Michael Kunczik

(1945 bis 2018)

Ein Nachruf von Jürgen Wilke am 16. Mai 2018

Michael Kunczik ist am 29. März 2018 verstorben. Jürgen Wilke schildert seine beruflichen Stationen und würdigt Kuncziks Leistungen für das Fach und das Mainzer Institut für Publizistik (1).

Er war ein Wissenschaftler alter Schule, von stupender Arbeitskapazität und enormer Gründlichkeit, und das alles verbunden mit großer Neugier und Fähigkeit zur Empathie. Umso größer die Betroffenheit, als bekannt wurde, dass Michael Kunczik am 29. März 2018 verstorben ist. Die längste Zeit seiner akademischen Laufbahn lehrte und forschte er am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Dabei war Kunczik zunächst kein originärer Kommunikationswissenschaftler. Er kam vielmehr aus der Soziologie. Dieses Fach hatte der 1945 in Colditz/Sachsen Gebürtige an der Universität Köln studiert und 1971 mit der Diplomprüfung für Volkswirte abgeschlossen.

Eine gewisse Neuorientierung brachten die folgenden drei Jahre als Assistent bei Alphons Silbermann, der seinerzeit die Abteilung Massenkommunikation am Institut für Soziologie in Köln leitete. Dass er es dabei mit jemandem zu tun bekam, der mit Sottisen über die deutsche Publizistikwissenschaft herzog, hat er später stets mit Nonchalance kommentiert. 1974 promovierte Michael Kunczik mit einer Dissertation zum Thema „Gewalt im Fernsehen. Eine Analyse der potenziell kriminogenen Effekte“. Sie zeigte schon die ganze Statur des Autors und seine Neigung zum Perfektionismus: ein Wälzer von mehr als 800 Seiten, davon allein 130 Seiten Literaturverzeichnis. Wie liebte er zudem die Fußnoten! Zugleich hatte er damit eines seiner Lebensthemen gefunden.

Inzwischen war Kunczik an die Pädagogische Fakultät der Universität Bonn gewechselt, wo er sich 1982 habilitierte. Jetzt verfestigte sich die wissenschaftliche Lebensperspektive: „Kommunikation und Gesellschaft: Theorien der Massenkommunikation“ – so lautete das Thema der Habilitationsschrift. Drei Semester lang vertrat er 1983 bis 1985 die vakant gewordene Professur von Elisabeth Noelle-Neumann am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zum Wintersemester 1987 wurde er dann auf eine C3-Stelle an dieser Universität berufen.

Michael Kunczik hat in mehreren Büchern und zahlreichen Aufsätzen ein umfangreiches wissenschaftliches Werk geschaffen. Vier Schwerpunkte lassen sich darin ausmachen. Der eine war das mit der Dissertation grundgelegte Thema Gewalt in den Medien, wozu er zuerst 1987 ein dann wiederholt aktualisiertes Lehrbuch vorlegte. Noch eine letzte komprimierte Version erschien 2017 in der Reihe der „essentials“ bei Springer VS. Nicht weniger grundlegend für das Fach in Deutschland war seine Hinwendung zu PR und Öffentlichkeitsarbeit. Der einschlägige Überblick über Konzepte und Theorien kam 1993 heraus und erlebte bis 2010 fünf Auflagen.  Niemand beschäftigte sich auch so wie er mit der Geschichte der Öffentlichkeitsarbeit, wozu 1997 ein eigenes Buch hinzukam. Die PR-Praxis war weniger seine Sache. Den dritten Schwerpunkt bildete die internationale Kommunikation. Hier hat sich Kunczik insbesondere mit der Rolle von Massenmedien in Entwicklungsländern  (1985) sowie mit den massenmedial verbreiteten Nationenbildern beschäftigt („Images of nations and international relations“, 1997). Als eigenen vierten Schwerpunkt kann man seine Arbeiten zur allgemeinen Kommunikationsforschung werten. Dazu gehört auch das Studienhandbuch zur Publizistikwissenschaft, das er (zusammen mit Astrid Zipfel) verfasste. Nur der Vollständigkeit halber wären auch Publikationen über Journalismus als Beruf und zur journalistischen Ethik zu nennen. Zumal die Einführungen wurden zu einem Exportschlager, denn von ihnen wurden Übersetzungen gerade in weniger gängige Sprachen angefertigt, so ins Tschechische, Bulgarische und Rumänische. Kein Wunder, dass Kunczik in diesen Ländern immer wieder unterwegs war und sein Name auf dem internationalen Parkett bekannt wurde. Mehr als die ICA bevorzugte er die IAMCR wegen ihrer bunten Internationalität.

Michael Kuncziks eigene Forschungsthemen waren selbstverständlich auch bevorzugter, aber nicht einziger Lehrgegenstand. Die Studierenden bekamen stets umfassende Überblicke mit der notwendigen Vertiefung geboten. Mehrere Hundert von ihnen haben bei ihm Magisterarbeiten geschrieben, als es diese akademische Prüfung noch gab. Kunczik war ein höchst beliebter Lehrer, der sich um seine Studierenden kümmerte. Nicht zuletzt sein Humor war sprichwörtlich. Im persönlichen Umgang zeichnete ihn Kollegialität und große Hilfsbereitschaft aus.

Michael Kunczik, obwohl selbst kein Spross der sogenannten „Mainzer Schule“, hat mehr als 20 Jahre viel zur Arbeit, zum Erfolg und zum Ansehen des Mainzer Instituts für Publizistik beigetragen. Das Institut hat ihm dafür unendlich viel zu danken.

Anmerkung

  • Die Herausgeber von BLexKom danken den Aviso-Redakteuren Cornelia Wolf und Alexander Godulla, die diesen Nachruf für ihre Herbstausgabe 2018 organisiert und einer Vorab-Veröffentlichung zugestimmt haben.