Hans Traub (Quelle: Privatarchiv Heinz Starkulla junior)
Hans Traub (Quelle: Privatarchiv Heinz Starkulla junior)

Hans Traub

25. Januar 1901 bis 18. Dezember 1943

Lexikoneintrag von Hendrik Wagner am 21. Juni 2013

Hans Traub ist ohne Zweifel einer der bekanntesten und wichtigsten Vertreter einer „zweiten Generation“ von Zeitungswissenschaftlern, die um die Jahrhundertwende geboren wurde und der ersten Generation von Gründern des Fachs (Karl d'Ester, Emil Dovifat) nachfolgte (vgl. Kutsch 1984: VIII).

Stationen

Geboren in Schwäbisch-Hall, aufgewachsen in Dortmund. Vater evangelischer Pfarrer (1912 amtsenthoben, politische Tätigkeiten), evangelisch-lutherisch. 1920 Studium in Marburg und München (Medizin, später Geschichte und Germanistik). 1925 Promotion. Volontär bei der Buchhandlung Gräfe und Unzer in Königsberg. 1926 Volontär im technischen Druckereibetrieb bei Scherl. 1926 Referent am Deutschen Institut für Zeitungskunde in Berlin, Leitung der Abteilung II: Deutsche Presse. 1932 Habilitation an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald. 1936 wissenschaftliche Leitung der Lehrschau der Universum Film AG. 1937 Entzug der Lehrbefugnis aufgrund „vierteljüdischer“ Abstammung, Ausscheiden aus dem Berliner Institut. Verheiratet mit Hedwig von Grolmann (1930-1943), drei Kinder.

Publikationen

  • Die Augsburger Abendzeitung und die Revolution im Jahre 1848. Ein Beitrag zur bayerischen Revolutionsgeschichte. München: Münchener Druck- und Verlagshaus 1925 (Dissertation).
  • Zeitungswesen und Zeitunglesen. Dessau: Dünnhaupt 1928.
  • Grundbegriffe des Zeitungswesens. Kritische Einführung in die Methode der Zeitungswissenschaft. Stuttgart: Peschl 1933 (Habilitation).
  • Zeitung, Film, Rundfunk. Die Notwendigkeit ihrer einheitlichen Betrachtung. Berlin: Weidmann 1933 (erweiterte Antrittsvorlesung).
  • Das deutsche Filmschrifttum. Eine Bibliographie der Bücher und Zeitschriften über das Filmwesen. Hrsg. von der Lehrschau der Universum-Film-Aktiengesellschaft (mit Hanns Wilhelm Lavies). Leipzig: Hiersemann 1940.

Hans Traub ist ohne Zweifel einer der bekanntesten und wichtigsten Vertreter einer „zweiten Generation“ von Zeitungswissenschaftlern, die um die Jahrhundertwende geboren wurde und der ersten Generation von Gründern des Fachs (Karl d’Ester, Emil Dovifat) nachfolgte (vgl. Kutsch 1984: VIII). Während Traubs anfängliche Positionierung gegenüber dem Nationalsozialismus und seiner Ideen durchaus unterschiedlich bewertet werden kann, ist unstrittig, dass Traub 1937 als „Vierteljude“ die universitäre Lehrbefugnis entzogen wurde, er seine Referentenstelle am Berliner Institut aufgeben musste und im Fach fortan als persona non grata galt. Traub, dessen Ideen einer Ausweitung des Gegenstandes ohnehin der Fachpolitik des Deutschen Zeitungswissenschaftlichen Verbandes entgegenstanden, wirkte fortan vorwiegend filmwissenschaftlich als Leiter der Lehrschau der Universum Film AG (vgl. Biermann 1984, Averbeck 1999). Die maßgebende Fachzeitschrift Zeitungswissenschaft, deren Rubrik „Randgebiete“ Traub von 1933 bis 1937 geleitet hatte, würdigte Traub, der 1943 an einer Blutvergiftung gestorben war, erst mit deutlicher Verspätung in einem Nachruf (vgl. -at. (= Dovifat) 1944: 275).

Emil Dovifat (Foto: Dorothee von Dadelsen)

Emil Dovifat (Foto: Dorothee von Dadelsen)

1901 geboren, hatte Traub 1920 in Marburg zunächst mit einem Studium der Medizin begonnen, um später aber zu den Fächern Germanistik und Geschichte zu wechseln. 1925 wurde Traub mit einer pressegeschichtlichen Arbeit über Die Augsburger Tageszeitung und die Revolution im Jahre 1848 promoviert (vgl. Traub 1925). Nach kurzen Volontärstätigkeiten wurde Traub bereits 1926 wissenschaftlicher Assistent am Deutschen Institut für Zeitungskunde in Berlin, dem damals größten zeitungswissenschaftlichen Institut in Deutschland, wo ihm vom Institutsleiter Emil Dovifat die „Ausweitung der Institutsarbeit auf die (…) Gebiete der öffentlichen Werbung, insbesondere Rundfunk und Film“ anvertraut wurde (Averbeck 1999: 372).

