Jörg Becker (Foto: privat)
Jörg Becker (Foto: privat)

Jenseits des Mainstreams

Veröffentlicht am 20. März 2015

Jörg Becker hat 2013 mit seiner Noelle-Neumann-Biografie heftige Kontroversen ausgelöst. Michael Meyen hat mit ihm am 19. Dezember 2014 in München über seine „Anti-Karriere“ gesprochen, über das Etikett „Kommunistenfreund“ und über Reisen in 90 Länder.

Stationen

Geboren am 17. September 1946 in Bielefeld. Vater Major im Wehrmachtsgeneralstab, nach dem Krieg Lehrer, Schulrat und sozialdemokratischer Schulpolitiker. Mutter Hausfrau. Abitur in Wiesbaden. 1966 Studium in Marburg, Tübingen und Bern (Politikwissenschaft, Germanistik, Pädagogik). 1970 Erstes Staatsexamen (Lehramt an Gymnasien), Marburg. 1971 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, 1974 wissenschaftlicher Berater der Frankfurter Buchmesse (bis 1980). Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung, 1974/75 Studienaufenthalt in New York und Cambridge, MA. 1977 Promotion am Marburger Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, 1981 dort Habilitation. 1987 Honorarprofessor in Marburg und Privatdozent an der Technischen Universität Darmstadt. 1987 Gründer und dann Leiter des Instituts für Kommunikations- und Technologieforschung (bis 2010). 1987 bis 1992 Heisenberg-Stipendiat der DFG. 1999 Gastprofessor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck (bis 2011). 2014 parteiloser Abgeordneter für die Fraktion Die Linke im Rat der Stadt Solingen. Verheiratet in zweiter Ehe, vier Kinder.

Könnten Sie zu Beginn etwas über Ihr Elternhaus erzählen, Ihre Kindheit, Ihre Jugend?

Ich war glücklich. Behütet in einer Großfamilie. Eltern, Großeltern, meine beiden Schwestern. Ein riesengroßes Waldgrundstück in der Nähe von Bielefeld. Manchmal denke ich, dass ich dort die Kraft bekommen habe, die ich später für viele Konflikte in meinem Leben brauchte. Ich bin acht oder neun Jahre konfliktarm aufgewachsen, immer das Rauschen der Bäume und Blätter im Ohr.

Wie sind Sie dort hingekommen?

Meine Großeltern sind in Bielefeld ausgebombt worden. Wir zogen dann alle zusammen in ihr Ferienhaus mitten im Teutoburger Wald.

Was haben Ihre Eltern beruflich gemacht?

Mein Vater hatte einen krummen Lebenslauf. Er hat erst Theologie studiert, in Göttingen. Mit Griechisch und Hebräisch. Er hat das Studium abgebrochen, ist freiwillig zur Wehrmacht gegangen und hat dort Karriere gemacht.

Wie alt war er da?

Mein Vater ist Jahrgang 1914. Ich habe mit ihm oft über diese Zeit gesprochen. Wenn ich das richtig verstanden habe, hat er 1945 als Schock erlebt. Er hat sich dann bei seinem neuen Studium für den Lehrerberuf radikal geändert. Er war dabei, als in Bielefeld der Sozialistische Studentenbund gegründet wurde. Sozialdemokrat, Gewerkschafter und in der hessischen Schulpolitik aktiv, zum Beispiel im Kampf gegen Zwergschulen und getrennte Erziehung von Jungen und Mädchen und bei der Einführung von Gesamtschulen.

Haben Sie davon als Kind etwas mitbekommen?

Permanent. Politik war Gesprächsthema Nummer eins beim Mittagessen. Die Aufarbeitung der Nazizeit, Antisemitismus, Gleichheit und Gerechtigkeit.

Sind Sie deshalb 1966 nach Marburg gegangen, um Politikwissenschaft zu studieren?

Nein. In der Schule habe ich kein einziges Wort über die Nazizeit gehört. Im Deutschunterricht sind wir nur bis zu Thomas Mann gekommen. Nicht mal Brecht war machbar in dieser Schule in Wiesbaden.

Deshalb Marburg?

