Franz Alfred Six (Quelle: Wikipedia Creative Commons)

Franz Alfred Six

12. August 1909 bis 9. Juli 1975

Lexikoneintrag von Christoph Wiesel am 10. Juli 2018

Franz Alfred Six stieg im Dritten Reich innerhalb kurzer Zeit zu einem der zentralen Vertreter der Zeitungswissenschaft auf. Seine Blitzkarriere im Fach ist unmittelbar mit der NS-Herrschaft und Six’ politischer Laufbahn im Regime verknüpft.

Stationen

Geboren in Mannheim. Vater Möbelhändler, altkatholisch. 1929 Eintritt in den NS-Schülerbund. 1930 NSDAP. Studium in Heidelberg (Soziologie, Allgemeine Staatslehre, Geschichte, Zeitungswissenschaft). 1932 Sturmabteilung (SA). 1933 Mitarbeiter am Institut für Zeitungswissenschaft in Heidelberg. 1934 Promotion, Leiter der Reichsfachabteilung Zeitungswissenschaft der Deutschen Studentenschaft und Hauptamtsleiter für „Presse, Buch und Propaganda“. 1935 Schutzstaffel (SS), Lehrauftrag für Zeitungswissenschaft in Königsberg, Berufung in den Sicherheitsdienst (SD) als Leiter der Presseabteilung (später auch Leiter der Abteilung „Weltanschauliche Gegnerbekämpfung“). 1936 Habilitation und Dozent der Zeitungswissenschaft in Königsberg. 1938 dort Professor und Institutsdirektor. 1940 Professor für Außenpolitik und Auslandskunde in Berlin, Gründungsdekan der Auslandswissenschaftlichen Fakultät, Präsident des Deutschen Auslandswissenschaftlichen Instituts. 1943 Wechsel ins Auswärtige Amt als Leiter der Kulturpolitischen Abteilung. 1945 Beförderung zum SS-Brigadeführer. 1946 Inhaftierung. 1948 Verurteilung zu 20 Jahren Haft. 1952 vorzeitige Begnadigung. Nach der Entlassung Geschäftsführer beim Verlag C. W. Leske in Darmstadt, Werbeleiter der Porsche Diesel Motorenbau GmbH, selbstständiger Unternehmensberater in Essen und Dozent an der Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft. Zweimal verheiratet, eine Tochter und eine Stieftochter aus erster Ehe.

Publikationen

  • Die politische Propaganda der NSDAP im Kampf um die Macht. Heidelberg: Druckerei Winter 1936 (auszugsweise Fassung der Dissertation).
  • Die Presse der nationalen Minderheiten im Deutschen Reich. Heidelberg 1936 (Habilitation).
  • Freimaurerei und Judenemanzipation. Hamburg: Hanseatische Verlagsanstalt 1940.
  • Das Reich und Europa. Eine politisch-historische Skizze. Berlin: Eher-Verlag 1943.

Franz Alfred Six steht für die Verbindung von Wissenschaftskarriere und politischer Macht im Dritten Reich. Von der NS-Führung als „förderungswürdiger Parteigänger“ erachtet, gelang es Six in den 1930er-Jahren innerhalb kurzer Zeit, sich als einer der führenden Köpfe der Zeitungswissenschaft zu etablieren (Urban/Herpolsheimer 1984: 179). Parallel stieg er als nationalsozialistischer Politiker auf und brachte es am Ende des Zweiten Weltkrieges bis zu einem Posten im Auswärtigen Amt und dem Rang eines SS-Brigadeführers (Hachmeister 1998: 7).

Die Zeitungswissenschaft prägte Six vor allem durch sein organisatorisches Engagement. Durch Leitungsfunktionen in der „Deutschen Studentenschaft“ war er schon kurz nach seiner Promotion an wichtigen Schritten „auf dem Weg zur Etablierung des Faches als anerkannt eigenständige Hochschuldisziplin sowie zur Vereinheitlichung der wissenschaftlichen und politischen Aktivitäten an den einzelnen Instituten“ beteiligt (Urban/Herpolsheimer 1984: 175). Als Leiter der Reichsfachabteilung Zeitungswissenschaft kam es ihm etwa zu, „die fachliche und wissenschaftliche Zielsetzung“ der Studierenden festzulegen (Aronson 1971: 208). Six erhielt auf diesem Weg früh maßgeblichen Einfluss auf die Arbeit „an allen zeitungswissenschaftlichen Instituten des Reiches“ (Urban/Herpolsheimer 1984: 175).

Noch vor seiner Habilitation begann Franz Six zudem, in Königsberg eigenständig ein Institut für Zeitungswissenschaft aufzubauen. 1938 wurde er dort im Alter von 28 Jahren Professor und Institutsdirektor, ein Jahr später erhielt die Zeitungswissenschaft auf seinen Antrag den Status als Hauptfach an der Philosophischen Fakultät (Urban/Herpolsheimer 1984: 180). Im Vergleich zu seinem organisatorischen Einsatz fällt die inhaltliche Leistung gering aus. Selbst in Königsberg publizierte Six kaum und äußerte sich nur selten zu Fachinhalten (ebd.: 192). Die wenigen und kurzen Aufsätze, die er veröffentlichte (etwa zum Rundfunk oder zur Pressefreiheit), hielten wiederum kaum wissenschaftlichen Kriterien stand und waren in der Regel nur eine Wiedergabe nationalsozialistischer Ideologie (ebd.: 191-193). Six suchte „den akademischen Minimalanforderungen seiner Zeit genüge zu tragen und setzte umso mehr Energie in sein institutionelles Fortkommen“ (Hachmeister 1998: 92).