Traub gehörte spätestens mit seiner Greifswalder Habiliationsschrift über die Grundbegriffe des Zeitungswesens zu dem Kreis junger Zeitungswissenschaftler, die in der Endphase der Weimarer Republik unter Berücksichtigung soziologischer Konzeptionen Kommunikation als Prozess begriffen und sich für „das Wirken der Zeitung im Gesellschaftsganzen und auf Gesellschaftsgruppen“ interessierten (ebd.: 366). In diesem Sinne erstellte Traub als erster deutscher Zeitungswissenschaftler überhaupt ein heuristisches Schema, „das das Mitteilungsgeschehen systematischen Untersuchungen zugänglich machen sollte“ (ebd.: 371). Dabei benannte Traub die Untersuchung des Zusammenhangs von Zeitung und Leserschaft und damit die Rezipientenforschung als eine der zentralen Aufgaben des Fachs. Traub, der im Rahmen seines sprachanalytischen Ansatzes auch den Kommunikator mit in den Blick nahm, hatte seine Überlegungen seit seiner populärwissenschaftlich orientierten Studie Zeitungslesen und Zeitungswesen (Traub 1928) kontinuierlich weiterentwickelt. In Traubs Konzeption kommt den Begriffen „periodische Aktualität“ und „wechselseitige Anonymität“ eine zentrale Bedeutung zu. Entscheidend sind in diesem Zusammenhang die der funktionalen Publizistik (vgl. Prakke et al. 1968) vorgreifenden Gedankengänge, dass Aktualität nicht den Ereignissen selbst zugesprochen werden könne, sondern erst im Rahmen des Bewusstseins existiere sowie, mit Blick auf die „wechselseitige Anonymität“, der Rekurs auf die Vorstellung einer direkten, nicht einseitigen Gesprächssituation (Averbeck 1999: 385-386). Anders als Karl Jaeger, der erstmals einen Publizistik-Begriff entwickelt hatte, verfocht Traub die Idee einer (vergleichenden) Zeitungswissenschaft als pars pro toto: das Fach sollte neben der Zeitung zwar durchaus auch die neuen „mittelbaren, öffentlichen Ausdrucksmöglichkeiten“ wie das Radio und den Film berücksichtigen, ohne dass es dazu allerdings einer neuen Oberbezeichnung bedürfe (ebd.: 383).

Literaturangaben

  • -at. (= Emil Dovifat): Erinnerung an Hans Traub. In: Zeitungswissenschaft 19. Jg. (1944), Nr. 9/10, S. 275-276.
  • Stefanie Averbeck: Kommunikation als Prozeß. Soziologische Perspektiven in der Zeitungswissenschaft 1927-1934. Münster: Lit 1999.
  • Frank Biermann: Hans Traub (1901-1943). In: Arnulf Kutsch (Hrsg.): Zeitungswissenschaftler im Dritten Reich. Sieben Biographische Studien. Köln: Hayit 1984, S. 45-78.
  • Arnulf Kutsch (Hrsg.): Zeitungswissenschaftler im Dritten Reich. Sieben Biographische Studien. Köln: Hayit 1984.
  • Henk Prakke/Franz Dröge/Winfried B. Lerg/Michael Schmolke: Kommunikation der Gesellschaft. Einführung in die funktionale Publizistik. Münster: Regensberg 1968.
  • Hans Traub: Die Augsburger Abendzeitung und die Revolution im Jahre 1848. Ein Beitrag zur bayerischen Revolutionsgeschichte. München: Münchener Druck- und Verlagshaus 1925.
  • Hans Traub: Zeitungswesen und Zeitungslesen. Dessau: Dünnhaupt 1928.

Weiterführende Literatur

  • Stefanie Averbeck: Die Emigration der Zeitungswissenschaft nach 1933 und der Verlust der sozialwissenschaftlichen Perspektiven in Deutschland. In: Publizistik 46. Jg. (2001), S. 1-19.
  • Stefanie Averbeck: Hans Traub (1933): Grundbegriffe des Zeitungswesens. In: Christina Holtz-Bacha/Arnulf Kutsch (Hrsg.): Schlüsselwerke für die Kommunikationswissenschaft. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2002, S. 429-431.
  • Klaus Beck: Zeitung als anonyme Wechselbeziehung. Der Beitrag Hans Traubs zur Entwicklung von der Zeitungs- zur Kommunikationswissenschaft. In: Stefanie Averbeck-Lietz/Petra Klein/Michael Meyen (Hrsg.): Historische und systematische Kommunikationswissenschaft. Festschrift für Arnulf Kutsch. Bremen: Lumière 2009, S. 197-213.
  • Michael Meyen/Maria Löblich: Klassiker der Kommunikationswissenschaft. Fach- und Theoriegeschichte in Deutschland. Konstanz: UVK 2006.
  • Heinz Starkulla: Wie Hans Traub zur Zeitungswissenschaft kam. Ein brieflicher Beitrag zur Frühgeschichte des Deutschen Instituts für Zeitungskunde (DIZ) in Berlin nebst einer flüchtigen Vorschau auf Münchener Botendienste. In: Ute Nawratil/Philomen Schönhagen/Heinz Starkulla junior (Hrsg.): Medien und Mittler sozialer Kommunikation. Beiträge zu Theorie, Geschichte und Kritik von Journalismus und Publizistik. Festschrift für Hans Wagner. Leipzig: Universitätsverlag 2002, S. 155-175.
  • Clemens Zimmermann: Filmwissenschaft im Nationalsozialismus – Anspruch und Scheitern. In: Armin Kohnle/Frank Engehausen (Hrsg.): Zwischen Wissenschaft und Politik. Studien zur deutschen Universitätsgeschichte. Stuttgart: Steiner 2001, S. 203-217.

Weblink

Empfohlene Zitierweise

    Hendrik Wagner: Hans Traub. In: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hrsg.): Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2013. http://blexkom.halemverlag.de/hans-traub/ (Datum des Zugriffs).