Nein. Ich wollte zu Hause ausziehen. Die meisten Mitschüler gingen zum Studium nach Frankfurt und wollten bei ihren Eltern bleiben. Das war für mich eine schlimme Vorstellung.

Wussten Sie, was Politikwissenschaft ist?

Ich hatte keine Ahnung. Ich habe das Fach gewählt, weil ich das Wort Soziologie noch nicht kannte. Wenn man schaut, was ich später wissenschaftlich gemacht habe, sieht man, dass ich sehr viel stärker soziologisch argumentiere als politikwissenschaftlich.

Also ein Politikwissenschaftler aus Versehen.

Ja, aber in Marburg dann mit Herz und Seele. Die Zeit dort hat mich verändert.

Woran machen Sie das fest?

Um nur ein Beispiel zu nennen: Ich war bis zum Ende der Schulzeit in einer Kirchengemeinde aktiv. Beten war für mich selbstverständlich. Auch für die Wiedervereinigung. In Marburg geriet ich dann in Seminare von Wolfgang Abendroth und lernte dort Reinhard Kühnl kennen. Wir hatten ungeheuer intensive und offene Diskussionen. Das hat mich politisiert. Kühnl war ein exzellenter Lehrer. Ich fühle mich bis auf den heutigen Tag ihm gegenüber dankbar.

Der gleiche Zufall hätte Sie ja auch in das nahe Mainz und in die Publizistik treiben können.

Nein. Das wollte ich nie studieren. Mein Gefühl hat mir gesagt, dass das brotlos ist.

Aber am Horizont war das schon?

Klar. Fernsehen hat mich damals fasziniert und zugleich erschreckt. Genau wie viele Studenten heute wollte ich „irgendwas mit Medien“ machen. Dafür wollte ich als Hintergrund aber ein solides Fach.

Die Herausgeber der Festschrift zu Ihrem 65. Geburtstag haben Sie als „typisches Marburger 68er Gewächs“ bezeichnet (Deppe et al. 2011: 11). Wie würden Sie dieses Gewächs beschreiben?

Der Anstoß für Veränderungen ging in Marburg nicht von den Studenten der Politikwissenschaft aus, trotz des übermächtigen Einflusses, den Wolfgang Abendroth hatte.

Von wem dann?

Von den Germanistikstudenten. In dieser Fachschaft war ich damals stark engagiert. Einen Professor haben wir sogar ins Exil nach Paris gedrängelt. Wir haben einfach seine Vorlesungen gestört, und er hörte auf zu unterrichten. Das wäre in der Politikwissenschaft gar nicht möglich gewesen. Für mich war die Germanistik schon deshalb mindestens genauso wichtig. Mit dem Germanisten Dieter Arendt bin ich noch heute sehr eng befreundet. Sein Romantikseminar habe ich gestört mit dem Wunsch, jetzt Marx zu lesen. Arendt war dann später einer meiner Doktorväter.

Bleibt die Frage, wie das typische Marburger Gewächs aussieht.

Man darf nicht auf die Goldwaage legen, was in so einer Festschrift geschrieben wird.

Immerhin kommt Frank Deppe aus diesem Umfeld.

Eine Beziehung zwischen Frank Deppe und mir gibt es aber erst seit zehn Jahren. In der 68er-Zeit gab es viele Konflikte zwischen den linken Gruppen. Mit einigen Leuten in Marburg habe ich damals gar nicht gesprochen. Und für die war ich der blauäugige, naive Demokrat, der gar nicht weiß, wo der sozialistische Pfad langgeht. Inzwischen sind solche Mauern eingebrochen.

Also gibt es das typische Gewächs gar nicht.

Marburg war damals vermutlich das einzige politikwissenschaftliche Institut mit einer starken DKP-Abteilung oder zumindest mit Hochschullehrern, die dieser Partei gewogen waren. Dazu kamen dann Sozialdemokraten. Diese Konstellation war eine typische Marburger Mischung. Ich hatte schon damals keine Lust, mich an eine dieser Gruppen zu binden.

War es damals typisch, einen Teil des Studiums in den USA zu verbringen?

