Hans Mathias Kepplinger (Foto: privat)

Die Fiktion der erkennbaren Realität aufrecht halten

Veröffentlicht am 9. November 2017

Hans Mathias Kepplinger ist eine der prägenden Figuren des Fachs. Michael Meyen hat mit ihm am 13. Oktober 2017 über den steinigen Weg zur Promotion gesprochen, über Elisabeth Noelle-Neumann und über die Zukunft der Kommunikationswissenschaft.

Stationen

Geboren am 20. Mai 1943 in Mainz. Studium in Mainz, München und Berlin (Politikwissenschaft, Publizistikwissenschaft, Geschichte). 1970 Promotion bei Hans Buchheim. Wissenschaftlicher Assistent von Elisabeth Noelle-Neumann an der Universität Mainz. 1977 Habilitation. 1978 Heisenberg-Stipendium der DFG. 1982 Lehrstuhl für Empirische Kommunikationsforschung am Institut für Publizistik in Mainz (bis 2011). 2012 Helen Dinerman Award der WAPOR. 2015 ICA Fellow. Verheiratet, eine Tochter, ein Sohn.

Könnten Sie mir zu Beginn etwas über Ihr Elternhaus erzählen, über Ihre Kindheit, Ihre Jugend?

Meine Kindheit war traumhaft und traurig. Meine Eltern wurden ausgebombt. Sie sind mit einem Kinderwagen aus der brennenden Stadt Mainz geflohen. Viele Straßenpflaster waren damals aus Holz. Der Boden brannte.

Das kennen Sie aus Erzählungen.

Ich war ein Jahr alt. Meine erste Erinnerung ist die einsam gelegene Mühle im Taunus, die mein Großvater als Sommerhaus gemietet hatte. Mehrere Familienzweige sind dort untergekommen. Alle waren ausgebombt. Wir haben im Grünen gewohnt – für mich als Kind ein Dauerurlaub.

Was hat der Großvater beruflich gemacht?

Der Vater meiner Mutter war ein erfolgreicher Innenarchitekt. Für ihn waren die NS-Zeit und der Krieg Katastrophen. Vorher hatte er wohlhabende jüdische Klienten. Später hat er Mobiliar für Schiffe entworfen – darunter der Raddampfer „Mainz“. Aber auch das war nach dem Krieg zunächst nicht gefragt.

Im Zeitungsarchiv des Instituts für Publizistik, um 1985 (Quelle: Hans Mathias Kepplinger)

Das war der Mann mit der Mühle?

Nein. Das war der Vater meines Vaters. Eine ganz andere Figur. Der Innenarchitekt war ein bescheidener und ruhiger Mann, den ich sehr verehrt und geliebt habe. Er war für mich eine sehr wichtige Bezugsperson. Ich bin bei ihm groß geworden.

Und der andere Großvater?

Ein ungemein witziger Erzähler. Ende des 19. Jahrhunderts ging er als junger Mann ohne Sprachkenntnisse nach Brüssel, um Drogist zu werden, später nach Paris. Er besaß eine Drogerie, war ein Unternehmer und eine Händlernatur par excellence.

In Mainz?

Ja. Er hat sich vor Kriegsende Luxusgüter besorgt, mit denen er später Geschäfte machen konnte. Cognac zum Beispiel oder Whiskey. Nach dem Krieg ließ er in einem riesigen Trümmerfeld eine bessere Baracke errichten und fing neu an. Bald besaß er einen Messerschmidt-Kabinenroller und fuhr damit bis nach Sizilien. Als 72-Jähriger mit einem kleinen Zelt.

Wie kam es, dass Sie bei dem anderen Großvater aufgewachsen sind?

Mein Vater ist kurz vor Kriegsende in Russland verschwunden, wahrscheinlich bei einem Gefangenentransport über das Schwarze Meer gestorben. Meine Mutter hat nach der Währungsreform gearbeitet und die Woche über im Mainz gewohnt. Jemand musste ja Geld verdienen.

1980 in Berkeley (Quelle: Hans Mathias Kepplinger)

Wo hat sie gearbeitet?

In der wieder aufgebauten Drogerie.

Haben Sie Geschwister?

Nein. Ich war als Kind oft allein und einsam. In der Grundschule mit den vielen fremden Kindern fiel mir der Wechsel sehr schwer. Dieses Fremdeln hat sich erst in Jahrzehnten abgeschliffen.

Haben Politik oder Religion in der Familie eine Rolle gespielt?

In der Familie hat das keine große Rolle gespielt. Meine Großmutter war bigott. Das habe ich gehasst. Ich war sehr religiös. Katholisch.

Woran machen Sie Ihre Religiosität fest?

Ich bin regelmäßig in die Kirche gegangen, und zwar gläubig. Ich habe mich aber sehr früh für Philosophie interessiert, vor allem für Platon und andere Griechen.

Von welcher Zeit sprechen wir?

Ich war 14, 15. Ich habe die Dialoge gelesen und war fasziniert. Mit philosophischen Argumenten habe ich mich für den Religionsunterricht gewappnet, um den Lehrer zu testen.

Warum das?

Um mit ihm über die Wahrheit zu streiten. Einen lauen Kaplan habe ich nach Strich und Faden fertiggemacht. Aber ich hatte auch tolle Kontrahenten. Als man aus dem Religionsunterricht austreten konnte, habe ich das sofort beschlossen, mit meinem Freund Bernd Weikl, der später ein berühmter Sänger wurde.

Was haben die Großeltern dazu gesagt?

