Leo Benario

5. Juli 1875 bis 19. August 1947

Lexikoneintrag von Peter Szyszka am 8. September 2015

Der Journalist Leo Benario gehörte zur Gründergeneration der Zeitungswissenschaft. Sein 1923 gegründetes Institut für Zeitungskunde an der Handelshochschule Nürnberg war aber umstritten, und Benario selbst kam nie über eine nebenamtliche Hochschuldozentur hinaus.

Stationen

Geboren in Obernbreit/Unterfranken als Sohn eines jüdischen Privatiers. Durch den frühen Tod des Vaters gezwungen, das Gymnasium nach der Untersekunda zu verlassen und eine Banklehre zu absolvieren. Bankpraxis in Berlin und Nürnberg. Autodidaktisch philosophische und nationalökonomische Studien. Nach zunächst freier Tätigkeit für die Frankfurter Zeitung 1905 dort Anstellung als Handelsredakteur. 1917 Rückkehr als freier Journalist nach Nürnberg. Durch Heirat mit Marie Bing, Tochter des Geheimen Kommerzienrats und Unternehmers Ignatz Bing (Bing-Werke AG, Nürnberg), wirtschaftlich unabhängig. 1919 bis 1933 nebenamtliche Dozentur für Wirtschaftsjournalismus an der Handelshochschule Nürnberg. 1923 Errichtung des Instituts für Zeitungskunde. 1925/26 gescheiterter akademischer Qualifikationsversuch. Danach in zunehmend umstrittener Position, fortlaufend hochschulpolitische Versuche, seine von außen gestützte Tätigkeit zu beschneiden. 22. März 1933 Entlassung aus dem Hochschuldienst aufgrund jüdischer Herkunft. Emingration über Italien nach Südfrankreich. 1947 nach längerer Krankheit in ärmlichen Verhältnissen in Nizza verstorben. Zwei Kinder; sein bereits 1933 in Dachau ums Leben gekommener Sohn Rudolf war einer der vier ersten von Nationalsozialisten in einem Konzentrationslager ermordeten Juden (Richardi 1983: 88).

Publikationen

  • Der Apparat des Handelsteils. In: Zeitungsverlag 27. Jg. (1926), Nr. 14, Sp. 831-834.
  • Zur Soziologie der Zeitung. In: Zeitschrift für Völkerpsychologie und Soziologie 2. Jg. (1926), S. 125-142.
  • Zeitungswissenschaft im Rahmen der Handelshochschule. In: Deutsche Presse 16. Jg. (1926), Nr. 50/51, S. 21-23.
  • Handelspresse und Aktienrechtsreform. In: Deutsche Presse 21. Jg. (1931), Nr. 41, S. 571-572.
  • Journalistische und wissenschaftliche Methodik. In: Zeitungswissenschaft 6. Jg. (1931), Nr. 6, S. 343-348.

Leo Benario gehörte in den Jahren der Weimarer Republik zur Gründergeneration von Zeitungskunde und Zeitungswissenschaft in Deutschland. Auf seine Initiative hin wurde 1923 an der Handelshochschule Nürnberg ein Institut für Zeitungskunde eingerichtet – das nach Leipzig, Münster und Köln seinerzeit vierte deutsche Fachinstitut noch vor München und Berlin. Einfluss auf die Fachentwicklung hatte Benario aber praktisch nicht. An seiner Fachbiografie werden Möglichkeiten, Grenzen und Mechanismen deutlich, unter denen die heutige Kommunikationswissenschaft in der Weimarer Republik entstand. Benario war Wirtschaftsjournalist, kam von einer renommierten deutschen Tageszeitung und war mit einer Nürnberger Unternehmerfamilie verheiratet: mit der Tochter des Mitbesitzers des seinerzeit weltweit größten Spielwarenherstellers. Damit war er nicht nur wirtschaftlich unabhängig, sondern besaß auch Zugang zu den gesellschaftlich und politisch ersten Kreisen Nürnbergs. Dies verhalf ihm auch als Nicht-Akademiker in eine (wenn auch nebenamtliche) Hochschultätigkeit.

Die Nürnberger Handelshochschule wurde erst 1919 als letzte ihrer Art in Deutschland errichtet und war ein ehrgeiziges Projekt, bei dem wissenschaftliche Anerkennung eine zentrale Rolle spielte. Bereits in die Planungsphase der Hochschule hatte sich Benario über die kommunalen politischen Träger der Hochschule mit dem Vorschlag eingebracht, Zeitungslehre und Zeitungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Handelsredakteur (heute: Wirtschaftsjournalismus) als Profilmerkmal in deren Bildungskanon einzubeziehen (vgl. Szyszka 1990: 348). Während man der Sache selbst zugetan war und „Zeitungswesen“ bereits 1916/17 in Handelshochschulkurse aufnahm, die der Hochschulgründung vorausgingen, wurde zunächst nicht Benario hiermit betraut, sondern Adolf Braun, promovierter Chefredakteur der Fränkischen Tagespost, der unter anderem bei Karl Bücher studiert hatte (ebd.: 22-25). Erst als dieser 1918 Mitglied der Nationalversammlung wurde, kam Benario zum Zuge. Er gehörte dann zu 41 nebenamtlichen Dozenten, mit denen der Hochschulbetrieb 1919 unter der Leitung eines hauptamtlichen Rektors startete. Die Mehrzahl nebenamtlicher Stellen wurde in den Folgejahren in hauptamtliche Professuren umgewandelt.