Überhaupt nicht. Ich bin dort wegen meiner Doktorarbeit hingegangen, Rassismus in Kinderbüchern (vgl. Becker 1977).

Deshalb sind Sie in die USA?

Natürlich. Ich hasse Stellvertreterpolitik. Wenn ich etwas über Rassismus mache, dann muss ich mit Schwarzen reden. Das ist übrigens auch eine Frage der Forschungsethik. Ich wollte den schwarzen Diskurs über Rassismus kennenlernen.

Welchen Platz hat die Studentenbewegung heute in Ihrer Erinnerung?

Keinen großen. Viel wichtiger war meine erste Arbeitsstelle in der Friedensforschung in Frankfurt. Auch Adorno und Horkheimer habe ich erst nach dem Studium entdeckt, angeregt durch Hans Nicklas. Als Student war ich alles andere als konsistent. Ich hatte keine Ahnung, was Theorie ist, und hatte nicht wirklich ein Ziel.

Haben Sie das Staatsexamen gemacht, um Lehrer zu werden?

Nein. Das ging schon deshalb nicht, weil ich mich von meinem Vater abgrenzen wollte. Ich wollte nur einen ersten Abschluss haben.

Welche berufliche Idee hatten Sie damals?

Keine richtige. Die Idee, eine wissenschaftliche Karriere zu machen, kam dann am Institut für Friedensforschung. Ich hatte einen guten Kontakt zu Dieter Arendt und zur Germanistin Charlotte Oberfeld, die dann auch in meinem Promotionskomitee saßen.

Sind das die beiden Hochschullehrer, denen Sie sich als Schüler zuordnen würden?

Nein. Den Begriff Schüler würde ich nicht haben wollen. Es gibt auch keine Schulen. Für mich ist das Humbug. Ich halte es da mit Adorno: Ich brauche keine „Leitbilder“.

Wie kommt man zu so einem Dissertationsthema: Rassismus in Kinderbüchern?

Das weiß ich selber nicht. Es gab keinen konkreten Anlass. Ich war schon als Kind neugierig. Neugierig auf das andere. Vielleicht eine romantische Sehnsucht. Die Doktorarbeit zeigt schon die Konflikte, die dann später immer wieder kamen. Zu welcher Disziplin gehöre ich? 1976 wusste ich noch nicht, ob ich eine Karriere als Sozialwissenschaftler anstreben soll oder als Literaturwissenschaftler.

Eingereicht wurde die Arbeit in der Politikwissenschaft.

Ja. Ich erinnere mich aber auch an Kollegen aus dem Institut, die über das Thema gelacht haben. Dabei haben wir die Diskussion über Rassismus in Kinderbüchern ja bis heute. Ich denke, es ist mehr als legitim, über die Frühsozialisation durch Medien nachzudenken. Da macht auch die Kommunikationswissenschaft viel zu wenig. Und das, was gemacht wird, nimmt man nicht ernst.

Wie sind Sie auf die IAMCR gestoßen?

Über eine Freundin. Ich war für die Frankfurter Buchmesse in Mexiko und habe dort einen Vortrag über deutsche Schulbücher gehalten. Dort erzählte mir eine mexikanische Journalistin, dass diese Tagungen so spannend seien. Ab 1976 war ich dann permanent dort.

Also auch eher ein Zufall.

Das hängt auch mit meiner Position in der Kommunikationswissenschaft zusammen. Wer sich damals für das Ausland und internationale Kommunikation interessierte, war ein Außenseiter. Die IAMCR war eine Auslandsveranstaltung. Karriere machte man über Konferenzen in Deutschland.

Ein paar Deutsche fuhren schon zur IAMCR.

Aber nicht viele.

Was hat Sie dorthin gezogen?

Die besondere Mischung. Ich spreche jetzt nur über meine ersten 15 Jahre dort, bis zum Zusammenbruch Osteuropas. Ein Drittel der Teilnehmer kam aus Osteuropa, ein Drittel aus westlichen Industrieländern und ein Drittel aus Entwicklungsländern. Kontroversen waren damit programmiert. Man hatte Hunderte verschiedene Perspektiven. Irgendwann lernt man dann auch Leute kennen, die man wiedersehen will.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit zwischen den drei Lagern erlebt?