Der Kaplan kam zu uns nach Hause, hat von Peinlichkeit für sich und meine Großmutter geredet und mir ein Arrangement vorgeschlagen. Er würde mir keine Fragen mehr stellen und ich sollte ihm auch keine stellen. Dann würde er mir eine Drei geben. So ist es geschehen.

Wie kommt man in dem Alter auf die Idee, aus dem Vorgegebenen auszubrechen?

Durch die Beschäftigung mit philosophisch-religiösen Fragen. Aber der Bruch kam ein paar Jahre später.

Mit Elisabeth Noelle-Neumann 1970 im Garten vor ihrem Haus in Piazzogna (Quelle: Hans Mathias Kepplinger)

Was haben Sie kritisiert?

Dass man nicht gläubig sein kann, ohne Voraussetzungen zu akzeptieren. Ich war der Meinung, in der Wissenschaft könne man ohne Voraussetzungen denken. Das hat sich als Irrtum herausgestellt, es war aber die treibende Kraft.

Wissen Sie noch, warum Sie angefangen haben, Psychologie zu studieren?

Ich wollte eigentlich Physik studieren. Das war mit Abstand mein bestes Fach und ist bis heute mein Theoriemodell.

Warum haben Sie dann nicht Physik studiert?

Weil meine Mathematik-Kenntnisse nicht so gut waren, dass es für eine wissenschaftliche Karriere gereicht hätte.

War das damals schon der Erwartungshorizont?

Nein, ich wollte aber auf keinen Fall Lehrer werden. Ich wollte nicht mit Kindern wie mir zu tun haben. Ich habe Lehrer zur Weißglut getrieben. Die Entscheidung gegen den Lehrerberuf war meine einzige aktive Berufsentscheidung. Alles andere hat sich so ergeben.

Warum dann Psychologie?

Weil ich ein Fach gesucht habe, das von der Beweislogik her der Physik nahe war.

Wie sind Sie dann zur Politikwissenschaft gekommen?

Das war ein langer Weg. Ich habe zwei Semester sehr intensiv Psychologie studiert, mit experimentellem Praktikum, mit Statistik. Dann bin ich nach München, aus privaten Gründen.

Klingt gut.

Nein. Damals war München keine attraktive Stadt. Alles war grau. Es gab keine interessante Jazzszene, wie ich das aus dem Rhein-Main-Gebiet kannte. Deshalb bin ich fluchtartig nach Berlin, dort hat mir aber die Psychologie nicht gefallen.

Klaus Holzkamp zum Beispiel und die Kritische Psychologie.

Das war eher kritisch-links – wie ich. Aber ich war aus politischer Überzeugung links und habe die erkenntnistheoretische Position der Frankfurter Schule immer für falsch gehalten. Das hat sich bis heute nicht geändert. Aufgrund meines politischen Interesses bin ich mit wehenden Fahnen ins Otto-Suhr-Institut gewechselt, in die Politikwissenschaft. Der Leistungsstandard dort war unglaublich. Man musste hart arbeiten. Leute wie Bernd Rabehl und Rudi Dutschke habe ich in der Uni erlebt. Die und einige andere waren beeindruckend.

Kepplinger und Noelle-Neumann (Foto: privat)

Lange waren Sie trotzdem nicht in Berlin.

Ich habe mein Studium als freier Mitarbeiter beim Rundfunk mitfinanziert. Das ging in Berlin kaum. Zu Springer wollte ich nicht. Manchmal habe ich etwas für den RIAS gemacht, das war zu wenig. Also bin ich nach einem Jahr zurück ins Rhein-Main-Gebiet und habe wieder beim Südwestfunk und beim Hessischen Rundfunk als freier Mitarbeiter gearbeitet.

Und das erste Publizistik-Seminar von Elisabeth Noelle-Neumann im Wintersemester 1964/65 (vgl. Noelle 2005: 12)?

Ihr Seminar behandelte Unterschiede zwischen Rundfunk und Fernsehen. Das war, bevor ich nach München bin. Ich hatte überlegt, Journalist zu werden. Da ist man einfach mal schnuppern gegangen.

Weil es Publizistik hieß?

Genau. Ich fand die Veranstaltung hochinteressant, aber mein Entschluss stand fest: München.

Haben Sie dort die Zeitungswissenschaft erlebt? Roegele, Glotz, Langenbucher?

Mit Langenbucher (rechts) 1973 in Augsburg (Quelle: Hans Mathias Kepplinger)

Ja. Vor allem mit Glotz habe ich mich später angefreundet. Bei Langenbucher war ich im Proseminar. Wir hatten heftige Kontroversen.

Kontroversen?

Die Fixierung auf Otto Groth war mir zu normativ. Ich war Empiriker, oder wollte es zumindest sein. Es gab aber eine sensationelle Busreise zum Fernsehen nach Stuttgart. Roegele saß mit den beiden Mitarbeitern vorn und ich hinten. Sie haben die ganze Fahrt mit ihm laut über die Rolle der Medien in der Gesellschaft gestritten. Das hat mich nachhaltig beeindruckt.

Und in Berlin?

Fritz Eberhard habe ich bewundert, und er hat mich auch geschätzt. Wir haben uns öfter getroffen. Ein liebenswürdiger, kluger Mann, eine beeindruckende Persönlichkeit. Seine fantastische Biografie kannte ich da noch gar nicht (vgl. Sösemann 2001).

Und Emil Dovifat?

Dovifat habe ich einmal gehört. Im Gegensatz zu Eberhard sagte er mir aber nicht zu.

Gibt es jemanden, den Sie als Ihren akademischen Lehrer bezeichnen würden?

Emil Dovifat (Foto: Dorothee von Dadelsen)

Emil Dovifat (Foto: Dorothee von Dadelsen)

Hans Buchheim. Publizistik habe ich nur mit der linken Hand studiert. Ich war inzwischen Politikwissenschaftler.