Als Ziel seiner akademischen Tätigkeit erachtete es Six, „in das gesamte Gebiet der Wissenschaft die nationalsozialistische Weltanschauung als treibende Kraft“ hineinzutragen (Six 1935: 581). Wissenschaft verstand er als „Vehikel und Fortsetzung nationalsozialistischer Politik“ (Urban/Herpolsheimer 1984: 180). Den theoretischen Fragestellungen der Zeitungswissenschaft wich Six daher aus, „sofern ihm diese nicht für den Ausbau des nationalsozialistischen Machtapparates relevant erschienen“ (ebd.: 196). Dies unterscheidet Six deutlich von Fachkollegen wie Hubert Max oder Gerhard Menz, die sich trotz eines klaren Bekenntnisses zum Nationalsozialismus „in erster Linie als Wissenschaftler“ verstanden und sich intensiv mit den Inhalten und Methoden der Zeitungswissenschaft auseinandersetzten (ebd.).

Bereits seit seinem Studium war Six’ Karriere in der Wissenschaft fest mit einer politischen Laufbahn verbunden. Schon als 20-Jähriger war er in die NSDAP eingetreten und wurde unter anderem Mitglied in SA und SS. Dieses frühe Engagement dürfte entscheidend dazu beigetragen haben, dass Promotions- und Habilitationsschrift trotz offensichtlicher Mängel akzeptiert wurden und ihm so eine Blitzkarriere in der Wissenschaft möglich war (ebd.: 179). Später stieg Six parallel zu seinem akademischen Werdegang auch politisch auf und war als Leiter der SD-Einsätze insbesondere verantwortlich für die politische ‚Befriedung‘ der besetzten Gebiete in Österreich, der Tschechoslowakei und Polen. Zudem leitete er die „nachrichtendienstliche Erforschung“ der sogenannten „Feinde des Nationalsozialismus“ (ebd.: 183-184). Den Höhepunkt seiner „politischen und — im spezifischen nationalsozialistischen Sinne — auch wissenschaftlichen Karriere“ erreichte er 1943 mit der Berufung ins Auswärtige Amt (ebd.: 195). Die Zeitungswissenschaft hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits hinter sich gelassen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gelang Six in den 1960er-Jahren eine Laufbahn als Marketingexperte (Hachmeister 1998: 7). 1948 im Nürnberger Einsatzgruppen-Prozess verurteilt, aber schon vier Jahre später vorzeitig begnadigt, fand er in der Wirtschaftsberatung einen „lukrativen Tätigkeitsbereich […], der in der Bundesrepublik auch nationalsozialistisch vorbelasteten Personen offenstand“ (Urban/Herpolsheimer 1984: 185). Unter anderem als Werbeleiter der Porsche Diesel Motorenbau GmbH und selbstständiger Unternehmensberater in Essen konnte Six sein Interesse und Wissen zu Werbung und Propaganda auch über das Ende des Dritten Reiches hinaus „für sich nutzbringend“ anwenden (ebd.). Dass Six trotz seiner nationalsozialistischen Vergangenheit nach dem Krieg eine solche Karriere möglich war, ist nicht ungewöhnlich. Auch viele seiner Schüler und Kollegen aus dem SD-Netzwerk nahmen „in der Bundesrepublik wichtige Rollen in der Industrie, beim Management-Training und in der praktischen Publizistik ein“ (Hachmeister 1998: 8). So wurde etwa Horst Mahnke, Assistent und „einer der engsten Vertrauten“ von Six, nach dem Krieg Ressortleiter beim Spiegel (ebd.: 105).

Literaturangaben

  • Shlomo Aronson: Reinhard Heydrich und die Frühgeschichte von Gestapo und SD. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1971.
  • Lutz Hachmeister: Der Gegnerforscher. Die Karriere des SS-Führers Franz Alfred Six. München: C. H. Beck 1998.
  • Regina Urban/Ralf Herpolsheimer: Franz Alfred Six (geb. 1909). In: Arnulf Kutsch (Hrsg.): Zeitungswissenschaftler im Dritten Reich. Sieben biographische Studien. Köln: Hayit 1984, S. 169-213.
  • Franz Alfred Six: Streitbare Wissenschaft gegen die Feinde unserer Weltanschauung. In: Der Deutsche Student 3. Jg. (1935), Nr. 10, S. 578-581.

Weiterführende Literatur

  • Toviyah Fridman: SS-Brigadeführer Prof. Franz Six, Vorgesetzter Adolf Eichmanns, der bei der Endlösung der Judenfrage 1933 – 1945 aktiv beteiligt war. Haifa: Institute of Documentation in Israel for the Investigation of Nazi War Crimes 2002.

Weblinks

Empfohlene Zitierweise

Christoph Wiesel: Franz Alfred Six. In Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2018. http://blexkom.halemverlag.de/franz-six/ (Datum des Zugriffs).