Gut. Ich hatte auch keine Hemmungen, mit den Kollegen aus Osteuropa zu sprechen. Viele Westdeutsche haben genau das vermieden. Noch auf der IAMCR-Tagung in Paris 1982 hatte ein westdeutscher Kollege aus Mainz auf seinem Namensschild den Namensbestandteil „Federal Republic of“ durchgestrichen, so dass bei ihm nur noch „Germany“ zu lesen war. Bei den Abendempfängen gab es eine unsichtbare Mauer zwischen Ost und West. Die Kollegen aus München sprachen nie mit den Kollegen aus Leipzig. Dass ich anders war, sollte Folgen für mich haben.

Wie meinen Sie das?

Ich galt als Kommunistenfreund. Das machte sich nicht gut für eine Karriere in der Bundesrepublik. Anfang der 1990er-Jahre ist das dann umgekippt. Von meinen ungefähr 30 guten Kontakten, die ich in Osteuropa hatte, verschwanden 25. Diese Leute haben schnell gemerkt, dass ich keine Stipendien besorgen konnte und kein Geld für Tagungsreisen.

Dann waren Sie ein Wendeverlierer.

In diesem Sinne ja. Der Fall der Mauer war für mich ein Aufbau der Mauer. In diese Zeit fällt aber auch mein wichtigster publizistischer Erfolg.

Das Buch Europe speaks to Europe (Becker/Szecskö 1989).

Das war die Zeit, in der ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz möglich schien. Für die Konferenz hatte ich Geld von der Friedrich-Ebert-Stiftung, von der EKD und von Maxwell, einem der damals größten Medienkonzerne der Welt.

Eine spannende Mischung.

Das ist mir so schön auch nie wieder gelungen. Ich hatte Maxwell angeschrieben und ihm von dieser Ost-West-Konferenz erzählt. Eines Tages rief er persönlich an und lud mich nach London ein. Dort gab mir sein Sohn einen Scheck über 10.000 Mark und einen Buchvertrag für Pergamon Press. Das war damals eine der besten Verlagsadressen. Willy Brandt hat dann ein Vorwort geschrieben. Kein Allerweltsgeschreibsel. Die Stimmung war damals so. Wir wollten etwas Neues machen, im Westen wie im Osten.

Haben die Kollegen in Deutschland das wahrgenommen?

Ich glaube nicht. Vermutlich kennen viele das Buch gar nicht. Es wird auch nicht zitiert. Das hat sich durch meine Karriere gezogen. Viele Sachen, die ich veröffentlicht habe, interessierten in Deutschland niemanden.

Nochmal zurück zur IAMCR: Können Sie ein paar von den 30 Kontakten nennen?

Tamas Szecskö natürlich, mit dem ich dieses Buch gemacht habe. Ein hervorragender Empiriker. Dann Lothar Bisky, der dort über sozialistische Unterhaltung geschrieben hat (vgl. Bisky 1989). Wolfgang Kleinwächter. Karol Jakubowicz war bis zur Wendezeit einer meiner engsten Freunde.

Wie gefällt Ihnen die IAMCR heute?

Sie ist langweilig geworden. Mainstream-Forschung. Das hat alles seine Berechtigung, aber mir fehlen die Ideen. Ohne Ideen schlafen wir ein.

Waren Sie in den 1980ern auch bei der DGPuK?

Nein. Die ganze DGPuK war und ist mir zu provinziell. Ich habe dort einmal ein Referat gehalten. In Gießen, 1997.

Sie haben sich 1981 in Marburg habilitiert. Hatten Sie damals einen Lieblings-Lehrstuhl, eine Stelle, auf die Sie gern berufen worden wären?

Hatte ich nie. In der Politikwissenschaft sind Medienfragen nur randständig. In der Kommunikationswissenschaft wiederum wurde mir vorgeworfen, das Fach politisieren zu wollen. Außerdem hat man sich abgeschottet und Lehrstühle nur noch an Leute vergeben, die das Fach auch studiert hatten.