Was hat Sie an Buchheim fasziniert?

Zwei Dinge. Er hat fantastische Vorlesungen gehalten. Und dann konnte man mit ihm wunderbar streiten. Wir waren in allem unterschiedlicher Meinung. Er war überzeugt, dass es nicht die eine Wissenschaftslogik für alle Fächer gibt, sondern dass sich Geistes- und Naturwissenschaften grundlegend unterscheiden. Ich war ein Stegmüller-Anhänger. Münchner Schule.

Die Einheits-Wissenschaft.

Darüber haben wir uns gefetzt. Auch über Adenauers Außenpolitik. Er war ein Anhänger der Westbindung, ich ein Gegner. Ich habe niemanden kennengelernt, der so gerne und leidenschaftlich gestritten hat wie er. Beim Rigorosum lagen wir uns nach einer Stunde buchstäblich erschöpft in den Armen, wie zwei Boxer. Jahre später habe ich vieles von dem richtig gefunden, was er damals gesagt hat.

Auch zur Empirie?

Ich war nie ein ideologisch festgelegter Empiriker. Ich habe immer auch theoretische und qualitative Studien veröffentlicht.

Wie viel von Hans Buchheim steckt heute in Ihnen?

Viel. Wir beide haben einen Sinn für den Kern des politisch Relevanten, für den Kern eines Konflikts. Konzentration auf das Wesentliche. Kein Schnick-Schnack. Und er hatte ein enormes Sprachempfinden. Als Student war ich ein Bewunderer von Rudolf Carnaps logischer Grammatik. Als ich eingesehen hatte, dass sie nicht praktisch anwendbar ist, habe ich wenigstens einen Text geschrieben, der dem Ideal möglichst nahe kam: das Objekt des vorausgegangenen Satzes immer als Subjekt des Folgenden. Buchheim war der Einzige, der das bemerkt hat.

Mit Niklas Luhmann (ganz rechts) 1976 in Salzburg (Quelle: Hans Mathias Kepplinger)

Wann wussten Sie, dass Sie Wissenschaftler werden wollen?

Ich bin lange gependelt zwischen Journalismus und Wissenschaft. Dann gab es ein paar Aha-Erlebnisse.

Im Journalismus?

Ja. Beim Hessischen Rundfunk habe ich Manuskripte von Adorno, Marcuse und anderen Größen redigiert, für die Reihe „Kirche in unchristlicher Zeit“. Das lief immer sonntags. Die Autoren haben die Religionen kritisiert, speziell den Katholizismus.

Also Ihre Philosophie.

Ja. Inzwischen hatte ich eine bittere Trennung von der katholischen Kirche hinter mir. Die Texte haben mir also aus dem Herzen gesprochen. Trotzdem fand ich entsetzlich, was montags in der Redaktion passiert ist. Manchmal waren die Redakteure geradezu glücklich.

Warum das?

Weil sich ein paar konservative Katholiken heftig über die Sendung beschwert hatten. Wenn sich niemand beschwert hat, waren sie tief enttäuscht. Das war nicht mein Ding. Diese Art von Häme finde ich noch immer unerträglich.

Also Wissenschaft.

Das war nicht einfach. Ich habe endlos alles studiert, was mich gerade interessiert hat, aber als die Promotion anstand, habe ich festgestellt, dass meine Fächerkombination nicht zugelassen war.

Was war das für eine Kombination?

Politik, Psychologie und Publizistik. Die Promotion war damals der einzige Abschluss. Ich brauchte ein anderes Nebenfach, hatte aber kein Latein und beantragte beim Kultusministerium eine Ausnahmeregelung. Bei Buchheim hatte ich ein Referat gehalten, über das politische Denken von Hans Magnus Enzensberger. Ich war damals ein Fan von ihm. Dann habe ich eine Replik von Hannah Arendt gelesen.

Auf Enzensberger?

Ja. Hannah Arendt schrieb dort, Enzensbergers Argumentation in Politik und Verbrechen sei fundamental falsch, und lehnte eine Rezension ab. Politik höre da auf, wo die Gewalt anfange. Das war das Gegenteil von Enzensberger. Ich habe mich immer tiefer in Arendt eingelesen. Parallel dazu lief mein Antrag ans Kultusministerium. Er wurde abgelehnt.

Das Latinum.

Geschichte wäre als Nebenfach eine Option gewesen, aber dafür brauchte man Latein. Ich stand vor dem Aus und meine Folgerung lautete: Dann schreibe ich eben eine „Dissertation“ für mich, und das ist mein Abschluss. So sind 500 Seiten über Enzensberger entstanden.

Das wurde dann ja aber doch noch eine offizielle Promotionsschrift (vgl. Kepplinger 1970).

Ich habe das Manuskript Buchheim mit der Bitte gegeben, das kritisch zu lesen, weil die Idee zu dem Thema von ihm stammte. Gleichzeitig habe ich das Manuskript sechs Verlagen angeboten. Zwei wollten es verlegen. Rowohlt und Walter in der Schweiz.

Mit Walter J. Schütz 2008 in Lugano (Quelle: Hans Mathias Kepplinger)

Und Buchheim?

Er kannte mein Problem nicht. Er sagte nur, ich sei doch nicht mehr der Jüngste und sollte das umarbeiten, um damit zu promovieren. Akademischer Belegstil und so weiter. Danach habe ich alles auf eine Karte gesetzt, Rowohlt abgesagt und das Manuskript an Walter verkauft. Der Verlag war bereit, ein Jahr zu warten. Das große Latinum habe ich mit einer Gnaden-Vier bestanden, weil ich dem weißhaarigen Prüfer meine Lage eindringlich geschildert habe. Er hat mich gerettet. Das war vier Wochen vor dem Rigorosum, weil ich im Vertrauen auf einen guten Ausgang den überarbeiteten Text bereits als Promotion eingereicht hatte und die Gutachten vorlagen.

