverluste dort am geringsten zu sein schienen.

War der Ruf nach Ilmenau das, wovon Gerhard Vowe geträumt hat?
Das kam relativ überraschend. Ich hatte mich darauf eingestellt, lange in der Journalistenweiterbildung zu sein. Und das war ja auch klasse, das hat Freude gemacht. Ilmenau war dann sicher kein Traum, aber auch wieder eine Opportunität, die ich mit allen Mitteln an Land gezogen habe.

Otfried Jarren (1998) hat damals vom „Projekt Ilmenau“ gesprochen und die Kooperation von Sozial- und Ingenieurwissenschaften als „notwendige Erweiterung unseres Fachs“ angepriesen, die nun von Gerhard Vowe und Martin Löffelholz „überzeugend zu entwickeln“ sei. Hast du das damals als deine Aufgabe gesehen?
Ja, doch. Ilmenau war ja ganz am Anfang. Georg Ruhrmann war auf dem Sprung nach Jena und Löffelholz kam etwas nach mir. Der Standort musste erst entwickelt werden. Für die TU war die Medienwissenschaft die Rettung, weil man so den Frauenanteil erhöhen und dann auch wieder mehr Ingenieursstudenten holen konnte. Das war das strategische Kalkül.

Dagmar Schipanski.
Die hat einen sehr weiten strategischen Blick und beißt dann auch mal in sehr saure Äpfel. Mit der Medienwissenschaft selbst als Fach hatte sie nicht viel am Hut. Die anderen an der TU noch weniger. Das war harte Aufbauarbeit.

Klingt anstrengend.
War es auch. Es gab drei Dichotomien, mit denen man klarkommen musste. Ost und West, Ingenieure und Sozialwissenschaft und jung gegen alt. Das war dort schon ziemlich verknöchert.

Die Verwaltung?
Auch die Maschinenbauer. Das Durchschnittsalter war schon hoch. Entlassungen hatte es ja höchstens in ML gegeben. Viele waren schon ziemlich unbeweglich.

Hast du dich selbst als westdeutscher Eindringling gesehen?
Du wurdest erst mal so wahrgenommen. Die rheinische Art hilft aber, in Kontakt zu kommen. Das ging ganz gut.

Wie haben die Studierenden das gesehen?
Das war relativ schnell eine gemischte Klientel. Eine leichte Ostdominanz, aber der Einzugsbereich war groß. Bei den Medienstudierenden gab es eher Widerstände gegen Leute, die eine Einführung in die Elektrotechnik machten und einfach ihren Stiefel runterrissen. Gestandene Ostprofessoren. Da gab es eher Konflikte.

Bei euch war Alfred Kirpal. Wie lief da die Zusammenarbeit?
Das war nicht einfach. Er war schnell verletzt. Da musste ich als Direktor dann sehr vorsichtig sein. Er hatte seine Seilschaften.

Und das „Projekt Ilmenau“?
Der Studiengang war klasse. Diese Brücke zwischen Medientechnologie, Medienwirtschaft und Sozialwissenschaft. Wir hatten eine straffe Organisation. Mit Bergfest und so. Großartig. Mit einer launigen Vorlesung eines Professors und einem Film von den Studenten. Immer ein Genuss. Seifenkistenrennen. Den Kickelhahn hoch mit einem Kasten Bier. Der Zusammenhalt war ganz anders als bei den hoch individualisierten Verhältnissen, wie wir sie zum Beispiel in Düsseldorf haben. Matrikel 1999 trifft sich jetzt wieder, nach 20 Jahren.

Und inhaltlich? Hat das auch so gut funktioniert?
Es gab schon große Brüche. Was in der Elektrotechnik gelehrt wurde, war nur schwer mit allem anderen zu verbinden. Das waren eher getrennte Welten. Es gab aber auch Überschneidungen, mit Rüdiger Grimm in der Medieninformatik oder mit Paul Klimsa in der Medienproduktion. Und es gab persönliche Reibereien, die vermutlich wichtiger waren als inhaltliche Unterschiede.