In der Festschrift steht, dass Ihre „Geschichte vergeblicher Berufungen auf eine feste Professur“ eine „eigene und längere Erzählung“ ergeben würde (Deppe et al. 2011: 10). Wie erzählen Sie sich diese Geschichte im Rückblick?

Ich habe ja schon Argumente geliefert, warum ich kaum berufungsfähig war. Kann ich die Geschichte meiner Fast-Berufung erzählen?

Ja, bitte.

Ich stand an der Technischen Universität Wien auf Platz eins, in der Wendezeit. Die Studenten hatten dort eine Stelle erstreikt, die „Informatik und Gesellschaft“ hieß. Das hat mich wahnsinnig gereizt. Das Thema lag in der Luft, und ich hatte damals viel im Technikbereich gearbeitet.

Woran ist es gescheitert?

Der Minister berief den Zweitplatzierten, einen Österreicher. Im Übrigen stand ich damals ungefähr zur gleichen Zeit auf Platz zwei der Bewerbung um die Nachfolge von Herbert Schiller in Kalifornien.

Gibt es Bewerbungsgeschichten aus der deutschen Kommunikationswissenschaft?

Ich habe mich in Berlin beworben und zweimal in Leipzig. Dann ganz früh in Göttingen, für internationale Kommunikation.

Die Stelle hat Hansjürgen Koschwitz bekommen.

Genau. Ein Konkurrent war Hans Jürgen Kleinsteuber, mit dem ich dann jahrelang gut kooperiert habe. Wussten Sie, dass ich in Münster die Stelle von Winfried Lerg vertreten habe?

Nein.

Klaus Merten (Foto: privat)

Klaus Merten (Foto: privat)

Dort ist dann sehr gegen mich gefummelt worden. Einen guten persönlichen Draht hatte und habe ich zu Klaus Merten, auch wenn ich sein Empirieverständnis nicht immer teile. Auch Joachim Westerbarkey schätze ich sehr.

Vorher waren Sie fünf Jahre lang Heisenberg-Stipendiat der DFG.

Das war ein Exzellenzstipendium. Ich habe mich mit einer Skizze beworben und hatte dann volle Freiheit.

War die Gründung des Instituts für Kommunikations- und Technologieforschung eine Reaktion auf die vergeblichen Bewerbungen auf eine Professur?

Ja, klar. Die Alternative wäre Taxifahren gewesen.

Wie lief das Institut?

Eine ganze Zeit richtig gut. Ich bekam gleich einen Riesenauftrag vom Arbeitsministerium in Düsseldorf und konnte mir damit zwei Mitarbeiterstellen leisten. BAT IIa. Dazu eine volle Sekretärin.

Das klingt nach viel Geld.

600.000 oder 700.000 Mark. Ergebnis war das Buch Datenbanken und Macht (vgl. Becker/Bickel 1992). Parallel lief ja noch mein Stipendium. Die DFG hatte mir das Institut als unbezahlte Nebentätigkeit genehmigt. Dann kam ein EU-Projekt, über Internet in Asien. Eine Vergleichsstudie, mehrere Länder (vgl. exemplarisch Ramanathan/Becker 2001). Das war auch finanziell groß. Knapp eine Million. Und dann eine Untersuchung mit Klaus Merten, zu Fernsehgewohnheiten der Türken in Nordrhein-Westfalen. Eine ganze Weile war die Firma also erfolgreich. Irgendwann dann nicht mehr.

Woran lag es?

Da kommt Verschiedenes zusammen. Die öffentliche Hand hat sich aus solchen Projekten ziemlich zurückgezogen. Dann waren meine Erfahrungen mit dem EU-Projekt negativ. Der Verwaltungsaufwand steht in keinem Verhältnis zum inhaltlichen Ertrag. So etwas wollte ich nie wieder machen. Und dann bin ich altmodisch geworden. So wie ich argumentiere, will man mich nicht mehr. Das ist der normale Lauf einer Biografie. Die Netzwerke starben ab, und ich hatte keine feste Professur.

Was würden Sie jungen Leuten raten, die sich heute gegen das Taxi entscheiden und für eine Karriere als freiberuflicher Sozialwissenschaftler?