Zum 40. Geburtstag des Mainzer Institut haben Sie ein Leitmotiv benannt: „Wer zu den Quellen will, muss gegen den Strom schwimmen“ (Kepplinger 2005: 75). War Ihnen das schon klar, als Sie Mitarbeiter von Elisabeth Noelle-Neumann wurden?

Das ist mir schon bei der Arbeit über Enzensberger klargeworden. Ich war ein enttäuschter Fan und habe dann gefunden, dass er bei jedem Text vor allem auf der Jagd nach Pointen ist und seine Argumentation entsprechend verschiebt. Heute behauptet er das und morgen das.

Er hat das Talent, Formeln zu prägen.

Er ist ein glänzender Beobachter und Formulierer. Er ist aber ein anarchistischer Gegner von Systematik. Das meine ich nicht negativ. Heute sehe ich vieles anders, weil man Provokateure braucht, um etablierte Überzeugungen durchzurütteln. Man darf deren Argumente nur nicht zum Nennwert nehmen.

Haben Sie eine Idee, warum Elisabeth Noelle-Neumann Sie ausgesucht hat? Manfred Knoche hat Sie als „relativ linken Studenten“ beschrieben (Knoche 2017).

Sie wusste, dass ich politisch aktiv war, auch als Autor in einer damals bundesweit beachteten Studentenzeitschrift. Wilde Artikel gegen Springer, gegen den Vietnamkrieg, gegen die amerikanische Großindustrie. Ich war überrascht, als Ihre Anfrage kam. Vorher hatten wir sogar einen Disput über die Analyse von Texten. Frau Noelle wollte unbedingt quantitative Inhaltsanalysen durchführen. Ich habe mich für qualitative Interpretationen stark gemacht. Im Rückblick ist das grotesk, weil ich später viele quantitative Inhaltsanalysen gemacht habe. Aber beides schließt sich ja nicht aus.

Auf welchem Weg kam die Anfrage?

Per Telex in ein Hotel im Baskenland. Ich solle dringend nach Allensbach kommen. Weil ich wegen meiner eigenwilligen Promotion besorgt war, bin ich hingefahren.

Wie haben Sie auf das Angebot reagiert?

Ich war überrascht und habe gesagt, dass ich das nicht mache. Ich hatte damals die Möglichkeit, als Postdoc nach Yale zu gehen. Bis dahin waren es aber noch zehn Monate. Ich war Politikwissenschaftler und hatte mit der Publizistik nichts am Hut. Noelle-Neumann hat mich mit der Bemerkung verabschiedet, ich sollte mir das noch mal überlegen.

Was hat Sie umgestimmt?

Meine Eltern haben gesagt: Mach das doch ein Jahr. Das ist eine bekannte und angesehene Wissenschaftlerin, und du verdienst auch noch Geld. Ich habe ihr dann gesagt, ich würde ihr Angebot annehmen, sei aber zu den üblichen Assistententätigkeiten nicht bereit. Ihre Vorlesungen vorbereiten, Klausuren korrigieren.

Und sie war einverstanden?

Sie ist gar nicht darauf eingegangen. Hat das einfach hingenommen. Von Anfang an beruhte unsere Beziehung auf gegenseitigem Respekt. Dann kam die Institutsbesetzung (vgl. Knoche 2017, Wilke 2005: 23-25), und ich fand mich in einer komplizierten Lage.

Sie hatten eine linke Studentenbiografie.

Aus meiner Sicht hatten beide Lager Recht und Unrecht. Das gab mir aber auch Freiheiten. Niemand hat versucht, Frau Noelle die Sichtweise der anderen Seite zu vermitteln, auch die anderen Professoren nicht. Mir war klar, dass das in der Öffentlichkeit unmöglich war. Da gab es für sie nur Freund oder Feind. Unter vier Augen hörte sie dagegen aufmerksam zu.

Seminarankündigung (Privatarchiv Manfred Knoche).

Obwohl Sie zwischen beiden Fronten standen?

Ich war mit Manfred Knoche befreundet, mit Claus Eurich und anderen, die später nach Berlin gegangen sind (vgl. Knoche 2017). Ich habe Frau Noelle zum Beispiel gesagt, dass viele aggressive Auftritte auch eine Folge der Überwindung sind, die man für Kritik an ihr aufbringen muss. Und ich habe sie gedrängt, keine schriftlichen Erklärungen abzugeben, die automatisch neue Stellungnahmen auslösen. Ich konnte ihr viele Dinge sagen, die sich Winfried Schulz vermutlich kaum getraut hätte. Zwischen Noelle und mir bestand schnell ein Vertrauensverhältnis.

Wie erklären Sie sich das?

Ich wollte nichts von ihr. Im Grunde genommen musste sie nach meiner Überzeugung dankbar sein, dass ich ihr Mitarbeiter blieb. Ich dachte, dass ich sowieso bald wieder weg bin. Sie hat auch nichts gesagt, als ich in meinem ersten Semester eine Veranstaltung über marxistische Pressetheorie angeboten habe.

Warum haben Sie dann doch nicht gekündigt?

Mir ging es hervorragend. Ich konnte machen, was mich interessierte. Und als ich die ersten Projektideen hatte, hat sie das nach Kräften gefördert.