Dann war der Weggang nach Düsseldorf offenbar eher Aufstieg als Flucht.
Das war keine Flucht, nein. Aber ich war froh, dass ich dann in Düsseldorf war. Das ist eine andere Kultur. Eine Universität, wie man sich so etwas vorstellt. Das fängt bei den Feiern an. Kein schlechtes Wort über Ilmenau. Ich möchte die Zeit nicht missen. Aber wir waren ein Häuflein von sieben angewandten Medienwissenschaftlern, umringt von einem Heer an Ingenieuren. Das war Diaspora. Ich bewundere Jens Wolling für die Konsequenz, mit der er an der Uni und auch in der Stadt agiert.

Auch diese Berufung wurde in der Publizistik von Otfried Jarren (2005) gemeldet, diesmal verbunden mit dem Auftrag, „die bundesweit bekannt gewordenen Düsseldorfer Querelen um die fachliche Ausrichtung“ zu beenden. Ist Ralph Weiß und dir das gelungen?
Ja. Das hing stark mit Karin Böhme-Dürr zusammen. Ich bin ja offiziell ihr Nachfolger. Das Büro, die Sekretärin. Auch Marco Dohle war vorher bei ihr. Das Fachliche war offenbar auch da wieder nur das Instrument, um persönliche Querelen auszutragen.

Und jetzt?
Menschlich ist das ganz hervorragend und fachlich sind wir hochgradig integriert. Ralph Weiß hat es mit dem Master Politische Kommunikation geschafft, die drei Fächer zusammenzubinden, die das Institut für Sozialwissenschaften bilden.

Politikwissenschaft, Soziologie, Kommunikationswissenschaft.
Genau. An der Fakultät gibt es noch Medien- und Kulturwissenschaft. Damit haben wir so gut wie gar nichts zu tun. Das ist geisteswissenschaftlich geprägt. Wir finden uns wechselseitig unerheblich.

Wenn der Wissenschaftsbetrieb ein Wunschkonzert wäre: Wo hätte Gerhard Vowe gearbeitet?
In einer Stadt, die so groß ist, dass sie von der Universität geprägt wird, aber auch ihr Eigenleben hat. Münster, Tübingen, vielleicht auch Jena. Da sind Stadt und Universität auf Augenhöhe – zumindest in meiner Vorstellung.

Also nicht in Berlin.
Die Stadt ist exzellent. Aber die FU? Ich weiß nicht.

Man will nicht zurück in den Fluss, aus dem man gestiegen ist.
Vielleicht. Ich hatte nie wie Gernot Wersig diese Sehnsucht, unbedingt wieder zurück zu müssen.

Welche Bücher, welche Aufsätze muss man gelesen haben, um den Wissenschaftler Gerhard Vowe kennenzulernen?
Von mir? (pustet dreimal) Also: Wir arbeiten an etwas, das einmal bleibenden Wert haben könnte.

Worum geht es dabei?
Um eine Letztbegründung von Kommunikationsnormen. Und damit eine theoretische Fundierung der Regulierung auch von Onlinekommunikation.

Und von dem, was schon da ist?
Politische Kognition. Ein Aufsatz in der PVS (vgl. Vowe 1994). Das habe ich am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung gemacht. Dann die Versuche, den strukturellen Wandel der Öffentlichkeit in ein analytisch fundiertes Gerüst zu stecken (vgl. Vowe 2020). Und Bürger online (vgl. Wolling/Vowe/Emmer 2011). Das war eine sehr intensive langjährige Zusammenarbeit von Martin Emmer, Jens Wolling und mir – das hat meine Vorstellung von Kooperation stark geprägt.

War die DFG-Forschergruppe „Politische Kommunikation in der Onlinewelt“ die Krönung deiner Laufbahn?
Ja, auf alle Fälle. Weniger wegen der Substanz. Unser Buch ist letztlich auch wieder nur ein Sammelband (vgl. Vowe/Henn 2016)). Und auch die zusammenfassende Darstellung im DFG-Magazin wird wenig zitiert (Vowe/Henn 2019). Aber das Forschungsorganisatorische: Ich habe Anderen Türen geöffnet. Deshalb trifft das Wort Krönung zu. Es war unglaublich aufwendig. Schon im Vorlauf. Die Leute zusammenzubekommen, das Vorhaben nach außen glaubhaft zu vertreten, die Verlängerung. Ohne mich wäre das nicht gegangen.

Was würdest du Kolleginnen und Kollegen raten, die sich heute an so ein Großvorhaben wagen?
Grundvoraussetzung ist eine zündende Idee. Du musst andere begeistern. Dann ist eine Person nötig, die das Ganze zusammenhalten kann. Das muss sich jeder selbst fragen. Und dann brauchst du ein Fenster der Gelegenheit. Dazu gehört auch Glück.