Ich habe jedem abgeraten. Ich hatte in Innsbruck in den zwölf Jahren ja viele Studenten in der Beratung. Mein Lebensweg funktioniert nur, wenn Du sehr viel Kraft hast.

Was macht Ihre Frau?

Sie ist Studiendirektorin. Verbeamtet. Ich habe meinen Studenten aber auch geraten, das zu studieren, worauf sie Lust haben. Nicht auf den Arbeitsmarkt schielen und auf das viele Geld hoffen. Nur so wird man stark genug, um alles auszuhalten, was noch kommt. Die Zeit in Innsbruck war überhaupt sehr schön. Die besten zwölf Jahre meines Arbeitslebens, trotz jämmerlicher Bezahlung.

Wie ist es zu der Gastprofessur gekommen?

Eine frühere Kollegin aus dem Frankfurter Institut für Friedensforschung hat gesagt, ich solle mich bewerben.

Was genau war mit der Position verbunden?

Pro Semester zwei Seminare. Eine Veranstaltung zur internationalen Politik und eine zur Medienpolitik. Alles andere war mir überlassen. Ich habe zum Beispiel ein Seminar über Medienpolitik im Nahen Osten angeboten. Eigentlich ein Wahnsinn, weil ich kein Arabisch spreche und der Nahe Osten groß ist. Aber ich habe es einfach gemacht, weil ich neugierig war. Wir sind in den Libanon gefahren, und drei Studenten haben danach Arabisch gelernt.

Sie sagten, die Bezahlung sei jämmerlich gewesen.

Reisekosten musste ich selbst tragen. Pro Semester blieben vielleicht 2500 Euro übrig. Es hat mir trotzdem Spaß gemacht. Ich habe zum Beispiel ein Seminar zu Zentralasien angeboten und parallel eine zentralasiatische Filmwoche veranstaltet. Innsbruck ist einfach auch eine schöne Stadt.

Was hat man davon, mit Studenten in den Libanon zu fahren, nach Georgien, nach Mali, nach Usbekistan, nach Nordkorea?

Ich war ja immer neugierig. Vielleicht muss man eher umgekehrt fragen, was die Studenten davon hatten. Ich habe so ein wenig auch meine Reiseinteressen befriedigt. Nordkorea habe ich mir allerdings durch den Rektor absegnen lassen. Das Feedback der Studenten war mehr als positiv.

Woran machen Sie das fest?

Ich will Ihnen ein Beispiel aus Innsbruck geben. Ich musste eine Vorlesung halten, Einführung in die Kommunikationswissenschaft für Politologen, immer vier Stunden am Stück. 2008. Ich wollte das erst nicht, habe dann aber mein ganzes Leben dort hineingepackt. Alles, was ich je gemacht hatte. Den 250 Studenten habe ich gesagt, dass ich nicht unterbrochen werden möchte und dass es kein Skript gibt. Wer zuhört und mitschreibt, der besteht die Klausur.

Das haben die Studenten mitgemacht?

Ja. Das war ein ungeheurer Erfolg. Neulich, also noch 2014, wurde ich in Innsbruck auf der Straße auf diese Vorlesung angesprochen.

Wenn Sie gewusst hätten, welche Reaktionen Ihre Noelle-Neumann-Biografie auslöst (vgl. Becker 2013): Hätten Sie das Buch trotzdem so geschrieben?

Sicherlich nicht. Ich hatte mit öffentlichen Kontroversen gerechnet und auch mit Polarisierung. Mein Problem ist die juristische Ebene. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich halte das auch für fragwürdig. In den USA hätte so ein Buch keinen Rechtsstreit ausgelöst. Das First Amendement lässt das Persönlichkeitsrecht viel weiter zurücktreten als hier in Deutschland. Alle meine amerikanischen Freunde haben mit dem Begriff Zensur reagiert.

Das Buch ist ja nicht verboten worden.

Nein. Der Verlag hat es vom Markt zurückgezogen.

Sind Sie vom Verlag enttäuscht?