Mit Doris Graber, Elisabeth Noelle-Neumann und David Weaver 1982 in Mainz (Quelle: Hans Mathias Kepplinger)

Wie viel Elisabeth Noelle-Neumann steckt heute noch in Ihnen?

Viel. Ich bewundere diese Frau. Schon ihre handwerkliche Orientierung. Das hat mir sehr entsprochen. Der zweite Mann meiner Mutter war Miteigentümer einer kleinen, renommierten Buchdruckerei. Ich war jeden Tag in der Werkstatt und wollte wissen, wie alles gemacht wird. Noelle war eine ausgezeichnete Handwerkerin, mit einer unglaublichen Geduld und Liebe zum Detail. Sie konnte endlos zuhören und revidierte ihr Urteil, wenn sie überzeugt war. Faszinierend fand ich auch ihr waches Interesse an aktuellen Problemen, neuen Theorien und ihren Mut.

Manche sagen, sie habe immer Recht behalten wollen.

Nach außen trifft das zu, nach innen nicht. Sie war aber extrem qualitätsbewusst und hat gnadenlos viele über die Klinge springen lassen, die ihren Anforderungen nicht genügten. Die hatten Monate an einem Thema gearbeitet, mehrfach ihre Fortschritte präsentiert und dann von ihr gehört, dass sie das doch nicht betreut. Eine Alternative zu ihr gab es nicht.

Marcel Reif (2004: 48f.) schreibt in seiner Autobiografie, wie plötzlich das Material für seine Dissertation abgeholt wurde.

So etwas habe ich nie mitbekommen, und ich halte das so lapidar nicht für möglich. Da hat es vermutlich eine Vorgeschichte gegeben. Ein Opfer im erwähnten Sinn war aber Klaus Schönbach, der nur durch günstige Umstände seine innovative Promotion abschließen konnte (vgl. Schönbach 1977).

Wie sind Sie selbst in die Publizistik hineingewachsen?

Meine ersten wichtigen Veröffentlichungen erschienen alle in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (vgl. Kepplinger 1974, 1977). Ich wollte mit der Publizistik damals nichts zu tun haben.

Und Ihre Studien zum Journalismus wie die „Angepassten Außenseiter“ (Kepplinger 1979)?

Die gingen aus Magisterarbeiten hervor, die ich vorgeschlagen und betreut hatte. Sie wiederum waren indirekte Folgen meiner gescheiterten Mitarbeit an der Studie, mit der Renate Köcher später promoviert hat (vgl. Köcher 1985). Die Idee zu der international vergleichenden Journalistenbefragung hatte Frau Noelle. Zum Team gehörten neben einigen Allensbachern und mir auch James Halloran und seine Mitarbeiter, Graham Murdock, Philip Elliot.

University of Leicester.

Genau. Ich war damals schon ein Max-Weber-Verehrer und hatte die Fragen nach der Rationalität und Verantwortung von Journalisten entwickelt, die im Fragebogen gelandet sind.

1979 mit Jay Blumler (links) in München (Quelle: Hans Mathias Kepplinger)

Mit der Studie hatten Sie dann aber nichts mehr zu tun.

Nein. Hallorans Mitarbeiter bekamen ein Honorar für ihre Tätigkeit außerhalb der Dienstzeiten. Das wollte Frau Noelle nicht zahlen. Sie hat mich vor die Alternative gestellt, auf das Honorar zu verzichten oder aus dem Projekt auszuscheiden. Also bin ich nach einer heftigen Auseinandersetzung ausgestiegen, aber die Fragen haben mich nicht losgelassen. Ich habe sie auf Magisterarbeiten verteilt und die Ergebnisse mit den Bearbeitern veröffentlicht. Den Begriff „Angepasste Außenseiter“ finde ich heute übrigens noch passender als damals. Das trifft den Kern (vgl. Kepplinger 2017).

Das Buch ist später kritisiert worden (vgl. Meyen/Riesmeyer 2009: 7-13).

Ja, aber das gehört dazu und war nichts gegen das, was ich mit meiner Dissertation erlebt habe. Der twen, die in meiner Umgebung damals angesehenste Zeitschrift, hatte das Buch auf einer Doppelseite verrissen, mit Foto in moderater Rockerpose. Wenn man knapp 30 ist und so vorgeführt wird, bleibt das hängen. Die Angepassten Außenseiter waren auch eine Aufarbeitung der Enttäuschungen, die ich im und mit dem Journalismus erlebt hatte.

Die Kirchensendung.

Nicht nur die. Ich hatte 1969 in London in der Paddington Station ein Telefoninterview mit einer illegalen Drogenberatung gemacht und dem Hessischen Rundfunk angeboten. Der Ressortleiter hat es wegen der „Nebengeräusche“ abgelehnt. Den verachte ich noch heute, weil es ein Dokument über eine damals hier völlig unbekannte Welt war. Mir steckte aber noch die Geschichte mit dem twen in den Knochen, und deshalb habe ich sogar eine konfliktträchtige Studie lange zurückgehalten. Das war ein großer Fehler.

Worum ging es da?

Um die Bedeutung der Sympathisanten-Szene für die Baader-Meinhof-Gruppe (vgl. Kepplinger 1981). Ich war damals mit einer Frau liiert, die zu dieser Gruppe gehört hatte. Ich wusste aus der Nahsicht um die Bedeutung der Sympathisanten und fand das auch in der Terrorismus-Literatur und in meinen Daten. Aber ich fürchtete mich vor dieser damals in den Medien mächtigen Szene.

Mit Doris Graber (links) und Elisabeth Noelle-Neumann 1982 in Mainz (Quelle: Hans Mathias Kepplinger)

War der Mainzer Lehrstuhl das, was Sie sich bei der Habilitation gewünscht haben?