Du hast dich in der DGPuK engagiert, warst dort stellvertretender Vorsitzender, Mitglied in vielen Kommissionen und häufig Wahlleiter. Wie wichtig ist dir diese Fachgesellschaft?
Ich bin da ja ein Einwanderer und unglaublich dankbar. Die DGPuK hat mich großzügig und herzlich aufgenommen. Sehr viele Leute haben mir da Türen geöffnet. Ich fühle mich zu Gegenleistungen verpflichtet.

Etwas zurückgeben.
Genau. Es muss Reziprozität hergestellt werden.

Elisabeth Noelle-Neumann, Hans Mathias Kepplinger und Dennis McQuail (von links) 1992 in Mainz (Quelle: Hans Mathias Kepplinger)

An welche Leute denkst du da?
Saxer, Ronneberger, auch Schulz, Wilke, Kepplinger und Noelle-Neumann. Ich weiß, dass alle auch ihre anderen Seiten haben, aber ich habe die immer als sehr offen erlebt. Am meisten hat mir natürlich Otfried Jarren geholfen. Und nicht zu vergessen Günter Bentele, Hans-Jürgen Weiß, Stephan Ruß-Mohl.

Warum hast du 2006 nicht für den Vorsitz kandidiert?
Tja. Schwer zu sagen. Bereue ich aber nicht. Beides wäre nicht gegangen, Forschergruppe und DGPuK-Vorsitz. Ich hatte auch das Gefühl, dass ich erstmal genug getan hatte.

Als Zwischenbilanz.
Ich denke viel in solchen Bilanzen. Ich überlege schon, ob ich jemandem noch etwas schuldig bin.

Was dürfen wir vom Seniorprofessor Gerhard Vowe demnächst erwarten?
Ein paar Sachen muss ich noch zu Ende bringen. Die Kommunikationsnormen. Dann das Problem der Forschungsverbünde. Ich suche nach Regeln für gelingende Kooperation. Das wird über unser Fach hinaus Bedeutung haben (vgl. Baurmann/Vowe 2014). Dazu läuft ja ein BMBF-Projekt.

War dazu die Seniorprofessur nötig?
Ja. Das sind Drittmittelprojekte, die man nicht von zu Hause aus machen kann.

Hast du noch eine Lehrverpflichtung?
Keine Verpflichtung. Ich mache aber vier Stunden im Semester.

Immer noch.
Es ist auch anstrengend, ja. Diese Hausarbeiten. Die mündlichen Prüfungen. Es hält mich aber jung. Du bekommst Sichtweisen und Erfahrungshintergründe, die du sonst nicht hast. Frische Gesichter, frische Äußerungen. Ich möchte das nicht missen. Es gibt keinen schöneren Beruf als unseren. Diese Kombination aus Forschung, Lehre und Selbstverwaltung ist ein ungeheures Privileg.

Paul F. Lazarsfeld (Quelle: Paul F. Lazarsfeld-Archiv, Institut für Soziologie, Universität Wien)

Paul F. Lazarsfeld (Quelle: Paul F. Lazarsfeld-Archiv, Institut für Soziologie, Universität Wien)

Gibt es Wissenschaftler, die du als Vorbilder bezeichnen würdest?
Lazarsfeld. Ich habe ihn leider nicht persönlich kennenlernen können. Aber ich bewundere seine Fähigkeit, einerseits strategisch zu denken, angewandt zu forschen, und Institute zu gründen und andererseits als Gelehrter zu wirken. Er verknüpft das.

Lazarsfeld (1976: 799) hat kurz vor seinem Tod gesagt, er habe sich als „Marxist auf Urlaub“ betrachtet.
Damit kannst du bei mir nicht landen. Die drei Jahre K-Gruppen-Zeit waren meine Impfung, 1972 bis 1975. Seitdem bin ich immun gegen alle Formen von Totalitarismus. Ich war schon damals glühender Antistalinist, auch wegen der Erfahrungen, die man mit der DDR hatte. Je mehr ich darüber weiß, desto schuldiger fühle ich mich für die drei Jahre. Wir haben für die Roten Khmer in Kambodscha gesammelt und auf der Straße „Sieg im Volkskrieg“ gerufen.