Ja, sehr. Früher konnte man ein handschriftliches Manuskript bei einem Verlag abgeben. Heute ist man nicht nur Ideen- und Textproduzent. Manche Verlage verlangen das Layout, Korrekturlesen und sogar Geld. Ich soll nun auch noch dafür verantwortlich sein, dass der Text justiziabel ist. Früher hatten Verlage dafür Justiziare im Haus. Das ist die eine Ebene der Enttäuschung.

Und die zweite?

Loyalität. Zwischen einem Verlag und einem Autor gibt es ja nicht nur ein betriebswirtschaftliches Verhältnis.

Gab es auch positive Stimmen zu diesem Buch?

Ja, durchaus. Moshe Zimmermann nennt es „einen wichtigen Beitrag zur Frage der Kontinuitäten der deutschen Geschichte“ und Jost Hermand empfindet es als „großen Gewinn“.

Gibt es Wissenschaftler, die für Sie eine Vorbildfunktion hatten oder haben?

Dallas Smythe, mit dem ich auch befreundet war.

Was hat Sie an Smythe fasziniert?

Die Weisheit des Alters. Er war eine Art Vaterfigur. Dann die Verbindung zwischen ökonomischem Sachverstand und Kommunikationswissenschaft.

Andere Vorbilder?

George Gerbner, die Violence Profiles. Mir hat die Hartnäckigkeit imponiert, mit der er das alle Jahre wieder veröffentlicht hat. Das hat mein Friedensforscher-Herz berührt. In der Germanistik Dieter Arendt.

Und in der Politikwissenschaft?

Vielleicht noch Ernst-Otto Czempiel, mein Prüfer im Staatsexamen. Sehr korrekt, aber er war mir als Student nicht links genug. Am Institut für Friedensforschung hatten wir später durchaus Konflikte. In den 1990er-Jahren fiel mir dann seine Kritik an der amerikanischen Politik im Nahen Osten auf. Ich habe mich für spätpubertäre Konflikte bei ihm entschuldigt. Ich habe großen Respekt vor ihm.

Zu welchen Kollegen hatten oder haben Sie einen besonders guten Draht?

Zu Günter Pallaver in Innsbruck. Das ist der herzlichste Kontakt. Außerdem zu Cees Hamelink, zu Janet Wasko, zu Georgette Wang in Taiwan, zu Johannes Maria Becker in Marburg, zu Dieter Prokop, zu Werner Ruf und zu Wolfgang Meixner in Innsbruck. Frank Deppe in Marburg, biografisch ein junger Kontakt. Und dann Netzwerke jenseits der Universität, in der Politik.

Und umgekehrt: Gibt es Gegner, Konkurrenten, Feinde?

Haufenweise. Möchte ich aber nicht benennen.

Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz sind?

Ja, nämlich darauf, dass ich es geschafft habe, nicht Taxifahrer zu werden und in der öffentlichen Diskussion präsent zu sein. Im Bereich der internationalen Medienpolitik war ich in den 1980er-Jahren einsam führend (vgl. exemplarisch Becker 1984, 1985). Außer mir hat niemand etwas dazu geschrieben. Und dann meine Arbeit mit den Studenten in Innsbruck. Vielleicht ist es banal, aber ich freue mich, wenn Leute aus Innsbruck mich in Solingen besuchen kommen.

An welche öffentlichen Diskussionen denken Sie?

Das Buch über Noelle-Neumann ist ja nicht das erste, was Kontroversen ausgelöst hat. Nehmen Sie meinen Bericht über die Fernsehaktivitäten der Deutschen Welle in Asien (vgl. Becker/Salamanca 1998). Das ging durch alle Gazetten, und Intendant Weirich tobte. Ich habe immerhin eine ganze Seite in der Frankfurter Rundschau bekommen, und dann gab es eine öffentliche Veranstaltung mit Pro und Contra.

Worum ging es dabei?

Ich hatte der Deutschen Welle vorgeworfen, Fernsehsendungen zu produzieren, die niemand sieht, weil die Konkurrenz der kommerziellen Sender zu stark war. Mein Vorschlag war, lieber das englische Kurzwellenprogramm für Radios in Afrika auszubauen. Heute ist man endlich soweit, das deutschsprachige Fernsehprogramm drastisch zu reduzieren.