Nein. Mainz war für mich eine Notlösung. Aber man kommt von dort gut weg. Mit dem Flugzeug, dem Auto, der Bahn.

Hat Sie je eine Position außerhalb von Mainz gereizt?

Ja, Zürich. Ich wollte mich auch in München bewerben. Das war ein Wunsch von Strauß.

Die Nachfolge von Otto B. Roegele?

Ja. Es war auch klar, dass ich dort nicht alleine hingehen würde, sondern nur wenn ein Kollege mit ähnlichen Forschungsabsichten berufen wird. Das Institut war heillos zerstritten, das hätte einer nicht saniert. Dann hat Noelle Strauß verklagt, und ich war in der Staatskanzlei eine Persona non grata.

Mit Wolfgang Donsbach und zwei tunesischen Kollegen 1981 in Tunis (Quelle: Hans Mathias Kepplinger)

Worum ging es bei dieser Klage?

Strauß hatte im Fernsehen behauptet, sie hätte aus politischen Gründen Daten manipuliert. Der Prozess ging durch alle Instanzen, bis zum Bundesverfassungsgericht. Als sie gewonnen hatte, war Strauß schon tot.

Für Sie ist dadurch München gestorben.

Sehr betrübt hat mich das nicht. Inzwischen hatte ich in Mainz sehr fähige Mitarbeiter und Studenten. Es hätte Jahre gedauert, wieder so ein Team aufzubauen. Als Zürich später möglich gewesen wäre, war ich „zu alt“. Otfried Jarren war dort auch die bessere Lösung. So gut wie er hätte ich das nicht hinbekommen.

Sie haben eine ganze Reihe von Auftragsstudien gemacht, für Parteien, für Unternehmen, für Verwaltungen. Nach welchen Kriterien haben Sie entschieden: Das mache ich und das mache ich nicht?

Ich habe einige wenige Ansinnen abgelehnt. Immer wenn erkennbar war, dass jemand unter Druck gesetzt werden sollte, vor Wahlen zum Beispiel. So etwas habe ich nicht gemacht. Es musste mich thematisch interessieren, methodisch eine Herausforderung sein, wie die Studie zur Technik-Darstellung in der Presse (vgl. Kepplinger 1989).

1996 in Schloss Maurach. Hinten, von links: Jürgen Wilke, Franz Schoser, Hans Mathias Kepplinger, Bernd Rüthers, Ernst Thomas Kraft; Mitte: Renate Köcher; vorn: Ruth Jensen, Elisabeth Horten, Helmut Kohl, Elisabeth Noelle-Neumann (Quelle: Hans Mathias Kepplinger)

Was war dort die Herausforderung?

Bis dahin sahen Codebögen wie Fragebögen aus, in denen man Kategorien ankreuzte. Mir war klar, dass man diese Inhaltsanalyse so nicht machen konnte und habe mit Rainer Mathes und anderen einen extrem komplexen Codebogen entwickelt, in dem alle Kategorien nur noch durch Ziffern repräsentiert sind. Die Idee dazu hatte Wolfgang Donsbach, mit dem ich kurz vorher für eine Analyse der Berichterstattung über Helmuth Kohl eine einfachere Version entwickelt hatte (Kepplinger/Donsbach/Brosius/Staab 1986). Heute machen das alle so, damals war das aber neu und hat den Weg für komplexe Analysen geöffnet.

Andere empirisch arbeitende Kommunikationswissenschaftler aus Ihrer Generation haben private Forschungsinstitute gegründet. Warum Sie nicht?

Das wurde mir sogar einmal angetragen. Ich habe einige Jahre bei Veranstaltungen von Nestlé für Leiter von Einzelhandelsketten Vorträge gehalten. Dabei hat mir ein Milchproduzent angeboten, zwei Jahre lang zwei Mitarbeiter zu finanzieren, wenn ich ein Institut für Inhaltsanalysen gründe.

Sie wollten aber nicht.

Nein. Frau Noelle hat mir zwar sehr zugeraten. Ich hätte aber nicht mehr die Studien machen können, die mir am Herzen liegen. Ich hätte auch keine Aufträge ablehnen können, weil ich ja die Leute später selbst hätte bezahlen müssen. Ich wollte mich nicht abhängig machen.

Gibt es eine Fachgesellschaft, die Sie als Ihre akademische Heimat bezeichnen würden?

Nicht unbedingt. Am besten haben mir die gemeinsamen Sitzungen von AAPOR und WAPOR gefallen. Die waren qualitativ immer herausragend.

Auf dem Symposium zum 60. Geburtstag von Hans-Bernd Brosius, 13. Oktober 2017, München (Foto: Anna Kümpel)

In der Laudatio zu Ihrer Ernennung als ICA Fellow werden viele Gründe genannt: die Publikationsmenge, Relevanz, Interdisziplinarität, die Kombination von Umfragedaten und Inhaltsanalysen, Ihre Ansprüche an den Journalismus. Gibt es in dieser Reihe etwas, was Ihnen besonders wichtig ist?

Die Kombination von Inhaltsanalysen und Umfragen. Heute klingt das trivial. Ich war aber der Erste, der das systematisch über lange Zeiträume gemacht und später immer mehr verfeinert hat. Mit Hans-Bernd Brosius und anderen.

Sie haben Ihre Pensionierung dreimal hinausgeschoben und die Universität erst mit 68 verlassen. Hatten Sie kein Vertrauen in den Nachwuchs?