Dass Zeitungskunde dabei nicht über den Status eines Ergänzungsfachs hinauskam, lag nicht zuletzt an Benario selbst, dem akademische Qualifikation oder wissenschaftliche Referenzen fehlten, was er durch Einsatz in seiner Lehrtätigkeit und lokalpolische Unterstützung zu kompensieren versuchte. So wurde Benarios 1922 unterbreiteter Vorschlag, ein Seminar oder Institut für die „planmäßige Vorbereitung auf den journalistischen Beruf bei besonderer Berücksichtigung des Handelsredakteurs“ einzurichten, zwar gefolgt und ein Institutsbetrieb im Sommersemester 1924 formal aufgenommen. Benarios Wunsch, dies auch mit einer hauptamtlichen Hochschuldozentur für ihn zu verbinden, wurde mangels wissenschaftlicher Formalqualifikation aber nicht entsprochen. So fehlte Benario auch eine wissenschaftliche Publikationsliste; in seiner wirtschaftsjournalistischen Lehre stützte er sich im Wesentlichen auf die seinerzeit populäre Fremdpublikation Wie liest man den Handelsteil der Tageszeitung (Kahn/Naphtali 1921). Die wiederholte Aufforderung des Senats, „eine methodisch-wissenschaftliche Arbeit zur Bewertung seiner wissenschaftlichen Befähigung vorzulegen“, lehnte Benario lange ab (Szyszka 1990: 34-35, 40-49). Als er Ende 1925 dann doch einen Aufsatz Zur Soziologie der Zeitung vorlegte und wenig später publizitierte (Benario 1926), waren diese 18 Seiten nicht mehr als der bekannte ‚Tropfen auf den heißen Stein‘ und wurden vom Senat als nicht ausreichender Ersatz für seine fehlende Formalqualifikation eingestuft.

Daneben scheint sich Benario den Zorn des Senats zugezogen zu haben, weil er nach außen offenbar mehr vorgab. So ist in einer frühen Übersicht zur deutschen Zeitungswissenschaft von einem „Dr. Benario“ und „zwei Assistenten“ (d’Ester 1925: 5) die Rede – tatsächlich gab es zwei studentische Hilfskräfte; an anderer Stelle wird von einer „ordentlichen Professur für Zeitungskunde“ und einem „neu errichteten Lehrstuhl für Zeitungskunde“ gesprochen, den Benario „kommissarisch inne“ habe (Jaeger 1926: 24, 144), was dem Wunsch und der Forderung Benarios, nicht aber der Wirklichkeit entsprach. Solche Aussagen dürften kaum ohne sein Zutun entstanden sein. Wiederholte Anläufe des Senats, sich von Benario zu trennen, scheiterten an dessen Rückhalt im Verwaltungsrat (Szyszka 1990: 58-59). Seine Wirkungsmöglichkeiten wurden in den Folgejahren eingeschränkt (Verlust des Prüfungsrechts, Zusammenstreichen des Lehrdeputat). Als kurz nach der nationalsozialistischen Machtergreifung allein die Kategorie „Jude“ als Entlassunggrund ausreichte, nutze die Hochschule bereits 14 Tage vor dem Erlass der Gesetze zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums die Gelegenheit, sich von einem unliebsamen Kollegens zu trennen (ebd.: 77-81).

Festzuhalten bleibt, dass dank Benarios Engagement Wirtschaftsjournalismus in Form einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Handelsteil der Tageszeitungen in den Jahren der Weimarer Republik fixer Bestandteil im Lehrangebot der Nürnberger Handelshochschule und damit aktiv gepflegter Teil der frühen Zeitungskunde war. Benarios Institut für Zeitungskunde bestand vor allem nominal, weil es über keine richtige Ausstattung und keine akademische Anerkennung verfügte. Innerhalb des jungen Fachs wirkte Benario zwar an der PRESSA 1928 mit, setzte aber auch keine weiterreichenden Impulse. Interessant ist, dass Zeitungskunde hier Teil der frühen Wirtschaftswissenschaft war.

Literaturangaben

  • Leo Benario: Zur Soziologie der Zeitung. In: Zeitschrift für Völkerpsychologie und Soziologie 2. Jg. (1926), S. 125-142.
  • Karl d’Ester: Das Studium der Zeitungswissenschaft in Deutschland. Berlin: Hochschule und Ausland 1925.
  • Karl Jaeger: Von der Zeitungskunde zur publizistischen Wissenschaft. Jena: Fischer 1926.
  • Ernst Kahn/Fritz Naphtali: Wie liest man den Handelsteil der Tageszeitung. Frankfurt/Main: Societäts-Verlag 1921.
  • Hans-Günter Richardi: Schule der Gewalt. Das Konzentrationslager Dachau 1933-34. München: Piper 1983.
  • Peter Szyszka: Zeitungswissenschaft in Nürnberg (1919-1945). Ein Hochschulinstitut zwischen Praxis und Wissenschaft. Nürnberg: Verlag der kommunikationswissenschaftlichen Forschungsvereinigung 1990.

Empfohlene Zitierweise

    Peter Szyszka: Leo Benario. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2015. http://blexkom.halemverlag.de/leo-benario/ ‎(Datum des Zugriffs).