Man konnte damals nicht wissen, wohin das führen würde.
Doch. Es gab genug sehr kritische Stimmen, auch damals schon. Man hätte ja auch nur einen Schritt weiterdenken müssen. Was heißt es denn, die Trennung von Hand- und Kopfarbeit aufzuheben und die Städte kleinzumachen, wie es Pol Pot propagiert hat? Totalitärer geht es ja nicht.

Wenn du auf ein halbes Jahrhundert in den Sozialwissenschaften zurückblickst: Gibt es etwas, worauf du besonders stolz bist?
Das hast du doch schon gefragt.

Die Forschergruppe, ja. Und die wichtigsten Werke. Die Frage nach dem Stolz kommt in jedem biografischen Interview. Das wollte ich jetzt nicht weglassen.
Der Weihnachtsbrief. Das ist das einzige, womit ich mich ins kollektive Gedächtnis einschreibe. Ich verschicke ja immer ein Bild mit einem Spruch. Darauf werde ich angesprochen. Nicht auf irgendwelche Aufsätze.

Und sonst?
Diese enorme Professionalisierung, gerade in der Kommunikationswissenschaft. Das hat seine Schattenseiten, ja. Stichwort strategische Orientierung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Das haben wir aber auch befördert. Die Internationalisierung, die empirische Forschung: Das sind schon großartige Leistungen. Wir können heute ganz anders als früher Dinge erklären und werden deshalb auch mehr um Rat gefragt.

Gibt es etwas, was du heute anders machen würdest?
Vielleicht würde ich doch strategischer vorgehen. Ich lerne ja auch mit den jungen Leuten. Meinen Weg würde ich heute nicht mehr gehen.

Wo siehst du so eine Weggabelung, an der mehr Strategie geholfen hätte?
Ich hätte mich schon viel früher intensiv mit der Kommunikationswissenschaft beschäftigen müssen. Der Umweg über die Informationswissenschaft ist aber im Nachhinein auch nicht falsch. Das hat mir sehr früh die Augen geöffnet für das, was damals neue Medien hieß. Was Wersig gedacht und formuliert hat, steht heute im Zentrum des Fachs. Mensch-Computer-Kommunikation zum Beispiel.

Wir haben schon über Türöffner in der DGPuK gesprochen und auch über Otfried Jarren, ich frage aber trotzdem: Zu welchen Kolleginnen und Kollegen hattest oder hast du einen besonders guten Draht?
Erstmal zu meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ich bin heilfroh, dass ich mit allen ein Bier trinken kann. Da ist nirgendwo das Klima vergiftet. Bei der DGPuK-Tagung in Leipzig saß ich mit Jens Wolling, Martin Emmer und Jasper André Friedrich zusammen. Da war sofort die alte Vertrautheit wieder da. Keine Drahtseilakte, kein Geschleime.

Vowe/Henn 2016

Und darüber hinaus?
Ich habe zu vielen gute Beziehungen. Auch in der Forschergruppe, obwohl das dort notwendigerweise etwas distanziert war.

Auch wieder umgekehrt gefragt: Gab oder gibt es Gegner, Konkurrenten, Feinde?
Konkurrenten schon. Um Aufmerksamkeit im Fach, um knappe Ressourcen. Feinde nicht. Ich hatte nie den Eindruck, bekämpft zu werden. Dazu bin ich vielleicht zu wenig profiliert. Und ich selbst suche den Streit auch nicht, wie das andere tun.

Die letzte Frage haben wir auch schon angerissen: Was bleibt eines Tages von Gerhard Vowe in der Kommunikationswissenschaft? Was sollte bleiben, wenn du beeinflussen könntest, was bleibt?
Außer der Erinnerung an die Weihnachtskarte? Dass ich zur Professionalisierung dieses Fachs beigetragen habe. Stichwort koordinierte Verbünde. Das sollte man auf jeden Fall weiterführen. Aber da sehe ich gegenwärtig wenige Ansatzpunkte. Ich bin überhaupt nicht froh, dass das Licht der Forschergruppe nicht verdeckt wird von einem SFB oder einer anderen Forschungsgruppe, wie es jetzt heißt.

Das ist doch ein gutes Schlusswort.
Ich weiß nicht. Das Interview läuft ja unter Bio. Du lässt aber die Lebensumstände weg.