Das hatte damit nichts zu tun. Ich hatte noch viele Projekte laufen. In Rheinland-Pfalz waren solche Anträge vorher prinzipiell abgelehnt worden, um dem Nachwuchs den Weg nicht zu versperren. Mir wurde von allen Seiten dringend von einem Antrag abgeraten. Ich habe ihn trotzdem gestellt. Nach einem dreiviertel Jahr kam die Zusage. Es gab einen neuen Kabinettsbeschluss. Jetzt wird immer ad personam entschieden.

Elisabeth Noelle-Neumann, Hans Mathias Kepplinger, Denis McQuail und Norbert Schwarz (von links) 1992 in Mainz (Quelle: Hans Mathias Kepplinger)

Sind Sie mit der Resonanz der Reihe „Theorie und Praxis öffentlicher Kommunikation“ zufrieden, mit den Reaktionen auf die sechs Bände, die Ihre wichtigsten Schriften zusammenfassen?

Überhaupt nicht. Der Verlag hat seine Zusagen nicht eingehalten und auf der ganzen Linie versagt. Ich bin trotzdem froh, dass ich das gemacht habe. Öffentliche Resonanz hat mich nie besonders interessiert. Ich will es so gut machen, wie ich es kann, und mich am Ergebnis erfreuen. Viele der Beiträge sind im Original mit Fußnoten und Abschweifungen verstellt. Das habe ich bereinigt und jetzt ist es gut so.

Gibt es Wissenschaftler oder Journalisten, die Sie als Ihre Vorbilder bezeichnen würden?

Paul Lazarsfeld. Ich fand vor allem seine Verbindung von quantitativem und qualitativem Denken beeindruckend. Er war ein fantasievoller Interpret. Denken Sie an den Two-Step-Flow, die Meinungsführer. Das ist ja so nicht in den Daten. Ich halte seine Interpretation für falsch, aber die Idee ist ungemein anregend und ich hoffe, dass durch die Analysen von Internet-Kommunikation die immer noch offenen theoretischen Fragen geklärt werden.

Elihu Katz 2011 in seinem Büro in Philadelphia (Foto: Michael Meyen)

Und sonst?

Frau Noelle natürlich. Dann John Stuart Mill. An ihm kann man sich abarbeiten. Ein ungemein herausfordernder Denker. Oder Voltaire, das reine intellektuelle Vergnügen. Und Elihu Katz. Er ist der interessierteste Zuhörer und kreativste Gesprächsteilnehmer, den ich kennengelernt habe. Leider ist unsere konstruktivistisch inspirierte Studie über die Vor- und Nachteile von Indikatoren wie Sozialstatistiken, Bevölkerungsumfragen, Inhaltsanalysen oder Expertengesprächen an Gutachtern der German-Israeli-Foundation gescheitert.

Wenn Sie auf ein halbes Jahrhundert in der Kommunikationswissenschaft zurückblicken: Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz sind?

Stolz ist der falsche Ausdruck. Worüber ich mich freue: wie ich das Mainzer Institut geführt habe, weil es gelungen ist, es in eine neue Fasson zu bringen. Noelle hat zum Beispiel fremdfinanzierte Projekte am Institut strikt abgelehnt. Sie hat befürchtet, dass Mitarbeiter eingeschmuggelt werden, die ihre Konzeption gefährden könnten. Das habe ich sofort geändert. Auch die Beziehung zu den Studenten habe ich langfristig verbessert.

Wie meinen Sie das?

Am Anfang standen mir viele sehr kritisch gegenüber. Ich habe mir von jeder Veranstaltung die Noten geholt und die Besten herausgeschrieben. Egal wer das war. Einer war ein leitender Funktionär der DKP, der bei mit sehr gut Examen gemacht hat. Wenn ich Hiwis gebraucht habe, habe ich diese Studenten angesprochen. Ich habe aus Prinzip nie einen Aushang gemacht, sondern immer die Besten gefragt.

Und andersherum: Gibt es etwas, was Sie heute anders machen würden?

Ich bedauere, dass ich den Aufsatz über die Sympathisanten-Szene um die Baader-Meinhof-Gruppe nicht gleich veröffentlicht habe (vgl. Kepplinger 1981). Das war mutlos und Mut braucht man als Sozialwissenschaftler. Entweder sind die Ergebnisse trivial und irrelevant. Oder sie werden heftig abgelehnt.

Zu welchen Kollegen hatten oder haben Sie einen besonders guten Draht?

Winfried Schulz. Wie haben uns zwar lange gesiezt, aber das war egal. Dann Percy Tannenbaum. Er hat bei uns in Mainz gewohnt, und ich war oft Gast bei ihm in Kalifornien.

Und umgekehrt: Gab es Gegner, Konkurrenten, Feinde?

Klaus Merten. Ich habe mich oft über seine Kritik geärgert, sie aber nicht wirklich ernst genommen. So schreibt einer, der alles aus dem Lehrbuch kennt und selbst nie eine thematisch und methodisch kreative Studie durchgeführt hat.

Mit Carsten Reinemann (links) und Frank Esser, 13. Oktober 2017, München (Foto: Anna Kümpel)

Kritiker?

Sicher. Auch wieder Winfried Schulz, wegen des Konstruktivismus. Das war die anspruchsvollste und wichtigste Kontroverse (vgl. Kepplinger 1998). Am Anfang waren wir beide radikale Konstruktivisten. Mir ist dann schnell klargeworden, dass die Position so nicht haltbar ist. Zu ihm habe ich gelegentlich gesagt: Wenn es keine mehr oder weniger gut erkennbare Wirklichkeit gibt, dann kannst du dir Inhaltsanalysen sparen. Frag einfach deine Großmutter, was in der Zeitung steht. Man muss an der Fiktion einer intersubjektiv erkennbaren Wirklichkeit festhalten, damit man Wissenschaft treiben kann. Da bin ich ganz Popperianer.