Fühlen Sie sich als Außenseiter?

Auf keinen Fall. Ich habe in meinem beruflichen und politischen Leben derartig viel und erfolgreich angestoßen und bewegt, so dass das nie meine Rolle war und ist. Ich habe unter schwierigen Rahmenbedingungen eine Art Anti-Karriere gemacht. Und darauf bin ich durchaus stolz.

Gibt es etwas, was Sie heute anders machen würden?

Weiß ich nicht. Sicher hatte ich hin und wieder den Gedanken, es wäre besser gewesen, sich mehr im Mainstream zu bewegen. Leiser, stiller. Dann wäre mein Leben vielleicht anders gelaufen. Ich finde aber schön, wie es gelaufen ist. Vielleicht sage ich nur eine Sache. Ich komme auf Besuche in ungefähr 90 Ländern. Welcher Normalakademiker kann so etwas von sich sagen? Ich habe in diesen Ländern ungeheuer viel gelernt. Meine wichtigsten Arbeitsgebiete aus den letzten 20 Jahren haben wir noch gar nicht erwähnt.

Was meinen Sie?

Demnächst erscheint eine Monografie zu Massenmedien und Krieg. Bei Springer, mit den wichtigsten Aufsätzen von mir. Vielleicht mache ich noch etwas Ähnliches zu meinem anderen Arbeitsgebiet, also Massenmedien und Migration.

Was soll eines Tages von Jörg Becker in der Sozialwissenschaft bleiben?

Ich weiß nicht, ob irgendwelche meiner Gedanken überlebenswert sind. Ich habe versucht, mich in wissenschaftlichen Debatten zu engagieren, und hoffe, das an viele Studenten weitergegeben zu haben. Jetzt sind die selber dran.

Literaturangaben

  • Jörg Becker: Alltäglicher Rassismus. Afro-amerikanische Rassenkonflikte im Kinder- und Jugendbuch der Bundesrepublik. Frankfurt/Main: Campus 1977.
  • Jörg Becker: Informationstechnologie in der Dritten Welt. Eine kritische Analyse theoretischer und empirischer Studien. Frankfurt/Main: Flach 1984.
  • Jörg Becker: Massenmedien im Nord-Süd-Konflikt. Frankfurt/Main: Campus 1985.
  • Jörg Becker: Elisabeth Noelle-Neumann – Demoskopin zwischen NS-Ideologie und Konservatismus. Paderborn: Schöningh 2013.
  • Jörg Becker/Susanne Bickel: Datenbanken und Macht. Konfliktfelder und Handlungsräume. Opladen: Westdeutscher Verlag 1992.
  • Jörg Becker/Daniel Salamanca: Der unsichtbare Spätankömmling. Deutsche Welle-Fernsehen in Asien. Berlin: Heinrich Böll-Stiftung 1998.
  • Jörg Becker/Tamas Szecskö (Hrsg.): Europe speaks to Europe. International Information Flows between Eastern and Western Europe. Oxford: Pergamon Press 1989.
  • Lothar Bisky: What is socialist TV entertainment? In: Jörg Becker/Tamas Szecskö (Hrsg.): Europe speaks to Europe. International Information Flows between Eastern and Western Europe. Oxford: Pergamon Press 1989, S. 36-47.
  • Frank Deppe/Wolfgang Meixner/Günther Pallaver (Hrsg.): Widerworte. Philosophie Politik Kommunikation. Festschrift für Jörg Becker. Innsbruck: innsbruck university press 2011.
  • Sankaran Ramanathan/Jörg Becker (Hrsg.): Internet in Asia. Singapore: Asian Media Information and Communication Centre 2001.

Weiterführende Literatur

  • Frank Deppe/Wolfgang Meixner/Günther Pallaver (Hrsg.): Widerworte. Philosophie Politik Kommunikation. Festschrift für Jörg Becker. Innsbruck: innsbruck university press 2011.

Empfohlene Zitierweise

    Jörg Becker: Jenseits des Mainstreams. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2015. http://blexkom.halemverlag.de/becker-interview/ ‎(Datum des Zugriffs).