Du hast die ersten beiden Kinder immerhin erwähnt. Auf meinem Zettel stehen vier Kinder.
Zwei und zwei, ja. Ich bin zum zweiten Mal verheiratet.

Nach den zwei frühen Kindern noch zwei späte.
1988 und 1991. Das hat mich schon stark geprägt. Du kennst ja die vier Kommunikationsmedien bei Luhmann.

Liebe, Wahrheit, Macht und Geld.
Macht und Geld haben mich nie interessiert. Und das nicht, weil die Trauben immer sauer sind, wenn sie zu hoch hängen. Wirklich nicht.

Aber Wahrheit und Liebe.
Das hat mich beides angetrieben, ja. Das Interview hat jetzt stark auf Wahrheit gezielt, weil es um den Beruf geht. Aber Liebe spielt für mich eine zentrale Rolle. Aber wie verknüpft man Wahrheit und Liebe im Alltag? Das ist ein Riesenproblem, das alle umtreibt. In meiner zweiten Ehe war die Arbeitsteilung immer so klar, dass ich meine Sachen machen konnte. Ich hatte eine Work-Life-Balance, weil jemand anders das nicht hatte. Da bin ich unendlich dankbar.

Du bist dafür gependelt.
Es war immer klar, dass ich von wechselnden Orten aus pendele, damit die Familie Stabilität und Ruhe hat. Diese selbstverständliche Arbeitsteilung war die zwingende Voraussetzung für alles, was ich gemacht habe.

Literaturangaben

  • Michael Baurmann/Gerhard Vowe: Governing the Research Club. Wie lassen sich Kooperationsprobleme in Forschungsverbünden lösen? In: Forschung. Politik – Strategie – Management Nr. 3/2014, S. 73-84.
  • Otfried Jarren: Martin Löffelholz und Gerhard Vowe an die TU Ilmenau berufen. In: Publizistik 43. Jg. (1998), 3.
  • Otfried Jarren: Berufungen: Gerhard Vowe und Ralph Weiß, Universität Düsseldorf. In: Publizistik 50. Jg. (2005), S. 357f.
  • Paul F. Lazarsfeld: Wissenschaft und Sozialforschung. Ein Gespräch mit Paul F. Lazarsfeld. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 28. Jg. (1976), S. 794-807.
  • Gerhard Vowe: Politische Kognition: Umrisse eines kognitionsorientierten Ansatzes für die Analyse politischen Handelns. In: Politische Vierteljahresschrift, 35. Jg. (1994), S. 423-447.
  • Gerhard Vowe: Information und Kommunikation – Brücke zwischen Wissenschaft und
    Gesellschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag 1984.
  • Gerhard Vowe: Technik im parlamentarischen Diskurs: Die Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages zum Verhältnis von Technik und Politik. Habilitationsschrift. Darmstadt: Technische Universität 1991.
  • Gerhard Vowe: Digitalisierung als grundlegender Veränderungsprozess der politischen Kommunikation. In: Isabelle Borucki/Katharina Kleinen-von Königslöw/Stefan Marschall/Thomas Zerback (Hrsg.): Handbuch Politische Kommunikation. Wiesbaden: Springer VS 2020, S. 1-15.
  • Gerhard Vowe/Philipp Henn (Hrsg.): Political communication in the online world: Theoretical approaches and research designs. London: Routledge 2016.
  • Gerhard Vowe/Philipp Henn: An der Spitze der Bewegung! Der Wandel der politischen Kommunikation im Online-Zeitalter als Herausforderung. In: Forschung. Das Magazin der Deutschen Forschungsgemeinschaft 2019, Heft 3, S. 20-23.
  • Gerhard Vowe/Florian Meißner: Erfolg und Misserfolg von kommunikationswissenschaftlichen DFG-Forschungsverbünden: Bilanz, Faktoren, Konsequenzen. In: Publizistik 65. Jg. (2020), S. 151-185.
  • Jens Wolling/Gerhard Vowe/Martin Emmer: Bürger online: Die Entwicklung der politischen Online-Kommunikation in Deutschland. Konstanz: UVK 2011

Empfohlene Zitierweise
Gerhard Vowe: Ich wollte immer forschen. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2020. http://blexkom.halemverlag.de/vowe-interview/ ‎(Datum des Zugriffs).