Was bleibt eines Tages von Hans Mathias Kepplinger in der Kommunikationswissenschaft? Was sollte bleiben, wenn Sie es beeinflussen könnten?

Zwei Dinge. Die zunehmende Psychologisierung gesellschaftlicher Aspekte der Kommunikation, verbunden mit der Abkopplung des Fachs von Soziologie und Politikwissenschaft halte ich für einen Irrweg. Und man muss in Rechnung stellen, dass es drei relevante Ebenen gibt. Die erkennbare Realität, die Darstellung von Realität und die Wahrnehmung von Realität. Wer diese Triade verkennt oder vernachlässigt, verfehlt wesentliche Aspekte. Das Fach kann seine von Lazarsfeld, Noelle und anderen erreichte Bedeutung in der Öffentlichkeit nur wahren, wenn es alle drei Ebenen beachtet. Sonst wird es zu einer Subdisziplin der angewandten Psychologie, die dort nicht ernst genommen wird.

Literaturangaben

  • Elisabeth Noelle: Wie die Publizistik in Mainz anfing. In: Jürgen Wilke (Hrsg.): Die Aktualität der Anfänge. 40 Jahre Publizistikwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Köln: Herbert von Halem 2005, S. 10-12.
  • Hans Mathias Kepplinger: Rechte Leute von links. Gewaltkult und Innerlichkeit. Olten: Walter 1970.
  • Hans Mathias Kepplinger: Statusdevianz und Meinungsdevianz. Die Sympathisanten der Baader-Meinhof-Gruppe. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 26. Jg. (1974), S. 770-800.
  • Hans Mathias Kepplinger: Probleme der Begriffsbildung in den Sozialwissenschaften. Begriff und Gegenstand Öffentliche Meinung. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 29. Jg. (1977), S. 233-260.
  • Hans Mathias Kepplinger (Hrsg.): Angepasste Außenseiter. Wie Journalisten denken und wie sie arbeiten. Freiburg: Alber 1979.
  • Hans Mathias Kepplinger: Gesellschaftliche Bedingungen kollektiver Gewalt. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 33. Jg. (1981), S. 469-503.
  • Hans Mathias Kepplinger: Künstliche Horizonte. Folgen, Darstellung und Akzeptanz von Technik in der Bundesrepublik. Frankfurt am Main: Campus 1989.
  • Hans Mathias Kepplinger: Der Nachrichtenwert der Nachrichtenfaktoren. In: Christina Holtz-Bacha, Helmut Scherer, Norbert Waldmann (Hrsg.): Medienrealität. Wie die Medien die Welt erschaffen und wie die Menschen darin leben. Für Winfried Schulz. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 1998, S. 19-38.
  • Hans Mathias Kepplinger: Massenmedien und Wahlen. In: Jürgen Wilke (Hrsg.): Die Aktualität der Anfänge. 40 Jahre Publizistikwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Köln: Herbert von Halem 2005, S. 75-90.
  • Hans Mathias Kepplinger: Totschweigen und Skandalisieren. Was Journalisten über ihre eigenen Fehler denken. Köln: Herbert von Halem 2017.
  • Hans Mathias Kepplinger/Wolfgang Donsbach/Hans-Bernd Brosius/Joachim Friedrich Staab: Medientenor und Bevölkerungsmeinung. Eine empirische Studie zum Image Helmut Kohls. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 38. Jg. (1986), S. 247-278.
  • Manfred Knoche: Kritik der Politischen Ökonomie der Medien. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2017.
  • Renate Köcher: Spürhund und Missionar. Eine vergleichende Untersuchung über Berufsethik und Aufgabenverständnis britischer und deutscher Journalisten. Dissertation. Universität München: Sozialwissenschaftliche Fakultät 1985.
  • Michael Meyen/Claudia Riesmeyer: Diktatur des Publikums. Journalisten in Deutschland. Konstanz: UVK 2009.
  • Marcel Reif: Aus spitzem Winkel. Fußballreporter aus Leidenschaft. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2004.
  • Klaus Schönbach: Trennung von Nachricht und Meinung. Empirische Untersuchung eines journalistischen Qualitätskriteriums. Freiburg: Alber 1977.
  • Bernd Sösemann (Hrsg.): Fritz Eberhard. Rückblicke auf Biographie und Werk. Stuttgart: Steiner 2001.
  • Jürgen Wilke: Gründung und Entwicklung des Instituts für Publizistik. In: Jürgen Wilke (Hrsg.): Die Aktualität der Anfänge. 40 Jahre Publizistikwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Köln: Herbert von Halem 2005, S. 13-40.

Weiterführende Literatur

  • Stefan Geiß: Hans Mathias Kepplinger. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2016.
  • Nikolaus Jackob/Marcus Maurer/Simone Ehmig/Stefan Geiß/Gregor Daschmann (Hrsg.): Realismus als Beruf. Beiträge zum Verhältnis von Medien und Wirklichkeit. Wiesbaden: Springer VS 2013.
  • Marcus Maurer: Hans Mathias Kepplinger – 70 Jahre. In: Publizistik 58. Jg.  (2013), S. 227-228.
  • Elisabeth Noelle-Neumann: Hans Mathias Kepplinger Professor für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. In: Publizistik 28. Jg. (1983), S. 261-262.

Weblink

Empfohlene Zitierweise

    Hans Mathias Kepplinger: Die Fiktion der erkennbaren Realität aufrecht halten. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2017. http://blexkom.halemverlag.de/kepplinger-interview/ ‎(Datum des Zugriffs).